Konstantin Wecker: Spiritualität ist ein Weckruf, keine Beruhigungspille

 in FEATURED, Spiritualität

Sprituell zu sein, ist nicht „Pflicht“. Falsch wäre es aber, eine spirituelle oder religiöse Ausrichtung pauschal als politisch unkorrekt zu verdammen. Es kommt immer darauf an, wie Spiritualität das Bewusstsein und das Handeln eines Menschen verändert. Für Konstantin Wecker war sie nach seinem Drogen-Zusammenbruch in den 90ern sehr hilfreich. Spiritualität kann Politik positiv beeinflussen, indem sie den Politisierenden dazu bringt, sich selbst zu hinterfragen. Festgefahrene Weltbilder und vor allem Feindbilder brechen dann auf, und durch die Ritzen dieser brüchigen Mauern kann das Licht von etwas Neuem einfallen. Der spirituelle und politische Mensch verbindet sich mit dem Ganzen und versteift sich nicht länger auf Partikularinteressen bzw. Teilwahrheiten. Der Liedermacher und Begründer dieser Seite gibt hier ein sehr persönliches Bekenntnis ab. Konstantin Wecker

Viele Menschen scheinen überrascht darüber zu sein, dass ich mich „plötzlich“ für Spiritualität interessiere. Gern wird in diesem Zusammenhang mein Lied „Genug ist nicht genug“ zitiert, in dem es u.a. heißt: „Nur die Götter gehen zugrunde, wenn wir endlich gottlos sind“. Ich stehe nach wie vor zu diesem Satz, weil ich glaube, dass die Zerschlagung der Götzen, die uns in den verschiedenen Religionen angeboten werden, nicht nur notwendig ist, sondern zugleich auch eine große Chance. Wir dürfen nur in der gegenwärtigen Situation nicht den Fehler machen, uns an Stelle der alten Götzen neue aufzubauen, wie zum Beispiel den Materialismus oder, im Moment, den Kapitalismus. Gott ist etwas, was ich im Laufe meines Lebens – als Wort und vor allem als Bild, das ich vielleicht auch schon als Jugendlicher von ihm hatte – mehrfach zertrümmern musste, um es jetzt wieder völlig ohne Probleme verwenden zu können.

Warum brauchen wir Spiritualität für das neue Jahrhundert? Ich glaube, dass unsere einzige Chance, Feindbilder und ideologische Weltbilder abzubauen, darin besteht, dass wir auch in uns selbst blicken. Es ist wichtig, sich immer wieder selbst zu hinterfragen, sich selbst zu entlarven und zu warnen. Ich habe einmal einen Text darüber geschrieben, wie ich meine eigene Ungereimtheit mit rebellischen Versen tarnte. „Zwar ich kleide meine Zweifel in Gedichte ab und zu. Das verschafft paar ruhige Stunden, eigentlich ist nichts geschehen. Ach, es gibt so viele Schliche, um sich selbst zu hintergehen!“ Und in einem anderen Lied: „Von allen meinen großen Lieben ist mir nur eine treu geblieben: der Selbstbetrug.“ Es schien fast, als wollte ich mich mit diesen Liedern selbst warnen und aufrütteln und als ob meine Texte schon immer viel weiter gewesen wären als ich selbst es war.

Natürlich könnte diese Form der Innenschau auch von der Psychologie und der Psychotherapie geleistet werden, doch meines Erachtens, greift psychologisierende Selbstbeschäftigung ohne eine spirituelle Komponente zu kurz. Sie steht unter dem begründeten Verdacht, sich einzig und allein für den eigenen Nabel zu interessieren – so als wären wir isolierte Wesen, die durch eine imaginäre Käseglocke vom Rest der Welt abgeschirmt wären. Die Spiritualität geht tiefer und verbindet uns mit Allem und allem Sein.

Dazu muss ich etwas von meiner eigenen Lebensgeschichte erzählen: Ich habe vor jetzt fast zehn Jahren einen wirklich großen Zusammenbruch erlebt, der natürlich mein Leben sehr verändert hat. Vor diesem Zusammenbruch war ich nur noch eine Kopie meiner selbst. Das Image, das ich in jungen Jahren selbst aufgebaut hatte und all das, was meine Fans zusätzlich in mich hineininterpretiert hatten, habe ich versucht zu leben, obwohl ich es eigentlich schon gar nicht mehr war: Der ewig Starke, der ewig Powervolle, der ewig Leidenschaftliche, der Unzerstörbare, der Lebemann, der rebellische Lüstling aus „Genug ist nicht genug“ – all das war ich eigentlich gar nicht mehr. „Ich hab es satt, ein Abziehbild zu sein“, heißt es in dem Lied. Nun war ich doch eins geworden – ein Abziehbild meiner selbst.

