"Ich bin böse, und das ist gut so"

 in Medien, Politik (Inland), Roland Rottenfußer

HarteZeitenVon der „Umwertung aller Werte“, die Nietzsche in literarisch hochwertiger Sprache forderte, liefert die BILD-Zeitung gleichsam die Dieter-Bohlen-Version. Einfach die Sprache, raffiniert und perfide die Argumentatiosstrategie. Nicht mehr nur soziales Gewissen, Friedensliebe und Sensibilität werden hämisch diffamiert – die großen Bewusstseinsvergröberer der Springer-Presse legen ihre Axt jetzt sogar an die Wurzel aller Werte: den Wunsch, gut zu handeln. Roland Rottenfußer liest aus einem kleinen Text (und bei BILD gibt es nur kleine Texte) große Veränderungen im geistigen Klima der Nation heraus.

Es ist manchmal gut, die BILD-Zeitung zu lesen, sie herauszuziehen, wenn sie schmuddelig und verknüllt zwischen den Ritzen der S-Bahn-Sitze klemmt. Dann braucht man sie wenigstens nicht zu bezahlen und weiß doch, was läuft in der „normalen“ Welt. Man ist ja sonst versucht, es sich in einer Scheinwelt gemütlich zu machen, einem kleinen idyllischen Ausschnitt der Realität, in der alle „Hinter den Schlagzeilen“ oder „Nachdenkseiten“ lesen, die „Spießigeren“ im eigenen Bekanntenkreis vielleicht noch „Süddeutsche“ oder „Spiegel“. Man begreift sonst nicht, wie Wahlergebnisse zustande kommen, die aus Sicht von Wenig- und Normalverdienern geradezu autoaggressiv wirken. Warum statt Arbeiterbildung die Missbildung, die Deformation des Bewusstseins grassiert und sich Überwachungsstaat, Autoritarismus und Kriegslüsternheit von Ladenhütern zu Verkaufsschlagern unserer Zeit entwickeln konnten.

Einer der Exponenten volksBILDnerischer Meinungs-Einfalt ist Wagner. Nicht Richard, nicht Claus von, sondern Franz Josef Wagner. Seine Kolumne „Post von Wagner“ ist wahre Dichtung, denn in fast lyrischer Verdichtung komprimiert der Autor darin Sachverhalte auf ihre „Essenz“. Wir wissen schon lange, dass die Kürze von Texten der BILD-Zeitung praktische Gründe hat. Werke, die Briefmarkenformat überschreiten, würden die geistige Kapazität eines Leserkreises überschreiten, der sich durch andauernde Lektüre ebendieser Zeitung freiwillig einem nachhaltigen Schrumpfungsprozess ausgesetzt hat. Das wachstumsfromme Blättlein wurde so überraschend zum Exponenten einer „Degroth“-Bewegung, jedoch spezialisiert auf geistiges und ethisches Minuswachstum.

Franz-Josef Wagner beginnt einen seiner jüngsten literarischen Miniaturen mit der vertraulichen Anrede „Liebe Ursula von der Leyen“. Ein grundsätzliches kameradschaftliches Einverständnis zwischen dem Journalisten und der Politikerin wird darin angedeutet. „Sie haben nicht Schuld, dass unsere Bundeswehr ‚marode’ ist, kaputte Flugzeuge hat und Gewehre, die nicht zielgenau schießen.“ Was für ein erster Satz! Jedes Wort ist da wohl gesetzt. „Unsere Bundeswehr“ – das besitzanzeigende Fürwort suggeriert heimelige Zugehörigkeit wie in „Unsere Väter, unsere Mütter“, „Unser Walter“ oder „Uns’ Uwe“. Grundthese des Satzes ist: Die Bundeswehr ist zu schlecht ausgestattet, wir müssen um unsere Wehrfähigkeit bangen (wie uns unsere Wettbewerbsfähig ja permanent schlaflose Nächte bereitet). Die Folge der Schlamperei: Gewehre schießen nicht zielgenau. Um Himmels Willen, man stelle sich, vor, jemand schießt in ehrlicher Tötungsabsicht auf einen Afghanen oder Russen, und der Schuss geht daneben – das Subjekt bleibt unverstümmelt, windet sich nicht vor Schmerzen am Boden, bleibt gar am Leben. Wo kämen wir da hin? In einer anständigen Armee sollte der Spruch aus dem Ersten Weltkrieg gelten: „Jeder Schuss ein Russ’“

