Kongenial: Bayerischer Punk trifft britischen Poeten

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Das Cover der britisch-bayerischen Kooperation: The Bavariations Album von Nick Toczek & Thies Marsen. Foto: www.nicktoczek.com/the-bavariatiations-album

So außergewöhnlich und phantastisch die Geschichte dieser britisch-bayerischen Künstler-Kooperation sich anhört, so kongenial und poetisch klingt das musikalische Ergebnis: The Bavariations Album heißt das erste große gemeinsame Werk des englischen Wortartisten und Performers Nick Toczek und des bayerischen Musikers und Songwriters Thies Marsen. Nach fast 30 Jahren, 1300 Kilometer voneinander entfernt entstanden und nach nur einer einzigen Live-Begegnung in Bradfort. Da haben sich offensichtlich zwei Seelenverwandte gefunden: Beide vom Punk geprägt, der eine fast 70, der andere fast 50, beide neben ihrer Liebe zur Musik und Lyrik auch  renommierte und engagierte Journalisten, die sich mit dem Nationalsozialismus und der aktuellen Bedrohung durch Neonazis und Rassisten seit Jahrzehnten intensiv auseinander setzen. Michael Backmund erzählt die Geschichte hinter dem Album.

War es Zufall? War es eine Fügung des Schicksals? Aber dazu später mehr. Am Anfang traf ein junger bayerischer Punk auf zornige britische Punk-Lyrik. Das war vor 30 Jahren: „Irgendwann Ende der 1980er fand ich auf einem Solidarität-mit-Nicaragua-Album einen Spoken-Word-Track des englischen Wortartisten Nick Toczek“, erzählt Thies Marsen: „Just for fun“ habe er dann damit begonnen, „das Gedicht mit Musik zu unterlegen“. Nick hatte seinen Spoken-Word-Track „Noo Yawk Chant/Sheer Funk“ als Opener eines Benefiz-Albums veröffentlicht, mit dem Geld für die sandinistische Bewegung in Nicaragua gesammelt werden sollte. Thies Marsen entdeckte das Album in einem Plattenladen im fernen München und war sofort von dem Track begeistert. „Die Wort-Performance von Nick war bereits so rhythmisch, dass es sich geradezu aufdrängte, das Gedicht mit einem Beat zu untermalen“, erinnert sich Marsen. Mit seinem ersten Computer-Musik-Programm (für Insider: damals noch Dos-basiert) unterlegte er das Gedicht mit Musik.

Und dann passierte erstmal gar nichts weiter. Monate vergingen, ab und zu tauchte der Track wieder auf und geriet wieder in Vergessenheit. Erst viele Jahre später schickte der Musiker und Songwriter Thies Marsen endlich seine Poem-Komposition per E-Mail an Nick Toczek und der war spontan begeistert: „Thies schickte mir 2010 eine E-Mail, in der er sich vorstellte und den Song anhängte. Ich liebte das, was er da kreiert hatte und antwortete ihm geradezu euphorisch. Das war der Anfang einer langen Reihe von E-Mails“, erinnert sich der Lyriker heute: „Schon in meiner ersten E-Mail fragte ich ihn, ob er daran interessiert sei, noch mehr Gedichte von mir zu vertonen. Die Idee gefiel ihm. Sechs Monate später hatten wir mehrere fertige Tracks.“ Dann erschien bei einem kleinen Label eine erste Bavariation EP mit drei Tracks, doch bis zum eigentlichen Bavariation Album sollte es noch fast neun Jahre dauern.

Nick Toczek und Thies Marsen gehören zwei unterschiedlichen Generationen an und wurden doch beide vom Punk geprägt: Nick ist heute fast 70, sah bereits 1977 The Clash live und war sofort elektrisiert. Er begann in seinem englischen Wohnort Bradford selbst Konzerte zu organisieren, Fanzines herauszugeben und Punk-Lyrik zu schreiben. Bis heute performed er seine Gedichte regelmäßig live und ist auf der ganzen Welt als Vortragskünstler unterwegs. Thies ist heute fast 50, erlebte in den späten 1980er Jahren in Bayern Konzerte von Bad Brains, Fugazi, NoMeansNo und anderen Punkbands. Er gründete daraufhin eigene Bands, „nur leider nie so erfolgreich wie meine zeitweiligen Übungsraum-Kollegen The Notwist“, erzählt der Musiker.

