Konstantin Wecker: Lasst uns eben weiter irren!

 in FEATURED, Philosophie

Konstantin Wecker, München 2019

„Es irrt der Mensch, so lang er strebt“, heißt es in Goethes „Faust“. Und Konstantin Wecker ist Autor einer partiellen Autobiografie mit dem irritierenden Titel „Die Kunst des Scheiterns“. In diesem Kapitel seiner großen Biografie „Das ganze schrecklich schöne Leben“ (mit Günter Bauch und Roland Rottenfußer) widmet er sich wieder einmal ehrlich den Irrtümern in seinem bewegten Leben. Er interpretiert das Leben als ein beständiges Fließen von einer fehlerbehafteten Vorläufigkeit zur nächsten. Der Wecker von gestern würde den Wecker von heute schon kaum mehr verstehen können. Es gibt so etwas wie ein Recht auf Fehler, so schmerzhaft sie für uns und andere auch immer wieder sein mögen. Und einen Vorteil hat selbst die schlimmste Lebenskatastrophe: Sie macht uns im guten Sinne demütig und hilft uns, von der moralischen Verurteilung anderer Abstand zu nehmen. „Die Schönheit des Miteinander ohne Ehrgeiz und Wahn, die Schönheit zu erkennen, dass wir in keinem Punkt besser sind als andere, nur anders, und in diesem Anderssein auch geliebt werden wollen.“  Konstantin Wecker

Erstaunlich bei so einem ausführlichen Lebensrückblick sind ja gerade die helleren Momente einer Einsicht, die einem früher anscheinend vollständig verschlossen war. Verschlossen durch was? Bedenkenlosigkeit der Jugend? Mangelnde Lebenserfahrung?

Es gibt jedenfalls Phasen meines Lebens, in denen ich einfach nur herzzerreißend blöd war.

Ja, blöd, durchaus im Sinne von verblödet und nicht einfach nur dumm und unwissend.

Manches mag dem exzessiven Drogenkonsum zuzuschreiben gewesen sein, wie die vermutlich größte Dummheit meines Lebens, nach Kamerun mit einem halben Kilo Koks einzureisen und, da wir es nicht aufgebraucht hatten, mit ein paar Gramm wieder auszureisen. Keine Ahnung wie dort die Gesetze waren, aber vermutlich wäre ich dort wohl, hätte man mich erwischt, viele Jahre in einem Knast verrottet, in einer Anstalt, deren Härte ich mir in meinen schlimmsten Phantasien nicht ausmalen möchte. Mein Münchner Stammgefängnis Stadelheim ist dagegen sicher nur noch mit einem Luxushotel vergleichbar.

Wie durch ein Wunder blieb mir das erspart, und wie mich Günter und seine Liebe zum Fußball bei der Ausreise vor der Verhaftung retteten, habe ich in der „Kunst des Scheiterns“ ausführlich beschrieben.

Ganz sicher war es nur pures Glück und nicht mein Verdienst, dass ich damals an der Hölle knapp vorbei schrammen konnte.

Aber das ist nur eines von vielen Beispielen, bei denen ich mich heute frage: wie konnte ich es so weit kommen lassen, wie konnte ich mich so hemmungslos unbedacht, unüberlegt und auch rücksichtslos, nicht nur gegen mich selbst, benehmen?

Ob meine  – von Günter so lebendig beschriebene – turbokapitalistische Versicherungsvertreterphase, ob meine Rücksichtslosigkeit gegenüber meinen Eltern, denen ich so viele unfassbar schmerzhafte Stunden zugefügt habe, ohne mich auch nur einen Dreck darum zu scheren – so viel Momente nicht nur des Scheiterns, nein, heute muss ich bekennen: des kein bisschen mitfühlenden, ausschließlich egomanischen Handelns, durchziehen mein Leben, dass ich, so oft ich daran denke, vor Scham erröten müsste.

Und ich erröte auch.

Was mich aber nun im Rückblick auf das Geschehene am meisten irritiert: hätte ich damals mit mir selbst aus meiner heutigen Sicht gesprochen – ich hätte kein Wort von mir verstanden. Es wäre abgeprallt, ich hätte meine jetzigen Einwände als spießig, moralisierend, lustfeindlich abgetan.

Ich hätte nicht gewusst, wovon der andere, ältere Konstantin da überhaupt spricht.

Ich wäre mir fast wie ein Wesen aus einem anderen Universum gegenübergestanden.

