„Ehre“ statt gerechter Lohn

 in FEATURED, Politik (Inland)

Kein leichter „Arbeitsplatz“: das Gefängnis.

Unser Autor leitet eine Schreibwerkstatt für Strafgefangene in Sachsen-Anhalt. Keine leichte, manchmal auch eine belastende Arbeit. Aber auch eine, die er seit sieben Jahren gern macht. Die vermeintlich unengagierten Deutschen sind in Ehrenämtern sehr aktiv, etwa ein Drittel von ihnen ist in Vereinen tätig. Dafür gibt’s manchmal einen warmen Händedruck und eine Ehrenurkunde vom Staat, der bestimmte Aufgaben dann nicht mehr selbst übernehmen bzw. angemessen entlohnen muss. Mit „Ehre“ zu bezahlen ist nun mal billiger. Aber ist es nicht auch etwas Gutes, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen, in dem man lebt?  Ludwig Schumann

Etwa vor sieben Jahren wurde meine Frau von ihrer Kollegin, die inzwischen zum Seelsorgerteam der Justizvollzugsanstalt Burg gehörte, gefragt, ob sie nicht ihren Mann, also mich, fragen könne, ob er Lust oder Interesse habe, in der dort eine Schreibwerkstatt aufzubauen. Ich sagte meiner Frau, sie solle ihrer Kollegin sagen: „Ja. Hat er.“ Den Rest machten wir dann im Direktkontakt. Kein Mensch ahnte damals, dass wir uns nach sieben Jahren immer noch, wie selbstverständlich, alle vierzehn Tage treffen würden. In der Zwischenzeit entstanden mit den Autoren aus der JVA drei Bücher und drei Poesiehefte. Die deutsche Haiku-Gesellschaft fand lobende Worte für das Haiku-Poesieheft. Konstantin Wecker schrieb das Nachwort für „Der heilige Stolperer“. Die letzten beiden Buchpremieren fanden im Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg statt. Hier hatte der Kultusminister Sachsen-Anhalts, Rainer Robra, die Schirmherrschaft übernommen. Schöne Namen. Wunderbare Veranstaltungen. Die eigentlichen Stars aber sind natürlich die Schreiber, die Häftlinge, die ihre Freizeit mit dem Schreiben ihrer Geschichten oder Gedichte verbringen.

Das sind sieben Jahre ehrenamtlicher Arbeit. Oder mit Vor- und Nacharbeit drei Arbeitstage im Monat. Wenn ich jetzt mal mein Tageshonorar bescheiden mit 300 EUR ansetze, bringe ich da Monat für Monat 900 EUR ein, plus Fahrgeld. Das ist ja nicht nur Zeit, die ich dabei verwende. Diese Zeit ist auch erkauft durch den Verzicht auf Verdienst.

Nun wurde in den Tagen vor dem Jahreswechsel viel von den und über die Ehrenamtlichen gesprochen. Mancherorts wurde ihr Engagement gelobt, die Selbstlosigkeit der Ehrenamtlichen wurde gefeiert. Selbstlos? Ich höre meine Frau, die im Bezug auf meine Person da wohl eingehakt hätte: Selbstlos? Mein Mann? Da müssen Sie sich in der Person geirrt haben. Sie kennt mich, genauer als mir lieb ist. Sie hat also recht. Es ist die Neugier, die mich treibt. Neugier auf Menschen, aber auch die Neugier, welche Art von Texten werden da entstehen?

Je länger ich da bin, desto schwieriger, scheint mir, wird die Arbeit. Ich bin hier, arbeite hier, dass Literatur entsteht, zumindest aber lesbare Texte. Das heißt, ich bin den Gesetzen der Literatur verpflichtet. Ich bin nicht der Sozialtherapeut meiner Autoren. Aber genau hier wird es spannend. Denn die entstandenen Texte, wenn sie dann veröffentlicht werden, lesen nicht nur die Leser von draußen. Sie werden nicht nur als das gelesen, was sie sind: Kinder der Literatur. Sondern auch unter beispielsweise sozialtherapeutischem Blickwinkel. Und da wird es gefährlich: Denn ich treibe den Text nicht voran unter dem Blickwinkel, welche sozialtherapeutischen Fortschritte oder Rückschritte der Autor gemacht hat, sondern welche Wendungen der Text an dieser oder jener Stelle verlangt. Was heißt, dass der Autor möglicherweise eine andere Lesart verfolgte, als er mit Hinweisen von mir am Ende schrieb, womit aber ein zumindest nicht ganz richtiges Bild von der Persönlichkeit des Autors entstünde. Will sagen, die Arbeit des Ehrenamtlichen ist nicht damit getan, dass er seine Arbeit gemacht hat. Er muss auch ihre Wirkungsgeschichte verfolgen.

Jeder dritte Deutsche engagiert sich in einem Verein. Bei all den vielen Klagen, die man hört, dass sich Jugendliche nicht mehr engagierten, ist das eine überraschende Zahl. Ca. 30 Millionen Deutsche führen Arbeiten aus, die der Staat, die die sozialen Einrichtungen, die Träger dieser und andere Institutionen nicht finanzieren könnten. Allein diese Zahl kann eine Ahnung davon geben, was an Leistungen in unserer Gesellschaft, von denen wir alle profitieren, nicht vorhanden wären, gäbe es dieses Engagement der Ehrenamtlichen nicht.

