«Hinter Sarkasmus verborgenes Leiden am Weltgeschehen»

 In HdS-Klassiker

Foto: RolandPohl

„Während man noch über eine gelungene Pointe kichert, beschleicht einen das Grauen über die ganz reale Gefahr, in der Demokratie und Menschlichkeit derzeit schweben.“ Konstantin Wecker erklärt in diesem Beitrag, was er an Satire und Kabarett schätzt. Er erzählt, wie er selbst zum intelligenten kabarettistischen Spottlied kam und wie ihm Weggefährten wie Dieter Hildebrandt dabei halfen. Zugleich wendet sich der Liedermacher gegen zu seichte „Comedy“ und rechtsgewendetes Scheinkabarett, hinter dem er „eine raffinierte Form systemstabilisierender Schmeichelei“ vermutet. (Konstantin Wecker)

Ich war in meinen Anfängen kein Kabarettist, aber meine ersten Gehversuche als Liedermacher  waren eng mit dem Kabarett verbunden. Immerhin absolvierte ich meinen ersten abendfüllenden Auftritt in den frühen 70er-Jahren in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Der legendäre Sammy Drechsel hievte mich damals auf die Bühne – wobei ich mir bis heute nicht sicher bin, ob er damals von meinen gewöhnungsbedürftigen „Sadopoetischen Gesängen“ oder doch eher von meiner durch langes Training merklich angeschwollenen Muskulatur begeistert war. 40 Leute saßen damals im Publikum, und ich erinnere mich noch, dass ich dachte: „Wenn ich mal alle 120 Plätze voll bekommen, dann habe ich es geschafft.“

Anspruchsvolle Künstler waren und sind anspruchslos, wenn es um den Zulauf des Publikums geht. Zu solcher Selbstbescheidung zwingt sie die Erfahrung, dass sich die ganz großen Menschenströme dann doch eher bei den Dieter Bohlens und Helene Fischers des Landes sammeln. Liedermacherkunst, Kabarett, Kleinkunst ganz allgemein brauchen kein großes Publikum, nur ein aufmerksames. Ein erstklassiger Kabarettist von nationaler Bekanntheit, wie es Dieter Hildebrandt war, ist ein seltener Glücksfall, und die schmale Schnittmenge zwischen Prominenz und Anspruch wurde immer nur von sehr Wenigen repräsentiert.

Dann war da natürlich noch Georg Kreisler, der geniale jüdisch-österreichische Klavierkabarettist, der seinen grimmigen Sarkasmus geradezu heimtückisch in süßlichen Walzertakt zu kleiden pflegte. Von Franz Josef Degenhardt lernte ich, dass es erstklassige sangbare Lyrik deutscher Sprache geben kann; Kreisler wiederum zeigte mir, dass dergleichen auch am Klavier möglich ist. So kreislerte es schon in meinen frühen Aufnahmen beträchtlich. Ich gab mich in meinen Liedern witzig, sarkastisch, makaber – nur tat ich mich anfangs schwer damit, mein Talent auf die Niederungen der Tagespolitik anzuwenden. Meine Kritik an den Verhältnissen verharrte anfangs noch im Anarchisch-Ungefähren.

Wiederum war es mein großer Freund Dieter Hildebrandt, der mich für das politische Kabarett gewann und mir half, meine ganz eigene Spielart des zeitkritischen Couplets zu entwickeln. Dieter beauftragte mich geradezu mit bestimmten Liedern, die ich im jeweils darauffolgenden „Scheibenwischer“ vorzutragen hatte. Er war auch der einzige, von dem ich mich hätte beauftragen lassen, denn meine Kreativität sperrt sich normalerweise gegen jeden Druck von außen. So entstanden Lieder wie „Vaterland“ (1979) und „Die Ballade von Antionio Amadeu Kiowa“ (1993) im engen Zusammenhang mit Kabarettsendungen Hildebrandts, wo sie dann auch uraufgeführt wurden. Auch an die mehrmalige Zusammenarbeit mit meinem wunderbar scharfzüngigen Freund Werner Schneyder – ein Reimkünstler erster Güte – denke ich gern zurück. Ein paar meiner Schneyder-Vertonungen wie „Joe“ und „Die Stadt wird kalt“, zeugen von meiner Bewunderung für dessen zündende Verse.

In späteren Jahren wurde der Kabarettist in mir sogar stärker – wie eine schalkhafte Teilpersönlichkeit, die sich im Lauf der Zeit immer mehr Raum nimmt. Wer meine Konzerte über mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte besucht hat, der wird festgestellt haben, dass die „Conférence“, die erläuternden Überleitungen zwischen den Liedern, bei mir immer breiteren Raum einnahm. Nicht zu Lasten der Musikbeiträge, meine ich, denn ein kluger, distanzierter Text lässt dem Hörer eine Atempause zwischen emotional vielleicht aufwühlenden Liedern – wie umgekehrt die Musik die Herzen in einer Weise öffnen kann, die im reinen Wortkabarett nur schwer zu erreichen ist.