Gut, es hätte sicher auch Anknüpfungspunkte gegeben, bei denen sich der damalige und der heutige Wecker gut verstanden hätten. In der Liebe zu Poesie, Musik und Philosophie – solange sie theoretisch blieb und nicht die Lebensweise beeinträchtigte – und in stilleren Momenten der Verzweiflung zum Beispiel, der Trauer über das eigene Von-sich- entfernt-Sein, da hätten wir uns kurz berührt.

Es war ja nicht so, dass ich nicht in der Tiefe des Herzens oft geahnt hätte, dass sich mein Ego derart verselbstständigt hatte, dass es mir manchmal den Zugang zu mir selbst mit eisernen Ketten versperrte.

Es gab auch viele Tränen, aber dann doch oft auch nur mich selbst bemitleidend, es gab Momente klarerer Sicht, die meistens davon am Klavier oder mit meinem Notizblock in der Hand.

Schreibend war ich immer mehr bei mir, wohl auch, weil ich allein war, nicht umgeben von Applaus oder von denen, deren Applaus ich mir erhoffte. Und es ist ja immer nur ein kurz anhaltendes Glück, das Glück der Selbstbestätigung durch andere – etwas, das einem meist nur beschert wird von denen, die sich dasselbe erhoffen. Ein Spiel, das darauf ausgelegt ist, für kurze Zeit die eigene Unsicherheit vor allem vor sich selbst zu vertuschen.

Damals gab es noch keine sozialen Medien, aber die sind für viele Menschen heute nichts anderes als die digitalisierte Form dieses Trauerspiels.

Natürlich besteht auch die Gefahr, mit sich selbst im Rückblick zu streng zu sein. Und auch mir selbst gegenüber versuche ich mich von moralischer Verurteilung fern zu halten. Schon aus Selbstschutz.

Aber diese biographischen Einlassungen zwingen mich geradezu, mal lächelnd, mal erstaunt und durchaus auch erschüttert auf den Mann zu blicken, der anscheinend ich gewesen bin. Ich sage „anscheinend“, weil ich mich nur in wenigen Bildern wieder finde, oder, um es genauer auszudrücken, den wieder finde, der sich heute als er selbst zu erkennen glaubt.

Eine zweifellos verzwickte Angelegenheit, ein Gedankenkarussel, ein Vorgang aber, der mir heute viele der Anfeindungen die ich ertragen musste und muss, verständlicher werden lässt.

Berechtigterweise wird nun der kritische Leser einwenden, das sei ja ganz schön und gut, aber soll das nun heißen, dass ich mich heute befreit von diesen Uneinsichtigkeiten fühle, mehr oder weniger im „Guten“ angekommen, frei von Zweifeln und falschem, weil egoistischem Handeln?

Ach das wäre doch was: angekommen in der Weisheit letztem Schluss, unverwundbar, über allem schwebend.

Aber leider muss ich mir eingestehen: würde ich noch ein paar Jahrzehnte leben dürfen bzw. müssen, ich stünde dann diesem noch älteren Herren  genauso fassungslos gegenüber, wie damals der junge Mann dem jetzt 70-jährigen.

Die Gratwanderung meines Lebens bestand und besteht wohl immer wieder darin, gängige Moralgebäude und ideologische Festungen einzureißen und dabei zu hoffen, einen ganz eigenen ethischen Maßstab finden.

Auch der Anarchist kommt nicht ohne Gesetze aus, nur dass er diese Gesetze sich selbst erlassen muss. Und der bekennend Unmoralische würde verzweifeln, wenn er sich nicht auch immer wieder seinen ureigenen  moralischen Regeln beugen würde.

Wie und wo aber sind diese Regeln zu finden, wenn man vermeiden will, dass das eigene Fühlen von der herrschenden Moral vereinnahmt wird, vielleicht auch nur unbewusst?

Deshalb glaube ich nach wie vor, man muss zuerst mal alles in Frage stellen, ja vielleicht sogar zertrümmern, was einem Staat und Gesellschaft, Kirche und Elite als Muss und Müssen auferlegt.

Zu sehr sind habgierige Interessen im Spiel, zu eindeutig zeigen sich die tödlichen Krallen der Macht, zu fremdbestimmt sollen wir werden, nichts als Rädchen im Getriebe einer Maschine des Materialismus, bereit zu töten, wenn es uns auferlegt wird, bereit zu sterben für Volk und Vaterland, für krude und mörderische Ideen, an die sich all jene klammern, die sich selbst in ihrer Schönheit noch nie begegnen durften.

