Gerechtigkeit – ein Baustein für die Rückkehr ins Paradies:

 In Allgemein, FEATURED, Politik

Wir Menschen tragen eine tiefe Sehnsucht in uns; eine Sehnsucht nach einem vollen, geglückten Leben. Diese Sehnsucht können wir nur ausleben, wwnn wir in herrschaftsfreien Verhältnissen leben. Vor 5000 Jahren sind jedoch mit der Entwicklung des Kapitalismus Herrschaftsstrukturen enstanden, die die Entfaltung der Menschen behindern und die Menschheit an den Rand des Kollapses gebracht haben. Wenn wir in Fülle leben (und als Menschheit überleben) wollen, dann müssen wir Herrschaft, Kapitalismus und Patriarchat hinter uns lassen. Dazu braucht es drei Bausteine: mehr Achtsamkeit mit uns selbst, die Pflege von authentischen Verbindungen zwischen uns Menschen und eine neue Wirtschaftsordnung.  Auszug aus „Herrschaftsfrei leben!“, erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop. Markus Pühringer

Warum eine Revolution der Zärtlichkeit? Warum eine zärtliche Revolution? Weil wir die Harten und Unerbittlichen, die Mächtigen und Uneinsichtigen, die Herrschenden und uns Beherrschenden nie mit ihren eigenen Waffen schlagen werden.
Ihrer ist das Weltenreich und ihrer ist das Wissen um die Beherrschung der Todesinstrumente, des Kriegerischen, des gewalttätigen Kampfes. Ihrer ist das Wissen um Bestechung und Unterdrückung, Gewinnmaximierung und Unterschlagung. (…)
Und deshalb versuchen sie die Zärtlichen und Sanften, die Unsicheren und Zuhörenden, die Stillen und Verrückten, wo auch immer sie können zu verlachen und zu denunzieren. Und all ihr Sehnen und Hoffen und Handeln ins Lächerliche zu ziehen.
Und das sollten wir nie vergessen: Die Mächtigen haben panische Angst vor den Ohnmächtigen, denn sie zeigen ihnen, wie sinnlos ihre Macht ist.  (Konstantin Wecker)

In vorigen beiden Kapiteln ging es darum, was wir im Bereich der Entfaltung des Geistes und der Verbundenheit tun können, um von der Schmerzgrenze wieder in Richtung paradiesische Zustände zu kommen. In diesem Kapitel widme ich mich nun der ökonomischen und politischen Sphäre.

Die allermeiste Zeit der Menschheitsgeschichte haben Menschen das allermeiste, was sie fürs Leben brauchten, (mit tatkräftiger Unterstützung von Mutter Erde) in überschaubaren Gemeinschaften selbst hergestellt. Subsistenzwirtschaft war der Normalfall.

Diese grundlegende Subsistenzwirtschaft wurde häufig durch Tauschwirtschaft ergänzt. Diese Form des Wirtschaftens orientierte sich an der Formel:

W-W bzw. W-G-W

Karl Marx spricht von der „reinen Zirkulation“. Erst durch den Tauschhandel werden Produkte zu einer Ware (W). Im reinen Tauschhandel werden Waren (W) gegen andere Waren (W) getauscht. Manchmal wurde für den Tausch Geld (G) verwendet. Es fungierte als reines Tauschmittel.

Mit der Entstehung und Durchsetzung des Kapitalismus hat sich dieser Zusammenhang radikal verändert: Per Definition muss sich im Kapitalismus das eingesetzte Kapital (leistungslos) vermehren. Im Prozess von Produktion und Zirkulation muss die Reichtumsprämie erwirtschaftet werden. Kapital/Geld muss wachsen. Durch die Wachstumsdynamik des Geldes wurde Geld zum bestimmenden Faktor. Aus der Subsistenzwirtschaft (mit Tauschhandel) wurde eine kapitalistische Wirtschaft. Diese dreht sich im Kern um die Formel

G-W-G´

Geld (G) wird in den Prozess der Produktion investiert, um über die Verwandlung in Ware (W) zu mehr Geld (G´) zu werden. Aus der Perspektive der KapitalistInnen wird aus „Geld“ „mehr Geld“. Sie erhalten die leistungslose Reichtumsprämie.