Im besten Fall schließt die humorvolle Einleitung ein Lied auf, ohne es zu Tode zu interpretieren, gibt Raum für Ironie und Selbstironie und ein paar aktuelle Seitenhiebe auf das jeweils herrschende fragwürdige politische Personal. Schließlich erlaubt es Satire, sich in einem gewagten geistigen Drahtseilakt in die Psyche des Gegners einzufühlen, dem Spießer, dem Systemkonformen, gar dem Rassisten und Nazi eine Stimme zu geben und seine inhumane Haltung auf diese Weise entlarvend der Lächerlichkeit preiszugeben. Eine Technik, die übrigens mein Freund Gerhard Polt wie kein anderer beherrscht.

Kabarettistische Lieder erschienen mit den Jahren auf meinen CDs häufiger, wie überhaupt die direkte politische Stellungnahme heute größeren Raum einnimmt als früher. Es schien mir einfach durch die politische Lage geboten, verstärkt zu wüten, zu spotten und aufzuklären, ja aufzuwiegeln – und dies spätestens seit in den frühen 90er-Jahren erstmals in der Nachkriegsgeschichte Asylbewerberheime brannten. Meinen im typisch Weckerschen Pathos vorgetragenen ernsten Agitationsliedern wie „Sage nein“ und „Empört Euch“ standen immer auch leichtere Spottlieder gegenüber, in denen etwa ein Richter sein Schwänzlein sehen lässt, Börsianer aus Fenstern springen, die Kanzlerin mit kokettem Lächeln und tiefem Ausschnitt zu betören weiß. Vier Jahrzehnte der Bühnenerfahrung haben mir gezeigt, dass weder das Schwere noch das Leichte zu geballt auf ein Auditorium niedergehen sollten, dass vielmehr die richtige Mischung aus beiden ein gelungenes Konzert ausmacht. Die Reaktionen meines Publikums bestätigen mir das immer wieder. Und auch solche Erkenntnis verdanke ich letztlich den großen Kabarettisten und Musikkabarettisten, die persönlich kennenzulernen ich die Freude hatte.

Wer von Georg Kreisler, Dieter Hildebrandt und Hanns-Dieter Hüsch kabarettistisch sozialisiert wurde, der tut sich hinterher schwer, sich mit „Comedians“ zu begnügen. Ein tiefer Ernst und Anstand leuchtete aus diesen Persönlichkeiten heraus, ein hinter Sarkasmus nur unzureichend verborgenes Leiden am Weltgeschehen, das damals wie heute immer die Schlimmsten und Skrupellosesten nach oben spült. Politisches Kabarett scheißt nicht auf den größten Haufen der marktgerechten Mehrheitsmeinung, es pinkelt lieber unermüdlich den Großkopferten und Großspurigen ans Bein. Und dies aus tief empfundenem Mitgefühl mit den Abgehängten und Zu-kurz-Gekommenen der Gesellschaft – Hüsch nannte sie in einem unvergesslichen, von mir nur zu gern abgekupferten Ausdruck die „Seitlich Umgeknickten.“

Ein Kabarett, das die Machtlosen aus der Perspektive der Mächtigen verspottet, ist dagegen ein Unding. Systemkonforme Witzeleien gegen die Unterdrückten, wie sie sich im Zuge der fortschreitenden Nuhrisierung des deutschen Kabaretts etabliert haben, sind eigentlich die Verfallsform dieser schönen und wichtigen Kunst. Es war ja vorhersehbar, dass die Gegenseite versuchen würde, die Mittel des Kabaretts nun auch gegen uns zu wenden. „Gutmenschen“, „notorische Nörgler“, „Naivlinge“ – Witze über Menschen, die versuchen, sich für eine gerechtere Welt einzusetzen, sind so wohlfeil wie weit verbreitet. Da wird dann das Florett (oder die Keule) des Humors nicht mehr gegen den Krieg, sondern gegen die Kriegsgegner, nicht mehr gegen den Kapitalismus, sondern gegen die Kapitalismusopfer eingesetzt.

