Filmtipp aktuell: Was suchen deutsche Waffen in Kurdistan?

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Die Dokumentation „Die Wege des Stahls. Deutsche Waffen im Orient“ von Ahmad Klij. Foto: phoenix

Früher hat Ahmad Klij oft seiner Großmutter beim Nähen zugeschaut: „Als ich Kind war, hatte jede Familie in meiner Stadt eine Nähmaschine“. Seine Oma habe „die beste Maschine gehabt“, eine echte Pfaff, deutsche Wertarbeit. „Damals wusste ich nicht, dass Menschen in meiner Stadt irgendwann durch deutsche Maschinen sterben würden“, erzählt Ahmad Klij am Anfang seines Films und dem Zuschauer stockt der Atem. Nach seiner Flucht aus Syrien vor vier Jahren musste der kurdische Filmemacher am 20. Januar 2018 im Exil in Hamburg im Fernsehen mit ansehen, wie die türkische Armee den autonomen Kanton Efrîn in Nordsyrien angreift, den westlichsten Teil der rätedemokratischen, multiethnischen und selbstverwalteten Gebiete von Rojava im Norden Syriens. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg mit deutschen Waffen, durch die auch viele Bewohner*innen seiner Heimatstadt getötet wurden, war der Auslöser für Ahmad Klij, sein Webvideo „Die Wege des Stahls. Deutsche Waffen im Orient“ zu drehen. Ein wichtiger und berührender Film, den man angesichts aktuellen völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der türkischen Armee auf das gesamte autonome Gebiet Rojava in Nordsyrien unbedingt sehen sollte. Achtung: Am Samstag finden bundesweit Demonstrationen gegen den Krieg statt: Solidarität mit Rojava! (siehe bitte Infolink am Ende des Artikels) Michael Backmund

An seinem Geburtstag am 20. Januar 2018 begann der Krieg: Mit dem schwersten Luftbombardement, das die Republik Türkei seit ihrer Gründung je ausgeführt hat. Ankara setzte an diesem Tag 72 Kampfflugzeuge ein, nahezu ein Viertel seiner gesamten Luftwaffe. Danach rollten die deutschen Panzer. 58 Tage dauerte der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des türkischen Staates und endete mit der bis heute andauernden Besatzung von Efrîn. Die Bilder deutscher Leopard-II-Panzer in den Olivenfeldern seiner Kindheit und in seiner Heimatstadt waren für den jungen Journalisten und Dichter ein „Wendepunkt“: Ahmad Klij startete seine dokumentarische Spurensuche nach den teils verschlungenen Wegen deutscher Waffen in den Nahen Osten. Und die begann bereits bei der Unterstützung des türkischen Völkermordes an der armenischen Bevölkerung. Auf seiner Spurensuche spielt der Hamburger Hafen eine Schlüsselrolle: Von hier wird ein Großteil der deutschen Waffenexporte konkret abgewickelt, so auch die Lieferungen deutscher Leopard-II-Panzer für die Türkei, mit der die türkische Armee nun auch ihren zweiten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf Rojava vorbereitet.

Ahmad Klij interviewt Magdalene Mintrop, die sich seit vielen Jahren gegen Rüstungsexporte engagiert. Foto: Jey Omaraya

„Im Exil trifft der Journalist aus Syrien auf Aktivist*innen und Politiker*innen, die sich gegen Waffenexporte einsetzen. Dabei zeigt sein Webvideo wie weit die Tradition deutscher Waffenexporte in den Orient schon zurückreicht“, heißt es weiter in der Filmankündigung. „Auch nach dem Mauerfall, so erfährt Klij, haben deutsche Waffen den Hamburger Hafen verlassen, – damals waren es noch Waffen aus Beständen der NVA, die Richtung Türkei exportiert wurden.“ Seit März 2018 hält die Türkei die Stadt und den gleichnamigen Kanton Efrîn, im Deutschen meist Afrin geschrieben, gemeinsam mit islamistischen Terrortruppen besetzt. Sie töteten mehr als 2500 Menschen und rund 300.000 Kurd*innen sind aus der Region vertrieben worden. Und der Film zeigt die weitere Entwicklung: „Jetzt baut die Türkei eine Mauer an der Grenze zu Afrin. Menschen, die aus Afrin vertrieben worden sind und nun in den Lagern der Umgebung leben, sprechen in dem Webvideo darüber, welche Gefühle es bei ihnen auslöst, den Mauerbau um Afrin erleben zu müssen. ‚Der deutsche Schriftsteller Herman Hesse hat einmal geschrieben, dass man in den Orient fahren muss, wenn man nach Geist und Gefühl sucht. Aber was suchen die deutschen Waffen heute im Orient?’, fragt sich Ahmad Klij während er den Hamburger Hafen beobachtet – einer der größten Umschlagsorte für Waffenexporte aus Deutschland.”

