Konstantin Wecker: Über die Zerbrechlichkeit

 In Allgemein, Konstantin Wecker

„Ich möchte weiterhin verwundbar sein“ heißt ein Klassiker Konstantins aus den 80er-Jahren. In einem brandneuen Prosagedicht verstärkt er diese Botschaft noch und behauptet: „Die Schönheit gehört den Zerbrechlichen“. Sicher ist einer der Anlässe für seine Inspiration die unerträgliche Kraftmeierei bestimmter Selbstbewusstauftreter in der Politik, der Erdogans und Trumps, die auf den Schatten, den sie werfen, auch noch treten. (Konstantin Wecker)

Liebe Freunde,
gerade hab ich ein kleines Gedicht geschrieben, das ich euch in diesen Zeiten der omnipotenten Kraftprotze nicht vorenthalten möchte:

Über die Zerbrechlichkeit

Es lebe die Zerbrechlichkeit.
Stärke macht mir Angst, es sei denn,
sie ist aus der Zerbrechlichkeit geboren.
Mich berühren die ungebetenen Gäste
die Stillen und Verzagenden,
die Unerhörten.
Schönheit gebiert sich
aus Hilflosigkeit und Weisheit ist oft
ein Akt der Verzweiflung.
Immer wenn ich zerbrechlich war
konnte ich wachsen.
Wenn ich mich vollendet fühlte
erstarrte ich.
Mein Herz schlägt für die Missglückten,
Unansehnlichen,
Unbestätigten.
Die aber im Licht stehen
machen sich keine Gedanken über den Schatten
den sie werfen.
Vielleicht ist der Schatten größer als sie.
Vielleicht weiß er mehr von dem
was uns bedingt.
Die Schönheit
gehört den Zerbrechlichen.
Wir aber wähnen uns schön
und sehnen uns doch insgeheim danach
zerbrechen zu dürfen.

Konstantin Wecker

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