Konstantin Wecker: Lieber naiv als korrupt

 In FEATURED, Konstantin Wecker, Poesie, Politik

Ein Auszug aus Konstantins neuem Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“. Der Liedermacher outet sich in diesem Prosagedicht als Utopist und Fantast – quasi als ein bekennend Naiver in einer Zeit, die sich fast nur noch an einer immer inhumaner werdenden „Realität“ orientiert und dieser alten Wirklichkeit der Märkte und Machtspiele so immer neue Nahrung gibt. „Ich will eine tanzende Menschheit“. (Konstantin Wecker)

 

 

Die Herren pokern, ihre Welt

schneit unsere Herzen langsam ein.

Jetzt kann nur noch die Fantasie

die Sterbenden vom Eis befrein.

 

 

 

Darf ich mir Luft machen?

Ich muss,

denn bald ersticke ich

an all diesen subtilen Taktiken und Strategien,

die einzig ersonnen wurden,

um den Mächtigen mehr Macht zu verleihen

und die Ohnmächtigen ihrer Stimme
zu berauben.

Ich bin ein Träumer,

Utopist, Fantast.

Ich bin naiv und habe mich nie geschämt dafür.

Und ich glaube,

damit stehe ich nicht allein
in dieser korrupten Welt.

Und ich gebe hier Laut,

nicht weil ich mich für unfehlbar halte,

sondern weil auch die Verlierer,

die seitlich Umgeknickten,

die nicht immer obenauf Schwimmenden

ein Recht haben auf ihre Sicht der Welt.

 

Was soll denn diese kriecherische Anbetung

von Markt und Nutzen,

Gewinn und Rendite,

Erfolg und gutem Aussehen bewirken?

Glückliche Menschen generieren?

Auf dem Buckel der Zurückgelassenen,

ins Abseits Gestellten,

Ausgebeuteten,

Loser?

Glücklich?

Dass ich nicht lache.

Glück hat nichts zu tun

mit einem Job an der Wall Street,

mit einem Posten

als Vorstand eines erbarmungslosen Konzerns.

Glücklich kann der Mensch nur sein,

wenn um ihn herum auch eine
glückliche Menschheit ihr Leben leben kann.

Wenn er die Unkenntnis

seines eigenen wahren Wesens überwindet

und den Irrglauben,

er sei ein von den Anderen getrenntes Ich.

Was ich mir erträume,

ist mehr als eine Revolution.

Es ist die totale Umwälzung der Werte

unserer wertlosen Gesellschaft.

Es sind Menschen,

die miteinander suchen,

hoffen,

sündigen,

verzeihen.

Menschen, die sich anlächeln,

statt sich im Wettbewerb

um den besseren Job fast umzubringen.

Menschen,

die tanzen,

wie junge Hunde das tun,

wenn sie endlich auf die Wiese
gelassen werden.

Habt ihr das schon einmal gesehen?

Ja, sie tanzen und springen
um die eigene Achse,

immer und immer wieder

aus lauter Freude am Sein.

Am einfach nur da sein.

An einem Leben ohne Leine.

Kinder,

die sich umarmen, ohne zu fragen,

wer mehr Geld hat,

wer welche Hautfarbe hat,

wer schöner ist oder klüger.

Ja, Freunde,

ich will eine tanzende Menschheit.

Brüder und Schwestern,

die sich nicht beneiden,

sondern am Glück des anderen erfreuen.

Naiv?

Na und!

Was soll das für eine Welt sein,

in der man nicht mal naiv träumen darf,

ohne verspottet zu werden?

Wir müssen aussteigen

aus diesem tödlichen Gewirr von Sachzwängen

und scheinbar schlüssigen Argumenten.

Tanzen heißt,

sich auch vom strengen Korsett

des vorgegebenen Liedes

befreien zu können.

Hüpfen, springen,

immer und sofort in den Himmel hinein.

Das ist die Poesie, die ich meine.

Die Poesie der Freude,

die uns diejenigen immer wieder
ausreden wollen,

die glauben,

es ginge ihnen besser,

wenn sie andere unterdrücken.