Dieser Missstand also, die mangelnde Tötungsfähigkeit „unserer Bundeswehr“ wird vorausgesetzt. Gesucht wird nun ein Schuldiger. Ursula von der Leyen ist es nicht. Wer sonst? Wir alle sind die Schuldigen. „Wir Deutschen von heute haben es nicht so mit den Waffen“. Subtilerweise deutete dieser Satz an, dass die Deutschen von gestern es durchaus mit Waffen hatten. In jenen goldenen Zeiten hielt man seine Waffen und überhaupt alles Militärische sehr wohl in Ehren, wie bestimmte rühmenswerten Ereignisse des 20. Jahrhunderts zeigen. Nicht so im lauen Nachkriegsdeutschland. Wagner wird nun persönlich und enthüllt ein schweres Kindheitstrauma: „Als Kind durfte ich nicht mit Bleisoldaten spielen. Selbst eine Spritzpistole war verboten.“ Normalerweise nimmt man an, Kinder würden durch den Krieg traumatisiert, in Wagners Kinderseele scheint dagegen der Zwang zu einer  ihm völlig wesensfremder Friedlichkeit Verwüstungen angerichtet zu haben An dieser Stelle kommt der mitfühlende Leser nicht umhin, ob des schweren Schicksals des kleinen Franz Josef ein Tränchen zu verdrücken. Warum also waren Kriegsspielzeuge für schießwütige Jungen verboten? „Mein Vater war in Weltkrieg II. gewesen“. Na so was. Der soll sich nicht so haben, der Softie! Aus nichtigen Gründen verwehrt so ein Wehrkraftzersetzer von einem Vater seinem Buben, auf natürliche Weise zum (schießenden) Manne zu reifen.

Wagners Leitmotiv ist also „Wir Deutschen nach dem Krieg“. Akribisch erforscht der Autor die tieferen, kollektiv-psychodynamischen Ursachen des desolaten Zustands „unserer Bundeswehr“. „Wir Deutschen nach dem Krieg kämpften für soziale Gerechtigkeit, Wohlstand für alle, Mutterschafts-Hilfe, Muttergenesungswerk hieß es. Der Beruf des Sozialarbeiters wurde geboren.“ Hier wird das Bild eines hoffnungslos verzärtelten Deutschland gezeichnet, einer „glückssüchtigen“ Gesellschaft, wie es Wagners Bruder im Geiste, Bundespräsident Gauck, ausdrückte. Anstatt sich tapfer dem eisigen Wind der Realität auszusetzen, sorgte sich der Nachkriegsdeutsche darum, wie es ihm – individuell und kollektiv – möglichst gut ging. Das hätter er nicht tun dürfen, denn auf dem Boden einer solchen Sozialpädagogen-Gesellschaft können keine wahren Kämpfer erwachsen, die sich auch in Zeiten bewähren, die von uns Härte, Opfer und Blut fordert. Ein Volk dessen Leitbild das Sanatorium oder die Psychoselbsthilfegruppe ist, statt – wie es sich gehört – das Schlachtfeld, verdient nichts anderes als von vitaleren Völkern von der Bühne der Geschichte gefegt zu werden.

