Es ist ein stilles Singen in den Dingen

 in FEATURED, Poesie

„Und erst die Flüsse! Was tragen sie nicht alles mit an altem Wissen und ungelebten Möglichkeiten.“

Konstantin Wecker bezeichnet sich in diesem Ausschnitt aus seinem Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbar“ als „spiritueller Anarchist“. Ein Widerspruch? Keineswegs, denn die Ahnung von einer „wirklicheren Wirklichkeit“ befreit uns im besten Fall von der verinnerlichten Pflicht, als Unterworfene zu funktionieren. Eine kleine Betrachtung über Dinge, Natur, Poesie, Sich-treiben-Lassen und Im-Augenblick-Sein.  Konstantin Wecker

Schließlich verschwinden die Bilder
und es bleiben die Dinge:
nicht mehr berührbar beschaubar
unschuldig werden
Worte und Mensch.

Es ist ein stilles Singen in den Dingen
und eine sanfte Zärtlichkeit
wenn man sich nur aufmacht
hinzuhören.
Bäume schreiben seit Jahrmillionen Gedichte
sie schreiben sie in die Lüfte
und lassen sie forttragen von den Winden
und auch sie fangen nur auf
was schon alles bereit liegt
seit Ewigkeiten
vergraben im Schlamm
versteint in den Felsen
umspült von den Ozeanen
im Feuer der Vulkane verbrannt
und aus Asche wieder auferstanden.
Alles ist schon geschrieben
alle Wahrheiten und Weisheiten
und es will nur wiedergefunden werden.
Jeder Ton ist schon erklungen
jede Melodie schon gesungen
jeder Vers schon geschmiedet.
Und erst die Flüsse!
Was tragen sie nicht alles mit
an altem Wissen
und ungelebten Möglichkeiten
was raunen sie uns nicht alles zu
wenn wir erst bereit sind zu fließen mit ihnen
oh ja

ich bin ein bekennender Flussschwimmer,
ein hemmungsloser Sich-Treiben-Lasser
schon als Kind
hab ich mit den vorbeifließenden Ufern
der Flüchtigkeit des Seins mein Herz geöffnet
Was hab ich doch gejauchzt im kühlen Wasser
meiner geliebten Isar
der isaria rapida
was für eine helle Freude war das!
Die Freude eben
die allem und allen innewohnt
und der man erst begegnet
wenn man sich vergisst.
Wenn man sich fließen lässt in der Zeit
die verschwindet
weil sie zur Gegenwart wird.
Wie gerne sehe ich Tieren zu
geschäftigen Hunden zum Beispiel
oder Katzen
die sich im Sonnenlicht putzen
keine Schatten der Vergangenheit lasten auf ihnen.
Ja, auch sie müssen kämpfen ums Überleben
aber alles was sie tun
tun sie voll Inbrunst und Hingabe
und niemals halbherzig
es sei denn
wir versuchen ihnen zu befehlen
uns Untertan zu sein.

Dann verkrüppeln wir sie
und zwängen ihnen unsere Unfreiheit auf.
Wir machen uns die Erde untertan
und könnten uns doch so bereichern
an ihrer Vollkommenheit
und unendlichen Weisheit
wenn wir ihr nur zuhören würden
anstatt sie zu knechten
zu zerstückeln
anstatt ihr die Gedärme aus Profitgier herauszureißen.
Wer hier spricht ist kein Weiser
kein Unfehlbarer
kein Gesalbter
hier spricht ein Irrender
Suchender
Zerrissener
Fehlerhafter
der den Widerspruch
zwischen der so genannten Realität
und der eigenen Erfahrung der Wirklichkeit
nicht mehr erträgt.
Hier spricht nur jemand,
der wie alle anderen Wesen dieses Universums
eine Ahnung davon hat
dass es eine wirklichere Wirklichkeit gibt
als die,
die uns unser Verstand vorbestimmt
und als Realität vorgaukelt.
Ein spiritueller Anarchist?
Na und!

Konstantin Wecker:

Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand

Gütersloher Verlagshaus

144 Seiten, € 15,-

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