Aber das echte, das subversive Kabarett ist nicht so tot wie es viele der von ihm intelligent Verspotteten gern sähen. Und es ist so nötig wie eh und je. Der Blick auf die Geschichte zeigt: Der Prüfstein für die Meinungsfreiheit war und ist immer die Witzfreiheit. Wo man das Lachen einzusperren versucht, sperrt man auch Menschen ein. Umso bedenklicher war etwa  2006 der Vorstoß des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber, „schwere Gotteslästerung“ künftig schwerer und härter zu bestrafen.“ Es darf nicht alles mit Füßen getreten werden, was anderen heilig ist“, meinte Stoiber damals. Zum Beleg berief er sich auf den ausufernden Karikaturenstreit, der in muslimischen Ländern zu teilweise gewalttätigen Protesten führte. Der Schulterschluss zwischen muslimisch-fundamentalistischer und bayerisch-autoritaristischer Geistesenge beschwört allerdings den Alptraum eines Rückfalls in archaische Glaubensdiktaturen herauf. Die in der Verfassung fest geschriebene Meinungsfreiheit wäre dann de facto auf das für die religiöse und politische Obrigkeiten nicht Provozierende begrenzt.

Jeder Totalitarismus – also auch der Anspruch der Konzerne auf totale Präsenz ihrer Vermarktungsbotschaften im öffentlichen Raum – zeigt sich verwundbar, sobald man sein komisches Potenzial zutage fördert. Humor verhält sich ebenso subversiv gegenüber dem herrschenden Leistungs- und Perfektionsdrang. Der Schauspiellehrer und Clown Johannes Galli sagte: „Da der unerträgliche Druck, immer das Richtige tun zu müssen, alles Lebendige abtötet, hat der Clown den Käfig des Hochmuts für immer verlassen. Für den Clown markiert das Scheitern nicht das Ende eines Spiels, sondern der Anfang eines neuen. Im Moment seiner tiefsten Niederlage, entdeckt er eine neue Möglichkeit zu einer noch tieferen Niederlage.“

So gesehen bedeutet Clown-Sein eine durchaus vernünftige Form heiterer Demut, die Befreiung von Zwang, effizient sein zu müssen. Verglichen mit der Figur des Clowns, so scheint es, ist der immer Selbstbewusste, Trittsichere, den unsere Gesellschaft hofiert, nur zu feige, um sich selbst in seiner kreatürlichen, tragikomischen Unvollkommenheit anzuschauen. Aus dieser Angst heraus perfektioniert er eine Maske angestrengter Seriosität und Makellosigkeit. Gerade dadurch schleicht sich bei „seriösen“ Menschen die durch die Vordertür verjagte Komik oft durch die Hintertür wieder herein.

Ich habe schon lange eine sehr positive Einstellung zu den Narren, was sich in einigen meiner Textzeilen ausdrückte: „Wir brauchen Spinner und Verrückte“ oder „Ich habe Angst um die Kinder und Narren“. Schillernde Gestalten wie der Narr aus Shakespeares „King Lear“, Till Eulenspiegel oder Simplizius Simplizissimus prägen das Bild des Narren bis heute. Der subversive Charakter des Humors, gestützt durch die so genannte „Narrenfreiheit“, trat schon damals zutage.

Heute ist das Terrain „zulässiger Kritik“ zwar sehr weit gesteckt, doch die Zahl der Politiker, die sich durch gelungene Kritik, Karikatur und Satire in ihrem Handeln tatsächlich beeinflussen lassen, umso enger begrenzt. Man lässt sich – wie beim bayerischen Starkbieranstich – von milder Satire berieseln, die damit verbundene Kritik jedoch an einem Regenmantel aus Selbstgerechtigkeit abfließen, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Für die Bevölkerung dient populäre Satire als Ventil. Wenn „die da oben“ mal wieder tüchtig verarscht werden, verschafft dies den Lachenden ein eingebildetes Überlegenheitsgefühl, das ihre reale Machtlosigkeit wieder für einige Zeit erträglich macht.

So lieb mir auch viele aufrechte Protagonistinnen und Protagonisten des alljährlichen Nockerbergrituals und anderer eher harmloser Polit-Belustigungen sind – ich werde misstrauisch, wenn ich sehe wie sich Derbleckte und Derbleckende nach dem Ende der Vorstellung in trauter Eintracht miteinander ablichten lassen. Ich weiß dann immer nicht: liegt es an der großherzigen Toleranz der Politiker, oder habe diese wohlwollend stichelnden kabarettistischen Auftritte den Mächtigen einfach nicht weh genug getan.  Und müsste Kabarett nicht eigentlich wehtun, will es authentisch sein in einer Welt, in der Krieg, Überwachungsstaat, Lüge, Sozialabbau und die Ausplünderung der Vielen durch die Wenigen viele fröhliche Urstände feiern? Ein Georg Schramm z.B. ist immer ein sehr zorniger Mann gewesen, dessen brillante Tiraden vom Komisch-Indirekten schnell in Todernste und sehr Direkte umschlagen konnten. Während man bei ihm noch über eine gelungene Pointe kichert, beschleicht einen das Grauen über die ganz reale Gefahr, in der Demokratie und Menschlichkeit derzeit schweben.

