Kontemplative Wahrhaftigkeit

 in Politik (Ausland), Politik (Inland), Spiritualität, Thomas Quartier
Hier stimmt sogar der Name: "Armenspende an der Klosterpforte", Gustav Marx

Hier stimmt sogar der Name: „Armenspende an der Klosterpforte“, Gustav Marx

Wenn Spiritualität nicht Welt-Fluchthilfe bleiben will, muss sie sich nach außen wenden und sich in eine vielfach leidende Welt einbringen. Warum dann aber überhaupt mitfühlendes Handeln und politisches Engagement durch Meditation und Kontemplation „unterbrechen“? Gibt es einen Weg zwischen selbstbezogener Untätigkeit und unreflektiertem Aktionismus? Thomas Quartier entdeckt eine Lösung dieser Fragen interessanterweise in der monastischen Tradition. Aus einer christlichen Haltung heraus, die seine geistige Heimat ist, tritt er in einen spirituellen Dialog mit dem engagierten Buddhismus. Seine überraschende Schlussfolgerung: Wahre Kontemplation ist Engagement. (Thomas Quartier)

Wenn man im Chorgestühl steht, auf dem Meditationskissen sitzt oder auf eine grünen Wiese liegt und seine Freizeit verbringt, kann einen – mitten in der kontemplativen Grundstimmung – schon mal die Frage beschäftigen, ob der Weg ins eigene Innere, den man stehend, sitzen, liegend geht, wohl wahrhaftig sei. Flieht man nicht vor den eigentlichen Herausforderungen, den Kontrasten des Lebens, die die kontemplative Schau verdunkeln könnten? Solchen Fragen liegt ein Dilemma zugrunde, das viele spirituell Suchende heute wiederkennen werden: Wie kann man die Erkenntnis im eigenen Inneren suchen, ohne dabei in spirituelle Nabelschau zu verfallen? Oder umgekehrt: wie bleibt man gesellschaftlich engagiert, wenn man sich spirituell nach innen kehrt?

Die Antwort kann nur lauten, dass gerade der Weg ins eigene Innere wahrhaftig und spirituell engagiert ist. Die natürliche Allianz von Spiritualität und gesellschaftlichem Engagement ist heutzutage jedoch keineswegs selbstverständlich. Spirituell ausgedrückt: nur selten suchen Menschen nach der gesellschaftlichen Relevanz ihrer Kontemplation. Aber auch im Chorgestühl, auf dem Meditationskissen oder auf der grünen Wiese ist der Mensch mit der Welt verbunden, sei es als Mönch, als Meditierender oder als Träumer. Weltflucht kann vielleicht eine Zeitlang gelingen; wer jedoch leugnet, dass die Welt die Mühe wert ist, dem mangelt es an einer wichtigen Dimension von Wahrhaftigkeit.Und auch das Umgekehrte gilt: eine Welt, die vergisst, dass sie der Kontemplation bedarf, verliert ihren Tiefgang und ihr Fundament. Kann die Kontemplation des Mönchs, des Meditierenden oder des Träumer selber dann eine Form wahrhaftigen spirituellen Engagements sein? In diesem Artikel berichte ich von meinen spirituellen Dialogen mit Vertretern des engagierten Buddhismus, einer in dieser Hinsicht sehr relevanten Strömung: kontemplativ suchend wie ich selber, strebend nach Wahrhaftigkeit.

Kontemplation und Aktion

Wer sich der Kontemplation widmet, geht schnell voll und ganz darin auf. Und wer engagiert ist, vergeudet seine Zeit und Energie natürlich nicht mit frommen Übungen. So weit so einfach. Man kann Kontemplation jedoch auch als eine Form des Zeugnisses auffassen, das Menschen aus einer tiefen Erkenntnis heraus wachrüttelt. „Zeugnis“ ist im engagierten Buddhismus ein zentraler Begriff. Vielleicht können die Menschen in den Chorbänken, auf den Kissen oder auf den Wiesen davon etwas lernen, was die Wahrhaftigkeit ihrer Kontemplation angeht. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Strömung im inter-spirituellen Dialog großen Einfluss hat. (1) Wichtig ist dabei, dass nicht nur ein kontemplatives Fundament der bereits vorhandenen Aktionen gesucht wird (contemplatio in actione), sondern dass die Kontemplation selber eine solche Aktion ist (actio in contemplatione).

