Eckhart: Die Einheit denken oder sie erleben?

 In Philosophie
Meister Eckhart

Meister Eckhart

Meister Eckhart ist einer der größten deutschen Mystiker und Stichwortgeber des Begriffs „Sunder warumbe“ (ohne warum), der Konstantin Wecker zu dessen neuer CD inspiriert hat. Eckhart steht vor allem auch für die Ablehnung des „Kaufmannsgeistes“ in der Religion, die Annahme, man müsse sich Gottes Liebe durch Gehorsam und Werke verdienen. Der Philosoph Giovanni Russo beschäftig sich in diesem Artikel vor allem mit der Frage, wie wir uns der Einheit von Schöpfer und Geschöpf nähern können: eher durch Erfahrung oder durch Denken, Philosophie und Theorie. Er erteilt mit Meister Eckhart einer Überbetonung des Gefühlserlebens eine Absage. Dieses sei unzuverlässig, weil man sich seiner Herkunft und Qualität nicht sicher sein könne.

Aus gegebenem Anlass – der Vorbereitung für mein Osterseminar zu Meister Eckhart – saß ich neulich in einem bis auf den letzten Stuhl besetzten Pfarrsaal in München. Es war ein Vortrag zu Eckhart angekündigt. Eine andere Stimme zu hören hilft mir oft, manche Ansicht zu verfeinern und implizite Urteile meines Denkens zu reflektieren, indem ich sie fremden Urteilen gegenüberstelle. Auf diese Art kann man die eigenen Erkenntnisse verbessern, ohne am Schreibtisch oder in einer Bibliothek zu sitzen. Und so war es auch diesmal, allerdings nicht dank dem Vortrag, sondern wegen meiner Differenz zu der dargestellten Interpretation. Da wurde nämlich eine Einstellung vorgebracht, die weit verbreitet und wohl auch sehr beliebt ist, und die ich allerdings bislang noch nicht mit dem Namen Eckhart verbunden hatte. Zu Unrecht. Letztlich geht es darum, ob in der Philosophie die Rede einer „Erfahrung“ oder eines „Erlebens“ etwas bedeutet, wenn es um den Begriff von Sinn geht. Der Sinn – Sinn des Lebens, des Ganzen, der Welt – oder der letzte Grund, die metaphysische Begründung: kann man davon etwas „erfahren“, „erleben“?

Es stellte sich bald heraus, dass ich tatsächlich in dem richtigen Vortrag saß, denn gleich zu Beginn wurden die zahlreichen Zuhörer darauf hingewiesen, dass bei aller Hochschätzung der Eckhart-Interpretation von Kurt Flasch (einem maßgeblichen Forscher in Sachen Eckhart) seine Ansicht in einem zentralen Punkt nicht geteilt würde. Eckhart sei nämlich ein „Mystiker“, während für Kurt Flasch Eckhart kein Mystiker ist. Genau das war mein persönliches Anliegen, denn Eckhart war in meinen Augen ein Denker der Einheit, also ein Mystiker, aber ein Philosoph, also kein Vertreter einer gefühlten Verschmelzung von Mensch und Gott. Ich war gespannt auf die Fortsetzung. Nach meiner Ansicht ist bei Eckhart die Ebene des Seins beiden, dem Menschen und Gott, gemeinsam, aber das letzte, innerste Wesen Gottes ist unerforschlich, und nur negativ zu bestimmen. Negativ bedeutet hier: Gott ist auf keinen Fall der Gegenstand einer möglichen Erfahrung, aber die philosophische Spekulation, und nur sie, kann ihn bestimmen oder sozusagen einkreisen als in seinem Wesen grundsätzlich anders und nicht definierbar.

