Ein kleines gallisches Dorf der Weltpolitik

 in FEATURED, Politik (Ausland)

Konstantin Wecker gratuliert dem linken deutschsprachigen Lateinamerika-Magazin „Cuba Libre“ zum 40. Jahrestag. Er knüpft daran tief gehende politische Betrachtungen an. Ist die kubanische Revolution ein Vorbild für uns – trotz Gewalt und Menschenrechtsverletzungen? Wenn nicht, welche andere Form der Revolution wäre möglich und wünschenswert? Kann man der Machtausübung – welcher Couleur auch  immer – vertrauen? Brauchen wir nicht gerade heute eine kraftvolle sozialistische Alternative? Und infern kann Lateinamerika uns hierzu Anregungen geben? Erstveröffentlichung dieses Essays im Jubiläumsheft „40 Jahre Cuba Libre“Link zur Hompage. Konstantin Wecker

 

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba,

Che Guevara ist ja derart zu Legenden geworden, dass man sich fast nicht mehr vorstellen kann, dass er einmal wirklich gelebt hat. „In Unwirklichkeiten versponnen“ habe ich das einmal in anderem Zusammenhang genannt. Seine Gestalt muss von einer Energie, einem Pathos durchdrungen gewesen sein, die uns heutigen fremd anmutet und uns doch in einer schläfrigen Epoche halbherzigen Aufbegehrens nachhaltig fasziniert. „Man trägt die Revolution nicht auf den Lippen um von ihr zu reden, sondern im Herzen um für sie zu sterben“, soll Che gesagt haben.

Für mich als erklärtem Pazifisten ist eine solche Haltung natürlich eine nicht geringe Herausforderung. Ich misstraue der Idee einer „gerechten Gewaltausübung“. Ich fühle mich eher einer zärtlichen Revolution verpflichtet, die sich in den angewandten Mitteln denen, gegen die revoltiert werden soll, nicht zu sehr angleicht. Lieber möchte ich, dass die Menschen für dieses Revolution leben, dass sie sie in sich selbst und im Umgang miteinander lebendig werden lassen; gestorben wurde schon viel zu viel in der Weltgeschichte. Dennoch bleibt es natürlich ein Faszinosum: eine gelungene Revolution, die sich über Jahrzehnte in einem feindlichen Umfeld behauptet.

Einmal stand ich in einem – wenn auch eher losen – Zusammenhang mit dem großen Revolutionär: Am Rande eines Prozesses, den ich vor 25 Jahren einmal als Beklagter durchstehen musste und dessen Gründe allgemein bekannt sind, sagte ich bei einem Interview: „Sie dachten, sie hätten Che Guevara verhaftet“. Nicht weil ich mich ernsthaft mit dem Revolutionsführer vergleichen wollte, sondern weil ich mutmaßte, interessierte Kreise könnten in mir nicht ohne Grund unterstellen, ein beharrlicher, teilweise auch wirkungsvoller Systemgegner zu sein: ein Gegner jenes furchtbaren Neofeudalismus, den Jean Ziegler in seinen Büchern so großartig beschreibt und der – als wäre die Ausbeutung und Entrechtung von Millionen nicht schlimm genug – immer zugleich mit Kriegen schwanger geht.

„Cuba Libre“: Die Begriffe „Kuba“ und „frei“ sind in unserem Unterbewusstsein auch noch sechs Jahrzehnte nach der großen Revolution eng miteinander verknüpft. Und zwar gerade, weil mit „frei“ nicht die unbegrenzte Freiheit des Marktes gemeint ist, sondern deren Gegenteil: die Freiheit von den sich immer herrischer gebärdenden vermeintlich unfehlbaren Gesetzen des Marktes. Der Markt ist blind gegenüber den Bedürfnissen der Menschen und gerade der Schwächsten unter ihnen. Um diese zu schützen, braucht es das bewusste Eingreifen besonnener Menschen, die sich organisiert haben, weil ein schwacher oder nicht vorhandener Staat mitunter die größte Hoffnung der Reichen ist – und der schlimmste Alptraum der Armen.