Das nimmt zuweilen sehr konkrete Formen an: „Retreats“ werden nicht mehr im Meditationsraum (zendo) gehalten, sondern bei den Obdachlosen auf der Straße. Wie ist es möglich, dass das Verhältnis von innen und außen sich hier beinahe umkehrt? Wo in der klassischen Kontemplation die Betrachtung den Weg nach innen öffnet, wird auf einmal der Weg nach außen entscheidend für die Wahrhaftigkeit eben jener Betrachtung.

Vielleicht hat das damit zu tun, dass kontemplatives Leben und Üben in allen spirituellen Traditionen das Risiko laufen, weltfremd zu werden und dem Leiden der anderen in der eigenen Umgebung nicht mehr gerecht zu werden. Der Buddhismus verlangt hier eine große Sensibilität aus. Alles dreht sich letztlich darum, wie man das Leiden in der Welt (dukkha) kleiner machen kann. Es kann passieren, dass man das Leiden nicht mehr sieht, weil man nicht mehr aus der Meditationshalle herauskommt. Dann geht man im Innern heimlich davon aus, die Wahrheit gepachtet zu haben, einschließlich der Rezepte für eine bessere Welt. Wahrhaftig ist das leider nicht. Man wird dem tatsächlichen Leiden nicht gerecht, das sich oft unter der Oberfläche verbirgt, subtil und unsichtbar ist. Praktisches Rezeptwissen reicht genauso wenig wie rigorose Weltflucht. Wahrhaftige Kontemplation betreibt nur der Weltverbesserer.

Offenheit, Zeugnis, Liebe

Es gibt (nach dem Zen-Meister Bernard Glassman) drei Schritte, die ein wahrhaftiges Verhältnis zum Leiden möglich machen und die zum Kern der hier betrachteten kontemplativen Wahrhaftigkeit des Weltverbesserers gehören: erstens das „nicht wissen“ (not knowing). (2) Darin unterscheidet die kontemplative Beziehung zum Leiden sich sowohl von der Umtriebigkeit des Engagements als auch von der Absonderung des Weltflüchtigen. Wichtig ist vor allem Offenheit. Was so offensichtlich klingt, ist keineswegs selbstverständlich. Nur allzu schnell kann nämlich der selbstbestätigende und selbstgefällige Effekt kontemplativer Übungen, auch im Zen, die Offenheit gleich wieder zunichtemacht, indem er eine Scheinwelt erschafft. Das andere Extrem ist blinder Aktionismus. Man engagiert sich so sehr für das konkrete Leiden in der Welt, dass man die letztendliche Perspektive nicht mehr einnehmen kann. Auch das ist keine Offenheit, da man denkt, schon genug – in Wirklichkeit viel zu viel – zu wissen. Das kann nur zu Enttäuschungen führen, denn niemand kann alles Leiden, das ihm begegnet, effektiv aus der Welt schaffen.

Der zweite Schritt knüpft bei diesem Dilemma an. Was muss man tun, wenn man dem Leiden keine Abhilfe schaffen kann? Man muss „Zeugnis“ davon ablegen (bearing witness). In kontemplativem Sinne bedeutet das eine Art, mit Leiden umzugehen, die man nicht nach Funktionalität beurteilen kann – ob sie etwas gebracht hat oder nicht. Nein, wichtig ist zu stehen, zu sitzen oder zu liegen und dabei dem Leiden gerecht zu werden, das man wahrnimmt. Zusammen mit dem ersten Schritt ist das der kontemplative Kern dieser Zen-Strömung. Aber wie kann man Zeugnis vom Leiden ablegen? Und wie weiß man, was Leiden ist und was nicht? Letztendlich braucht es dazu doch eine gewisse Wahrheit. Die sucht man in seinem Innern, wo das Zeugnis seinen Ursprung hat.

Der dritte Schritt ist schließlich das „liebevolle Handeln“ (loving action). Die Wahrhaftigkeit der Kontemplation erweist sich letztlich in der Liebe, die aus ihr herausströmt. Auch das dürfen wir nicht funktional auffassen, als ob es bessere oder schlechtere Liebe gäbe, mehr oder weniger wirksam. Es geht darum, dass die Liebe eine Art und Weise ist, das Leiden in der Welt zu kontemplieren – und gerade dadurch zu verringern. Man darf nie bei der Offenheit stehen bleiben, und auch das Zeugnis, das man ablegt, reicht nicht. Das letztliche Kriterium ist, was man tut. Wer nun aber gleich wieder an Aktionismus denkt, hat eine zu enge Auffassung vom Tun. Denn was muss man in der jeweiligen Situation tun? Genau das, was zu tun ist. Engagement bedeutet nicht, alle Möglichkeiten beim Schopfe zu packen. Vielmehr geht es darum, aus einer kontemplativen Haltung an seinem eigenen Ort zu sein und das Leiden in der eigenen Umgebung zu verringern.