Die Durchsetzung der Reichtumsprämie hat die Welt von Grund auf verändert:

• Die Reichen erhalten diese Prämie ohne jede Gegenleistung. Wie schon gesagt, halte ich das für den zentralen Skandal des Kapitalismus. Die Reichtumsprämie schafft die Grundlage für Herrschaft und sichert die Macht der Herrschenden langfristig ab.
• Das kapitalistische Wirtschaftssystem hat einen systemimma- nenten Wachstumszwang. Aus „Geld“ muss „mehr Geld“ werden. Hartmut Rosa spricht richtigerweise davon, dass sich dieses System nur „dynamisch stabilisieren“ kann. Nur wenn die Wirtschaft immer weiter (exponentiell) wächst, bleibt sie vorerst stabil. Langfristig muss sie freilich in einer
endlichen Welt immer wieder an Grenzen stoßen.
• Unser Wirtschaftssystem verteilt systematisch von den Konsu- mentInnen zu den KapitalistInnen um. Weil die Wachstumsrate der Wirtschaft im Normalfall unter der Wachstumsrate des Geldes liegt, konzentriert sich der Reichtum systemisch bedingt in immer weniger Händen. Die Ungleichheit wird zwangsläufig immer größer.

• Unser Wirtschaftssystem verbraucht mehr und mehr natürliche Ressourcen. Der Verbrauch an fossilen Rohstoffen, Land und Produkten wie seltenen Erden steigt in exponentiellem Ausmaß. Das verursacht eine gewaltige ökologische Katastrophe.
• Damit in unmittelbarer Folge steht die Auswirkung, dass global
immer mehr Schadstoffe in Luft, Land und Meere abgegeben
werden. Erderhitzung (oft beschwichtigend „Klimawandel“ genannt), Umweltverschmutzung und Artensterben dramatisieren die ökologische Krise.

Der Prozess der permanenten Kapitalvermehrung hat dazu geführt, dass in den reichen Ländern des Nordens ein historisch einmaliges Wohlstandsniveau erreicht wurde. Dies besteht jedoch zu einem guten Teil auf Kosten der globalen Bevölkerungsmehrheit und auf Kosten der Natur.

Hoffnung auf den Kollaps?

Es gibt also eine Reihe von Gründen, die dafür sprechen, dass das kapitalistische Zeitalter in absehbarer Zeit an sein Ende gelangen wird. Auf einer Erde kann nichts unendlich wachsen. Das ist eigentlich eine banale Selbstverständlichkeit.

• Die Wirtschaft kann nicht einfach immer weiter wachsen. Unsere Wirtschaftsweise verschlingt immer mehr natürliche Ressourcen. Die sind alle endlich. Besonders bedrohlich könnte für unser Wirtschaftssystem die Verknappung von fossilen Energieträgern sein (Öl, Gas, Kohle), weil unsere Wirtschaft auf die Verfügbarkeit von billiger Energie angewiesen ist. Es ist davon auszugehen, dass unsere Generation den Höhepunkt der Fördermenge bei Öl und Gas erlebt. Dann werden sich – trotz aller Bemühungen um alternative Fördermodelle, die ihrerseits große ökologische Schäden anrichten (Ölsande, Fracking, …) – diese Energiequellen spürbar verteuern. Was für Öl und Gas gilt, gilt ja prinzipiell für alle stofflichen Ressourcen. Sie sind nur endlich vorhanden. Spätestens seit den Berichten des Club of Rome in den 1970er Jahren sollten wir wissen, dass es Grenzen des Wachstums gibt.