Sich um Biber sorgen - das mag Hartkerl Wagner nicht

Sich um Biber sorgen – das mag Hartkerl Wagner nicht

Damit ist aber die Dekadenzkritik Wagners, die an Nietzsches Bild vom „letzten Menschen“ aus dem „Zarathustra“ erinnert, noch nicht am Ende. Noch Schlimmeres weiß der verbale Menschenstähler zu vermelden. Der waffenscheue Nachkriegsdeutsche in seiner weichlichen Kümmerermentalität nimmt sogar Tiere nicht aus. „Es gab Biber-Beauftragte, die sich um das Leben der Nager sorgten.“ Na, das wenigstens kann man einem BILD-Kolumnisten nicht anlasten: dass er sich um das Leben von Nagern sorgen würde. Biber sind eigentlich liebenwerte, geniale Tier mit geradezu landschaftsgestalterischen Fähigkeiten, agile Wanderer zwischen den Welten Wasser und Land. Biber sind in den letzen Jahren in Deutschland wieder stärker heimisch geworden. Zum Wohl des ökologischen Gleichgewichts überwiegend, da die von ihnen „angelegten“ künstlichen Tümpel für viele unterschiedliche Lebensformen wie Frösche oder Insekten Raum geben. Nur, manchmal kamen Biber den wirtschaftlichen Interessen von Waldbesitzern in die Quere. Oder von Forellenzüchtern, deren Teiche die Nager unverfroren abzapften.

Eine Biberhysterie grassierte, viele Tiere wurden abgeschossen (mit funktionstüchtigen Gewehren, nicht so untauglichen wie bei „unserer Bundeswehr“). Da wurden vom Umweltamt Biberbeauftragte ernannt, die versuchten, einen Ausgleich zwischen Tier und Mensch herzustellen, die Interessen der Privateigentümer von Wäldern und Flüssen zu wahren, ohne dass Biber getötet werden „mussten“. Ein berechtigtes Anliegen, eigentlich. Für Wagner ist das alles jedoch nur Öko- und Sozialkitsch. In einem alten Loriot-Sketch, einer fiktiven Polit-Talkshow, sagt ein Vertreter der Konservativen: „Es rechnet sich einfach nicht, jedem Laubfrosch hinterher zu quaken.“ Die Botschaft des Begnadeten Volkserziehers Wagner ist vergleichbar: Wenn jemand schon den Tod eines Bibers scheut, wie will er dann fähig sein, einen Menschen zu töten (oder seiner Tötung zuzustimmen), wo es ein Befehl oder die Kriegslogik verlangen?

Die nächsten Sätze Wagners nehmen eindeutig auf den von BILD-Autoren traditionell verachteten „Geist der 68er“ Bezug. „Es gab Frauen in Latzhosen.“ Oje, die weigerten sich womöglich, weite Röcke und Abendkleider zu tragen und waren somit eigentlich gar keine richtigen Frauen, ungeeignet in ganzen Kerlen Begehrlichkeit zu wecken. „Frauen in Buchläden, die seitenweise über ihre Orgasmen berichteten“. Naja, in einen Buchladen dürfte sich ein BILD-Leser ohnehin nicht verirren, es sei denn, um sich einen Sarrazin oder eine Bettina Wulff als Zweitbuch in den Schrank zu stellen. In einem Buchladen also stehen „Frauen“ – allein dies schon ein Begriff, den man ohne ironische Einfärbung kaum aussprechen kann. Und diese Frauen berichten „seitenweise über ihre Orgasmen“. (Wo? Verfassen sie ihre Berichte über Orgasmen während sie in den Buchläden stehen?) Eine dekadente Kultur übermäßiger Selbstbespiegelung und Introspektion wird da beschworen – in einer Zeit, die den Mann der Tat erfordert, den Finger immer am Abzug. Alle negativen Analysen über die 68er, von Ken Wilber bis hinunter zu Kai Dieckmann, sagen das übereinstimmend: Zu den schlimmsten Eigenschaften jener beklagenswerten Generation gehört übermäßiger Narzissmus. Bei denen geht es immer nur darum, wie sie (oder besagte Nager) sich fühlen, nicht mehr darum, was Volksgemeinschaft und die ehernen Zwänge globaler Verantwortung von uns fordern. Ein für Wirtschaft und Krieg funktionstüchtiger Deutscher muss all dies Weichliche, das beständige hypochondrische Wühlen in eigener Befindlichkeit in sich niederkämpfen, es ausmerzen mit der Wurzel. Front und Heimatfront brauchen Männer, keine jammerigen Stammkunden von Sexualtherapeuten.

