»Dort wo Gerechtigkeit Zärtlichkeit ist«

 in Allgemein, CD-Tipp, Roland Rottenfußer

PollinaAppartenenza„L’Appartenenza“ ist die neue Studio-CD des großen italienischen Liedermachers Pippo Pollina, seine erste „normale“ Solo-Aufnahme seit 8 Jahren. Das Warten hat sich gelohnt, denn „L’Appartenenza“ enthält alles, was Fans an dem Künstler seit jeher schätzten: verträumte, zugleich erdverbundene Verse, Melodienstärke und eine schöne Traurigkeit, von der rauen Stimme des Sängers eindringlich in die Herzen der Hörer transportiert. Das Thema ist „Zugehörigkeit“, die mit Schmerz getränkte Liebe des Künstlers zu seiner verlorenen Heimat Sizilien. (Roland Rottenfußer)

„Zugehörigkeit“ ist ein wunderbarer Begriff. Er hilft das Dilemma des sozial und weltbürgerlich eingestellten Menschen zu lösen, der sich mit dem Patriotismus der Rechten nicht gemein machen möchte und dennoch den Landschaftsformen, den Düften und den Menschen seiner Heimat verbunden ist. Liedermacher sind selten bis zur Unkenntlichkeit Globalisierte wie Popmusiker mit ihren steril-stampfenden Einheitsstil. Im Gegenteil zeigt sich in ihrem Werk oft eine kritische Liebe, eine fast verzweifelte Treue zur Herkunftsregion, wie sie sich etwa in Reinhard Meys „Berlin tut weh“ oder in Franco Battiatos „Povera Patria“ ausdrückt. Für Konstantin Wecker war es im wahrsten Sinn des Wortes Passion, „mich an diesem spröden Land liebend, hassend aufzureiben.“ Etwas Ähnliches mag Pippo Pollina mit seinem Konzeptalbum „L’Appartenenza“ vorgeschwebt sein.

Zugehörigkeit ist nicht notwendigerweise eine Frage der Nationalität. Sie kann ebenso eine Wahlheimat betreffen, einen Musikstil, einen geliebten Menschen, eine Baum, unter dem man als Kind oft saß, den Frühlingsregen oder den salzigen Wind, der vom Meer her weht. In seiner Vorrede zur neuen CD gibt Pippo Pollina aber schon deutlich die Richtung an. Der Blick des Exilanten auf sein Ursprungsland Italien bzw. Sizilien steht im Mittelpunkt. „Das Exil ist der Ort, wo man die Bedeutung der Einsamkeit begreift. Es ist der Ort, wo man lernt, in der Distanz zu wohnen und alles von einem privilegierten Hügel aus zu sehen. Der Hügel ist ein Privileg und in Stein gemeisselte Traurigkeit. Denn jedes verunsicherte Kind träumt, von seinem Vater umarmt zu werden und nicht davon, dass ihm ein Fremder bewundernd auf die Schulter klopft.“

Das ist anrührend schon zu Beginn, und es setzt sich besonders in den Sizilien-Texten Pollinas fort, so im Duett „Ti vogghiu beni“, das er mit seiner Landsfrau Etta Scollo auf Sizilianisch singt:

Deine Haut, ein Duft nach Mandarinen.
Du bist schön und weißt es. Mir stockt das Herz.
Und heute komme ich manchmal heimlich,
Denn das Meer ruft und kennt keine Vernunft.
Ich verzeihe dir, Sizilien und verlasse dich nie.
Denn mein Herz gehört dir, jetzt und für immer.

Über die Gründe dafür, dass Pollina das Schweizer Exil gewählt hat – man kann hier den Terror der Mafia wie auch die Verdummungskultur unter Berlusconi vermuten –, wird in den Texten wenig Konkretes ausgesagt. Ross und Reiter werden nicht genannt, was jedoch den Vorteil hat, dass die Lieder in ihrem Gehalt zeitlos wirken. Das wunderbar poetische Lied „Laddove crescevano i melograni“ (Wo die Granatäpfel blühen) enthält einen Hinweis auf die Gründe für den Fluchtimpuls:

Und ich sage zu mir, lauf Junge, bevor der Keim von Scham
deine Verachtung besiegt und dich stock betrunken macht.
Und ich sagte zu mir, lauf Junge, beeil dich
bevor sie die Fantasie ermorden
mit einer Wegwerfbüchse oder einer Polizeikontrolle.