• Die Wirtschaft kann nicht einfach immer weiter wachsen. Unsere Wirtschaftsweise produziert viel zu viel Schmutz. Ein markanter Indikator ist der CO2-Ausstoß. Trotz vielfacher Bemühungen und trotz vieler Klimakonferenzen ist es nicht gelungen, den globalen CO2-Ausstoß zu reduzieren. Im Gegenteil: Er wächst und wächst und wächst. Weil unsere  Wirtschaftsweise sehr eng an die Nutzung fossiler Energieträger gekoppelt ist, steigt das Abfallprodukt CO2 mit steigendem globalem Wohlstand ebenfalls mit. – Und das, obwohl wir wissen, dass eine globale Klimakatastrophe naht, wenn wir die Treibhausgase nicht radikal senken.
• Die Wirtschaft kann nicht einfach immer weiter wachsen. Es gibt auch systemimmanente Gründe dafür. Die Reichtums- prämie bewirkt eine riesige Umverteilung von den KonsumentInnen zu den KapitalbesitzerInnen. Weil die KapitalbesitzerInnen in der Regel eine niedrigere Konsumquote haben, ist systemische Unterkonsumption (bzw. Überproduktion) der Normallfall im Kapitalismus. Eigentlich sollte das zum „tendenziellen Fall der Profitrate“ (also zum Fall der Reichtumsprämie) führen. Das wollen die Herrschenden aber unter allen Umständen verhindern. Schon im 19. Jahrhundert hat Marx wesentliche Strategien gegen den Fall der Profitrate genannt: stärkere Ausbeutung, Verschuldung, Außenhandel, usw. Seit der letzten großen Wirtschaftskrise im Jahr 2007/08 werden diese Strategien um eine weitere ergänzt: Die Zentralbanken der großen Wirtschaftsräume pumpen billiges Geld in die Finanzwirtschaft. Was wir derzeit in der globalen Real- und Finanzwirtschaft beobachten können, erinnert in vielerlei Hinsicht an ein globales Pyramidenspiel. Ein Pyramidenspiel geht nur so lange gut, als der Zufluss von immer neuem Kapital gegeben ist. Ich vermute, dass der Kipppunkt in diesem Pyramidenspiel bald erreicht wird.

• Die Ungleichheit kann nicht immer weiter steigen: Irgendwann einmal wird die Gefahr von gewaltsamen Revolten zu groß. Das Anwachsen von terroristischen und gewaltbereiten Bewegungen (wie es z.B. heute im Nahen und Mittleren Osten zu beobachten ist), ist meines Erachtens auch als eine Reaktion auf die wachsende Ungleichheit zu verstehen. Wenn die Eliten immer reicher und mächtiger werden und eine große Zahl von (jungen) Menschen (v.a. Männern) kaum eine attraktive Perspektive hat, ein zufriedenes Leben zu führen, so sind in der Folge offenbar einige von ihnen auch bereit, mit zerstörerischer Gewalt gegen dieses System vorzugehen. Die Tragik ist dabei eine doppelte: Erstens wird durch Terror viel Leid erzeugt. Und zweitens richtet sich der Terror gegen konkrete Menschen. Das System (die Herrschaft) an sich kann sich weiter im Verborgenen halten und bleibt weiter bestehen. Ja, in aller Regel reproduzieren terroristische Bewegungen die hierarchischen Strukturen und treiben sie noch auf die Spitze: Einer schafft an und Tausende folgen (oft bis in den Tod). Sollte die Prognose stimmen und das kapitalistische Herrschaftssystem – aus welchen Gründen auch immer – in sich zusammenkrachen, dann würde das in einem ziemlich chaotischen Prozess passieren; mit kaum prognostizierbaren Auswirkungen auf die globale Welt- und Finanzwirtschaft. Und es steht zu befürchten, dass ein solcher Prozess mit Gewalt und Krieg einhergehen würde. Also nichts, was man sich wünschen sollte. Ich bin daher der festen Überzeugung, dass wir – jedenfalls aus drei Gründen – nicht auf den Kollaps des Systems warten sollen, sondern schon hier und jetzt mit der Transformation beginnen.