Und überhaupt, der Sex: Wurde dessen Bedeutung von den Nachkriegsdeutschen (und ihrer Eskalationsstufe, den 68ern) nicht schon immer maßlos überschätzt? Wurden schmuddelige Lüste nicht allzu schamlos ausgelebt – auf Kosten bewährter Staatsbürgertugenden wie Disziplin und Selbstbeherrschung? Eine Gefahr für die Wehrfähigkeit wird da heraufbeschworen. Schon Wilhelm Reich wusste, dass Autorität und Orgasmus gegenläufige Kräfte sind, einander traditionell nicht wohl gesonnen. Der totalitäre Staat in Orwells „1984“ strebt nicht umsonst die Abschaffung des Orgasmus an: „Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo es keinen Orgasmus mehr gibt, werden auch die letzten noch vorhanden Vorurteile gegen die Prinzipien von INGSOC [Englischer Sozialismus, fiktive Ideologie in „1984“] überwunden werden.“ Lust ist bei den Mächtigen seit jeher unbeliebt, „weil man Frierende besser regieren kann (Konstantin Wecker). Wagners Botschaft scheint somit klar: Wenn der Staat seinen Untertanen nicht genauestens sagt, wofür er sie brauchen kann und wofür nicht, tun sie womöglich noch das, worauf sie selbst am meisten Lust haben. Merkt euch ein für alle Mal: Wir brauchen Killer, keine Don Juans, die sich in Betten wälzen und zuckend ihrer Lust frönen. Die einzige Entladung, die der gewachsenen Verantwortung Deutschlands in der Welt gerecht wird, ist der Gewehrschuss. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass Jäger und Soldaten beim Töten einen Orgasmus bekommen haben. Auch dieses Erlebnis haben die Nachkriegssofties unseren Jungs bis zum Kosovo-Krieg vorenthalten. Aber damit ist jetzt Schluss.

In Orwells „1984“ steht übrigens auch dieser Satz: „Der Krieg darf nicht gewonnen werden, sondern muss immer weiter gehen. Das Ziel moderner Kriegsführung ist die Zerstörung von Produkten menschlicher Arbeitskraft. Eine hierarchische Gesellschaftsordnung ist nur möglich auf der Grundlage von Armut und Unwissenheit.“ Für die Armut sorgen Staat und Wirtschaft zur Genüge, für die Unwissenheit ist seit Jahrzehnten die BILD-Zeitung zuständig. Das aber nur nebenbei. Ich wollte ja über Franz-Josef Wagner reden. Mehr und mehr werde ich durch die Lektüre seiner Werke zum Wagnerianer. Rhetorisch kann es so leicht keiner mit ihm aufnehmen. Wozu also das ganze Gedöns über Biber und Frauen in Latzhosen? Gegen Weichheit, Sensibilität und Introspektion will Wagner seine Leser offensichtlich einnehmen. Cem Özdemir, der Lieblingsgrüne der Kriegsindustrie, sagte ganz in diesem Sinn: „Auch die Kurden gehen nicht mit der Yogamatte unter dem Arm gegen die Islamisten vor, sondern mit Waffen.“ Da geht es gegen den spirituellen Zweig des von den 68ern ausgelösten Kulturwandels. Der Herr der Heerscharen verhüte, dass deutsche Männer mit Yoga-Stellungen Körper und Bewusstsein schulen, anstatt im Stellungskrieg der Bundesrepublik Afghanistan treu zu dienen und das Recht und die Freiheit der deutschen Konzerninteressen tapfer verteidigen. Die in Friedenszeiten gewachsene Verfeinerung des Bewusstseins wollen uns Wagner, Özdemir und Gauck austreiben. Kriegszeiten brauchen den Trend zur Vergröberung, und welches Presseorgan wäre dazu geeigneter als die verbalen Keulenschwinger von BILD?

