Konstantin Wecker: Was mich am Mönchsein fasziniert

 In FEATURED, Konstantin Wecker, Spiritualität

Der Begriff scheint nicht so recht zu Konstantin Wecker zu passen. Und doch hat der Liedermacher vor einigen Jahren ein Buch – „Mönch und Krieger“ – verfasst. Und beide Gestalten sind quasi Teilaspekte des als pazifistischer „Lebemann“ bekannten Künstlers. Schon lange hat sich Konstantin auch nach dem Stillwerden, dem Nach-innen-Gehen und dem Ende eines scheinbar unstillbaren Wunscherfüllungsdrangs gesehnt. Auszug aus „Mönch und Krieger“, erschienen im Gütersloher Verlagshaus, erhältlich im Sturm und Klang-Shop.  Konstantin Wecker

So unwahrscheinlich es klingt: Wenn einiges in meinem Leben anders gelaufen wäre, hätte die Existenzform eines Mönchs auf mich vielleicht eine Anziehungskraft ausgeübt. Ich hätte Mönch sein können, ebenso wie ich die „Laufbahn“ eines gewalttätigen Verbrechers hätte einschlagen können. Das erscheint nicht nahe liegend bei jemandem, der in der Öffentlichkeit überwiegend als Genussmensch und Pazifist bekannt ist. Vielleicht ist es aber einfach so, dass ich das Mönchische in mir immer versteckt habe, so wie ich das Kriegerische verstecke. Um zunächst beim Mönch zu bleiben: Unser Schatten ist ja immer das, was wir gerade nicht sehen wollen, zumindest nicht ausleben. Wenn also der Lüstling der Schatten des sittenstrengen Asketen ist, so ist bei einem Genussmenschen wie mir vielleicht der Mönch in den Schatten getreten und wartet darauf, gesehen und erlöst zu werden.

Der Mönch ist eine Existenzform, die durch Subtraktion entsteht: indem man nach und nach alles wegnimmt, was ein Mensch zu brauchen und zu sein glaubt. Ist alles Überflüssige weggefallen, so sind wir endlich frei, zum Eigentlichen vorzudringen. Nach meiner Verhaftung wegen Drogenbesitzes im Jahr 1995 habe ich erfahren müssen, was es heißt, auf sehr Weniges reduziert zu werden. Ich hatte alle Ehre, alles Geld und Ansehen verloren. Täglich konnte ich am Zeitungsständer die neuesten Greuelnachrichten über meinen Drogenabsturz und den anhängigen Strafprozess lesen. Damals, als ich aus dem Gefängnis frei kam, ging ich viel allein spazieren und mied den Kontakt mit Menschen, von denen ich annahm, dass sie ohnehin eine schlechte Meinung von mir haben mussten.

Gerade diese Erfahrung, isoliert, ja ausgestoßen zu sein, erwies sich aber im Nachhinein als sehr wertvoll. Mir ist dadurch klar geworden, dass es in mir etwas Unzerstörbares gab. Etwas, das unabhängig ist von der „Persona“, also von der Kunstfigur, die man gerne sein und nach außen hin darstellen will. In diesem innersten Raum wohnt etwas, das unbeeinflussbar ist von fremden und eigenen Urteilen, jenseits von Kategorien wie Würde und Schande, Gelingen und Versagen. Dieses Innerste ist nicht zu beleidigen und auch nicht einzuschüchtern. Es ist etwas Wunderbares, das in sich zu spüren. Für mich war es ja kein freiwilliger Entschluss, mich in eine solche Situation zu begeben. Es könnte aber eine unbewusste Weisheit darin gelegen haben, sich dieser Erfahrung auszusetzen, dieser Zwangsreduktion der eigenen Person auf das Wesentliche.

Mönche gehen – jedenfalls im Idealfall – in die äußerste Reduktion, und deshalb hatte ich für die Sehnsucht nach einem mönchischen Leben schon immer großes Verständnis. Der Grund dafür liegt in der Ambivalenz jeden Genusses und jeglicher weltlicher „Bedeutung“. Ich habe zwar einmal gesungen: „Wer nicht genießt, ist ungenießbar“, aber in einem anderen Lied auch: „ Genießen war noch nie ein leichtes Spiel“. Und tatsächlich hat mich meine Suche auch einmal in ein Kloster geführt. Ich mietete mich für eine Auszeit im Kloster Andechs ein. Dort gibt es bekanntlich ein hervorragendes Bier, und auch Schweinshaxen gehören zu den Spezialitäten, die den Ort – mehr noch als die Klosterkirche – zur Pilgerstätte für Tausende gemacht haben. Ich befand mich damals aber gerade in einer Phase, in der ich keinen Alkohol trinken, nicht rauchen und kein Fleisch essen wollte. Ich war in meiner Zelle allein, beteiligte mich lediglich an den rituellen Gebeten der Mönche. Wenn man dann zu den Vespermahlzeiten zusammen saß und die Mönche kräftig dem Bier und dem Schweinebraten zusprachen, schauten die mich mit meiner Enthaltsamkeit wie einen Geisteskranken an. Schließlich war keine Fastenzeit. Ich hatte mich also mönchischer verhalten als die Mönche.

