Konstantin Wecker: Der Schatten des Kriegers

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Konstantin Wecker, Politik

Der Liedermacher und Begründer dieser Seite gibt in einem Kapitel aus seiner Buchveröffentlichung „Mönch und Krieger“ sehr viele Fehler zu. Er stellt auch die irritierende Frage, ob er angesichts seiner Veranlagung – „ich werde leicht aggressiv“ – überhaupt zum Pazifisten taugt. Dieser ehrliche Enthüllungen sind nicht nur erfrischend, sie führen auch zu einer konstruktiven Schlussfolgerung: „Indem ich fast alles, was ich anderen hätte vorwerfen können, schon selbst durchlebt habe, bin ich toleranter geworden.“ Gekürzter Auszug aus „Mönch und Krieger“, erschienen im Gütersloher Verlagshaus, erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop.  Konstantin Wecker

Je älter und politisch bewusster ich werde, desto mehr befallen mich Zweifel an meinem Pazifismus. Damit keine Missverständnisse aufkommen:  Nach grundsätzlichen Erwägungen bin ich nach wie vor Pazifist, sogar ein radikaler. Ich frage mich nur, ob ich diese Überzeugung unter allen Umständen in die Tat umsetzen könnte. Wäre ich zum Beispiel einem Angriff auf meine Person oder meine Familie ausgesetzt, wie würde ich reagieren? Oder nehmen wir an, ich lebte in Südamerika und müsste miterleben, wie mich einer dieser perfiden Konzerne versklavt und unterdrückt – würde ich wirklich niemals auf den Gedanken kommen, dass Pazifismus da unter diesen Umständen keine Lösung wäre? Ich will an dieser Stelle noch keine politische Begründung des Pazifismus geben – das tue ich an anderer Stelle –, ich will zunächst fragen, inwieweit ich selbst als Mensch pazifismusfähig bin. Hier muss ich bei ehrlicher Selbstbefragung Zweifel anmelden. Ich fürchte, mein Pazifismus ist auch ein Schutz vor mir selbst.

Ich trage ohne Zweifel viel Kriegerisches in mir, ich werde leicht aggressiv – und nicht nur beim Autofahren. Auch wegen meines – vielleicht schon übertriebenen – Gerechtigkeitsgefühls gehe ich schnell in die Luft. Die „Wut“ im Titel meiner CD „Wut und Zärtlichkeit“ kommt also nicht von Ungefähr. Alles, wogegen ich angekämpft habe, trage ich als Schatten auch in mir: als Keim oder als Gefährdung. Und wenn ich sage „Alles“, dann meine ich Alles. Ein für mich erschreckendes und einschneidendes Erlebnis hatte ich, als ich in Marcus O. Rosenmüllers Film „Wunderkinder“ die Rolle eines SS-Mann spielte.

Schon ein paar Minuten, nachdem ich diese Uniform angezogen hatte, war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte eine andere Körperhaltung, da die Uniform ja sehr straff sitzen muss. Das merkte ich schon beim Anschneidern. Sicher wird es bewusst so gehandhabt, damit an einem Soldaten nichts Lasches oder Nachlässiges mehr ist. Ich hatte auch eine andere innere Haltung und einen anderen Gesichtsausdruck. Während der Dreharbeiten habe ich mich mit Handy fotografieren lassen und diese Fotos an ein paar Freundinnen geschickt. Die waren recht entsetzt, eine hat aber gleich hinzugefügt: „Aber fesch schaust schon aus“. Die „Magie“ der Uniform, sie wirkte auch auf mich. Es wurden Kräfte in mir geweckt, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie überhaupt in mir vorhanden sind.

Man muss dazu wissen, dass mir der Antifaschismus schon vom Elternhaus her im Blut liegt. Mein Vater hatte es geschafft, sich in der Hitlerzeit vom Militärdienst befreien zu lassen. Er ist nach drei Tagen aus der Kaserne geflohen, und als sie ihn wieder einfingen, hat er gesagt, er könne nicht anderes, er habe Heimweh und sei unfähig, auf Menschen zu schießen. Der Oberst, dem er vorgeführt wurde, schaute ihn nur an und sagte: „Na, dann lassen Sie sich halt für verrückt erklären“. Mein Vater hatte großes Glück, auf diesen einen Mann zu treffen, der ihn nicht erschießen ließ. Wie ich schon erzählt habe, war mein Vater auch im persönlichen Umgang sehr friedfertig. Meine Mutter ist auf alle Demonstrationen gegen Nazis gegangen. Sobald welche in München auftauchten, war sie in vorderster Linie dabei. Ich habe mir fast schon Sorgen um sie gemacht und sie gewarnt, sie könnte sich in Gefahr begeben – so Auge in Auge mit gewaltbereiten Faschisten. Aber meine Mutter ließ sich nicht abhalten: „Ha, ich bin eine alte Frau, ich hab die braune Brut am Marienplatz selbst noch erlebt, wir brauchen so etwas nicht noch mal!“ Eine sehr tapfere, sehr streitbare Frau.