Nun kommt Wagner aber zum bitteren Ende: „Über Kitas, die Kinderbetreuung, wurde emotional im Bundestag diskutiert. Über den Bundeswehr-Etat niemals.“ Erstens diskutieren anständige Abgeordnete nicht emotional, sondern kühl und sachlich; zweitens widmen sie sich, wenn sie schon unbedingt diskutieren müssen, nur den wirklich wichtigen Themen. Dazu gehört keinesfalls die Kinderbetreuung, wohl aber, dass deutsche Truppen künftig jeden abgelegenen Flecken der Welt mit ihren Springer-Stiefeln – sorry: Kampfstiefeln – platt treten. Wieder zeigt sich an diesem Vergleich die tiefe Entfremdung „des Deutschen“ von seinem Militär, ein Misstand, den zu beheben Wagner zu seiner vornehmsten Pflicht erkoren hat.

Am Ende richtet sich die Polemik des BILD-Kolumnisten aber nicht nur gegen die übergroße Sensibilität der Deutschen, sondern gegen den Begriff des Guten selbst. „Die Bundeswehr war so wie ein lästiger Verwandter. Wir Deutschen dachten, dass Gutsein eine Waffe ist. Gutsein ist wie Watte.“ Die Bundeswehr also sollte uns Deutschen keinesfalls „lästig“ sein, wir sollten freudig bei den Paraden am Straßenrand stehen und der kämpfenden Truppe zujubeln – wie unsere glücklicheren Vorfahren 1914 und 1939. Auch steht für Wagner außer Frage, dass wir eine Waffe brauchen, einfach, weil es bekanntlich dringend Krieg braucht und Krieg nur mit Waffen geführt werden kann. Nur sollte es eine taugliche Waffe sein, und Gutsein erfüllt dieses Kriterium nicht. Also muss das Gutsein verschwinden. Alles klar?

Begriffe wie „Gutmensch“ (übrigens eine Wortprägung aus der Nazi-Zeit) oder „Versteher“ (wahlweise der Frauen-, Islam- oder Putinversteher) sind zu Schimpfworten geworden, nachdem durch das diskriminierende Wortfeld „Warmduscher“, „Weichei“, „Schattenparker“ usw. zuvor ideologisch der Boden für eine Welle der emotionalen Verhärtung bereitet war. Diese Eigenschaften (Weichheit, Verständnis, das Bemühen um Güte), so lautet die Botschaft der medialen Härtebeauftragten, sind lächerlich, sind nur etwas für „Opfer“. Und genügend Menschen folgen ihnen darin, möchten lieber noch böse genannt werden als lächerlich wirken. Denn wer will schließlich in den Augen einer geistig-moralischen Autorität wie Franz-Josef Wagner als lächerlich dastehen?

Das Gute selbst anzugreifen ist die Königsdisziplin der medialen Propaganda, es ist gleichsam ihr finales Entwicklungsstadium. Denn „gut“ ist der Bezugswert aller anderen Werte wie „sozial“ „mitfühlend“ oder „sensibel“. Mitgefühl ist eine gute Eigenschaften. Wenn aber „gut“nicht mehr gut ist, mit welcher Begründung sollten wir dann noch das Mitgefühl hoch halten? Wenn es den Meinungsmachern gelungen ist, den Begriff „gut“ anzugreifen und im Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten einen Widerwillen dagegen zu erregen, dann können sie im zweiten Schritt alle von „gut“ abgeleiteten Werte mühelos abräumen. In wenigen Jahren werden Politiker dann offen verkünden können: „Ich bin böse, und das ist gut so.“ Ein von BILD sehr geschätzter, heute zu Unrecht vergessener Chansonnier namens Christian Möllmann reüssierte vor Jahren mit dem Lied „Es ist geil, ein Arschloch zu sein“. Auf ein derartiges Niveau können wie uns für die Zukunft schon mal einstellen. Sicher, mit „gut und böse“ ist viel Schindluder getrieben worden, speziell von den Religionen. Sicher, die Ideologiekritik, das „systemische Denken“, die Psychologie und ihre Lehre von der Projektion des Schattens haben uns gelehrt, vorsichtig zu sein mit einer holzschnittartigen Moral von „gut und böse“. Alles ist eine Frage der Perspektive. Das „gut“ des Einen ist das „böse“ des Anderen. Gerade Kriege (und Kalte Kriege) haben uns dies gezeigt.