Der engagierte Buddhismus stellt für jeden, der kontemplativ leben möchte, eine herausfordernde und inspirierende Synthese dar. Natürlich ist der Ausgangspunkt des Nichtwissens auch in anderen Traditionen zu finden. Hier wird diese kontemplative Haltung jedoch für jedermann gültig. Auch die Zeugenschaft trifft man bei kontemplativen Virtuosen öfters an. Hier wird sie zum Bestandteil der Kontemplation als Haltung für dich und mich. Die Kontemplation als solche wird zum Zeugnis. Die Einheit von Kontemplation und Aktion wird aus einem betrachtenden Leben und aufmerksamem Üben gestaltet, das nicht einigen wenigen vorbehalten ist, sondern eine Aufgabe für alle darstellt. Dann bleibt jedoch immer noch die Frage, was das für den konkreten Umgang mit der Realität bedeutet. Sind diese Gedanken nicht doch etwas idealistisch und weltfremd – und dadurch nicht wirklich wahrhaftig? Genau darüber bin ich mit zwei wichtigen Vertretern des engagierten Buddhismus in Dialog getreten.

Persönliche Transformation

Die Zen-Lehrerin Joan Halifax steht schon seit Jahrzehnten an der Seite Sterbender. Sie tut dies aus einer kontemplativen Haltung heraus, die sehr inter-spirituell orientiert ist. (3) In ihrem Upaya Zen-Zentrum sind Sterbende, deren Familienangehörige und Freunde und professionelle Helfer in einer kontemplativen Umgebung willkommen. Die Wahrhaftigkeit in den Begegnungen begründet sich weniger im Wissensaustausch als vielmehr in der „direkten Erfahrung“, wie Halifax in unserem Dialog betont. (4) Das bedeutet für sie, dass eine kontemplative Haltung die „Vernunft ausschaltet“. Ist das nicht sehr schwammig, so frage ich sie? „Nein“, so Roshi Joan. „Viele professionelle Helfer reagieren viel zu heftig, wenn sie mit dem Tod konfrontiert werden. Das kommt, weil sie die Situation mithilfe der reinen Vernunft nicht erfassen können. Der Tod ist an sich ein sehr kontemplativer Moment. Man muss es nur wagen, wirklich bei Sterbenden präsent zu sein. Das übersteigt die Vernunft immer, schafft Offenheit“. Und was bedeutet es, in dieser Situation Zeugnis abzulegen – der mittlere Schritt der Kontemplation? „Nicht zuletzt bedeutet es, seine eigene Sterblichkeit zu bezeugen. An der Seite von Sterbenden kann man sich dessen wirklich bewusst werden. Dann kann man ausstrahlen, dass man seinen Frieden mit der eigenen Vergänglichkeit geschlossen hat – und dadurch liebevoll am anderen handeln“.

Das ist keine vage, abgehobene Illusion, im Gegenteil. In einem ihrer Bücher zeigt Halifax, dass Kontemplation oft sehr konkrete Übergänge beinhaltet: persönliche Transformationen. Sie sieht Kontemplation mit Sterbenden als einen ständigen Übergang, im Sinne eines Übergangsritus: Dinge loszulassen kann man von Sterbenden lernen. Das ist der erste Schritt eines Übergangsritus und zugleich die Offenheit, die zur Kontemplation gehört. Der zweite Schritt, die Transformation, vollzieht sich nicht auf mysteriöse Art und Weise, sondern im konkreten Bezeugen der Sterblichkeit, des Leidens der Sterbenden und seiner selbst. Dasselbe gilt für die dritte Phase, die Integration: liebevolles Handeln bedeutet, da zu sein. „Im Zen-Zentrum einen kontemplativen Raum freizuhalten, freien Raum zu schaffen, ist eine liebevolle Tat“. (5) Ein solcher Raum ermöglicht persönliche Transformation.

