Konstantin Wecker: Bleib erschütterbar – doch widersteh!

 In Buchtipp, FEATURED, Konstantin Wecker, Poesie

Ein Auszug aus Konstantins neuem Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“. Der Autor lobt in seinen Prosa-Versen vor allem den Ungehorsam – und eine „nicht zu Ende interpretierbare“ Poesie.

 

Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:

Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,

was ich, kaum erhoben, wanken seh,

gestern an und morgen abgeschaltet:

Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:

Bleib erschütterbar – doch widersteh!

 

Peter Rühmkorf

 

 

 

Widerstand ist ein Menschenrecht

und wir werden ohne Widerstand

dem Gehorsam

keine geeignete Antwort

entgegensetzen können.

Und je älter ich werde

desto sicherer bin ich mir

dass der Gehorsam

dieser bedingungslose Gehorsam

einem anderen Menschen gegenüber –

welche Rangordnung auch immer

er in der jeweilig anerkannten
Gesellschaftsordnung einnimmt –

ja, dass dieses Eichmann’sche Kopfeinziehen

diese »Banalität des Bösen«

dieses geduckte und stramme
Gehorchen wohl eines der Grundübel

unseres ausschließlich auf Macht basierenden

menschlichen Zusammenlebens ist.

Oh ja,

es gibt auch andere

anarchische

herrschaftsfreie Modelle

und sie werden auch immer noch gelebt.

Aber in unserem Universum

der ach so freien Welt

werden sie boykottiert

und systematisch schlecht gemacht.

Und was hat das nun alles
mit Poesie zu tun?

Mehr, als man anfänglich zu glauben
bereit wäre.

Poesie lehrt uns,

dass Worte nur Symbole sind.

Keine Wahrheit,

kein Dogma,

nichts Endgültiges, Unzerstörbares:

nur Symbole.

Das wollen uns auch die Buddhisten erklären,

wenn sie sagen:

»Der Finger, der auf den Mond zeigt,
ist nicht der Mond.«

Und das Wort Mond

ist natürlich genauso wenig der Mond.

Es ist ein Symbol

für ein scheinbar am Himmel sich bewegendes,

nachts manchmal bedrohlich,

manchmal beglückend scheinendes Licht.

Und jeder Mensch auf der Welt

assoziiert mit diesem Wort

eine eigene Geschichte,

eigenes Erleben,

eigene Sehnsüchte.

Wir können uns im Gespräch
mit Gleichgesinnten

schon nur vage einigen
auf eine Interpretation,

die allen gerecht wird.

Wie erst in einer Gesellschaft mit kulturell

und auch ideologisch völlig anders
geschulten, anders erzogenen,

anders gebildeten Menschen?

Die Poesie lehrt uns,

dass nichts zu Ende interpretierbar ist

und dass man die Interpretationshoheit

nicht den Herrschenden überlassen darf.

Ein Rilke-Gedicht,

das du mit 17 gelesen und geliebt hast,

wird dir auch noch nach Jahrzehnten

vertraut und lieb sein.

Dennoch liest es sich jetzt anders,

versteht man es anders,

je nachdem,

was man in diesen Jahren erlebt,

gelebt und erfahren hat.

Die gleichen Worte.

Und oft ein neuer Sinn.

Die Worte leben in dir weiter,

entwickeln sich, gestalten sich um.

Was für dich in der Jugend Liebe bedeutete,

wird sich im Alter

erhöhen und erweitern

und aus dem engen Kontext des persönlichen Begehrens befreien.

Und so geht es uns mit allen Worten:

Sie wandeln sich, wenn wir uns wandeln.

Sie erstarren zu Parolen,

wenn wir erstarren.

 

Konstantin Wecker:

Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand

Gütersloher Verlagshaus

144 Seiten, € 15,-

Anzeige von 5 kommentaren
  • Avatar
    Ruth
    Antworten
    Als Kind glaubte ich

    Als Frau fühlte ich

    Als Mensch hoffte ich

    Leben brachte Erkenntnis….

     

    E R S C H Ü T T E R U N G

     

     

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Erschütterung bringt Fesdtungen ins Wanken.

    Dann stürzen sie ein.

    Manche lassen sich wieder aufbauen.

    Andere sterben.

    Manche sterben auch auf Raten ….

     

    Stück für Stück für Stück.

     

    Was ist der Sinn des Ganzen?

    Mir noch unklar.

     

  • Avatar
    Im Bewusst sein der Atome
    Antworten

    Die Welt ist Materie
    die Welt ist Energie
    umso schöner
    wenn sie gemeinsam zum Leben erwachen.

     

     

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Die Erkenntnis ist: ja, die Welt ist tatsächlich nicht gut und es gibt Menschen, die anderen in voller Absicht schaden (nicht aus Unwissenheit oder Unbedachtheit, sondern aus voller Absicht, mutwillig – das ist widerlich). Die Erschütterung soll Menschen treffen, die Gutes wollen und Gutes tun. Erschüttert sind nicht die bösen Menchen, die sich selbst entweder so ungerecht behandelt fühlen oder vor vollen Kuchentellern und ihrer Kaffeetasse sitzen über das Leid von anderen – nein, sie brauchen das Leid der anderen und verursachen es notfalls auch selbst, damit sie wieder etwas zum Fressen haben, damit sich ein wohliger Genuss über sie ausschüttet.

    Nein, der Mensch an sich ist von Natur aus ttsächlich nicht gut – und doch gibt es gute Menschen.

    Die Erkenntnis: lerne unterscheiden. Und wenn ich könnte, ich würde gerne den Schlechten den Hals umdrehen.

     

    Ich habe versucht, das Böse wegzulieben – es ist mir nicht geglückt. Die Macht gehört in die Hände und Herzen von liebenden, verantwortungsvollen und weitsichtigen Menschen.

     

    Zur Zeit dümpelt die Menschheit in Kleinlichkeit und Dummheit dahin – die Bösartigkeit versteckt sich oft noch – aber das Resultat ist sichtbar: verkniffene. ausgebrannte, leere, misstrauische, kranke, harte, psychotische Menschen.

    Ich wünsche mir wieder ein Zuhause, in dem die Liebe zu Hause ist.

  • Avatar
    Ich
    Antworten
    Aus der heißen Glut
    erwächst das Erschütterbare,
    spürbar, sichtbar
    temperiert in Bewegung.

     

    Erstarrt die Glut
    legt sie sich auf,
    wie ein schwerer Mantel,
    und bedeckt das Erschütterbare.

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