Ich bin eigentlich ein sehr geselliger Mensch, der gerne offen auf andere zugeht. Das war immer schon so, trotzdem verlief meine Jugend anders, als man sich das vielleicht vorstellt. Ich war als Kind nicht unbedingt ein begehrter Spielkamerad. Ich übte sehr viel Klavier – das allein nahm pro Tag einige Stunden in Anspruch, in denen ich mich nicht an üblichen Jungenspielen beteiligen konnte. Mein Elternhaus war liberal, meine Mutter aber in mancher Hinsicht auch ziemlich streng. Ich durfte weniger als andere Kinder in meinem Alter. Hinzu kam, dass ich schon mit elf Jahren sehr viel gelesen habe – wie einige meiner damaligen Briefe dokumentieren. Es gab in den 50er-Jahren bei weitem nicht so viele Kinderbücher wie heute – höchstens mal eine gekürzte Ausgabe von „Robinson Crusoe“. Also benutzte ich einfach die Bibliothek meiner Eltern, deren Niveau mich vielleicht überforderte, jedoch auch anspornte. Ich kam sehr früh mit Gedichten in Berührung, die mich enorm faszinierten. Vor allem meine Mutter hat mich darin sehr gefördert, indem sie mir die Gedichte auswendig und sehr begabt rezitierte und mich so mit ihrer Begeisterung ansteckte.

Auch in dieser Hinsicht war ich also in der Schule ein Eigenbrötler. Ich fand unter meinen Klassenkameraden niemanden, der diese Liebe zu Gedichten mit mir teilte. Erst später, auf dem Gymnasium, gab es einzelne, mit denen ich über solche Themen reden konnte. In der Pubertät war ich also sehr zurückgezogen, meist allein. Ich riss öfters von zuhause aus, obwohl gegen meine Eltern eigentlich nicht viel einzuwenden war. Nur einen einzigen Spezi hatte ich, der mich bei solchen Exkursionen begleitete. Ansonsten überstand ich meine Pubertät mehr mit der Lektüre von Trakl-Gedichten und eigenen Schreibversuchen, als mit Partys und Komasaufen. Als ich zwanzig war, gelangte ich einmal in den Besitz eines Stücks Haschisch. Ich übergab es damals ganz brav meiner Mutter und sagte: „Nimm du es lieber! Sonst rauch ich es bloß, und ich will mit Drogen nichts tun haben.“

Freilich gab es immer auch ein paar Gleichaltrige, die mich mochten und vielleicht sogar insgeheim bewunderten, weil ich Klavier spielen konnte und bereits als Knabe eine schöne Singstimme besaß. Mein Musiklehrer ermutigte mich immer wieder, vor der Klasse aufzutreten. Trotzdem kann man nicht sagen, dass ich übermäßig beliebt war. Schon sehr früh betrachtete ich mich als Anarchisten, ohne sehr viel Ahnung zu haben, was das eigentlich ist. Und was Mädchen und erste sexuelle Erfahrungen betraf, war ich eher ein Spätentwickler. Ich weiß noch, dass ich mit vierzehn von einer viel älteren Frau meinen ersten Zungenkuss bekam. Sie war damals achtzehn, aus meiner Perspektive also uralt. Danach lief ich lange Zeit peinlich berührt durch die Straßen und bildete mir ein, jeder müsse mir das wohl ansehen. Es war ein regelrechter Schock für mich. Solche Erfahrungen waren aber eher die Ausnahme. Typischer für mich war, dass ich zuhause blieb und viel schrieb.