Gegen Schwarz-Weiß-Malerei und Feindbilder habe aber gerade Wagner und Konsorten sonst nichts einzuwenden. Die moralische Entrüstung, die das Blatt gegen „Sozialschmarotzer“, Griechen, Russen, Muslime und andere unliebsame Gruppen gemeinhin aufbietet, zeugt von einem ausgeprägten (wenn auch nicht richtig eingenordeten) „moralischen Kompass“. Gegen welches „gut“ kämpft der BILD-Kolumnist also an? Dieses „gut“ umfasst alle Prämissen, die dem Handeln gesunder und liebesfähige Menschen gewöhnlich zugrunde liegen. Etwa die Annahme, dass Lebenlassen besser sei als Töten, Menschen zu helfen besser als sie zu quälen, sozial zu sein besser als unsozial, mitfühlend zu sein besser als achtlos usw. All diese Grundannahmen haben in der neuen Welt des permanenten Kriegszustands nichts mehr zu suchen. Es sind Relikte einer überholten Nachkriegsdekadenz. Ohne eine fundamentale Umwertung aller Werte waren Menschen noch nie kriegsreif zu schreiben. „Freiheit ist Sklaverei“ heißt es bei Orwell. „Gut ist böse, und böse ist gut“ wäre Wagners Variante. Denn Gutsein ist wie Watte, und Watte streichelt, pflegt und fühlt sich angenehm an. Was der neue Kriegsdeutsche (im Kontrast zum alten Nachkriegsdeutschen) braucht sind, dagegen spitze Gegenstände aus Metall, die den Körper des Feindes zerfetzen können.

Wagners Kolumne ist ein besonders abstoßendes Beispiel von Medienmanipulation. Sie hat uns aber auch, durch den Zerrspiegel seines hämischen Schreibstils, eine Welt gezeigt, die es zu bewahren und zu erneuern gilt: eine Welt, in der Menschen Nagetiere wichtig finden, ebenso wie Müttergenesungswerke, und in der sie gegen Waffen ein durch schmerzhafte historische Erfahrung bedinge tiefe Abneigung hegen. Eine Welt die zurückhaltend im Krieg ist, aktiv, mitfühlend und fürsorglich im Frieden. So ideal war auch die „alte Bundesrepublik“ nicht, war auch die Glanzzeit der „68er“ nicht, aber man hat sich seine Träume, seine Zuversicht, dass eine bessere Welt möglich ist, vielleicht damals nicht so leicht schlecht reden lassen von den Mietmäulern der Rüstungslobby. Die Wagners und Gaucks sind mit ihrer Desensibilisierungskampagne schon weit fortgeschritten, aber sie haben noch nicht die letzten Reste des von ihnen nur noch ironisch als „gut“ titulierten Bewusstseins auslöschen können.

Was jetzt Not tut, ist geistiger Widerstand, das offene und selbstbewusste Bekenntnis dazu, dass wir verwundbar bleiben möchten, weich und wo es geht gütig gegen Mensch und Tier. Dass wir lieber glücklich leben möchten als unglücklich, lieber in Frieden als im Krieg. Sonst wachen wir, nachdem wie die frühe Phase der systematischen Volksverrohung verschlafen haben, in einer Welt auf, in der sich alle Werte verkehrt haben. In der die Umkehrung eines bewährten Nachkriegsgrundsatzes zum Leitbild eines neuen dunklen Zeitalters wird: Nie wieder Frieden, nie wieder Demokratie. Ich bin mir der Unterschiede zwischen unserer Epoche und der Nazi-Diktatur durchaus bewusst. Aber zum ersten Mal beginne ich durch die neueste Entwicklung zu verstehen, was für mich lange unfassbar war: Wie es nämlich geschehen konnte, dass eine aufgehetzte Menschenmenge auf die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ jene überlieferte, eigentlich völlig widersinnige, selbstzerstörerische und lebensfeindliche Antwort geben konnten: „Ja.“

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