Konsequenterweise erweist der Exilant Pippo Pollina auf dieser CD auch seiner Wahlheimat Schweiz seine Referenz und spricht „Helvetia“ an, als handle es sich um eine lebende Person, gleichsam eine Geliebte. Dankbarkeit für die erwiesene Gastfreundschaft klingt aus diesen Zeilen, aber auch das Bewusstsein, dem Gastgeber etwas zurückgeben zu können.

Und als alles einstürzte bei mir,
hast du mir zugeflüstert:
Bleib! Geh nicht weg!
Die Welt ist groß, aber ich warte auf dich
und vermisse schon deine Lieder und Worte
und deine Melancholie,
die den Nebel in der Sonne vertreiben
und die Lügen im Dunkel verstecken.
Die Lieder, die noch nach Sand und Salz riechen
und Melodien liebkosen.

Musikalisch begibt sich Pippo Pollina auf „L’Appartenenza“ zurück zu seinen Wurzeln. Die Rock-Elemente sind weitgehend zurückgenommen, und auch auf die Atmosphäre einer „Welt-Kaffeehaus-Musik“ (wie in „Bar Casablanca“, das mit Tangos und Rumbas eine Art Stil-Mimikry betrieb) verzichtet Pippo hier. Vorherrschend ist die ganz eigene „Italianità“ zwischen melancholischer Gitarrenromanze und melodienstarker Heiterkeit. Gerade die Neben- und Zwischenmelodien der Lieder zeigen sich oft einprägsam, sogar im Sinn von „Gassenhauern“, während sich die Verse deklamierend der Lyrik anschmiegen. Dabei fühlt man sich in einigen Fällen (wie in „Mare mare mare“) an den beschwingt-anrührenden Tonfall der Filmmusiken von Nicola Piovani („Das Leben ist schön“) oder Luis Enríquez Bacalov („Il Postino“) erinnert. In anderen Liedern an die sich steigernde elegische Seelenglut eines Jacques-Brel-Chansons („Da terra a terra“). Martin Kälberers einfühlsame Arrangements sind dabei sehr zu loben, eben weil sie den Unterschied zu einer Schmidbauer-Kälberer-CD nicht einzuebnen versuchen.

Die drei Duett-Partner/innen, die Pollina sich für diese Aufnahme gesucht hat, sind „merkwürdig“ im doppelten Wortsinn, zwar prägnant und charakteristisch, aber nicht in jeder Hinsicht mit Pippo harmonierend: Giorgio Conte brummig und „cool“, die Sizilianerin Etta Scollo stimmlich schrill und sehr gepresst, Werner Schmidtbauer, der bewährte Duettpartner aus „Süden“, bayerisch-locker, das Liedthema durch seinen Tonfall gleichsam bagatellisierend. Derselbe „Verschmelzungsgrad“ wie beim schon klassischen Duett „Amici di ieri“ mit Vera Kaa wird nicht mehr erreicht. Dennoch freut man sich über die Auflockerung, speziell auch die Erinnerung an großartige Konzerterlebnisse mit „Süden“.

Nachdem in Pippos Durchbruch-Phase in den 90ern die Meisterwerke in kurzem Abstand nur so purzelten („Le pietre de Montsegur“, „Dodici lettere d’amore“, „Il giorno del falco“), schient die nächste Schaffensphase des Künstlers von Experimenten und der Suche nach einer neuen Richtung geprägt zu sein. „Rossocuore“ und die Szenische Oper „Ultimo volo“ wandten sich dem Orchesterklang und dem Anspruchsvoll-Literarischen zu. Mehrere Sampler und Duo-Projekte mit Linard Bardill und Werner Schmidbauer, zu denen Pollina nur „halbe CDs“ beitragen musste, konnte man vielleicht auch als Hinweis darauf deuten, dass die Inspiration nicht mehr ganz so üppig strömte wie früher. Daran gemessen kann sich der Fan jetzt am „besten Pippo Pollina seit langem“ erfreuen, da – ohne Langeweile und Selbstplagiate – alles wiederkehrt, was er in der Frühphase seit „Questa nuova realtà (mit Konstantin Wecker) an dem Künstler geliebt hat.