Man sieht also, dass mir Rückzug und geistige Versenkung – also Lebensweisen, die man eher Mönchen zuschreibt – in der Jugend durchaus vertraut waren. Was viele überraschen mag: Ich kann sogar das Zölibat verstehen. Nicht als verbindliche Pflicht natürlich. Wenn man Priestern, die dazu vielleicht gar nicht taugen, den Befehl gibt, enthaltsam zu sein, kann das viel seelisches Leid und grausame Verirrungen zur Folge haben. Wir haben das ja unter anderem bei den Missbrauchsfällen innerhalb der Katholischen Kirche erleben müssen. Und es sollte einem auch bewusst sein, was ein wichtiger Grund des Zölibats für kirchliche Amtsträger war.  Man wollte deren Erbe für die Kirche sichern. Aber wenn es jemand aus freiem Entschluss schafft, sexuell enthaltsam zu leben, dann kann ich das gut verstehen. Ich glaube, dass Mann oder Frau dadurch eine große Freiheit gewinnen kann.

Ich bin ja immer sehr für die Freiheit eingetreten, aber ich habe es kaum jemals geschafft, frei zu sein von meinen eigenen Trieben. Dazu bin ich wohl zu sehr Genussmensch. Mir würde es enorm fehlen, wenn ich die Schönheiten des Daseins nicht mehr genießen könnte. Zum Beispiel liebe ich das gemeinsame Essen mit anderen Menschen. Umso mehr verspüre ich aber auch die Sehnsucht, dass jeder Hunger aufhören, dass dieses Getriebenwerden durch die Gier nach Bedürfnisbefriedigung ein Ende haben möge. Ich stecke also in einem Dilemma. Langfristig eignet sich für mich wohl nur ein spiritueller Weg, der sich nicht zu sehr auf Askese und Sinnenfeindlichkeit versteift. Jesus könnte in dieser Hinsicht ein Vorbild gewesen sein. Er liebte den Wein und das gemeinsame Essen – vermutlich auch den Sex. Vor Jahren habe ich das in einem Gedicht einmal sehr drastisch ausgedrückt:

 

Hätten sie nur diesem christlichen Gott

das Fleisch gelassen.

Hätten sie uns nur einmal erzählt,

wie Jesus gierig in den Schoß der Magdalena getaucht ist.

Hätten sie doch die Götter weiterhin vögeln lassen.

Ließen sie nur die Liebenden

auf ihren Altären zeugen und gebären –

Man muss die Wollust zum Sakrament machen

anstatt sie aus den Kirchen zu verbannen.

 

Wie immer man dazu steht, ich bin sicher, dass Jesus nicht annähernd so genussfeindlich war, wie es uns die Kirche weiszumachen versucht. Auch Päpste lebten früher in Saus und Braus, liebten die Völlerei, den Wein und die Fleischeslust – und standen darin vielleicht durchaus in der Tradition ihres Religionsstifters. Der Unterschied ist nur: Sie predigten öffentlich Wasser und wollten den Gläubigen den Wein verbieten, den sie sich selbst hinter verschlossenen Türen genehmigt haben.

Auch die Demut ist eine traditionell mönchische Eigenschaft, die ich sehr schätze. Grotesk wird es nur, wenn jemand mit seiner eigenen Bescheidenheit prahlt. Vor zwanzig Jahren war einmal der Kabarettist Werner Schneyder bei mir zu Gast. Wir hatten kräftig dem Wein zugesprochen und kamen ein wenig ins Streiten. Ich sagte zu ihm: „Du hast keine Ahnung von Demut!“. Darauf Werner: „Wenn einer demütig ist, dann bin ich es und nicht du!“ Das schaukelte sich so lange hoch, bis wir uns gegenseitig anschrieen:  „Ich bin demütiger!“ „Nein ich!“ Das war natürlich nicht ganz ernst gemeint, wir haben uns kurz danach totgelacht.

Aber es war auch ein Funken grotesker Wahrheit darin verborgen. Zwei Männer, nicht unbedingt berühmt für ihre Uneitelkeit, versuchen sich im lautstarken Wettbewerb an Bescheidenheit zu überbieten.

Ein Künstler ist demütig, wenn er weiß, dass er eine Begabung hat, nicht jedoch, woher sie kommt. Die Befähigung als Komponist und Texter ist sicher ein Geschenk. Man kann sich das nur sehr bedingt erarbeiten. Durch Übung kann jemand wohl ein passabler Komponist werden, aber nicht Mozart – was nicht bedeuten soll, dass ich jemals so vermessen wäre, mich mit Mozart gleichzusetzen. Wenn ich mich ans Klavier setze und mir eine Melodie nach der anderen einfällt, werde ich unweigerlich demütig, weil ich weiß, dass gerade dieses „Hineinfallen“ von Musik in meinen Geist nicht mein Verdienst ist. Man kann vielleicht auf einen Roman stolz sein, den man erarbeitet hat. Aber eben nicht darauf, dass man das Talent dazu hat. Stolz bin ich, wenn ich es einmal geschafft habe, fünf Kilo abzunehmen, denn das ist harte Arbeit.

