Konstantin Wecker: Aus Liebe zum Lebendigen

 In Konstantin Wecker, Politik (Inland)

Der grausame Erstickungstod der Flüchtlinge in einem Lastwagen im österreichischen Burgenland – war er schlicht eine „Tragödie“? Der Begriff, in den Medien gern verwendet, suggeriert eine schicksalhafte Unausweichlichkeit, wie die im griechischen Theater für die Deutung für Unglücksfällen herangezogen wurde. Aber war das entsetzliche Geschehen wirklich unausweichlich? Tragen nur perfide Schlepperbanden daran Schuld, oder auch die menschenfeindliche Abschottungspolitik der europäischen Regierungen, teilweise gestützt vom Fremdenhass breiter Volksmassen? Konstantin Wecker geht bei seiner Deutung des Geschehens noch tiefer und verwendet dafür den Begriff der „Nekrophilie“ (Liebe zum Tod und zum Toten), den Erich Fromm erstmals als umfassende Geisteshaltung (also nicht nur im Zusammenhang mit Leichenschändung) analyisiert hat. Der Nekrophile gegenüber steht eine Einstellung, die wir alle – auch politisch – in uns kultivieren sollten: die Liebe zum Leben und zum Lebendigen.

Liebe Freunde,

1964 schrieb Erich Fromm: „Die Nekrophilie (…) ist genau jene Antwort auf das Leben, die im völligen Gegensatz zum Leben steht; sie ist die morbideste und gefährlichste unter allen Lebensorientierungen, deren der Mensch fähig ist. Sie ist eine echte Perversion: obwohl man lebendig ist, liebt man nicht das Lebendige, sondern das Tote. Nicht Wachstum sondern Destruktion.“

Rainer Funk schreibt in seinem lesenswerten Buch „Erich Fromm“, Fromm stellte dem Angezogensein vom Leblosen und Zerstörerischen das Angezogensein vom Lebendigen und die Liebe zum Lebendigen (Biophilie) gegenüber. Er fragte generell nach der Eigendynamik alles Lebenden und erkannte, dass diesem über das Streben nach Überleben hinaus eine „Tendenz zur Integration und Vereinigung“ eigentümlich ist.

Reichsparteitag in Nürnberg: Erich Fromm analysierte die Anordnung von Menschen zu maschinenhaft funktionierenden geometrischen Formen als "nekrophil".

Reichsparteitag in Nürnberg: Erich Fromm analysierte die Anordnung von Menschen zu maschinenhaft funktionierenden geometrischen Formen als „nekrophil“.

Wer sich etwa mit dem unglaublichen Fremdenhass, der sich im Netz breit macht intensiver beschäftigt, wird sich an diese Worte Fromms erinnert fühlen. Wenn anlässlich des schrecklichen, für jeden auch nur etwas mitfühlenden Menschen geradezu unerträglichen Erstickungstodes der Flüchtlinge im ostösterreichischen Burgenland jemand schreibt „Schade dass es nicht 5000 waren“ – und das war nicht einmal der grausamste Kommentar -, dann fehlt diesem die Liebe zum Lebendigen. Wer Molotowcocktails in Flüchtlingsheime wirft, dem ist der Tod näher als das Leben. Es fehlt das, was das Menschsein überhaupt erst liebenswert macht: es fehlt Liebe.

Fromm konnte vor Hitler fliehen, er hat die Nekrophilie der Faschisten am eigenen Leib erfahren. Aber damit so etwas nie mehr passiert, braucht es endlich wieder eine Sozialpolitik, die ihren Namen verdient. Es muss Schluss gemacht werden mit der brutalen Austeritätspolitik, die ganze Staaten in den Abgrund treibt. Zu einer umfassenden Faschismusprävention gehört auch unabdingbar, wieder und wieder, Tag für Tag, eine in allen Erziehungsbereichen warmherzig praktizierte Humanität, eine gelebte Mitmenschlichkeit, die verhindert, dass erneut aus geschundenen Menschen Befehlsempfänger werden, wie sie das Dritte Reich kannte.

„Wer schon einmal geschlagen wurde, wem als Hilflosem psychische Gewalt begegnete, der weiß, was so etwas vor allem mit einem jungen Menschen machen kann“, schreibt Sibylle Berg. „Die Gewalt gegen Aufwachsende, die Grausamkeit im Umgang mit Kindern, die fast bis in die Generation derer reicht, die heute um die 50 sind, und die in manchen Familien immer noch normal ist, kann erklären, warum trotz einigermaßen guter Schulbildung immer noch Menschen in Deutschland auf der Straße stehen und sich einnässen vor Hass“. Und wir müssen uns einer Politik widersetzen, die trotz heuchlerischer Lippenbekenntnisse denen in die Hände spielt, die „vom leblosen und Zerstörerischen“ angezogen sind.

Die »Plattform für eine menschliche Asylpolitik«, der mehrere österreichische Flüchtlingshilfsorganisationen angehören, bezeichnete den Tod der Flüchtlinge als »das grausige Resultat der Abschottungspolitik, für die die Regierungen Europas die volle Verantwortung tragen«. Bei dem am Donnerstag entdeckten Verbrechen handle es sich um Mord, so die Organisation: »Aber die Mörder sind nicht nur jene Lumpen, die die Flüchtenden ersticken ließen. Sondern auch alle jene Polizeiminister, die verzweifelten, schutzbedürftigen Menschen die Zuflucht verwehren.« Die »Plattform« fordert die »sofortige Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge«. Der Generalsekretär von Amnesty International Österreich, Heinz Patzelt, sagte laut ORF, dass jene, die nun von einer »Tragödie« sprechen, »Heuchler« seien. Der Tod der Flüchtlinge sei ein »fahrlässig in Kauf genommener, grauenhafter Kollateralschaden« der politischen Umstände. (Junge Welt).

Aber vor allem, liebe Freunde – auch wenn es schwer fällt – wir dürfen uns vom Hass unserer Gegner nicht anstecken lassen. Unser Handeln muss aus Liebe zum Leben und zu allem Lebendigen geboren sein.

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