Man sieht also, vor welchem Hintergrund ich die Rolle in diesem bewegenden antifaschistischen Film angenommen habe. Dennoch: Ich war stinksauer, wenn mich während der Dreharbeiten einer der Statisten nicht mit „Heil Hitler“ begrüßt hat. Natürlich bestand nie eine ernsthafte Gefahr, dass ich in meinem Alter noch zur NPD umschwenke. Aber es war doch sehr erschreckend zu sehen, dass es wohl keine Torheit und keine Grausamkeit gibt, die man an anderen anprangert, die nicht auch in einem selbst schlummert und unter bestimmten Umständen vielleicht zum Ausbruch kommen könnte. In einer Szene musste ich mit bedrohlichem Gestus einen Apfel schälen und dabei zu einem Mädchen sagen: „Na, du kleines Judenkind“. Ich muss zugeben, dass mir das großen Spaß gemacht hat. Ich hatte eine diabolische Machtausstrahlung, und das schlimmste war: Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich da überhaupt etwas spielen musste. Es war als ob ich nur einen Hebel in mir umlegen musste, und dann tauchte der machtbewusste, absolut unbarmherzige SS-Mann in mir auf.

Freunde sagten mir, dass sie sich durchaus vorstellen könnten, vor meiner Stimme Angst zu bekommen. Es gibt ja Lieder, in denen ich mich auf sehr schauspielerische Weise in die Rolle des „Bösen“ versetzt habe, etwa in „Haberfeldtreiben“ oder „D’Zigeuner san kumma“. Ich habe ja auch ein ziemlich lautes Organ, und als meine Kinder noch klein waren, sind sie manchmal merklich zusammengezuckt, wenn ich in Rage kam. Ein Vater, und dann noch mit so einer lauten Stimme, kann eine ungeheure Macht haben. Ich habe mich nach einigen Vorfällen dieser Art sehr zusammengerissen, denn ich wollte ja nicht, dass meine Söhne Angst vor mir haben.

Aber auch in meiner Zeit als Wirt im Café Giesing kam es vor, dass ich das ganze Lokal zusammengebrüllt habe. So eine Veranlagung kann sehr wohl eine Gefahr darstellen. Ich hatte aber wohl das Glück, dass ich einen Großteil meiner Aggressivität künstlerisch entladen konnte. Ich traktiere mein Instrument ja auf der Bühne oft sehr heftig, und auch stimmlich bin ich vehementer als die meisten meiner Liedermacherkollegen. So kann ich den Krieger in mir in der friedlichen Atmosphäre eines Konzerts ausleben – und den Faschisten in mir in einem wunderbaren antifaschistischen Film. Mit einer derartigen Zerrissenheit landen wahrscheinlich viele in der Psychiatrie. Deshalb laufen wahrscheinlich auch nicht viele frei rum, die so sind wie ich.

Was man normalerweise als Fehler bezeichnet, kann man auch Findungsprozesse nennen. Es wird ja niemanden überraschen, dass mir das eine oder andere Ereignis in meinem Leben im Nachhinein peinlich ist. Der Sänger sozialkritischer Lieder wie „Willy“ und „Hexeneinmaleins“ fuhr in den 70ern mit einem „Firebird“, mit einem Straßenkreuzer des US-amerikanischen Autokonzerns General Motors,  vor dem Konzertsaal vor – ein Riesenschlitten, auf dem ein großer Adler aufgemalt war. Dann stieg er in einem bodenlangen Nerzmantel aus. Freilich war ich auch damals eher der Verschwender, der aus einer Laune heraus sein Geld so schnell wieder ausgab, wie es herein geflossen war. Ich hatte nie eine Begabung für das „raffende Kapital“, habe nie Wertpapiere besessen, nie versucht, mir Geld, das ich nicht selbst erarbeitet hatte, mit Hilfe von Zins und Zinseszins anzueignen.