Und doch: Welche Art staatlicher Machtausübung ist legitim, welcher können wir vertrauen? Im Tao Te King heißt es: „Der, des Verwaltung unauffällig ist, des Volk ist froh. Der, des Verwaltung aufdringlich ist, des Volk ist gebrochen. “ Dieser Satz wurde auch in einem Flugblatt der Widerstandsbewegung „Die Weiße Rose“ zitiert. Das heutige Kuba ist keine Insel der Seligen. Weder was die soziale Situation der Einwohner betrifft noch in Sachen Menschenrechte. Und dass der Staat dort „unauffällig“ wäre, dafür möchte ich meine Hand nicht ins Feuer legen.

Dennoch ist der Inselstaat in der Karibik ein Unikum, ein kleines gallisches Dorf der Weltpolitik, das den Umarmungsversuchen des Westens und der Konterrevolution über lange Zeit widerstanden hat. So lange, dass manche Politiker und Systemmedien ihre Freude über den Tod des großen alten Mannes 2016 in Havanna nur mit Mühe unterdrücken konnten. Kuba ist die Insel im Meer einer gleichgeschalteten, US-amerikanisch geprägten „Alternativlosigkeit“. Das Gesundheitssystem dort soll so gut sein, dass es sogar von dem US-Bürger Michael Moore seinen Landsleuten als leuchtendes Beispiel vor Augen geführt wurde.

Auch wenn Kuba vielleicht nicht alles besser macht – allein der ehrliche Versuch vieles anders zu machen und diese Bastion des Anderen gegen den Zugriff einer gleichgeschalteten Neuen Weltordnung zu verteidigen, ist der Betrachtung wert. Der Kapitalismus hatte sich ja nach dem Untergang der DDR und der Sowjetunion schon zum endgültigen Sieger der Geschichte erklärt. Eine unipolare Weltordnung drohte, und selbst das völlig unsinnige Wort vom „Ende der Geschichte“ wurde herbeizitiert. Westliche Politiker pflegen bis heute eifrig ihre Sieger-Narrative und beerdigen die ehemals sozialistischen Staaten Jahr für Jahr wieder in Sonntagsreden und historischen TV-Mehrteilern. Gewiss, ich bin in meinem Herzen ein Anarchist geblieben und kein Freund eines irgendwie gearteten staatlichen Zugriffs auf das Leben und die Seelen der Bürger. Einen solchen hat es leider auch im realsozialistischen Ostblock einschließlich dessen karibischem Verbündeten Kuba gegeben – ebenso wie nicht zu leugnende Menschenrechtsverletzungen. Vielleicht besteht das Problem ja nicht so sehr darin, dass meist die Falschen an der Macht sind, als darin, dass Machtausübung als solche falsch ist.

Und doch: Beweist nicht gerade der Verlauf der Geschichte seit dem berühmten Jahr 1989, das sich heuer zum 30. Mal jährte, am allerdeutlichsten, wie wichtig eine kraftvolle sozialistische Alternative ist? Wie wichtig es ist und bleibt, dass nach besseren Wegen gesucht wird: in Gedanken, in Taten und gesellschaftlichen Experimenten – so menschengemäß unvollkommen sie auch in der Praxis daherkommen mögen? Kaum etwas ist für das weitere Schicksal unseres gepeinigten Planeten schädlicher als der Mehltau eines erzwungenen neoliberalen Konsenses, der sich über fast alle Länder gelegt hat. Die Herren der Welt fühlen sich mittlerweile zu sicher. Sie spielen – „um den Vergleich gebracht“ – wie befreit auf und verwandeln die Erde, wenn wir sie nicht daran hindern, in einen Sklavenplaneten und in eine Müllhalde.

Die ungeahnten Möglichkeiten technikgestützter Überwachung und Verhaltensnormierung sind dabei, die Weltgesellschaft in eine Mischung aus Panoptikum und Marionettentheater zu verwandeln. Die sich formierende Welt-Diktatur würde alles sehen und alles kontrollieren. Um so wichtiger ist es – das füge ich hinzu –, dass sich Gesellschaftssysteme, die eine humane Alternative sein möchten, nicht derselben Mittel der Bespitzelung, der Verhaltenssteuerung und der Gewalt bedienen wie die von ihnen verachteten Gegner. Anderenfalls könnte es passieren, dass die unterschiedlichen Spielarten des Despotismus zusammenfließen zu einer Weltdiktatur, in der die Realität von Washington bis Havanna, von Berlin bis Peking von der Art ist, dass der Mensch nirgendwo frei sein darf. Das Wort „libre“ wird man dann nur noch im Zusammenhang mit einem schmackhaften rumhaltigen Drink kennen, der Kuba im Namen trägt.