Damit, dass Eckhart ein „Mystiker“ sei, war in dem Vortrag noch nichts Genaues gesagt, denn „Mystik“ ist keine eindeutig definierte Bezeichnung. Auch in Fachkreisen kann „mystisch“ mindestens zwei Bedeutungen haben. Einmal wird das Wort in der Bedeutung „nicht diskursiv oder nicht rational“ verwendet, wobei es von Fall zu Fall mehr als rational und diskursiv oder auch weniger als rational und diskursiv heißen kann. Und zweitens können „mystisch“ und „Mystik“ die Vorstellung einer bestimmten Einheit ausdrücken, der Einheit zwischen dem Mystiker auf der einen und (je nach Weltbild) Gott, dem Grund oder Ursprung der Welt auf der anderen Seite. Die Mystik ist nach dieser zweiten Bedeutung des Wortes eine philosophische oder theologische Theorie, die von der ontologischen oder Seins-Identität des Menschen mit Gott (oder dem Grund und Ursprung der Welt) ausgeht. Es gibt nach dieser Definition von Mystik ein einziges Sein, und dies gleiche Sein wird dem Menschen und der Welt, oder in der Theologie: Gott, zugeschrieben. Würde in dem Vortrag ein über- und nicht rationaler „mystischer“ Eckhart vorgestellt oder aber der Theologe der ontologischen Einheit zwischen Mensch und Gott?

Nach einer lebhaften Erzählung der Biographie Eckharts in seiner Zeit und innerhalb einer klaren, sehr kompetenten und kenntnisreichen Darstellung seiner Philosophie ging es wiederholt um Eckharts Ungeduld gegenüber den Seelenverzückungen und den billigen Gottes-Erlebnissen mancher seiner Zeitgenossen. Die Gottesgeburt in dem Menschen verursacht für Eckhart keine „höheren“ Erlebnisse. Das war nun interessant: Eckharts Position sei Mystik aber trotzdem ohne höhere oder möchtegern höhere Erlebnisse. Eckhart habe an und für sich nichts gegen Bettelorden als solche, im Gegenteil, er habe gar nichts gegen Armut in der Nachfolge Christi; aber die Identität mit Gott ist etwas Anderes. Wie müssen wir uns dieses Andere vorstellen? Ich erwartete nun die Schlussfolgerung, die Gottesgeburt sei bei Eckhart keine Erfahrung, sondern eben etwas Anderes: eine Erkenntnis, eine Tätigkeit des Verstandes, ein Zustand des Geistes?

Plötzlich nahm der Vortrag jedoch eine Wende, die nicht zu erwarten war. Die Einheit des Menschen mit Gott, die ein zentraler Punkt für Eckhart ist, sei eine Erfahrung. Also doch. Und weiter: Die Gottesgeburt in der Seele ist nicht ein intellektueller Akt, sondern auch eine Erfahrung. Nun, diese Behauptung passt zu der Ansicht von Mystik, nach der letztere etwas nicht Rationales ist, ein Erleben mit Emotionen und Gefühlen. Man konnte es spüren, wie gegen Ende der Veranstaltung das Herz der Teilnehmer an der Diskussion spürbar höher schlug, als es um den Punkt der erfahrbaren Einheit ging. Mehrere wollten wissen, was zu tun sein, um zu dieser Erfahrung zu gelangen, wie sie sich anfühle und wie sie sich überhaupt äußere und im Alltag insbesondere. Die Antwort lautete, dass die Erfahrung der Gottesgeburt keine besondere Eigenschaften aufweist, dass im Alltag keine Praktiken mit der Gottesgeburt zusammenhängen, und dass sie eine Sache der inneren Einstellung ist, die alle Situationen begleitet, sofern die Gottesgeburt in der Seele überhaupt stattgefunden hat. Damit war ich nun einverstanden; spezifische Kennzeichen sind an der Einheit mit Gott nicht auszumachen.

Für die Vorbereitung meines Wander-Seminars zu Eckhart hat sich also ergeben, dass diesmal Mystik in beiden möglichen Bedeutungen des Begriffes angewendet wurde: sowohl ist sie die Theorie einer Einheit als auch die Vorstellung eines Erlebens dieser Einheit, einer Erfahrung. Leider war es mir wegen der großen Anzahl an Fragenden nicht möglich um die Auskunft zu bitten, wie die gute Erfahrung von den minderwertigen Erfahrungen oder Erlebnissen zu unterscheiden sei, die Eckhart heftig kritisiert.
Erfahrung der Einheit?