Ich will keinen Herrn über mir,

ich will keinem Götzen dienen,

der mich zur Eissäule verdammt,

nur weil er meine Lebendigkeit fürchtet.

Ich will in keiner Gesellschaft leben,

in der all jene am miesesten entlohnt werden,

die die wirklich wichtige Arbeit verrichten:

Krankenpflegerinnen,

Altenpflegerinnen,

Hospizarbeiterinnen

und so viele mehr.

Und wo die unwichtigsten,

ja meist schädlichsten Berufe

am besten bezahlt werden.

Ich will in einer Welt leben,

in der man das alles aussprechen darf,

ohne als Spinner geschmäht zu werden

oder als Terrorist auf die schwarze Liste
gesetzt zu werden.

Ich will in einer Welt leben,

in der solche völlig normalen
und menschlichen Ansichten nicht
als unvernünftig niedergeredet werden.

Nur weil sie dem Abgott Markt nicht dienen.

Sich nicht vor den Tempeln des Konsums

zu Boden werfen.

Keine Schmiergelder einstecken.

Ich will lieber wahnsinnig werden,

als mich diesem sinnlosen Wahn zu beugen.

 

Konstantin Wecker:

Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand

Gütersloher Verlagshaus

144 Seiten, € 15,-

Anzeige von 9 kommentaren
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    Imago
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    Super Text, ein Volltreffer!
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    heike
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    Wir leben in einem LAND, in dem die Rechten auf dem Vormarsch sind und nach und nach alle Schaltzentralen der Macht besetzen, auch wenn das die gesellschaftliche Mitte nicht wahrnehmen will.

    Linke werden zumTeil noch protegiert, da auch sie die gesellschaftliche Mitte zu destabilisieren helfen, was mittelfristig den Rechten in die Hände spielt, da eine linkeMehrheit in diesem Land absolut undenkbar ist – so leid mir das tut.

    Ich hätte mich lieber aus der Politik raushalten sollen, aber damals war ich noch naiv und dachte, dass, wenn man sie und die Hintergründe nur versteht,ein Wandel zum Sinnvollen und Guten möglich ist. Geht aber nicht. Zuviele steuerbare Dummköpfe. Man „darf“ sich einordnen und den Herrschenden von morgen, sprich der AfD, dienen.

     

     

     

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    Piranha
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    „Poesie ist (auch) Widerstand“

    Denn nach Jean Paul:

    Poesie ist wie ein Duft, der sich verflüchtigt und dabei die Essenz der Schönheit in unserer Seele zurückläßt.

    gefunden in einem Eintrag von Palantir.

    Rilke gehört für mich unbedingt zu jenen, die mich verzaubern.

    KW hat zwar an keinem Rilke-Projekt mitgewirkt (hierin irrt Palantir), aber er hat Rilke gelesen vor ein paar Jahren, wovon auch eine CD erhältlich ist.

    Eines der Gedichte aus der „Sonette an Orpheus: Atmen“, ist leider nicht darauf, dennoch wunderschön:

    Atmen, du unsichtbares Gedicht !
    Immerfort um das eigne
    Sein rein eingetauschter Weltraum. Gegengewicht,
    in dem ich mich rhythmisch ereigne.

    Einzige Welle, deren
    allmähliches Meer ich bin ;
    sparsamstes du von allen möglichen Meeren, –
    Raumgewinn.

    Wieviele von diesen Stellen der Räume waren schon
    innen in mir. Manche Winde
    sind wie mein Sohn.

    Erkennst du mich, Luft, du, voll noch einst meiniger Orte ?
    Du, einmal glatte Rinde,
    Rundung und Blatt meiner Worte.

     

    Es tut geradezu weh, wenn davon im Netz eine sinnverfälschte strohdumme Version auftaucht:

    Atmen

    Du unsichtbares Gedicht!
    immerfort um das eigne Sein,
    rein eingetauschter Weltraum, Gegengewicht,
    in dem ich mich rhythmisch ereigne.

    Einzige Welle,
    deren allmähliches Meer ich bin;
    sparsamsten Du von allen möglichen Meeren,
    Raumgewinn.

