«Empfindsamkeit ist die Voraussetzung für Solidarität»

 in Kultur
Ein großer Träumer, aber überraschenderweise auch Technik-Freak: Ludwig II. von Bayern

Ein großer Träumer, aber überraschenderweise auch Technik-Freak: Ludwig II. von Bayern

Kultur ist im politischen Diskurs kein Thema. Nicht mal im Wahlkampf darf sie aus ihrem Schattendasein heraustreten und gegen Sicherheit, Wachstum, Arbeit und Flüchtlingsabwehr in einen fairen Wettstreit um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit treten. Warum eigentlich nicht? Stören Sensibilität und der Sinn für das Schöne bei den Vergröberungsprojekten, die von Rechten und neoliberaler „Mitte“ mit Hilfe des Privatfernsehens höchst erfolgreich vorangetrieben wird? Konstantin Weckers Aufsatz stammt vom Oktober 2010. Er lässt an Aktualität nichts zu wünschen übrig. (Konstantin Wecker)

Mit Kultur meine ich natürlich nicht nur die Kultur, die brav von Deutsche Bank bis Audi gesponsert wird, schöne Musik, herrliche Musik zum Teil – aber eben Musik die nicht weh tut, die nicht nach der Herkunft des Geldes fragt, mit der sie möglich gemacht wurde – nicht mehr danach fragt, muss man sagen, denn vor Jahrhunderten tat auch die klassische Musik den Herrschenden weh. So sehr ich die klassische Musik liebe, zum Teil vergöttere, aber das kann und darf nicht alles sein. Und ich erwarte von einer demokratischen Gesellschaft, dass Gelder freigemacht werden auch und gerade für eine Kultur des Widerstands gegen ebenjene selbstgefälligen Sponsoren, die sich mit geistigem Gut schmücken um weiterhin ihre geistlosen Geschäfte verrichten zu können.

Der ehemalige französische Kulturminister Jacques Lang hat einmal gesagt: „Kultur ist die Nahrung der Seele“. Und in dieser Hinsicht wird gerade da gehungert, wo die Kühlschränke noch voll sind. Die sogenannte erste Welt mag erstklassige Autos und Waffen bauen, aber geistig und kulturell erleben wir eine beispiellose Verelendung und Verwahrlosung. Und nehmen wir das nicht zu leicht: Empfindsamkeit ist die Voraussetzung, dass Solidarität überhaupt entstehen kann. Kultur befähigt uns, uns selbst im anderen zu erkennen.

Was ist zu tun? Poetisierung ist das Gebot der Stunde. Und Solidarisierung. Die Rückeroberung der Herzlichkeit in einer Gesellschaft der Herzlosen, der Einzug der Poesie in eine Welt der Menschen als Ware. Aufstand ist nötig, kein Aufstand der Anständigen. Sondern der Unanständigen, Anstößigen, Unangepassten, derer, die sich informieren statt sich einlullen zu lassen, Zusammenballung der Kräfte des Unmuts, Vergeistigung einer geistlosen Gesellschaft.

Es kann nämlich nicht gut sein, wenn man friert, und es stimmt schon: der Technik, die unser Alltagsleben immer mehr durchdringt, haftet etwas Unterkühltes, etwas ganz entschieden Unromantisches an. Brieftauben sind doch eindeutig romantischer gewesen als ein Postwagon der Eisenbahn, ein radelnder Briefträger romantischer als ein Auto fahrender, aber dieser immer noch romantischer als eine Email oder SMS und bitteschön: ohne Frage kann alles das wohl nicht mithalten mit dem romantischen Hochgefühl das ein Liebesbrief hinterlässt, den ein reitender Bote über feindliche Grenzen geschmuggelt hat… oder aus Gefängnismauern. Glaubt mir: wenn ich die Wahl und die Mittel hätte – ich würde jede meiner Notizen durch einen berittenen Boten zu Euch nach Hause bringen lassen, ehrlich! Da kämen sie dann an bei Euch, als goldene Bullen mit Siegel und Schnur, verfasst mit geheimer Tinte auf Pergament.

Aber im Ernst: es ist ein Wesensmerkmal romantischer Visionäre, dass sie immer auch ein schwer integrierbares Faible für die Technik hatten. Nehmen wir Ludwig den II. – als Musicalkomponist erlaube ich mir ihn aus dem Kontext der Geschichte in die poetische Ebene der Legende zu erhöhen. Der Kini also ließ sich zu einer Zeit, als in New York die ersten Wolkenkratzer hochgezogen wurden, Schlösser aus alten Zeiten und neuen Träumereien erbauen – und war dennoch voller Begeisterung für die technischen Möglichkeiten, seine Phantasien Realität werden zu lassen. Meine Begeisterung für technische Neuerungen hat sich ursprünglich aus den technischen Notwendigkeiten der Filmvertonung ergeben. Und ich geb es offen zu: ich gehöre zu den Kindsköpfen die sich begeistert in Gravisstores und Appleshops rumtreiben und über neue iPhone Apps ins Schwärmen geraten.

Der Altersgruppe, die sich pausenlos im Netz tummelt bin ich sicherlich entwachsen, und manches ist mir auch immer noch sehr fremd – aber trotzdem: ich finde spannend was da passiert und auch welche politischen Möglichkeiten sich daraus ergeben können.
Wie bitte sollen wir der Medienmeinungsmache trotzen, wie anders eine wirksame Gegenöffentlichkeit schaffen, wie sie schon Ende des letzten Jahrhunderts Ignazio Ramonet in Porto Allegre gefordert hat, wenn nicht über weltweite unzensierte Kommunikation.
Im Iran haben wir gerade gesehen, wie eine neue Generation von Aktivisten sich mit Hilfe des Internets organisiert und ein brutales Regime effektiv unter Druck setzen kann.

Und mit Hinter-den-Schlagzeilen versuche ich seit fast 10 Jahren Artikel zu vernetzen, die der allgemeinen Verblödung entgegenwirken.

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