Und dann kam dieser Zusammenbruch. Und im Gefängnis hatte ich dann ein ganz entscheidendes Erlebnis. Dort habe ich in ein paar Stunden Teile meines Lebens aus der Sicht anderer gesehen. Ich habe gefühlt, wie mich Menschen empfunden haben, denen ich etwas angetan habe – im Streit z.B., wenn ich sie angeschrien habe, oder auch, indem ich selbstgerecht war. Ich konnte mich selbst tatsächlich von außen betrachten, und was ich da sah, war nicht unbedingt angenehm. Ich habe da einen Konstantin Wecker gesehen, von dem ich mir nicht eingestanden hatte, dass er so sein könnte.

Das war wirklich ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich begann zu meditieren und habe dann die ersten Jahre sehr intensiv und sehr demütig begonnen, mich wieder zu entdecken. Das Wort Demut hat für mich damals zum ersten Mal eine wirklich lebendige Bedeutung für mich gewonnen. Ich begann zu entdecken, was hinter diesem Ich, an das ich sowieso nicht mehr so recht glaubte, so alles wohnte und lauerte. Und das war ein Schritt in eine neue Welt, die nur deswegen nicht so ganz neu für mich war, weil ich sie als Jugendlicher ein paar Mal erlebt hatte.

Ich habe auch angefangen, das Gebet wieder zu entdecken. Ich weiß noch genau, wie ich mich vor mir selbst dafür geschämt habe, zu beten. Dann habe ich mir die Frage gestellt: Warum schäme ich mich eigentlich, zu Gott zu beten? Der Grund liegt in der weit verbreiteten gesellschaftlichen Ächtung der Spiritualität. Diese Scham musste ich zuerst überwinden.
Seit meinem Erlebnis im Gefängnis, durch das ich am eigenen Leib erfahren habe, wie mich andere Menschen erlebt haben, ist es mir nicht mehr möglich Spiritualität von Fragen der Ethik zu trennen, von dem ganz konkreten Versuch, meine Mitmenschen gut zu behandeln. Ich habe immer das Gefühl, dass es ja schön und gut ist, wenn sich jemand erleuchtet nennt, doch mich interessiert zuerst einmal die Güte; wo entdeckt man eine wirkliche, wie Albert Schweitzer es nennt: tätige Hingabe?

Eine Aussage von Ken Wilber hat mich in diesem Zusammenhang ausgesprochen beeindruckt: Er sagt, dass die Religion zwar für die meisten Menschen die Funktion hat eine gewisse Beruhigung, eine gewisse Sicherheit zu geben; dass aber Religion in ihrem tiefsten Sinne etwas ist, das zuerst einmal verunsichert, etwas, das einen auch in tiefste Nöte und Stürme stürzt. Es hat mich sehr beeindruckt, dass Glaube für Wilber nicht vordringlich diesem narzisstischen Zweck dient, sich ein noch angenehmeres Dasein zu verschaffen – was ich bei vielen so genannten Esoterikern spüre, und was auch zu einer unglaublichen Arroganz führen kann. Ich glaube, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, in der sich der nach Erleuchtung strebende einbringen muss in die Realität.

Eines der faszinierendsten Phänomene ist für mich noch immer das menschliche Gewissen. Ich möchte fast sagen, es ist ein Gottesbeweis. Natürlich kann man immer wieder feststellen, dass Gewissen auch von gesellschaftlichen Zuständen abhängig ist. Und trotzdem gibt es immer wieder, wie Gottfried Benn es nennt, „Blüten“ – zum Beispiel Menschen, die aus einem Elternhaus kommen, von dem man meinen könnte, dass daraus nur ein Nazi entstehen kann. Diese „Blüten“ widersprechen jeder wissenschaftlichen Theorie über die menschliche Seelenentwicklung. Sie widerlegen die These, dass es allein auf die Erziehung oder auf die Genetik ankommt. Sie machen spürbar, dass es so etwas wie ein Gewissen gibt, das, wovon ich überzeugt bin, in jedem Menschen wohnt. Das ist der Antrieb für den einzelnen Menschen, aber auch der Antrieb für die ganze Menschheit sein, zu einer neuen Entwicklungsstufe zu kommen.

