Ein Laboratorium emanzipatorischer Lebensentwürfe

 In Buchtipp, FEATURED
Prolog des Herausgebers zur zweiten, erweiterten Neuauflage von »ja! Anarchismus.« ? Nein, beim besten Willen, das kann nun wirklich nicht funktionieren! So denken viele, die auf diesen im öffentlichen Raum ohnehin nicht sehr präsenten Begriff stoßen. Übrigens auch nicht wenig Linke. Schon insofern ist der Titel des empfehlenswerten Buchs, das Bernd Drücke herausgegeben, Konstantin Wecker mit einem Vorwort versehen hat, eine Provokation. Aber eine notwendige, in einer Zeit, in eher der Sicherheitswahn, Autoritarismus und Unfreiheit auf dem Vormarsch sind – als hätte es nach dem furchtbaren 20. Jahrhundert noch eines Beweises dafür bedurft, welche Verheerungen Macht anrichtet, welchen Stellenwert Freiheit hat und immer haben wird. Hier berichtete der Herausgeber einiges über den Inhalt und die Entstehungsgeschichte des Buchs sowie das politische Umfeld, in dem es entstanden ist.  Bernd Drücke

»Vor diesem Buch muss ich im Interesse der Friedensarbeit dringend warnen. Es ist derart lebendig, dass ich, kaum dass ich es aufgeschlagen hatte und mich auf das erste Gespräch gestürzt habe, die Zeit vergaß und  darüber zu spät zum Treffen des Bochumer Friedensplenums kam. (…) Mag der eine oder die andere von uns vielleicht über den steten Kampf um Pazifismus ein wenig müde geworden sein, dann empfehle ich diesen Band als Aufmunterung, als Versprühen von Hoffnung und Lust auf eine andere Welt und den Weg dorthin.«

So beschreibt Felix Oekentorp im Dezember 2006 in der ZivilCourage – Magazin für Antimilitarismus und Pazifismus der DFG-VK in seiner Rezension der Erstausgabe von »ja! Anarchismus« die Folgen, die die Lektüre dieses Buches haben kann. Und Otto Meyer stellt in seiner Buchbesprechung in der Zweiwochenschrift Ossietzky Nr. 4/2007 fest, dass hier »nicht Definitions- und Abgrenzungsrituale vorgeführt, sondern Bilder einer mannigfaltigen und durchweg mutmachenden Praxis gezeichnet werden. (…) Manche Jüngere, vorwiegend aus dem studentischen Milieu, überraschen und erfreuen mit ihren vielfältigen politischen, intellektuellen wie kulturellen Ausdrucksformen; die vielen Älteren mit ihrem jahrzehntelangen Engagement tragen ähnliche Erfahrungen bei; sie zeigen, daß ›Anarchismus‹ eine beeindruckende Lebenshaltung werden konnte und keineswegs nur eine zeitweilige Begeisterung in der Jugendzeit bleiben muß. Hanna Mittelstädt (›EditionNautilus‹) sagt es so: ›Ich hätte nie in einer Gruppe mitgemacht, wo nicht Poesie und eigenes individuelles Glücksstreben eine gleichberechtigte Rolle gespielt hätten.‹ Da kommt ›Lust auf Anarchie‹ auf. Ich jedenfalls habe dieses Buch in einem Zuge durchgelesen und es schon mehrfach verschenkt.«

Tatsächlich wurde der Interviewband von vielen Rezensent*innen positiv aufgenommen. Das Buch erschien 2006 mit einer Startauflage von 2.000 Exemplaren und war nach kurzer Zeit vergriffen. An »ja! Anarchismus« knüpfen die Interviewsammelbände Anarchismus Hoch 2 (Karin Kramer Verlag, Berlin 2014) und Anarchismus Hoch 3 (Unrast Verlag, Münster 2016) an. Mit Anarchismus Hoch 4 werde ich voraussichtlich im Oktober 2019 einen weiteren Nachfolgeband im Unrast Verlag herausgeben. Schließlich gibt es auf diesem Planeten noch viele Anarchistinnen und Anarchisten, die ich ausgiebig zu ihren Utopien, Lebensweisheiten und Aktionen befragen möchte, weil sie uns sicher viel zu sagen haben.

Warum aber gerade jetzt eine überarbeitete und erweiterte Neuauflage von »ja! Anarchismus«? Dafür gibt es mehrere Gründe. Gebrauchte Exemplare von »ja! Anarchismus« werden antiquarisch im Internet zum Teil für Stückpreise von über 50 Euro angeboten. Dies lässt sich natürlich im Zusammenhang mit den kapitalistischen Gesetzen von Angebot und Nachfrage erklären. Es ist aber nicht in meinem Sinne. Und auch nicht im Sinne der ursprünglichen Idee von »ja! Anarchismus«, mit Gesprächen über gelebte Utopien die Idee des Anarchismus aus der staubigen Theorie-Schublade herauszuholen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Ich möchte, dass alle Bücher dieser Reihe zu fairen, möglichst günstigen Preisen Verbreitung finden. Sie sollen ja vor allem auch Menschen erreichen, die kein dickes Portemonnaie haben. Außerdem möchte ich mit dieser Interviewbuchreihe keine trockenen Theorieschmöker für den Elfenbeinturm produzieren, die womöglich nur von Leuten verstanden werden, die, so wie ich selbst, viele Semester Soziologenchinesisch hinter sich gebracht haben.