Eine Erfahrung ist ein Sachverhalt der Welt. Man erfährt Empirisches, Wahrnehmbares. Das Erfahren des Wahrnehmbaren ist seinerseits auch etwas Empirisches, etwas Weltliches. Mit der Erfahrung wird nie die Ebene des Empirischen oder Weltlichen verlassen werden können. Das wäre wörtlich absurd, nach der rigorosen Definition von „absurd“: für Verstand und Vernunft unmöglich, undenkbar, widersprüchlich. Deshalb hat auch für Eckhart die Einheit des Menschen mit Gott nichts Erfahrbares an sich, sie ist kein Gegenstand einer Erfahrung. Das Gefühl und das Erleben der Einheit mit Gott ist kein Gegenstand von Eckharts Philosophie.

Die Einheit ist metaphysisch und ontologisch. Sie betrifft den Grund und Ursprung alles Wirklichen (das ist der Gegenstand der die Metaphysik), und sie definiert das Sein als solches, sowohl das Sein des Menschen als auch das Sein Gottes. Da sind wir auf einer anderen Ebene als der Ebene des Erlebens. Sein, Intellekt, Einheit sind Synonyme. Da gibt es bei Eckhart keine Ausflucht und kein Einfallstor für Gefühle oder Emotionen. Es gibt kein Kriterium, welches die eine Erfahrung als minderwertig und die andere als erhaben unterscheiden lässt. Mystik ist Identität, und Erfahrung ist immer sinnlich. Die Identität des Intellekts Gottes und des Intellekts des Menschen geschieht für Eckhart auf der Ebene des Denken, der Philosophie, der Vernunft. Nicht umsonst wurde er als Ketzer verurteilt – und würde auch heute als solcher beurteilt. Gefühle und Erlebnisse wären für Eckhart die falschen Quellen. Denn sie sind per definitionem unartikuliert, unklar und undeutlich. Als solches kann ein Erleben, eine „Erfahrung“ für Alles und gegen Alles sprechen, auch für alle verführenden Stimmen und Verblendungen – ob sie nun von einem Himmel kommen, oder anderswoher.

Die Erfahrung überzeugt unmittelbar, sie ist notwendig richtig, dafür reicht es, dass wir sie machen, dass sie schlicht da ist. Sie ist kein rationaler Grund und braucht keine Argumente, sie erzwingt unsere Zustimmung ohne uns Gewalt anzutun. Aber sie kann uns auch täuschen, das gehört wesentlich zu ihr. Und, vor allem, sie verbleibt auf einer einzigen Ebene, die der Empirie, der Wahrnehmung, der „Welt“, und erreicht nicht die Ebene des Sinns in der Bedeutung von Sinnhaftigkeit. Unser geliebter Eckhart ist ein Mystiker, weil er die Einheit des Seins von Gott und Mensch sieht, und er ist ein Philosoph des Idealismus (so können wir heute sagen), weil die Einheit intellektuell ist, die Einheit ist für ihn ein Sein der Vernunft und des Intellekts des Menschen sowie Gottes.
Die Philosophie ist ärmer und reicher

Die Philosophie ist nicht verführerisch, sie überzeugt – wenn überhaupt – mit Argumenten und nur mit Argumenten, die jedem zur Verfügung stehen und jeder, niemand ausgeschlossen, kritisieren kann und darf. Erfahrungen befinden sich auf einem anderen Gebiet, sie sind keine Argumente und können nicht kritisiert werden. Ihr Wert ist ein anderer.

Diesen Punkt werden wir sicher mit meinen Teilnehmern durcharbeiten. Muss ein erhebendes Gefühl die Erfahrung einer Einheit sein? Oder gibt es etwas spezifisches in der Philosophie und in dem Philosophieren? Ganz im Sinne der Aufklärung erzeugt das philosophische Denken – in unserem Fall Eckharts Philosophie der Einheit des Menschen und des Höchsten – eine humanistische Freude, welche die Unvergleichlichkeit des Verschiedenen liebt und bewahrt und gerade dadurch manche ungerechte Unterschiede in der Erfahrung des Alltags ändern hilft.

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www.giovanni-russo.de
Institut für Systemische Philosophische Praxis
Twitter @PhilPraxisRusso

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