Allerdings hilft einem das schönste Talent nichts, wenn es keine Basis hat sich auszuleben.

Wer nie ein Instrument erlernt hat, dem fällt es auch sehr viel schwerer, in ihm schlummernde Melodien zum Klingen zu bringen. Wer nie gelesen hat, wird sich schwer tun, seine Ideen in Worte zu fassen. Mir erzählte einmal eine Schülerin, dass sie, gerade 19-jährig, an ihrer Biografie arbeite. „Toll“, sagte ich, “da musst du viel erlebt haben. Was liest du denn?“, fragte ich sie, weil ich wissen wollte, an welche literarische Vorlage sie sich anlehnen wollte.

„Nichts“, sagte sie. „Ich lass mir doch nicht meinen Stil verderben.“ Nun, mutig war sie jedenfalls. Bis jetzt ist ihre Biografie allerdings auch nicht erschienen.

Demut sollte man aber nicht nur gegenüber der Inspiration und den freudigen Ereignissen des Lebens walten lassen. Bernie Glassman, ein Zen-Meister aus den USA, mit dem ich eng befreundet bin, sagte mir, dass man alles, was einem im Leben geschieht, als ein Geschenk auffassen solle – auch das Leidvolle. Ich halte das für richtig. Freilich darf man eine derartige Lebenseinstellung nur bedingt auf die gesellschaftliche Ebene übertragen. Es ist gefährlich, wenn man gegenüber Mächtigen oder gegenüber der Deutschen Bank demütig ist. Da braucht man eher ein gesundes Selbstbewusstsein. Im Mittelalter verlangten Bischöfe, dass man sich ihnen gegenüber demütig verhalten solle. Heute wissen wir: es war nur Trick der Institution Kirche, der ihrer Machterhaltung dienen sollte.

Ich bin und bleibe Rebell, aber ich meine, auch in dieser Funktion sollte man wissen, dass in  vielen Bereichen des Lebens Demut am Platz ist. Man kann gegenüber dem Leben demütig sein, dabei aber keineswegs passiv und duldsam. Richtig verstanden, kann Demut sogar dazu anspornen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Eine objektive Auseinandersetzung mit diesem schönen Begriff wird gerade in der politischen Szene dadurch erschwert, dass man ihn, nicht unberechtigt, mit Spießertum und Duckmäusertum gleichsetzt. Mittlerweile glaube ich, Demut ist, wie so vieles andere, ein Begriff, den man sich selbst erarbeiten muss, um ihn dann eigenständig für sich zu verwenden. „Sei demütig!“ ist als Vorgabe von außen immer ein Versuch jemanden zu unterdrücken. Erst wer die Bedeutung eines Wortes in sich selbst entdeckt, kann ihm vertrauen.

Gottfried Benn hat einmal geschrieben: „Dumm sein und Arbeit haben, das ist Glück.“ Dieser Satz hat mich lange beschäftigt, denn er ist nicht zynisch gemeint. Wahrscheinlich sprach da eine große Sehnsucht aus Benn: die Sehnsucht vieler Intellektueller, sich nicht ständig mit Denken quälen zu müssen, einfach da zu sein, unverschnörkelt, bedingungslos. Die Sehnsucht eines Lyrikers, der auch so atemberaubend poetische  Sätze schrieb wie: „Du, ich lebe immer am Strand, und unter dem Blütenfall des Meeres …“ Diese Zeile hat mich übrigens vor vier Jahrzehnten zu einem Lied inspiriert. Und wie so oft, wenn ich die großen Meister beklaut habe, hab ich ihm zum Dank dafür das Lied gewidmet.

Anzeige von 2 kommentaren
  • Avatar
    Löwenzahn
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    Ich denke auch, wirkliche Spiritualität ohne tiefe Ehrlichkeit zu sich selbst- funktioniert nur an der Oberfläche, wirkt hohl und kann nicht gelebt werden.

    Das Buch ist gnadenlos ehrlich….

  • Avatar
    maria
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    „Lügen haben kurze Beine“

    Wer nicht ehrlich ist mit sich selbst, sein Verhalten ignoriert statt reflektiert, sieht die Welt durch gleichgültige, halbherzige und gefühllose Augen.

    „Das Leben will lebendig sein“ – guten Mutes lasse ich mich darauf ein.

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