Ein Denker des Menschlichen, der hinter sich selber zurückblieb als Mensch

 in FEATURED, Philosophie, Politik

Karl Marx, der großartige Kapitalismus-Kritiker und derzeit selbst von Gegnern vielfach gefeierte Philosoph, galt lange als der Gottseibeiuns. Eine andere Überlieferungslinie wollte in dem Träger eines eindrucksvollen Vollbarts einen Menschen ohne Fehl und Tadel sehen, dessen humane Botschaft lediglich durch bedauerliche Fehlinterpretation der Herrn Lenin und Stalin verwässert wurde. Ganz stimmt das wohl nicht. Menschlich zeigt der Theoretiker der Menschlichkeit einige Defizite. Trotzdem: Ehre, wem Ehre gebührt! Dieser Artikel erschien zuerst in Publik Forum, www.publik-forum.de. (Konstantin Wecker)

Für mich ist Karl Marx einer der ganz großen Denker des 19. Jahrhunderts und der Analytiker des Kapitalismus schlechthin – Stichwort „Mehrwerttheorie“. Freilich reichte der Mensch Karl Marx allzu oft nicht an den Theoretiker heran. Freunde und potentielle Bundesgenossen behandelte er oft hundsmiserabel – zum Beispiel Wilhelm Weitling und Bakunin. Und je älter er wurde, desto deutlicher trat der antikapitalistische Menschenrechtler Karl Marx hinter dem antikapitalistischen Mathematiker Karl Marx zurück. Der Denker des Humanen machte mehr und mehr dem politökonomischen Analytiker des Inhumanen Platz.

So großartige Sätze wie der aus seiner „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, geschrieben im Jahre 1843 – da war Karl Marx gerademal 25 Jahre alt –, dass alle Verhältnisse umzuwerfen seien, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, fehlen beim späteren Marx. Dasselbe gilt für den Satz des Dreißigjährigen aus dem „Kommunistischen Manifest“,  gemeinsam verfasst mit seinem Freund Friedrich Engels, erschienen 1848, dass eine Gesellschaft zu schaffen sei, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ – ein Satz, den ich am liebsten jedem Kapitalisten um die Ohren schlagen würde und so manchem Politiker, wenn ich nicht Pazifist wäre. Kurz also:

Karl Marx ist für mich ein ökonomischer Denker der Mitmenschlichkeit, dem die Mitmenschlichkeit in seinem ökonomischen Denken immer stärker abhanden kam. An diese Mitmenschlichkeit knüpfte für mich erst die großartige Rosa Luxemburg wieder an, auf großartige Weise in Leben und Werk, mit enormer humaner Kraft, mit berührender Empathie und mit beeindruckender Beharrlichkeit. Und es war ein Josef Stalin (wörtlich: der „Stählerne“!) gewesen, der auf furchtbarste Weise die mitmenschliche Idee einer kommunistischen  Weltgesellschaft in ein Schlachthaus verwandelte.

Karl Marx ist für mich also beides zugleich: grandioser Vordenker einer besseren Welt und missbrauchbarer Vorläufer einer entsetzlichen Welt. Eigentlich hat er die politökonomisch verursachte Unmenschlichkeit des Kapitalismus in Grund und Boden analysiert, doch als Theoretiker der Menschlichkeit, als Theoretiker eines Kommunismus mit wahrhaft menschlichem Antlitz, ist Karl Marx auf halbem Wege stecken geblieben. Ehrendes Gedenken also diesem genialen Analytiker des menschenfeindlichen Kapitalismus und  Kritik zugleich am Menschen Karl Marx, der sich, in seinem Denken und Handeln, als Mensch zu einem Gutteil verlorenging!

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