Ich kann es natürlich nicht beweisen, aber ich glaube, dass ein Sinn in dieser ganzen Schöpfung liegt. Und das umfasst die ganze Schöpfung, man kann nichts davon ausnehmen, auch nicht den Schmerz. Ich habe festgestellt, dass man mit Menschen, die einmal einen großen Schmerz empfunden und, vor allem, angenommen haben auf eine ganz andere Weise sprechen kann, als mit denen, die diesen Schmerz entweder noch nicht gespürt haben oder ihn immer weg drücken. Im Buddhismus wird es ja auch beschrieben, in der Legende von Buddha, der in einem Palast aufwuchs, in dem es keine Sterblichkeit gab, kein Alter und keinen Hunger. Sein Leben und seine Erkenntnis begannen eigentlich erst in dem Moment, als er aus dem Palast herausging, als er merkte, dass es Alte gibt, Sterbende. Wir alle in unserer Gesellschaft leben in diesem Palast.

Vielleicht liegt ja in großen Katastrophen wie dem schreckliche Tsunami im Indischen Ozean oder dem Hurrican über New Orleans auch eine große Chance. Diese grauenvollen Erlebnisse sollte bei uns auch etwas Innerliches bewirken. Zum Beispiel beim Thema Fremdenfeindlichkeit, das bei uns in Deutschland jetzt wieder sehr aufkommt. Ich glaube, sehr viele Leute, die die Tsunami-Katastrophe überlebt haben, haben sich wirklich gewundert. Im Fernsehen sah man viele, die mit glühenden Augen von der aufopfernden Hilfsbereitschaft der Muslime, Buddhisten und Hindus erzählt haben, die manche hier so gerne aus dem Land jagen würden.

(Quelle: Interview mit „What is Enlightenment?“)

Showing 9 comments
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    Freiherr von Anarch
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    tja….

    so sehr ich jedem den Weg zur Erleuchtung gönne und es ist ein Egotrip, auch dann freilich seis gegönnt…

    bleibt die Erleuchtung doch bei den Herrschern dieses Planeten aus und damit Milliarden von Flüchtlingen und Hungernden im Schatten von Not und Elend.

    Die religiöse Selbstbefried(ig)ung hilft auch den 10 Millionen unter der Armutsgrenze in der BRD rein gar nichts – die Befreiung aus dem Unrecht wäre ein notwendiger Kampf, aber den scheuen die Erleuchteten in ihrer religiösen Haltung der ‚reinen Friedlichkeit‘.

    Und so ist der spirituelle Weg des Widerstandes eben lediglich eine Flucht ins eigene Selbstheil, mitunter ein profitabler auch.

    Und ich wiederhole es gerne:

    eine kollektive Bewusstseinsänderung hin zu Gerechtigkeit für Alle, die hat es nie gegeben und wird auch nicht eintreten – gegen Unrecht muss gekämpft werden, müssen Taten erfolgen, je schlimmer das Unrecht vorhanden, desto radikaler.

    Das Übel an der Wurzel packen gelingt nicht mit Transzendenz hinüber in eine rein geistige Haltung, das Unrecht wirkt sich furchtbar im Diesseits aus und dort ist es tätlich zu bekämfen.

    Jedem sei seine eigene Flucht gegönnt, fürs eigene Seelenheil – jedoch ist es letztlich ein Egotrip.

     

     

     

     

     

     

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      c.g.
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      lieber freiherr von anarch,

      was wäre, wenn der kampf, von dem du schreibst, jeden tag bzw. immer wieder erst einmal mit sich selbst (und ich schreibe hier bewusst nicht gegen sondern für, weil das für eine andere energie mit sich bringt) ausgefochten werden kann, soll, muss (auch das je nach eigenem entscheiden)?

      und wenn dieser ‚Kampf‘ dann in eine neue sichtweise münden lässt, der auch die perspektive auf den äusseren kampf verändert?

      wenn dann demzufolge auch der gesellschaftliche kampf nicht mehr gegen erwas, sondern für etwas geführt, und nicht mehr im zerteilen, sondern im zusammenfügen bestünde?

