Kultur ist nicht „systemrelevant“ — aber menschlichkeitsrelevant

 in FEATURED, Konstantin Wecker, Kultur, Politik

Unser Politiker*innen wissen immer ganz genau, was wichtig ist. Kampfjets — aber sicher! Krankenpfleger*innen? Nur wenn’s gerade brennt und man Angst vor überfüllten Krankenhäusern hat. Und auch dann spendet man lieber billigen Applaus als gerechtere Löhne. Zum Unwichtigsten überhaupt gehört in der derzeitigen Wertehierarchie jedoch die Kultur. Die wird nicht nur nicht gefördert, sie wird in Corona-Zeiten fast vollständig abgewürgt. Liegt das auch daran, dass Kultur unbequem, die Seele befreien und zum eigenständigen Denken anregen kann? Konstantin Wecker hält Kultur für enorm „systemrelevant“ – jedoch nicht für dieses, auf Profit und Gewalt basierende System, sondern für ein freieres und humaneres, das es erst noch zu schaffen gilt. Konstantin Wecker

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

wie das Magazin DER SPIEGEL erfuhr, informierte die Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer die amerikanische Regierung am vergangenen Donnerstag offiziell, dass Deutschland als Ersatz für die altersschwachen „Tornado“-Kampfjets der Luftwaffe insgesamt 45 Jets vom Typ F-18 des US-Herstellers Boeing kaufen wolle.

Waffenhandel und das Herstellen von Waffen ist also in diesen Krisenzeiten systemrelevant. Und das Spekulieren mit Aktien sicher auch.

Möbelhäuser sind systemrelevant. In NRW. Autohäuser sind systemrelevant. In Bayern. Ab 27. April.

Dass die Krankenpfleger*innen systemrelevant sind, fiel unseren Politiker*innen in den Jahrzehnten, in denen sie das Gesundheitssystem fast kaputtprivatisiert haben, nicht so richtig ein. Sonst hätten sie sie besser bezahlt.

Aber ein Gedanke kam und kommt den Regierenden nie auch nur ansatzweise in den Sinn: dass Kultur systemrelevant sein könnte. Sie lassen die Künstler*innen am Existenzminimum dahin vegetieren.

Na klar – Kultur könnte die Menschen ja dazu verführen, nicht alles im Leben der Gewinnmaximierung zu opfern: die eigene Seele, den eigenen Verstand.

Kultur kann aufwühlen und verängstigte Menschen zum freien Denken anregen.

Kultur kann verändern.

Kultur kann Mut machen. Das vor allem: Mut machen, sich nicht einfach alles unhinterfragt gefallen zu lassen.

Sie ist nicht für dieses System relevant.

Vielleicht aber für ein anderes, freieres?

Und relevanter als Waffengeschäfte und Börsenspekulationen doch allemal.

Und liebe Politiker*innen – wenn Kultur so wenig systemrelevant ist, warum schaltet ihr nicht das Radio ab, das Fernsehen, Netflix, Amazon und all die Livestreams, für die Künstler*innen von diesen Firmen keinen einzigen Cent bekommen?

Und die Kultur könnte uns auch noch etwas anderes wieder ins Gedächtnis bringen: Systemrelevant ist natürlich auch der Widerspruch, das Widerständige, der Protest, die Aktion, die Blockade, die Demonstration, die Protestkette, das Nicht-Stromlinienförmige, wie zum Beispiel ein selbstorganisiertes Protestcamp von Ende Gelände zur Besetzung von Kohletagebau-Abbauhalden. Da lernen junge Menschen mehr Phantasie und Freude als oft während ihrer gesamten Schullaufbahn.

Und so wissen unsere Politiker*innen ganz genau, dass für dieses System die Kultur nicht unbedingt relevant ist.

Denn Poesie ist Widerstand.

In jedem Fall ist Kultur relevant für die Menschen in diesem System. Und ist das dann nicht doch wieder systemrelevant?

Und wenn ich, wie viele meiner Freundinnen und Freunde, demnächst als Apologet einer untergehenden Kultur verschrien werde, dann tragen wir eben, wie Oskar Werner als Montag in „Fahrenheit 451“ – wenn schon nicht im Wald möglich – die Literatur virtuell in die Herzen all derer, für die Kultur immer relevant bleiben wird.