Demonstration in München gegen Krieg und deutsche Waffenlieferungen in die Türkei. Foto: anfdeutsch.com

Die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten haben gemeinsam mit den multhiethnisch zusammengesetzten  den IS besiegt, eine basisdemokratische Selbstverwaltung in Rojava im Norden Syriens aufgebaut, die zu einer multiethnischen Perspektive und Hoffnung in der ganzen Region geworden ist. Insbesondere auch für Frauen, denn das rätedemokratische System versteht sich explizit als feministisch und fördert die Partizipation von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Heute leben dort Kurd*innen gemeinsam mit Araber*innen, Ezidi*nnen, assyrischen Christ*innen und weiteren enthnischen Minderheiten der Region. Damit ist Rojava eine Hoffnung für viele Menschen in der gesamten von Krieg zerstörten Region geworden. Der nun erneut angekündigte völkerrechtswidrige Angriffskrieg des türkischen Staates, der nach Medienberichten den zynischen Namen „Friedensfrühling“ tragen soll, muss deshalb unbedingt verhindert werden. Denn die Folgen für die dort lebenden Menschen, aber auch die gesamte Region und die Welt dürften verheerend sein und ein Wiedererstarken des IS und des islamistischen Terrors befördern. Für den Sieg gegen den IS sind allein von den kurdischen Selbstverteidigungseinheiten YPG und YPJ sowie den Demokratischen Kräften Syriens (QSD), in der auch viele Araber*innen,  Angehörige ethnischer Minderheiten der Region und Internationalist*innen kämpfen, rund 11.000 Kämpfer*innen gestorben sowie tausende verletzt worden. Mit einem Angriffskrieg der türkischen Nato-Armee droht ein Massaker in Rojava. Und erneut wären deutsche Waffen an diesen Kriegsverbrechen beteiligt.

Die Dokumentation Die Wege des Stahls. Deutsche Waffen im Orient von Ahmad Klij (phoenix/Hamburg Media School 2019, 14:32 min) kann man direkt bei phoenix im Internet unter folgendem Link anschauen:

https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/die-wege-des-stahls-a-1294365.html

und Infolink zu den bundesweiten Antikriegsdemonstrationen am Samstag, 12. Oktober 2019:
https://anfdeutsch.com/aktuelles/kon-med-ruft-zu-massendemonstrationen-am-samstag-auf-14505

auf phoenix läuft der Film am 4. November 2019 um 16.45 Uhr.

Produziert wurde der Film über deutsche Waffenexporte vom Reportage- und Dokumentationssender phoenix im Rahmen eines aktuellen Projekts: 30 Jahre Mauerfall und die Wiedervereinigung sowie der 70. Jahrestag der DDR-Gründung waren Anlass für die Webvideo-Reihe „#deutschland 3x anders. Wie Exil-Journalist*innen Deutschland erleben“. Entstanden sind die drei Webvideo-Reportagen in Zusammenarbeit mit der Hamburg Media School und dem Sender phoenix. In den drei Dokumentarfilmen gehen junge, geflüchtete Medienschaffende aus Syrien auf Spurensuche nach Überbleibseln gesellschaftlicher „Grenzmauern“ innerhalb des heutigen, wiedervereinten Deutschlands: „Dabei präsentieren sie einen anderen, besonderen und oftmals überraschenden Blick auf Deutschland. So beleuchtet „#deutschland 3x anders“ auch kaum beachtete Berührungspunkte zwischen den Schicksalen von Flüchtlingen aus dem syrischen Kriegsgebiet mit den Grenz- und Fluchterfahrungen in der deutsch-deutschen Geschichte“, so die Projektidee.

Zu weiteren Filmen der Webvideo-Reihe #deutschland 3x anders:

„Identitäre“ – Die neuen Nazis?“
https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/identitaere—die-neuen-nazis-a-1294355.html
und
„Der General und die NVA-Deserteure“
https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/der-general-und-die-nva-deserteure-a-1294340.html

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