      gegenseitige hilfe (peter kropotkin), die sich als solidarität = solidarischem handeln zeigt, das nicht von äußeren autoritäten (äußere anlässe und kampagnen wie z.b. bei blacklivesmatter) sondern aus jeweils individuellen, von der einzelnen person und ihrem sein entwickelten werten (was dann vielleicht sowas wie das gewissen wäre, das konstantin wecker meint und u.u. dazu führen könnte, dass ich z.b. dem mitläufertum von fff kritisch gegenüberstehe und mich durch mein nachfragen in der menge unbeliebt mache) bestimmt wird, könnte m.e. durchaus ein (der!) weg sein, der als prinzip der ENTFALTUNG und ERMÄCHTIGUNG die hierarchischen strukturen ablösen und menschliches zusammenleben (gibt es übrigens jenseits des mainstream schon in ansätzen überall auf der welt) nach neuen gemeinschaftlich und demokratisch gesellschaftlichen kriterien gestalten könnte.

      ich würde hier jetzt gerne das bild eines schmetterlings, als symbol dieser entfaltung, einfügen…..

      wenn es stimmt, dass wie kropotkin schreibt, „die usurpation aller sozialen funktionen durch den staat“ … „die entwicklung eines ungezügelten, geistig beschränkten individualismus“ begünstigt hat (und geistig meint, wenn ich das richtig verstehe,  den zusammenhang und die auseinandersetzung von denken und fühlen in bezug auf sich selbst in einer von anderen menschen und wesen umgebenden lebenswelt), dann kann der weg zur befreiung nur darin bestehen, dass wir anfangen, wieder selbst über unser leben zu entscheiden.

      was will ich, in welcher welt will ich leben, wie sieht das, was ich will aus der perspektive meines gegenübers aus?

      und spätesten hier bin ich beim gespräch mit anderen, in einer auseinandersetzung, bei einem für die weiterentwicklung notwendigen diskurs.

      wenn diese begegnungen und diskurse unterbunden, verboten, a la ‚ spiel nicht mit den schmuddelkindern‘ diffamiert werden, dann ist geistiger stillstand angesagt.

       

      ……

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    Ulrike Spurgat
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    Die Sinn Frage stellt sich solange es Menschen gibt insbesondere in solch schwierigen Zeiten wie dieser.

    Ein mutiger Schritt sich zu öffnen. Das trifft man ist heutzutage eher selten an. Konstantin W. weiß natürlich, dass er sich damit angreifbar macht. Das er das tut hat was mit Mut zu tun, aber auch mit dem Wissen wenn der Wind von vorne bläst nicht mit ihm fliegen zu gehen. Es ist sein Weg und selbst er weiß nicht was in einigen Jahren sein wird. Was spricht dagegen auch sich selbst auf den Prüfstand des Lebens zu stellen ? Ohne Korrektur geht es nicht aus meiner Sicht. Wir brauchen die anderen Menschen um sich entwickeln zu können. So ist es zutreffend die heutigen Formen der Psychotherapie, sowie Teile der Psychologie in Frage zu stellen und das ist hier geschehen. Das ist wichtig, denn die Kreiselei um sich selber hat keinerlei Entwicklungsperspektiven. (Eine liebenswerte Freundin hat das perfektioniert).  Ein sinnstiftender Beitrag fast eine Wohltat nach all der  teilnahmslosen Vernunft, der ich immer wieder begegne, die alles negiert unsichtbar macht und es in den Abgrund wirft. Es ist völlig egal ob ich das teile oder auch nicht. Denke über den Inhalt des aufrichtigen Textes nach…und weiter: man geht dann den beschwerlichen Weg der Erkenntnis woraus sich dann aber ergibt, dass es kein zurück mehr geben kann.Wir stoßen im Leben, die einen früher die anderen später an unsere Grenzen. Was wären wir ohne Hoffnung, denn niemand kommt ohne Narben durchs Leben und Schmerz kann den Menschen verändern.

    Ganz wenig, also nur ein klitze klein bisschen Marx am Ende.

    „Wir sind alle geborene Musiker, ob wir das entwickeln oder nicht….. “

     

     

     

     

     

     

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    heike
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    Ich glaube, Erleuchtung ist so etwas wie reine Erkenntnis. Man kann die verschiedenen Facetten und Sichtweisen verstehen, man bildet im Geist eine Synthese aus diesen und erkennt so die wahren Zusammenhänge.

