Hineingestoßen ins Geistige

 in FEATURED, Spiritualität

Den Schattenseiten des Lebens, dem Leid, wollen wir uns nicht gern stellen. Meist wollen wir ihm lieber ausweichen. Aber hilft uns das wirklich? Ist das Leid, richtig verstanden, vielleicht kein »Absturz«, sondern eine Treppenstufe, die uns aufwärts führen kanndie wir jedoch keinesfalls einfach überspringen können? Konstantin Wecker hat gerade um das Jahr 1995 schmerzlich erfahren müssen, wie man vom Leben, aber auch von den Abgründen in der eigenen Seele, gebeutelt werden kann. Für ihn war dies auch ein wichtiger Schritt, um die lange eher schlummernde spirituelle Neigung wieder in sich zu entdecken. Eine Neugeburt stand an. Deren Geburtshelfer aber war – der Schmerz.  Konstantin Wecker

»Immer ist Ort und Stunde.

Immer bist du gemeint.

Und es ist jede Wunde

Einmal zu Ende geweint.

 

So viele Schritte gegangen

Egal wohin sie geführt.

Hauptsache angefangen

Ab und zu Leben gespürt.

 

Immer ist wieder und weiter

Immer – das bist du.

Die Tore öffnen, und heiter

Schreitet der Tag auf dich zu.«

 

Nun also hatte ich die mir fernste von allen nicht erworbenen Tugenden zu erwerben: die Geduld. Denn die alle Fasern des Seins durchdringende Freude konnte ich nicht mehr empfinden. Ich hatte dieses Gottesgeschenk einmal im Lied beschrieben: »Was macht sich heut die Sonne breit, sie stellt mich richtig bloß – mich lässt schon seit geraumer Zeit die Freude nicht mehr los …« – und es blieb mir nur noch die Hoffnung, dieses Gefühl wieder entdecken zu lernen. Erst zwei Jahre später sollte ich bei Paulus (Römer 5,3 f) lesen, wie »Drangsal Geduld bewirkt, die Geduld Bewährung, die Bewährung Hoffnung«.

Der Benediktinermönch und Zen-Buddhist David Steindl-Rast resümiert:

»Wird diese Kettenreaktion funktionieren können, wenn wir nicht von Anfang an zumindest etwas Hoffnung haben? Ich für meinen Teil benötige in der Drangsal ein bisschen Hoffnung, wenn ich nicht ganz und gar die Geduld verlieren soll. Richtig, aber diese anfängliche Hoffnung könnte immer noch eine großzügige Dosis Optimismus enthalten.« (David Steindl-Rast unterscheidet genau zwischen Optimismus und Hoffnung. Er hält den Optimismus für eine gefährliche Pose, da man, wenn man dumm genug ist, in ihm stecken bleiben kann, der Pessimismus dagegen neigt dazu, dermaßen unerträglich zu werden, selbst für Pessimisten, dass man sich mitten hinein in die Hoffnung katapultieren kann, wenn er nicht mehr auszuhalten ist.)

»Bewährung vor unserem Schicksal«, so Steindl-Rast weiter, »muss jeden Rest von Pose und Heuchelei in einem langsam brennenden Feuer läutern. Erst dann wird Hoffnung sich wirklich zeigen und über jeden Zweifel erhaben sein. Dieser Läuterungsprozess findet sich an wichtiger Stelle in jeder spirituellen Tradition.«

War dieses Spirituelle, eine tief im Herzens schlummernde Religiosität, mir früher immer ein selbstverständlicher Wegbegleiter gewesen, so wurde ich jetzt, nachdem ich dieses Urverstehen offensichtlich verloren hatte, durch eine zu hemmungslose Lebensweise verschüttet, wieder mitten hineingestoßen ins Geistige.

Denn was tut man, wenn man sich verlassen fühlt, von allem getrennt, mit dem man sich identifiziert hatte, körperlich und physisch aus jedem Gleichgewicht?

Man schreit nach innen um Hilfe, tief in sich hinein, und wer inbrünstig und innig genug fleht, wird dort auch seinen Gott entdecken.

Ich habe über diese wohl wichtigste Phase meiner ersten Entzugserfahrung wohlweislich geschwiegen. Zu gierig hätte man sich darauf gestürzt, danach hechelnd, mir esoterisches Abdriften oder irgendeine Sektenabhängigkeit als Folge meiner Sucht zu unterstellen. Und in der Tat ist es eine verbrecherische Seelenfängerei, geradezu ein seelischer Totschlag, wenn Sekten oder selbsternannte Gurus Menschen für die eigenen Zwecke einfangen in dieser hilflosen, für jede Handreichung dankbaren und gerade deshalb für die weitere Entwicklung so unendlich wichtigen Phase des Umbruchs, der Neugeburt des geistigen Wesens.

Andererseits halte ich es für wirklich notwendig, einem Süchtigen gerade im Moment des Zusammenbruchs darin beizustehen, die Augen für das Geistige zu öffnen, behutsam ihn zu ermutigen, einen Sinn darin zu finden, seine Seele zu entdecken.

Schon immer war in mir diese Ahnung, dass man sich die Seele erarbeiten müsse, dass sie nicht einfach ein Päckchen sei, beim Tode zu öffnen, wie ein Geburtstagsgeschenk fürs nächste Leben. Und in all meinen Texten und Liedern ist etwas zu spüren von diesem Ringen um die Seele, um den Sinn des Daseins, der sich nicht in Ruhm und Reichtum, Sex, Drugs and Rock and Roll erfüllen kann.

Diese Wahrnehmung des Geistigen ist, wie ich glaube, nur eine mögliche Wirklichkeit, und ihr geht immer eine Tat voraus, eine Wandlung, eine Verwandlung des bisherigen Lebens in ein geistiges eben.

Was für eine Gnade kann Krankheit sein, ein Misserfolg zur rechten Zeit, eine Trennung von einem geliebten Menschen, und meist kommt der Anstoß für ehrliche Seelenarbeit durch ein unvorhergesehenes Leid. (Wie C.G. Jung so tröstlich bemerkt, erspart ein kräftiges Leid gar an die 10 Jahre Meditation.)

Mir jedenfalls half es immer, die Verantwortung für mein Leid nicht abzuwälzen oder dem Zufall in die Schuhe zu schieben und eher dankbar zu sein für die Chance, herausgestoßen zu werden aus dem alten Trott, dem wieder mal verhärteten Weltbild.

 

Erstveröffentlichung dieses Textes in dem Buch »Es gibt kein Leben ohne Tod« (1999), das mittlerweile vergriffen ist.

Spirituelle Texte von Konstantin Wecker findet Ihr vor allem in  »Mönch und Krieger« (2014), erschienen im Gütersloher Verlagshaus. Erhältlich im Sturm und Klang-Shop.

 

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