Interviewsammlungen sind zugänglicher als Elaborate, die sich mit langen, kryptischen Schachtelsätzen und verschwurbelten Thesen an ein vermeintlich »erlesenes«, akademisches Publikum richten. In ja! Anarchismus stehen die Interviewten mit ihren ganz eigenen Vorstellungen von einer ökologischen, sozial gerechten Gesellschaft und einem Leben ohne Chef, Staat und Kapitalismus im Vordergrund. Es handelt sich dabei zum großen Teil um leicht verständliche Gespräche, die aufgenommen und anschließend transkribiert wurden. Die Interviews sollen neugierig auf libertär-sozialistische Ideen machen. Sie können vielleicht auch zum »Spinnen« emanzipatorischer Gesellschaftsentwürfe anregen!

In den zwölf Jahren, die seit Erscheinen der Erstauflage von ja! Anarchismus vergangen sind, hat sich viel verändert. So konnte nach dem GAU in Fukushima 2011 von der außerparlamentarischen Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland erfreulicherweise so viel Druck auf die Bundesregierung ausgeübt werden, dass diese einen Atomausstieg beschlossen hat, der allerdings noch immer nicht vollständig umgesetzt ist. Seit Jahren spitzen sich die Folgen der Klimakatastrophe dramatisch zu. Gleichzeitig findet heute eine lange Zeit nicht mehr für möglich gehaltene rechte Verhetzung weiter Teile der Bevölkerung und führender Politiker*innen statt. Nationalismus wird salonfähig gemacht, Menschenrechte werden infrage gestellt und neue Mauern hochgezogen. Rassistische Übergriffe auf Geflüchtete sind heute an der Tagesordnung, die rassistisch-sexistische AfD sitzt seit 2017 im Bundestag. Autokratien sind nicht nur in Ungarn, Polen und der Türkei an der Macht. In Österreich und Italien sind Rechtsnationalisten und Faschisten an den Regierungen beteiligt. Und in den USA wurde mit Trump 2016 ein rechtsextremer Narzisst und Menschenfeind zum mächtigsten Mann der Welt gewählt.

Bleiben die Ideen und »Wahrheiten« des Anarchismus trotz Rechtsruck und Trumpismus aktuell? Ja, jetzt erst recht. So können gerade heute auch die im »ja! Anarchismus«-Buch interviewten Personen durch ihre Biografien und Lebensweisheiten dazu beitragen, dass wir Vorurteile abbauen, aus der Geschichte lernen und den Mut und Wege finden, um gemeinsam gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie, Militarisierung, Klimawandel und andere Folgen des Kapitalismus zu kämpfen. Für eine solidarische Gesellschaft, in der alle menschenwürdig, frei und egalitär leben können.

Auch Menschen jenseits der anarchistischen Szenen können und sollen mit den Ideenwelten von ganz unterschiedlichen Anarchistinnen und Anarchisten in Berührung kommen. So wird ein (kleiner) Teil der Vielfalt und Vitalität des Gegenwartsanarchismus erlebbar. Dabei gilt es, die Neugier auf andere Menschen jeglichen Alters zu wecken und ihnen zuzuhören. Lernen wir aus ihren Erfahrungen. Ändern wir die Welt! Der Anarchismus wird oft als »Jugendbewegung« interpretiert. Das ist er auch, aber nicht nur. Heute ist er eine noch kleine, aber eben auch generationsübergreifende und internationale Bewegung von Menschen, die weder herrschen noch beherrscht werden wollen. Mit zunehmendem Alter wird es für Anarchist*innen wichtiger, Wege zu finden, in dieser kapitalistischen Gesellschaft als Teil der Bewegung in Würde zu altern. Auch das ist ein Thema, das sich wie ein schwarz-roter Faden durch viele Interviews der Buchreihe zieht.

Tatsächlich habe ich in den letzten Jahrzehnten oft auch ältere, erfahrene Genoss*innen interviewt, die schon lange in den Sozialen Bewegungen aktiv sind und deren Lebensgeschichten und »Altersweisheiten« sich ähnlich spannend lesen wie ein guter Roman. Sie sind zudem wichtige Zeitzeug*innen, ohne die das Schreiben einer anarchistischen Geschichte von unten unvollständig wäre. Von den 24 Genossinnen und Genossen, die für »ja! Anarchismus« interviewt wurden, sind mittlerweile Horst Stowasser, Wolfgang Zucht, Lutz Schulenburg, Ilse Schwipper, Bernd und Karin Kramer verstorben. Ihnen und der bereits vor Erscheinen der Erstausgabe verstorbenen Marie-Christine Mikhailo ist diese Neuauflage ganz besonders gewidmet.