    Warum gibt es auf der Erde Krieg und Ausbeutung? Aus meiner Sicht liegt das an fehlender Erkenntnis der Menschen und einem Energiekreislauf, der die Menschen immer wieder in seinen „Bann“, in seine Abhängigkeit zwingt. So wird es für manchen zur Notwendigkeit, andere zu unterdrücken bzw. sie kleinzuhalten, ihnen Zugang zu Macht und auch zu Selbstbestimmung zu verweigern, um ihren eigenen Standard, ihr eigenes Wohlbefinden aufrecht erhalten zu können. Ich denke, es ist ungefähr so, dass die Hälfte der Menschheit gibt und die Hälfte der Menschheit nimmt. Und hin und wieder ändert sich, auf welcher Seite du stehst.

    Spiritualität kann eine Oase sein, ein Ort der Menschen wieder auflädt, ihnen Zuversicht schenkt, sie inspiriert und tröstet. Das alles kann ein ständiger Kampf gegen das Unrecht nicht.

    Ein Kampf gegen das Unrecht kann zwar die Betrogenen und Unterdrückten trösten und ihnen bessere Chancen einräumen – das ist sehr gut – aber den Kämpfenden kostet er viel Kraft, da es massive Gegenkräfte gibt.  Wenn alle, die noch genügend Reserven haben, sich gegen Unrecht erheben würden und sich für Gerechtigkeit einsetzen, dann kann man viel erreichen.

    Aber gegen wen oder was willst du dich hier gewaltsam erheben? Die Bosse der Rüstungsfirmen zur Schließung ihrer Firmen zwingen? Es geht alles nicht. Ich sehe diesen gewaltsamen Widerstand von dir eher als eine Art romantischer Fantasie, die dann aber, versucht in die Wirklichkeit umzusetzen, zu sehr viel Leid und Grausamkeit führen wird. Das denke ich wirklich. Und je mehr sich die  Gewalttaten häufen, desto mehr werden sich Sicherheitsvorkehrungen und auch Überwachung vermehren und das gesellschaftliche Klima vergiften. Ich bin gegen Gewalt. Glaubst du, man würde durch Stürmen des Kanzleramtes erreichen, dass Deutschland seine Kohlekraftwerke schon 2030 schließt?  Ich nicht.

    Es kostet zwar auch viel Kraft, die Menschen immer und immer wieder aufzuklären über Kriege, Klimazusammenhänge, Umweltverschmutzungen, Willkür auf Arbeitsämtern, Ausbeutung in Betrieben – aber es bewirkt doch etwas. Über das Bewusstsein „der Massen“ (um mal beim marxistischen Jargon zu bleiben) lässt sich doch auch etwas verändern. Ich glaube daran – mehr als an Gewaltexzesse.

     

    Und noch ein Wort zu folgendem Satz aus Konstantins Artikel:

    „ … Wir alle in unserer Gesellschaft leben in diesem Palast.“

    Das stimmt ganz sicher nicht. Wenn ich mich in meiner Umgebung umsehe, dann sehe ich sehr viel Leid und Erschöpfung bei vielen Menschen. Es ist nicht so, dass es hier allen gut geht – warum auch immer. Das hat viele Ursachen. Unsere gesellschaftliche Betriebsamkeit fordert viel Tribut. Auch ich würde diese Umstände gern ändern und wüsste gern wie. Durch Gewalt lässt sich das nicht erreichen. Aber dadurch, dass mehr und mehr Menschen aus dem „Hamsterrad“ aussteigen und Lebensumstände suchen, die ihnen guttun.

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    heike
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    Ich verspüre ja auch so einen Funken revolutionären Kampfgeistes in mir, mit Nachdruck eine neue Gesellschaft durchzusetzen, die ihre Bürger*innen nicht so hinhält und mit dummen Dingen ablenkt. Aber wollen das die Leute? Und diejenigen, die das nicht wollen, die haben doch meist die Möglichkeit, sich mit interessanten Dingen aller Art zu beschäftigen und in die Gesellschaft einzubringen.

    Und ich schreibe jetzt noch mal zwei Gedichte auf von Helmut Preißler (einem DDR-Schriftsteller), erschienen im Jahr 1979. Und danach äußere ich mich nicht mehr zu dem Thema.

    MANCHE LIEBEN DAS GUTE

    und glauben das Beste

    und wissen zuwenig

    vom Ursprung des Bösen.

     

    In den verdeckten

    Kämpfen der Klassen

    schwächen ihre erregten Appelle

    die Aktionen der Aufbegehrenden,

    und sie bestärken

    die Macht der fast schon Geschlagenen.

     

    Während der Aufstände

    erflehen sie

    von den Zornigen Mäßigung,

    und ihre zitternden Hände

    streichen besänftigend

    über geballte bebende Fäuste.