Dennoch gibt es in der derzeitigen Weltpolitik noch Auseinandersetzung zwischen konkurrierenden politischen Systemen. Ein wesentliches Element westlicher Außenpolitik ist es daher in den letzten Jahren gewesen, ausscherende Staaten auf Linie zu bringen. Wir haben es in Chile während des Pinochet-Putsches gesehen und unlängst in Venezuela, wo man den Präsidenten Maduro mit einem beispiellosen Wirtschafts- und Propagandakrieg überzieht, um mit Hilfe einer US-Marionette den Regime Change zu erzwingen. Selbst Evo Morales, der in Bolivien für dir Rechte der Indigenen und der Armen viel geleistet hat, wurde jetzt von „christlichen“ Kräften weggeputscht.

Interessanterweise ist es immer wieder Lateinamerika, in dem sich Aufregendes und weltpolitisch hoffnungsvoll Stimmendes ereignet. Dieser geschundene Halbkontinent, vom Faschismus und Raubtierkapitalismus schwer gezeichnet, als „Hinterhof der USA“ verspottet, ist offenbar mit einer nicht klein zu kriegenden Widerstandskraft gesegnet – mit Menschen, die sich nach Rückschlägen stets wieder aufrichten. Dieser Erdteil, der die Befreiungstheologie und wunderbare Freiheitslieder hervorgebracht hat – die einer Mercedes Sosa oder eines Pablo Milanes zum Beispiel –, er bleibt ein Laboratorium des Neuen, die Wiege eines Phänomens, das sogar als „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde.

Diesen Funken, entzündet durch das Beispiel Kubas und der erfolgreichen Revolution von 1959, versuchen interessierte Kreise jetzt natürlich auszutreten. Und genau um dies zu verhindern, braucht es Aufklärung und Gegenöffentlichkeit. Gerade wir in Europa sind zum großen Teil so eingelullt von der einseitigen Berichterstattung unserer eingebetteten Medien, dass wir alternative Deutungen des Geschehens schon fast nicht mehr zu denken vermögen. So fallen wir immer wieder auf Erzählungen der Mächtigen herein, die ihr Herrschaftswissen ungefragt auf uns niederregnen lassen und in denen immer gerade die sozialistischen Politiker Lateinamerikas die Unholde und die USA-treuen Neoliberalen die mutigen Freiheitskämpfer sind. Auch alternative Medien sind nie im Besitz der ganzen Wahrheit, aber sie sind Schlupflöcher, durch die komplementäre Wahrheiten zu den Menschen durchdringen können, damit mündige Mediennutzer endlich auch einmal eine Wahl haben – und die Möglichkeit, sich im Dschungel der Meinungsangebote ihren eigenen Weg zu bahnen.

Einer der Veteranen fundierter Gegenöffentlichkeit mit dem Spezialgebiet Lateinamerika ist „Cuba Libre“. Kaum zu glauben, dass es dieses aufrechte Magazin jetzt schon 40 Jahre lang gibt – fast so lang übrigens wie ich als Liedermacher auf der Bühne stehe. Wir „Urgesteine“ müssen zusammenhalten und den Wert der Freiheit hochhalten – gerade jetzt, in Zeiten des „Supergrundrechts“ Sicherheit und zunehmender Freiheitsvergessenheit auch in der Bevölkerung. Wie wichtig die Freiheit ist, erkennen wir vielleicht erst, wenn wir gezwungen sein werden, ohne sie zu leben. Lassen wir es nicht so weit kommen. Kuba braucht unsere kritische, konstruktive Solidarität. No pasarán!

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    Gerold Flock
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    Dem Typen müßte man Schreibverbot geben. – Das ist der totale Konterrevolutionär.
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    Gerold Flock
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    Der Che hätte den andersdenkenden Pazifisten doch nach Sibirien abgeschoben.
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    Gerold Flock
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    Der Herr Wecker sollte vielleicht doch mal das Buch von Frank Fernadez studieren, „ANARCHISMUS AUF KUBA“ – Geschichte einer Bewegung… zu bestellen  beim SYNDIKAT a.

    Ich als Anarcho, bin hier jedenfalls von dieser komischen „Verwirrungs-Page“ weg.

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