Konstantin Wecker: Ein Plädoyer für die Ohnmacht

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Konstantin Wecker, Politik

Ein Auszug aus Konstantins neuem Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“. Der Autor und Liedermacher offenbart in diesem Beitrag sein großes Herz für „Verlierer“ und „Versager“. Oft verlieren diese nur überflüssigen Status und Schnickschnack, den man uns aufschwatzen will. Und sie versagen es sich vor allem, die in der Profit- und Leistungsgesellschaft notwendige Härte zu zeigen. Statt dessen haben sie etwas zu sagen und verströmen den angenehmen Klang der Stille(n). (Konstantin Wecker)

 

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.

Sie sprechen alles so deutlich aus.

Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,

und hier ist der Beginn und das Ende ist dort.

 

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Dies ist ein Plädoyer für die Ohnmacht!

Für die Verlierer und Versager,

wie sie von den selbsternannten Gewinnern

immer tituliert werden.

Worte!

Wer bitte ist denn nun wirklich der Versager

in dieser Gesellschaft?

Der Zweifelnde,

auch an sich selbst oft verzweifelnde,

Sensible,

Mitfühlende,

oder der Rücksichtslose,

über Leichen gehende Leistungsträger?

Und was ist so negativ daran,

wenn sich jemand etwas versagt?

Wenn er sich teure Markenkleidung versagt,

oder wenn er es sich versagt,

irgendjemanden mal wieder kräftig

über den Tisch zu ziehen?

Ist es die Angst vor der Verweigerung derer,

die sich etwas versagen,

also der Versager?

Die Angst,

sie könnten ihr Spiel durchschauen,

Menschen mit völlig sinnlosen Produkten

zu Kunden zu machen und im Weiteren

sie zur Ware zu degradieren?

Versagen wir!

Verweigern wir!

Verlieren wir das doch gerne,

was man uns als Trostpreis ins Gehege wirft:

den Preis für unsere Dämlichkeit,

ihnen und ihrer Profitmaximierung

treue Vasallen zu sein.

Ich will diese monströs materielle Sicht

auf die Welt

gerne verlieren.

Ich bin ein geradezu begeisterter Verlierer.

Alles fallen lassen will ich,

was uns als Ballast mitgegeben wird,

von der Wiege bis zur Bahre

nur Blendwerk und Müll

einer Plastik erzeugenden

Weltverschmutzungsgesellschaft.

Lasst uns den hohen Herren der Worthoheiten

die Worte im Mund verdrehen:

Nehmen wir sie beim Wort!

Aber es soll unser Wort sein,

das wir uns wieder zurückerobern

mit Hilfe der Poesie.

Und ja,

es ist auch eine Frage des Klangs.

Man höre sich nur

wieder mal dieses hässliche Gegurgel

des Nazisprechs an.

Diese brachiale Atonalität

des jeder Melodie befreiten »Führers«.

Keiner hat das besser auf den Punkt gebracht

als Charlie Chaplin

mit seiner Hitlerparodie.

Aber auch der Neusprech der meisten,

sich stets neue, hohle Sprachmasken

zulegenden heutigen PolitikerInnen

ist von einer lähmenden Monotonie

gekennzeichnet,

als wäre alles Lebendige,

Spontane,

Herzliche

aus ihrem Wesen verbannt.

Gut geleiert, möchte man sagen,

aber was steckt dahinter?

Eben nichts.

Radikale Öde,

kein echtes Anliegen,

kein mit Herzblut getränkter Wunsch.

Anstelle von klangvollen Tönen

nur klanglose Tönung.

Nicht mal zu einem echten Aufschrei sind sie

in der Lage, sich immer absichernd

nach allen Seiten,

so sehr,

dass diese Sicherheit zur Zwangsjacke wird.

 

 

Konstantin Wecker:

Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand

Gütersloher Verlagshaus

144 Seiten, € 15,-

Anzeige von 4 kommentaren
  • Löwenzahn
    Antworten
    Vielen Dank! ihr Text hat mich sehr berührt ! …und – ermutigt noch mehr zu verlieren!
  • Boni
    Antworten
     

    Ich hoffe sehr, dass viele Menschen umdenken werden, sonst sind wir alle verloren.

    Morgen ist Black Friday

    im wahrsten Sinne des Wortes!

     

     

  • Löwenzahn
    Antworten
    ÜBERFLUSS = HOCHWASSER…

    WA(H)RE WERTE….GEFÜHL-LOSE

  • Gudrun K.
    Antworten
    Dabei ist es ganz einfach: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Wir können alle nichts mitnehmen. Aber wir können so leben, dass die, die wir zurücklassen, wenn wir gehen, lächeln.

    Setzen wir dem Kommerz ein Schneeballsystem der Liebe entgegen, zeigen wir der Welt, dass man anders leben kann als zwischen Schlussverkauf und Last-Minute-Urlaub. Ballast abzuwerfen kann niemals ein Verlust sein.

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