     

    Nach den Volkssiegen

    tadeln sie

    die gerechten Richter,

    und erbitten einfältig

    Milde für Mörder

    und Gnade für Gnadenlose.

    ———————————————

     

     

    DIE MENSCHLICHKEIT

    hat nur Gewicht,

    wenn sie die Macht der Unmenschen bricht.

     

    Jahrtausende Hohngelächter,

    in dem Märtyrer verdarben.

    Und immer die Salven der Schlächter,

    in denen die Duldenden starben,

     

    und immer die Härte, die leicht

    das Wehrlose, Weiche zerstört,

    die Demut, die nichts erreicht,

    die Bitten, die keiner erhört,

     

    und immer ein Unten und Oben,

    und die Untren gekrümmt im Leid,

    und immer loben die Obren

    der Getretenen Friedfertigkeit,

     

    und sie raten: Die andere Wange

    halt hin, wenn dich einer geschlagen!

    Und sie nehmen die in die Zange,

    die verzweifelt den Widerstand wagen.

     

    Bei jedem Volkserheben

    hört man Erbarmen! sie schrein.

    Die niemals Pardon gegeben,

    mahnen nun milde zu ssein.

     

    Und so wird das Menschlichsein

    zur Krücke für Unmenschlichkeit,

    und so wird mildes Vezeihn

    zur Quelle für neues Leid.

     

    Die Menschlichkeit

    hat nur Gewicht,

    wenn sie die Macht

    der Unmenschen bricht.

     

     

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    heike
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    Wenn ich Bilder von der Stuttgarter „Krawallnacht“ sehe, dann kann ich darin nur Aggression und auch Unmenschlichkeit gegenüber Polizist*innen ausmachen. Krawall und Gewalt ist kein Widerstand gegen irgend etwas.

    Meiner Meinung nach brauchen wir auch nicht so viel Widerstand, sondern eher Leute, die mit anpacken, die die Gesellschaft selbst mit gestalten und dazu Zuversicht, Mut und Optimismus.

     

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    heike
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    Oder eben einen Widerstand anderer Art. Einen Widerstand gegen eingefahrene Gewohnheiten und Denkmuster z.B.
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    c.g.
    Antworten
    die frage ist, wie breche ich die gewalt der unmenschlichkeit?

    die frage ist, wie stoppe ich die gewalt? wie verhindere ich eine gewaltspirale?

    und du hast recht, bestimmt nicht, indem ich, wenn mich einer schlägt, die andere wange auch noch hinhalte und mich zum opfer mache.

    aber bestimmt auch nicht dadurch, dass ich zurückschlage.

    ich würde die wange wegdrehen und zu denen gehen (flüchten), die mich nicht schlagen sondern mich schützen.

    eine/n schlagen, geht immer leichter als eine gruppe zu schlagen. was nicht heißt, dass der, der schlagen will aufhören wird, seine machtgeilheit auszuleben, nur weil ihm plötzlich mehr als einer gegenüberstehen. er wird sich neue wege suchen … und schon sind wir mitten im system.

    also nochmal, nicht die wange hindrehen sondern weggehen, hin zu anderen, die schutz und unterstützung sind. nicht vor weiteren schlägen angst haben, sondern mit anderen gemeinsam tun, was stärkt, mut macht, und was wir für die organisation unseres leben brauchen.

    noch haben wir diese freiheit.

    was der schlagenwollende macht, wenn sich ihm keine wange mehr bietet, auf die er schlagen kann, weiß ich nicht.

    ich denke aber, dass wir die chance nutzen sollten, unsere wangen wegzudrehen (schon allein deshalb, weil schläge niemandem gut tun), um dann gemeinsam und mit weggedrehten wangen, ganz pragmatisch und gemeinsam – in kleinen oder größeren, durchaus unterschiedlichen gruppen, aber vielleicht miteinander vernetzt – ein leben in freiheit und selbstbestimmung zu organisieren und zu gestalten.

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    c.g.
    Antworten
    ach ja, zu dem, was leute so denken und wollen und wie sie dabei manipuliert und instrumentalisiert werden, hat f.j. degenhardt ein für mich unvergessliches und immer noch aktuelles lied gemacht

    https://m.youtube.com/watch?v=sBDEedGhpYg

    verhindern wir, dass wie musikalisch zitiert „alles in scherben fällt und   den mächtigen nicht heute deutschland und morgen die ganze welt gehört“

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