Die hier dokumentierten Interviews sollen auch dazu beitragen, dass die Lebensleistungen und Werke dieser bewegten und bewegenden Menschen nicht vergessen werden. Sie lehren uns Gedächtnis. Ihr Denken und Handeln kann und soll über ihren Tod hinaus Wirkung zeigen. Die Interviews haben kaum an Aktualität verloren. Es sind Zeitdokumente, die in der nun vorliegenden Neuauflage ergänzt wurden durch Trauerreden beziehungsweise Nachrufe auf die Verstorbenen. Erweitert wurde der neue Band zudem um drei Interviews, die als inhaltliche Vertiefung und Ergänzung der historischen Original-Interviews aus »ja! Anarchismus« zu verstehen sind.

Ebenso wie das mittlerweile nicht mehr aktuelle Literaturverzeichnis finden sich auch die vielen Fotos aus der Erstauflage nicht mehr im neuen Buch. Stattdessen ist nun jedes Interview mit einer neuen Exklusivzeichnung von Findus eingeleitet, der durch seine Cartoons etwa in den Zeitschriften Graswurzelrevolution, Direkte Aktion und ZivilCourage sowie durch Sachbuchcomics bekannt wurde. Er hat bereits die Cover der Neuauflage von »ja! Anarchismus« sowie von Anarchismus Hoch 2 und Anarchismus Hoch 3 gezeichnet.

Muchas gracias, compañero y amigo!

Ganz herzlich bedanken möchte ich mich an dieser Stelle auch bei Konstantin Wecker. Sein Vorwort zur zweiten Auflage hat mich sehr berührt und mir gleichzeitig ein bisschen die Schamesröte ins Gesicht getrieben. Tatsächlich arbeite ich ja seit mittlerweile zwanzig Jahren auch als Koordinationsredakteur der Graswurzelrevolution (GWR), und das mit viel Freude und Elan.

Die GWR ist aber keine »One-Man-Show«, sondern ein basisdemokratisch organisiertes Kollektivprojekt, an dem viele Menschen zumeist ehrenamtlich etwa als Herausgeber*innen und Autor*innen beteiligt sind. Diese Menschen tragen und ermöglichen das Projekt. Ich bin nur einer von vielen, habe aber das Glück und das Privileg, einen Beruf zu haben, der es mir ermöglicht, als Teil eines libertär-sozialistischen Kollektivs Menschen mit den Ideen einer gewaltfreien, herrschaftslosen Gesellschaft zu erreichen.

Bedanken möchte ich mich hier auch bei Jochen ›Knobi‹ Knoblauch, der zur Neuauflage zwei Nachrufe beisteuerte, sowie bei Gunther Sosna und Fred Spenner, die mich im Dezember 2017 beziehungsweise im Sommer 2018 interviewt und ihre Interviews für den Abdruck in diesem Buch zur Verfügung gestellt haben. Mein Dank gilt zudem meiner Familie, dem Unrast-Kollektiv, Kerstin Wilhelms-Zywocki, Nicole Rolfsen, Heike Makowski und all meinen anderen Freundinnen und Freunden. Ein Dank auch an die vielen Menschen, die nach dem vergriffenen Band gefragt und mich so dazu motiviert haben, diese Neuauflage endlich zu realisieren.

Schließen möchte ich mit einem Zitat aus dem ersten der beiden in diesem Band dokumentierten Gespräche mit Horst Stowasser: »Es gibt keine ›Zwangsbeglückung‹. Man kann mit verschiedenen Lebensformen experimentieren, so dass sich ein großes soziales Laboratorium verschiedener Entwürfe ergibt. Das Projekt wirkt nach außen und kriegt im Nebeneffekt ein anarchistisches Label. (…) In Zeiten, wo alle Welt, auch die Linke, nur von Wachstum redet und den überflüssig gewordenen Arbeitsplätzen hinterher weint, gibt es außer den Anarchisten doch niemanden, der ein menschenfreundliches Modell des Schrumpfens zu bieten hätte, mit einer solidarischen Ökonomie, in der Muße einen positiven Stellenwert hat. Für uns aber heißt das: weniger Dogma, mehr Denke!«

Bernd Drücke, 15. August 2018

Bernd Drücke (Hg.):

Ja! Anarchismus

Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert

 

Das Buch ist Wecker-Shop des Musikverlags Sturm und Klang erhältlich. Hier können Sie CDs und Bücher von Konstantin Wecker sowie Bücher anderer Autoren, die Konstantin empfiehlt, bestellen, ohne mit Ihrem Kauf zugleich die Macht großer online-Händler und Handelsketten zu stärken.

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