Es ist beeindruckend, wenn Roshi Joan davon erzählt, wie die Kontemplation auch ihr Denken bereichert: „Letztlich ist sie eine Bereicherung aller rationalen Überlegungen. Wenn man meditiert, ist man zugleich in der ersten und in der dritten Person anwesend. Man ist derjenige, der kontempliert, und gerade dadurch nimmt man sich selber von außen wahr, weil man in der Meditation aus dem Gefängnis all seiner Annahmen und Vorurteile ausbricht“. Wo ich zunächst den Eindruck hatte, dass die Meditation in der Sterbensbegleitung irgendwann nicht mehr nötig wäre, korrigiert Halifax diese Sorge sogleich: „Es gibt viele Wege, aber man muss wohl einen expliziten Raum für die kontemplativen Übungen schaffen. Erst dann kann sich die Transformation am Sterbebett vollziehen“. Wenn man wirklich kontemplativ engagiert ist, so lerne ich von dieser weisen Frau, „dann kommt man automatisch beim Tod aus, und da ist ein Mensch immer wahrhaftig“. Das Meditationskissen, das Chorgestühl und die grüne Wiese öffnen den Menschen im guten Sinne, um „bei den Sterbenden sein zu können“: manchmal physisch am Sterbebett und manchmal spirituell, indem man Raum schafft, auf den Menschen – Sterbende und ihre Lieben – sich verlassen können.

Gesellschaftliche Revolution

Kontemplation öffnet auch den Weg zur gesellschaftlichen Revolution, so fasse ich im Zuge meiner Dialoge eine Aussage des Zen-Lehrers und Philosophen David Loy auf. Wirklich? Wie kann eine scheinbar stark am Individuum orientiert Weltanschauung wie der Zen einen sozialen Umbruch bewirken? Viele gesellschaftliche Probleme haben, Loy zufolge, mit einem gestörten Verhältnis westlicher Menschen zum eigenen Selbst zu tun – sie leben in Dualitäten. Im Dialog mit diesem inspirierenden Lehrer beschäftigt mich die Frage, wie ich denn wissen kann, was mein wahres und was mein falsches Selbst innerhalb der Dualität ist. (6) David geht in dieser Unterscheidung von der Erfahrung der „Befreiung vom Leiden“ aus, genau wie Joan Halifax. Er bezieht diese Erfahrung, anders als Joan, jedoch nicht auf die persönliche Sterblichkeit, sondern auf die soziale Ordnung: „Es gibt heute sehr viel strukturelles Leiden. Der Weg der Befreiung bedeutet, dass man es wagt, dagegen zu revoltieren. Dazu ist man in der Lage, wenn man sein eigenes Selbst entdeckt – jenseits der Dualität“. (7) Erneut klingt das ein wenig schwammig. Denn wer zeigt schon den richtigen Pfad in unserer unübersichtlichen Welt?

Der spirituelle Philosoph bezieht deutlich Stellung: „Dass man die Grenzen der Wahrheit austestet, bedeutet nun gerade nicht, dass es keine Wahrheit gäbe“. Kontemplation hilft, die Wahrheit zu finden. Darum kann die heutige Weltordnung vom Buddhismus profitieren, da er durch den Weg zur Selbsterkenntnis immer auf Befreiung gerichtet ist. (8) „Unsere soziale und ökonomische Ordnung ist auf vielen Vorurteilen aufgebaut. Immer mehr Profit, immer effektiver im Umgang mit der Zeit. Das hindert Menschen daran, Dinge wirklich genießen zu können, und das ist wiederum die Quelle von Ungerechtigkeit und Leiden. Der Buddhismus weist einen Pfad, bei sich selber mit dem Loslassen anzufangen. Dafür ist Übung nötig, konkrete Kontemplation. Aber die wirkt sich direkt auf die soziale Ordnung aus“. Die Wahrhaftigkeit der sozialen Revolution hängt als aufs engste mit der persönlichen Transformation aus dem vorigen Abschnitt zusammen. Und die kommt in der Lehre Loys wiederum aus der Kontemplation. Ergo: letztere ist nur engagiert denkbar.
Der Ort für die Kontemplation ist für David vor allem das gelebte Leben. Das kann sich monastisch in einem Kloster abspielen, wo man viel Zeit und Aufmerksamkeit auf kontemplative Übungen verwendet, muss es aber nicht.

Kontemplation in der Welt (außerhalb des Klosters) ist sogar absolut notwendig, wenn man das letztliche Ziel eines wahrhaftigen Engagements nicht aus den Augen verlieren will: „Es ist nicht besonders schwierig, in einem Meditationszentrum transformiert zu werden“, sagt Loy. „Aber erst durch das Engagement muss sich zeigen, ob man diese Transformation auch wirklich lebt“. Der Weg nach innen und der Weg nach außen sind für die soziale Revolution beide nötig: „Das monastische Leben hat die Kontemplation einerseits ermöglicht und sie andererseits unmöglich gemacht. Sie wurde zum Selbstzweck und verlor ihre soziale Relevanz“. Wäre es dann besser, wenn es keine Mönche und anderen kontemplativen Professionals gäbe? Das sicher nicht, aber auch sie müssen die Konfrontation mit strukturellem Leiden in der Gesellschaft nicht scheuen und ihr Engagement damit verbinden: „Engagement vertieft die Kontemplation“.