Da muss man sich natürlich auch fragen, ob bei dieser gewaltigen ökonomischen Kraft des Ehrenamtes eine Handvoll Ehrenurkunden für Menschen, die beispielsweise fünfzig Jahre für die Feuerwehr ihre Freizeit gaben, die in manche harte Situation kamen, mit der sie hinterher fertig werden mussten, nicht ein eher schäbiges Dankeschön darstellen. „Und wenn es dann monatlich 100 EUR auf die Rente wären“, sagte mir neulich ein Taxifahrer, der weit mehr als vierzig  Jahre bei der Feuerwehr ist. „Wenn ich mal die Tausende an Stunden zusammenzählen würde, wenn ich mir vorstelle, in welche Unfallsituationen wir hineingeraten sind, mit denen wir hinterher fertig werden mussten. Ich meine, ich bin mit Begeisterung bei der Feuerwehr.“ Ja, könnte ich dann sagen, aber mein Vater sagte schon: „Der Dank des Vaterlands, er schleicht dir ewig hinterher. Erreichen wird er dich in diesem Leben aber nimmermehr!“ Der Kriegsgeneration kann man einen solchen Satz nicht verdenken.

Wie komme ich darauf? Weil der Grad zwischen Anerkennung ehrenamtlichen Engagements und staatlicher Ausbeutung dieses Engagements ein denkbar schmaler ist. Die Freiwilligen Feuerwehren, ja, ein Feuerschutz überhaupt im ländlichen Raum, wären nicht denkbar ohne das Engagement der Menschen, die viele Stunden Ausbildung mitmachen, um in einem durchaus gefährlichen „Hobby“ als hochqualifizierte Lebensretter für unsereins ihr Leben zu riskieren. Der Hut kann gar nicht groß genug sein, den man vor solcherart Engagement ziehen muss. Dasselbe gilt für die, die ehrenamtlich mittun beim Technischen Hilfswerk oder beim Roten Kreuz oder auch bei den Kirchen.

Kleines Ritardando: Ein Drittel der Menschen in Deutschland engagiert sich, stellen sozusagen den Lebenssaft der Demokratie dar. Hätten Sie das gedacht? Als ich diese Zahl las, dachte ich sofort: Also bitte, so schlimm kann es dann um unsere Demokratie nicht bestellt sein, wie permanent behauptet wird. Freilich: Lesen Sie darüber in den Zeitungen? Hören Sie darüber in den Radios? Berichten die Fernsehsender darüber? Sind solche guten Meldungen tatsächlich Gift für den Verkauf der Presse?

Eines gilt es noch nachzutragen: Ich sprach von der Neugier auf Menschen und deren Geschichten, die mich für die ehrenamtliche Arbeit in der JVA aufschlossen. Es gibt noch einen zweiten Grund. Ich bin Bürger eines freiheitlichen Staates. Mir war das schon vor 1989 klar, dass die bürgerliche Freiheit etwas mit Verantwortung zu tun hat, weniger mit Reisefreiheit. Es ist keinem Bürger zu verwehren, nach Kambodscha oder zu den Nenzen zu fliegen. Aber Reisefreiheit ist keine Bürgerpflicht. Die Aufnahme gesellschaftlicher Verantwortung, beispielsweise in der Form von ehrenamtlicher Arbeit, gehört freilich zu den Pflichten eines Bürgers, wie ich ihn verstehe.

Zwei Dinge hat die Reformation seinerzeit dem Bürger in ihrer Befreiung mit auf den Weg gegeben: die persönliche Pflicht, für sich und seine Nachkommen für die bestmögliche -Bildung zu sorgen. Und die Pflicht der Bürgers, für den „gemeinen Kasten“, sprich, für eine Gesellschaft der sozialen Gerechtigkeit zu sorgen und sich für diese einzusetzen. Leider zwei Themen, die bei den zurückliegenden Reformationsjubiläumsfeiern kaum Beachtung fanden, obgleich es doch für die heutige Gesellschaft zwei der zentralen Themen gewesen wären.

Im übrigen sage ich, dass eine Partei, die demokratisch gewählt wurde, noch lange keine demokratischen Inhalte vertreten muss. Ein Segen wird es sein, dass André Poggenburg, ehemaliger Vorsitzender der AfD Sachsen-Anhalts, aus der Geschichte verschwindet.

Zur Betitelung seiner neuen Partei „Aufbruch deutscher Patrioten“:

Wenn man unter „Patrioten“ überzeugte „Republikaner“ verstünde, die für eine Demokratie kämpfen und sie nicht überrollen wollen; wenn man darunter Menschen versteht, die sich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verschworen haben, könnte man da mitgehen. Bundespräsident Johannes Rau hat einmal den Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus so formuliert: „Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“

Insofern segelt Herr Poggenburg schon wieder unter falscher Flagge. Er hätte seine Partei so benennen sollen, wie sie uns entgegenkommen wird: „Aufbruch deutscher Nationalisten“. Und entsprechend ihres Logos, der blauen Kornblume, müsste sie korrekterweise den Namen tragen: „Aufbruch deutscher National-Sozialisten“. Poggenburg ist ganz bestimmt nicht selbstlos bei seinem Treiben. Eher heil-los. Was das Durcheinander angeht, das er bereits mit der Benennung seiner Partei anstiftet. Finden Sie nicht?

 

 

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