Da merkt man, dass das Nachäffen von Politiker-Marotten tiefer gehende Analysen nicht ersetzen können, wie sie übrigens vom neuen „Anstalt-Team“ Max Uthoff und Claus von Wagner auf glänzende Weise geliefert werden. Es wird einem klar, dass gute Kabarettisten immer von einem unbehaglichen Standort außerhalb der befriedeten  Mehrheitsgesellschaft aus sprechen muss. Dass kritisches Kabarett niemals „eingebettet“ sein darf, will es mehr sein als eine raffinierte Form systemstabilisierender Schmeichelei. Eingebettetes Kabarett neutralisiert Wut indem es sie kanalisiert; unabhängige satirische Kritik dagegen erzeugt ein nachhaltiges Unbehagen, das im besten Fall in Aktionen gegen die Verwerfungen des Systems mündet.

Wenn man beobachtet, wie mühelos Satire und Kabarett in unserem System „repressiver Toleranz“ (Marcuse) verdaut werden, kann man die Aufregung mancher totalitärer Regime über den kritischen Witz kaum mehr verstehen.  Insofern war die Reaktion Erdogans, der wie ein Springteufel gegen den deutschen Satiriker Böhmermann wütete, ein Zeichen dafür, dass Satire noch politisch wirksam sein kann. Leider aber fühlte sich der türkische Präsident durch das krude Gedicht zwar getroffen, dieses war aber in keiner Weise treffend. Es ist mir zu viel „Spaßkultur“ und Gefallsucht an dieser Form der Provokation – der kalkulierte Skandal als Mittel, um den eigenen Bekanntheitsgrad auf Biegen und Brechen zu steigern. Sollte im gelungenen politischen Witz nicht irgendwo auch die Traurigkeit des Kabarettisten über eine in die Unmenschlichkeit abgleitende Welt mitschwingen?

Man spürt wenig davon bei den sich souverän und unverletzlich gebenden Protagonisten des heutigen Comedy-Booms, bei denen Pointe und Pose die Persönlichkeit fast vollständig verdecken. Derartige Komik ist der Karnevals-Büttenrede näher als dem satirischen Werk eines Karl Kraus, Kurt Tucholsky oder Erich Kästner.  Comedy lenkt ab, statt die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die Problemzonen unserer Gesellschaft zu lenken. Sie unterhält, ohne im Gedächtnis des Konsumenten lange vorzuhalten. Man mag an solchen Witzeleien Gefallen finden – auch ich habe mir in manchen Liedern nicht sehr tiefgründige Scherze erlaubt, die sich z.B. um das tiefe Decolleté Angela Merkels drehten, – nur sollte man sich des Begriffs „Kabarett“ in diesem Zusammenhang besser enthalten. Nicht jede Aneinanderreihung schnell zündender und ebenso schnell  wieder verpuffender Sketche kann in einem Atemzug mit dem „Scheibenwischer“ genannt werden.

Im besten Fall sollte Kabarett jenen Angst machen, die Angst immer und absichtsvoll in uns zu schüren versuchen. In Umberto Ecos Mittelalter-Roman „Der Name der Rose“ dient die Angst des Klerus vor der zersetzenden Kraft des Lachens als Aufhänger für eine rätselhafte Serie von Morden im Klostermilieu. Die (in Wahrheit verschollene) Komödientheorie des Aristoteles ist für den fanatischen Mönch Jorge die Ausgeburt des Satans, größte Gefahr für den geistlichen Frieden, der sich auf Angst gründet. „Was wären wir sündigen Kreaturen denn ohne die Angst, diese vielleicht wohltätigste und gnädigste aller Gaben Gottes? (…) „Wenn das Lachen die Kurzweil des niederen Volkes ist, so muss die Freiheit des niederen Volkes in engen Grenzen gehalten, muss erniedrigt und eingeschüchtert werden durch Ernst.“

Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wollen wir uns als Erniedrigte aufrichten, wollen wir als Eingeschüchterte wieder Mut fassen, so ist subversiver Humor eines der am besten geeigneten Werkzeuge. Wo uns angstgetriebener Ernst die Kehle schnürt, führt uns das beherzte Lachen in die Freiheit und in die Weite.  „Das macht mir Mut“ hieß ein programmatisches Lied von mir aus den frühen 80ern, und eine Zeile daraus lautet: „Geht auf die Straße, lacht sie aus, die Scheißtechnokratie!“

 

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