Nicht unbedingt, weil ich ein guter Mensch bin, sondern eher, weil mich dergleichen überhaupt nicht interessiert. Ich liebe das Geld nicht und muss, manchmal schmerzlich, feststellen, dass das Geld mich deshalb auch nicht liebt. Vor ein paar Jahren habe ich in  einem meiner Konzerte geäußert, in den Großbanken müssten wohl große Wecker-Fans sitzen, da sie das Motto „Genug ist nicht genug“ so akribisch umgesetzt hätten. Dieser Liedtitel ist ja in der Tat recht vieldeutig. Für mich bedeutete er stets „Nicht genug Leben“, vielleicht auch „Nicht genug Mut und Engagement“. Wenn man dieses Motto allerdings aufs Geld überträgt, ist es gefährlich wie alles, was man ins rein Materielle ummünzt. Ich war immer eher erlebnisraffend. Das war es, wovon ich nie genug bekommen konnte.

Ich will natürlich meine eigene Ungenügsamkeit, meine Sehnsucht nach „mehr“ nicht in Bausch und Bogen verdammen. Natürlich habe ich durch meine Sehnsucht nach Ekstase auch viel erfahren. Es spricht sich leichter, wenn man – was in meinem Fall nicht unbedingt selbstverständlich war – überlebt hat. Aber ich bereue dieses Leben nicht grundsätzlich, auch nicht die Tatsache, dass ich Drogen genommen habe. Ich bedauere dass ich mich zum Schluss noch einmal wiederholt habe, dass ich einige schon gemachte Erfahrungen noch einmal aufwärmen musste, wodurch dann auch alles so erbärmlich geworden ist. Ich hätte früher mit den Drogen abschließen sollen, um in eine neue Phase meines Lebens eintreten zu können. Und so komme ich letztendlich zu dem Schluss, es wäre besser gewesen, darauf zu verzichten, wenn man die Vorteile und die Nachteile abwägt. Aber sollte man das immer?

Noch vor einigen Jahren habe ich stolz und stur gesagt: Es war wichtig, dass ich Drogen genommen habe, denn ich habe dadurch viel gelernt und bin zu dem geworden, der ich jetzt bin. Dahinter steckt eine latente Überheblichkeit, die besagt, man wisse sicher, dass derjenige, der man gerade ist, die bestmögliche Version seiner selbst sei. Aber vielleicht wäre ich viel weiter, ginge es mir viel besser, wäre ich weiser und weniger getrieben, wenn ich statt eines Lebens mit Drogen ein anderes geführt hätte. Es war mir immer schon wichtig, solchen versteckten Überheblichkeiten auf die Schliche zu kommen. Im Alter wird das geradezu lebenswichtig. Im Alter bleibt einem nur die Möglichkeit, bescheiden zu werden. Sonst wird man ein aufgeblasener, rechthaberischer alter Mann, anstelle eines alten Narren. Diesen Status anzuvisieren habe ich mir allen Ernstes vorgenommen. Mal sehen, ob’s was wird.

Jeder Mensch hat ein Gewissen. Man kann es wegtrinken, wegkoksen oder auf andere Weise verdrängen. Aber verschwunden ist es deshalb noch lange nicht. Wer sich einmal die Zeit nimmt, mit sich allein zu sein und in sich zu gehen, der spürt deutlich, dass er nach einer Zeit des übermäßigen Wohlstands ein schlechtes Gewissen haben müsste, allein schon deshalb, weil gleichzeitig auf der Welt Hundertausende an Hunger sterben. Ich jedenfalls verspürte dieses schlechte Gewissen oft, denn ich lebte über weite Strecken sehr verschwenderisch – geradezu  unverschämt verschwenderisch. Vielleicht wollte ich mein schlechtes Gewissen auch durch meinen immensen Konsum und durch Rauschmittel betäuben – um es dann im Endeffekt durch eben diese „Maßnahmen“ immer aufs Neue zu belasten. Wenn es mir nicht gut ging, geriet ich in einen Kaufrausch. Zu Hause angekommen, hatte ich dann ein schales Gefühl und wollte die Waren am liebsten wieder zurückbringen.

Das einzig Gute auch hier: Indem ich fast alles, was ich anderen hätte vorwerfen können, schon selbst durchlebt habe, bin ich toleranter geworden. Ich verstehe die Beschwerden, Süchte und Bösartigkeiten der Menschen.

 

Konstantin Wecker:

Mönch und Krieger.

Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt.

Gütersloher Verlagshaus, 288 Seiten, 19,99 €

Kommentare
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    heike
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    Wie schafft man Gerechtigkeit auf der Welt? Ich neige immer mehr dazu, alles als einen karmischen Kreislauf anzusehen, bei dem jeder mal unten und mal oben ist. Man kann/oder muss lernen zu dienen und man kann lernen zu bestimmen.

    Wie man mit der jeweiligen Position umgeht, entscheidet über das Karma.

     

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