Immer noch bleibt die Frage, was dieses Engagement konkret sein kann. Loy zufolge gibt es dafür sehr viele Möglichkeiten. Aber der Weg nach innen im Chorgestühl, auf dem Meditationskissen oder auf der grünen Wiese setzt einen Weg nach außen voraus – eine Ausrichtung auf die Welt und ein wahrhaftiges Engagement – auch wenn man die Wahrheit von anderswo empfängt, im eigenen Innern.

Kontemplatives Zeugnis als Engagement

Ich komme zu der Erkenntnis, dass kontemplatives Bezeugen immer engagiert ist. (9) Jemand, der Tagein Tagaus im Chorgestühl steht, bezeugt – wenn er darin wahrhaftig sein will – seine persönliche Transformation und die bessere Welt, die er sucht und „die es noch nicht gibt“ (Konstantin Wecker). (10) Er hält den kontemplativen Raum für diese utopische Welt frei. Und in diesem Raum befindet sich ein Funken Wahrheit. Eine Wahrheit, die vielleicht mit Gott, der Leere oder nun gerade mit der Fülle des Lebens zu tun hat, ist die notwendige Quelle. Dass Menschen diese kontemplativ bezeugen ist für jede Kultur von unschätzbarem Wert. Im Chorgestühl zu stehen, auf dem Kissen zu sitzen oder auf der Wiese zu liegen, bedeutet, nach außen auszustrahlen, worum es innerlich geht, wahrhaftig an einer besseren Welt zu arbeiten – gemeinsam mit den vielen anderen Weltverbesserern – denn es gibt viele Wege.

Es ist ein provozierender Gedanke aus meinem spirituellen Dialog mit dem engagierten Buddhismus, dass wahre Kontemplation selber Engagement ist. Lerne, dich für persönliche Transformation zu öffnen und trage damit zur sozialen Revolution bei! Bezeuge diese und handle an deinem Ort danach! Und lass dich weder durch Nabelschau noch durch blinden Aktionismus ablenken! Das ist der Auftrag für jeden kontemplativ Suchenden. Am Ende dieses Artikels habe ich das Gefühl, dass auch die Dialoge, die ich geführt habe, mit Kontemplation zu tun haben. Wenn dem so ist, so hoffe ich, dass sie Offenheit bewerkstelligen, Zeugnis und Handeln – für mich selber und für den Leser.

Thomas Quartier (1972) doziert Ritualwissenschaft an Radboud Universität Nijmegen (NL) und ist Professor für Monastische Studien an den Katholischen Universität Leuven. Darüber hinaus ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Titus Brandsma Instituts für Spiritualität (NL) und Gastprofessor an der Benediktinischen Universität Sant Anselmo in Rom. Als Oblate ist er Mitglied der Mönchsgemeinschaft der Willibrordabtei in Doetinchem (NL). Kontakt: T.Quartier@ftr.ru.nl

1 Konstantin Wecker & Bernard Glassman, Die revolutionäre Kraft des Mitgefühls. München: Goldmann 2013.
2 Bernard Glassman, Zeugnis ablegen. Buddhismus als engagiertes Leben. Berlin: Edition Steinrich 2012.
3 Joan Halifax, Die andere Wirklichkeit der Schamanen. Erfahrungsberichte von Magiern, Medizinmännern und Visionären.Emmendingen: Nietsch 1999.
4 Der Dialog mit Roshi Joan Halifax fand am 17. Dezember 2014 statt.
5 Joan Halifax, Im Sterben dem Leben begegnen. Mut und Mitgefühl im Angesicht des Todes. Bielefeld: Kamphausen 2014.
6 Der Dialog mit David Loy fand am 19. November 2014 statt.
7 David R. Loy, A new Buddhist path. Enlightenment, evolution and ethics in the modern world. Somerville: Wisdom Publications 2015.
8 David R. Loy, Money, Sex, War, Karma. Notes for a Buddhist revolution.Somerville: Wisdom Publications 2008.
9 Thomas Quartier, Anders leven. Hedendaagse monastieke spiritualiteit. Heeswijk: Bernemedia2015.
10 Konstantin Wecker, Mönch und Krieger. Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt. Güterloh: Güterloher Verlagshaus 2014.

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