„Süden“ (2012, mit Werner Schmidbauer) enthielt wieder einige große Pollina-Lieder wie „Qualcosa di grande“ oder „Passa il tempo“, und „L’Appartenenza“ knüpft an die zeitlos-schöne Machart dieser Lieder an. Es würde nicht überraschen, wenn sich einige Lieder der neuen CD, zumindest in Liebhaber-Kreisen, über die Jahre als Klassiker erweisen würden: „Mare mare mare“, „Laddove crescevano i melograni“, das als „Singlehit“ ausgekoppelte „Sono chi sei sono chissa“, „Ti vogghiu beni“, „Risveglio“ oder auch das Titellied „L’ appartenenza“. Es fällt schwer, ein Lied auszusparen, was für das hohe Niveau der CD als Ganzes spricht.

Nicht zuletzt enthält „L’Appartenenza“ auch eine Standortbestimmung der Liedermacherkunst selbst. „Cantautori“ beginnt damit, dass Pollina sich als „Waisen“ berühmter, verstorbener Vorgänger bezeichnet: Man kann hier seine Allgemeinbildung testen, indem man die Vornamen ergänzt: „Fabrizio“ (De André), „Lucio“ (Dalla), „Leo“ (Ferré) … Mein Wissen reicht nicht für alle aus. Wie Pippo sich und die „Väter“ zusammenfassend beschreibt ist höchst interessant für alle, die sich für Liedermacher (für deutsche gilt das genauso) interessieren:

Wir sind alle Kriegsversehrte aus einem nie gewonnen Krieg,
den wir mit Reimen, Metaphern und Adverbien gefochten haben.
Wir sind alle allein, schlimmer als eine vom Aussterben bedrohte Rasse.
Wir sind die Ausnahme, die den Sprichwörtern Recht gibt.
Wir tragen keine Masken, Freunde, es gibt keinen Ausweg.
Wir sagen gerade raus, was uns stört,
damit ihr sofort wisst, wer wir sind,
um uns sicher keine Sympathien einzuheimsen auf der Straße.

Wie die Bedeutung dieser CD von Zeitgenossen und „Nachwelt“ im Lauf der Zeit eingeschätzt werden wird, können wir, nachdem sie gerade ein paar Tage auf dem Markt ist, nicht sagen. Sicher aber ist „L’Appartenenza“ ein wichtiger Baustein in Pippos Karriere, der dazu berechtigt, ihn heute nicht nur einen „Waisen“ berühmter Liedermacher, sondern auch als einer ihrer Nachfolger zu bezeichnen. Die Lyrik ist teilweise außergewöhnlich schön und „funktioniert“ oft gleichermaßen auf der buchstäblichen und der symbolischen, auf der privaten wie der politischen Ebene. Jeder der (wie auch ich) den vollen Gehalt der Originalsprache nicht gleichzeitig mit Musik und Vortragskunst zu erfassen vermag, ist im Grunde zu bedauern, denn bei den Übersetzungen (die ich hier aus dem Booklet wiedergebe) gehen immer auch Nuancen verloren.

Es war schön, vor dem Abendhimmel innezuhalten, die Symphonie von Farben.
Alles wird Zärtlichkeit sein, dort wo Gerechtigkeit Zärtlichkeit ist.
Und dein Lächeln ist leicht, das leichte Schaukeln eines Segelschiffs.
Ja, ich habe daran geglaubt, an eine Welt, in der man sich die Hände reicht
Über alle Grenzen, diese Hände im heiligen Feuer der Hochebenen.

Pippo Pollina: L’Appartenenza, Jazzhouse Records

Infos über Pippos Deutschland-Tournee: http://www.pippopollina.com/?lang=de

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search