    Wie viele von diesen Stellen der Räume
    waren schon innen in mir.
    Manche Winde sind wie mein Sohn.

    Erkennst du mich, Luft?
    Du voll noch einst meiniger Orte,
    Du, einmal glatte Rinde,
    Rundung und Blatt meiner Worte

     

    Ich will gar nicht erst raten, von wem das stammt.

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    Nadja
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    Ein wundervoller Text, der mich berührt und gepackt hat als ich ihn das erste Mal von Konstantin gelesen, in einem seiner Konzerte, gehört habe. Und der mich seit dem auch nicht mehr loslässt! Und nein Konstantin, du stehst ganz sicher nicht allein auf dieser Welt. Sicher muss man sich oft für seine Naivität beschimpfen lassen oder man wird nicht ernst genommen, aber Naive haben einen großen Vorteil: sie sind sehr standhaft und widerstandsfähig 🙂
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    HF
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    Die Freiheit lieben , heißt andere lieben; die Macht (lieben) nur sich selbst “ **W.Hazlitt

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    Für immer nur Kind
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    Naiv ist schön…so unschuldig
    Naiv ist unverdorben…so kindlich
    Naiv ist frei und doch im Zwang
    alsbald dann Gefahr
    Alles ein IST der Person
    seinem Gegenüber
    seiner Gemeinschaft
    in Abhängigkeit
    seiner Gesellschaft

    .
    .
    Der Mensch ist ein Gesellschaftstier, und so bestimmt die Gemeinschaft die Eigenschaft der Naivität. Und die Folge daraus…

    .

    Freundschaft oder Feindschaft.

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    heike
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    Wenn man es auf die Spitze treibt ist es so.

    Wenn man schon vorher zu lügen beginnt, wie die meisten, nicht.

    Ich bin müde. Manchmal bin ich auch kurzzeitig munter, aber im Grunde genommen bin ich müde.

    Diese Gesellschaft lässt sich nicht zum Naiven hin „retten“. Das Naive wird nicht geachtet. Geachtet wird nur Macht (auch ein Hausmeister kann Macht haben). Macht ist, wenn der eine stärker als der andere ist. Die meisten Menschen achten nur Menschen, die stärker als sie selbst sind. Die Schwächeren nutzen sie entweder zu ihrem Vorteil aus oder verachten sie oder beides. Menschheit auf der gegenwärtigen Stufe ihrer Entwicklung.

    Am Ende stirbt man – das bleibt einem immer.

     

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    heike
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    Was naiv noch ist, fällt mir eben ein: naiv ist bei sich selbst bleiben können und in diesem Selbst gibt es ein schlagendes, wärmendes Herz und Vertrauen. Das ist naiv. Menschen, die in ihrer Kindheit dieses Vertrauen erfahren konnten, weiten die Erfahrung vielleicht auf die ganze Welt aus und glauben, ihnen könnte nie etwas passieren. Bis es dann eines Tages so weit ist. Und solange die Liebe, die ein Mensch insgesamt erfahren hat noch größer ist als der Verrat, der Hass, die Verletzung, solange wird dieser Mensch immer noch Vetrauen in das Gute haben. Bis das aufgebraucht ist. Dann stirbt erst das Innere des Menschen, und er kann sich entscheiden, jetzt andere zu verletzen und zu lügen oder zu kämpfen. Dann kämpft er noch eine Weile und dann stirbt er.
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    maria
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    Aus dem neuen Buch von Konstantin Wecker: „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“

    Revolutionäre Worte, Poesie und sinnvolle Appelle, hin zum Frieden!

    Legt an!    Konstantin Wecker: „Legt das Gewehr an den nächsten Schrottplatz!“.

    Gewehr ab!    Konstantin Wecker: „Vielleicht ab jetzt nicht mehr in die Hand nehmen“.

    Hinliegen!    Konstantin Wecker: „ Ja, gerne unter den nächsten Maulbeerbaum zum Träumen“.

    Aufstehen!    Konstantin Wecker: „ Ja, aufstehen,  wider den Gehorsam!“

    Das Buch habe ich noch nicht gelesen – freue mich sehr darauf!

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