Nick Toczek und Thies Marsen (l.) bei ihrer bisher einzigen Live-Begegnung in Bradford/England.Foto: www.nicktoczek.com/the-bavariatiations-album

Trotz der gemeinsamen Punk-Sozialisation ist das Bavariation Album übrigens kein Punkrock-Album – schließlich sind beide Künstler, wie Marsen betont, „keine hoffnungslosen Nostalgiker, die vergangenen Zeiten nachtrauern“. Und Nicks Texte auf dem Album sind sehr vielfältig: Mal wütend, mal traurig, dann wieder komisch und skurril. Erzählt wird vom Krieg zwischen den Reichen und den Armen (It was war Between the rich and poor/(In which) money made notes/And kept the score), über das Sterben und den Tod, Städte, die sich selbst Auffressen, die Kräfte von Hunger, Krieg, Verfolgung und Krankheit, die Menschen zur Flucht zwingen bis zu besoffenen Fußballfans oder Menschen, die immer von Angesicht zu Angesicht mit sich selbst am Rande eines Messers leben.

Dazu hat Thies Marsen ebenso variationsreiche Musiken komponiert: Mal donnern die Bässe funky, mal fast schon jazzig fretless und dann wieder werden die Gitarren lautmalerisch gezupft wie bei klassischen Songwritern. Die Beats tönen mal sägend, dann prasseln sie wieder als Schlagzeuggewitter hernieder, mal als dezente Cajon, dazu sind Klavier, E-Piano, Synthie und Bläsersätze zu hören – alle live eingespielt von Thies Marsen in einem feuchten oberbayerischen Molkereikeller.

Anschließend bastelte Thies Marsen die von Nick Toczek in Bradford aufgenommenen Poems am Computer mit der Musik zusammen – und war jedes Mal von Neuem überrascht, wie gut das funktioniert: „Es ist wirklich erstaunlich, wie gut Nicks Worte und meine Musik zusammenpassen. Dabei komponiere ich die Musik nicht nach Nicks Gedichten, sondern meistens geht es los mit irgendeinem Gitarren-Riff, der mir abends auf dem Sofa einfällt. Am nächsten Tag geh ich in den Keller und nehme ihn auf, dann erst mache ich mich auf die Suche nach einem Gedicht von Nick, das passen könnte. Und erstaunlicherweise finde ich immer eines, das passt.“

Einmal haben sich die beiden live getroffen. Das war 2013, als Thies nach Bradfort reiste. Alles andere lief bisher übers Netz. Da haben die beiden überrascht festgestellt, dass es neben ihrer Punk-Vergangenheit noch eine weitere Gemeinsamkeit gibt: Nick und Thies arbeiten seit vielen Jahren als Journalisten und beide setzen sich in ihrer Arbeit vor allem mit dem historischen Nationalsozialismus, mit Fragen der  Erinnerung, aber auch mit der aktuellen Bedrohung durch Neonazis und Rassisten aus. Und beide gerieten deshalb auch schon mal ins Visier der extremen Rechten. Das war dann noch so ein seltsamer Zufall dieser außergewöhnlichen Kooperation.

„Was Thies mit meinen Wörtern gemacht hat, ist außergewöhnlich. Ich kenne keine vergleichbare Zusammenarbeit“, sagt Nick Toczek. Und Thies Marsen wundert sich: „Ich bin zwar Atheist, aber manchmal erscheint es mir schon mystisch, wie das Ganze über mehr als tausend Kilometer hinweg immer wieder funktioniert.“

Eines kann man festhalten: Es ist ein außergewöhnliches starkes Album geworden – lyrisch und und musikalisch – mit einer sehr speziellen Geschichte der langsamen Annäherung und Begegnung. Das Album ist übrigens in guter alter Punktradition do it yourself auf Nick´Toczeks eigenem kleinen Label not-a-riot five erschienen. Bleibt ein Wunsch oder eine Idee: Diese Wortgewalt und musikalische Energie würde man gerne einmal live auf der Bühne zusammen erleben. Aber das kann ja noch werden in den nächsten Jahrzehnten der bayerisch-britischen Beziehung.

Mehr Informationen zu Texten inkl. Hörproben von allen 12 Titeln unter:

https://www.nicktoczek.com/the-bavariatiations-album

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