Noch einmal eindringlich  möchte ich auf Henry David Thoreau und seine Schrift „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ hinweisen. Thoreau, einer der Urväter des zivilen Widerstands, schrieb nach einem Gefängnisaufenthalt, den er aufgebürdet bekam, weil er sich vier Jahre lang weigerte Wahlsteuern zu bezahlen, aus Protest gegen den Krieg mit Mexiko und die Duldung der Sklaverei:

„Unter einer Regierung, die irgendjemanden unrechtmäßig einsperrt, ist das Gefängnis der angemessene Platz für einen gerechten Menschen. Der entflohene Sklave (…) und der Indianer mit seinen Anklagen gegen das Unrecht, das man seiner Rasse zufügt: nur hier sollten sie ihn finden, im Gefängnis, auf diesem abgeschiedenen und freieren und ehrbareren Boden, wo der Staat jene hinbringt, die nicht mit ihm, sondern gegen ihn sind: Es ist das einzige Haus in einem Sklavenstaat, das ein freier Mensch in Ehren bewohnen kann.“

Das bringt mich natürlich noch einmal zu meinem Gefängnisaufenthalt wegen meines Drogenkonsums.

Nun, ganz so verklärt und begeistert konnte ich meine Knastzeit nicht erleben, wie Thoreau, und als gerechten Menschen sah und sehe ich mich nun auch nicht wirklich – eher als einen immer nach Gerechtigkeit Dürstenden –, aber in einem Punkt fühle ich mich von ihm bestärkt:

Die Regierung sperrt Süchtige und Drogenabhängige unrechtmäßig ein.

Wenn ich mich schuldig bekenne, dann wegen meines Missbrauchs an mir selbst und meinem Körper, aber nicht deswegen, weil ich etwas Verbotenes getan habe. Ich sah und sehe nicht ein, weshalb der Staat den Konsum willkürlich verbotener Drogen verfolgt und gleichzeitig heuchlerisch hoch angesehenen Verbrechern gestattet, mit Finanzspekulationen ganze Nationen zu vernichten und Millionen Menschen in Hungersnöte zu treiben.

Wie sagte Thoreau doch so treffend – ein Satz, der zu einem Credo für uns Anarchos wurde: „Die beste Regierung ist die, welche gar nicht regiert.“

So sollte, wie ich glaube, der kritische Rückblick ins eigene, oftmals immer wieder verschwimmende und manchmal so gar nicht fassbare Leben vor allem eine große Chance sein.

Eine Chance sich zu ent-decken, diese Gebilde, die man sich errichtet hat, um sie dann „Ich“ zu nennen, abzutragen, um zu einem Kern zu gelangen, der wahrscheinlich wenig spektakulär ist: unser Selbst, ohne Armada und Festung ziemlich nackt und hilflos, aber offen und empfänglich für Schönheiten, die einem gepanzert verwehrt blieben.

Die Schönheit des Miteinander ohne Ehrgeiz und Wahn, die Schönheit zu erkennen, dass wir in keinem Punkt besser sind als andere, nur anders, und in diesem Anderssein auch geliebt werden wollen.

Die Mystiker würden sagen, das ist der Beginn, um sich mit Gott zu verbinden, dem Dao, dem Atman. Mit dem, was wir alle manchmal erahnen, das uns aber meist verwehrt ist in einer Welt, die das Äußerliche mehr anbetet als das Wesentliche. Mit dem eigentlichen Sein, das uns darauf hinweist, was wir sein könnten, wenn wir uns befreit haben von den Fesseln eines ausschließlich zweckgebundenen Denkens und Wollens.

Und wenn der Weg dorthin über Irrungen und Wirrungen führt, dann lasst uns eben weiter irren.

Vielleicht jedes Mal ein wenig weiser.

Das hoffe ich jedenfalls.

 

Das ganze schrecklich schoene Leben von Konstantin Wecker

 

Konstantin Wecker:

Das ganze schrecklich schöne Leben. Die Biografie.

Gütersloher Verlagshaus,

477 Seiten, € 24,99

Showing 7 comments
  • Avatar
    heike
    Antworten

    „… das Leben als ein Fließen von einer fehlerbehafteten Vorläufigkeit zur nächsten“

    zu sehen, ist eine sehr entspannende Sicht der Dinge. Man kann nicht alles gleichzeitig machen, man muss für sich entscheiden, was man im Leben möchte.