1. Es geht uns schon im Hier und Jetzt besser, wenn wir unseren Geist entfalten und authentische Verbindungen zu unseren Mitmenschen pflegen.
2. Es wäre besser, wenn es uns Menschen – durch Einsicht – gesellschaftlich gelingt, die zerstörerische Dynamik von Herrschaft, Kapitalismus und Patriarchat zu beenden. Dann könnten die drohenden Begleiterscheinungen eines Kollapses (Krieg, Gewalt, ökologische Schäden) vermieden werden.

3. Selbst wenn der Kollaps nicht vermieden werden kann, braucht es für die Zeit danach eine Idee, wie wir es in Zukunft besser (friedlicher, sozialer, ökologischer, etc.) machen können. Der Kapitalismus hat in seiner Geschichte schon häufig bewiesen, dass er nach einem Kollaps das gleiche Spiel von vorne beginnen kann. Wenn wir aus diesem Kreislauf aussteigen wollen, müssen wir einige Systemregeln verändern.

Mehr Gerechtigkeit braucht die Welt

Meines Erachtens braucht es für den Umstieg von einer Herrschaftsgesellschaft zu einem herrschaftsfreien Zusammenleben drei wesentliche Maßnahmen im wirtschaftlich-politischen Bereich:

1. Gewinn von Lebensqualität & Verzicht auf Konsum: Weniger ist mehr. Wenn wir uns in Sachen Verbundenheit und Geistentfaltung von der Schmerzgrenze wegbewegen, werden wir ganz selbstverständlich immer öfter auf Ersatzbefriedigungen wie Konsum verzichten.
2. Reichtumsprämie abschaffen: Ich glaube, dass die Reichtumsprämie den Mythos der Heil bringenden Herrschaft begründet hat. Sie ist die zentrale Ursache für wachsende Ungleichheit, Wachstumszwang und Entfremdung. Daher sollten wir sie loswerden.
3. Globaler Vermögensausgleich: Die Abschaffung der Reichtumsprämie würde die weitere Konzentration von Reichtum und Macht verhindern, aber nicht die bestehende. Weil Reichtum global gesehen sehr konzentriert ist, braucht es eine globale Auflösung der Reichtumskonzentration.

Freilich: Die letzten beiden Maßnahmen sind unter den herrschenden Verhältnissen nicht umsetzbar, weil sehr mächtige Interessen dagegen sind. Dennoch ist es gut zu wissen, dass sie theoretisch möglich wären. Sie werden erst umsetzbar, wenn wir kollektiv nicht mehr an den Mythos der Heil bringenden Herrschaft glauben und ihn durch den Mythos vom Paradies ersetzt haben. Mit der erst genannten Maßnahme kann ein jeder und eine jede schon jetzt beginnen.

Weniger Konsum – mehr Lebensqualität

Unser kapitalistisches Zeitalter war und ist verbunden mit dem Versprechen nach dem Heil durch Konsum. Materieller Wohlstand ist für viele Menschen in der westlichen Welt der einzige Bereich, wo sie noch halbwegs zufrieden sind. Doch machen globale Krisentendenzen (Wirtschaftskrisen, Fluchtbewegungen, wachsende Ungleichheit) Angst. Viele Menschen haben fast panische Angst davor, dass das einzige, was zumindest kurzfristig noch Befriedigung bringt (Konsum) auch noch in Gefahr gerät. Nicht zuletzt deshalb suchen sie Zuflucht in reaktionären, nationalistischen Bewegungen, die diesen Wohlstand auf die „Wir“Gruppe (InländerInnen, ethnische oder religiöse Gruppen) konzentrieren will.

 

Markus Pühringer:

Herrschaftsfrei leben!

Wie wir Menschen durch Herrschaft, Kapitalismus und Patriarchat aus paradiesischen Zuständen vertrieben wurden… und wie wir wieder dahin zurückkehren können.

Planet Verlag

214. Seiten, € 19,90

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