     

    • Avatar
      Bettina Beckröge
      Antworten
      Vielleicht, liebe Heike, ist es nicht EINE Entscheidung, die uns weiterführt, sondern die Summe an Entscheidungen, die mit jeder Weggabelung auf uns wartet. Das Leben ist wie ein Fluss. Konstantin hat manche heiße Herdplatten angefasst, er hätte die Wahl gehabt, drumherum zu gehen, es hätte ihm manche Erfahrungen erspart. Doch nur so weiß er, wie heiß Herdplatten sein können. Es ist gewiss nicht jedermanns Sache, mäandrierende, unbestimmte Wege zu gehen, Ungewisses auszuprobieren, auch auf die Gefahr hin, sich dabei die Nase wund zu scheuern, doch sind es nicht genau diese Erfahrungen der Amplituden, die den Menschen letztendlich zu seiner Mitte führt? Ich bin in Konstantins Bücher eingetaucht, mitunter stellten sich mir dabei die Nackenhaare hoch, dann wieder habe ich mitgefiebert, dann herzhaft in mich reingegniggert und zum Schluss aufgeatmet.

      Die Poesie in seiner ungestümmen Kraft und Dynamik, dann wieder in seiner weichen, zärtlichen Sinnlichkeit ist, so sehe ich es, das Resultat aus einem Leben, aus der Fülle an schöpferischer Kraft.

      https://youtu.be/h3_EsIKarl8

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Ja Bettina, es sind viele Entscheidungen, die am Ende das ausmachen, was man einen Lebensweg nennt. Ich bin Konstantin sehr dankbar dafür, dass er vieles aus seinem Leben erzählt und anderen Menschen immer wieder Mut macht, trotz gemachter Fehler zu sich zu stehen. Oft verhindert wohl das Erkennen der eigenen Fehler die Scham, die damit verbunden sein wird. Menschen, die keine Fehler eingestehen wollen, halten an ihren bisherigen Entscheidungen krampfhaft fest und verhindern so eine Entwicklung der Welt hin zu etwas Besserem.

     

  • Avatar
    ert_ertrus
    Antworten
  • Avatar
    fehlerhaftes System
    Antworten
    SPD Schröder sagt das auch, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Wer mir geglaubt hat ist selbst schuld!

    Kirchenmänner sagen das auch, fordern, nein, erwarten ganz ohne Worte, Vergebung und Verzeihung, ohne darum zu bitten.

    Die Zerstörung des GG ist ein Fehler? Ach so. nur ein kleiner Fehler?

    Hass und Gewalt wurde gesetzlich bestimmt, gefördert, zielführend, um sich zu bereichern, um die Ärmsten zu betrügen, millionenfacher rot-grüner Betrug und schwarze Gewalt.

    Zitat:

    “Wie tief muss der Hass auf Menschen sein, die auf Spenden angewiesen sind?”

    Er wurde zielführend gefördert, seit 15 Jahren gefordert, per Weisung.

    Wie blöd muss der Mensch sein der das nicht erkennt?

     

    Einsicht und Reue sieht das politisch korrupte System gar nicht mehr vor, Kirchen gehören dazu, Täter sind sehr großzügig mit den Menschenrechten der Opfer, ist schon länger bekannt. Natürlich ist das   NICHT!  Die Moldau von Smetana ist eine tolle Beruhigung, eine schöne noch dazu, Menschen-Recht geht jetzt so? Ach so, da sind sich doch alle einig? Wieder einmal selbst schuld, die Faulenzer, Parasiten und Schmarotzer? Haben sich zur Schlachtbank führen lassen, haben vertraut. Untreue Absichten sind erkennbar und ausreichend deutlich. Soviel Freiheit hat jedes Opfer, einfach großzügig verzeihen, dann ist alles wieder gut. Hat schon nach dem 2. WK nicht funktioniert, die Nazi`s haben alle bis heute gut geschützt überlebt. DAS  nenne ich mal  deutsche  SOLIDARITÄT, echte Solidarität über viele Jahrzehnte.

    SPD-Träume in eine neue Zeit, die alte Zeit ganz schnell vergessen, die Toten auch.

    Bald ist Weihnachten, Silvester vorbei, dann ist die weiche Welle wieder durch. Ganz normal.

     

     

     

  • Avatar
    maria
    Antworten

    Wer sich nicht irrt, fixiert sich auf das Verhalten seiner Mitmenschen und spürt sich selbst nicht oder nur wenig.

    Wer sich nicht irrt, verarmt in seiner Egowelt, er verpasst die Chance, sich kennenzulernen und Wesentliches im Leben zu erfahren.

    Lieber irren statt blind, taub, gleichgültig und rücksichtslos seine Zeit hier auf dieser Erde zu verbringen.

    „Wer mit offenen Augen und Ohren durchs Leben geht, findet immer wieder Grund zum Staunen“.         Ernst Ferstl

    In diesem Sinne freue ich mich sehr auf das Konzert in Luzern

    Euch allen wünsche ich von Herzen alles Liebe und Gute

    Maria

     

     

     

  • Avatar
    Palantir
    Antworten

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!