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    Gerold Flock
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    Korruption als Seuche?
    Der Generation gegenüber steht die Korruption.
    Weit davon entfernt, die notwendige Ergänzung zur Generation zu sein
    (wie es die verschiedenen platonischen Strömungen der Philosophie gerne
    hätten), ist Korruption lediglich deren schlichte Negation (vgl. zu den
    Begriffen Generation und Korruption Schürmann 1996).
    Korruption zerbricht die Kette des Begehrens und unterbricht deren Aus-
    dehnung auf den biopolitischen Horizont der Produktion.
    Sie sorgt für schwarze Löcher und ontologische Leerstellen im Leben der
    Menge, die nicht einmal mehr die abartigste politische Wissenschaft über-
    decken kann.
    Korruption, das Gegenteil von Begehren, ist kein ontologischer Antrieb,
    sondern bedeutet schlicht, dass den biopolitischen Praktiken des Seins
    die ontologische Begründung fehlt.
    Im Empire herrscht überall Korruption. Sie ist Eckpfeiler und Schlüssel-
    element von Herrschaft. Sie findet sich in unterschiedlichen Formen auf
    den obersten Regierungseben des Empire und in deren Vasallen-Verwaltungen,
    bei den elitärsten und den verrottetsten Polizeikräften, in den Lobbies
    der herrschenden Klassen, in den mafiösen Strukturen aufstrebender Gesell-
    schaftsgruppen, in den Kirchen und Sekten, bei denen, die Skandale verur-
    sachen, und denen, die sie verfolgen, in den großen Finanzzentren und in
    den alltäglichen ökonomischen Transaktionen. Durch Korruption legt die
    imperiale Macht einen Rauchschleier über die Welt, und das Kommando über
    die Menge wird inmitten dieser stinkenden Wolke ausgeübt, fernab von Licht
    und Wahrheit.
    Es ist kein Geheimnis, wie man Korruption und die machtvolle Leere dieses
    Nebels der Indifferenz, den die imperiale Macht über die ganze Welt aus-
    breitet, erkennt. Denn die Fähigkeit, Koruption zu erkennen, ist, um einen
    Ausdruck von Descartes zu gebrauchen, „la faculé l mieux partagée“ die am
    weitesten verbreitete Gabe auf der Welt.
    Korruption lässt sich deshalb leicht erkennen, weil sie unmittelbar als
    Form von Gewalt erscheint, als verletzender Angriff. Und sie ist in der
    Tat ein verletzender Angriff: Sie ist Zeichen für die Unmöglichkeit, Macht
    und Wert miteinander zu verbinden, und ihre Verurteilung ist somit die un-
    mittelbare Erkenntnis, dass es an Sein mangelt.
    Korruption trennt Körper und Geist von dem, was sie zu leisten imstande
    sind. Da Wissen und Dasein in der biopolitischen Welt immer darin bestehen,
    Wert zu produzieren, erscheint dieser Mangel an Sein als Wunde, als ein
    Todeswunsch des Gefährten, als eine Entfernung des Seins aus der Welt.

    Die Formen, in denen sich Korruption äußert, sind so zahlreich, dass sie
    aufzählen zu wollen dem Versuch gleicht, das Meer in ein Glas zu füllen.
    Wir wollen geichwohl ein paar Beispiele nennen, auch wenn sie keinesfalls
    repräsentativ für das Ganze sein können. An erster Stelle steht dabei
    Korruption als politische Wahl, welche der grundlegenden, durch die bio-
    politische Produktion definierten Gemeinschaft und Solidarität entgegen-
    steht und sie verletzt. Bei dieser kleinen, alltäglichen Gewalt der Macht
    handelt es sich um Korruption im Stil der Mafia.
    An zweiter Stelle ist die Korruption als Produktionsordnung zu nennen,
    oder genauer: in Form der Ausbeutung. Dazu gehört, dass die Werte, die
    sich aus der kollektiven Arbeitskooperation ergeben, ausgebeutet werden
    und dass das, was im Biopolitischen ab origine öffentlich war, privati-
    siert wird.
    Der Kapitalismus ist vollständig in diese Privatisierungs-Korruption ver-
    wickelt. Wie der heilige Augustinus sagt: Die großen Herrcher sind ledig-
    lich vergrößerte Darstellungen kleiner Diebe. So realistisch Augustinus
    aber mit dieser pessimistischen Auffassung von Macht auch immer gewesen
    sein mag: Angesichts der heutigen Diebe in Währungs- und Finanzmacht
    würde es ihm vermutlich die Sprache verschagen.
    Denn wenn der Kapitalismus sein Verhältnis zum Wert verliert (und zwar
    sowohl als Maß individueller Ausbeutung wie auch als Norm kollektiven
    Fortschritts), erscheint er unmittelbar als Korruption.
    Seine zunehmend abstrakte Funktionsweise (von der Akkumulation des Mehr-
    werts hin zur Finanz- und Währungsspekulation) erweist sich als macht-
    voller Marsch in Richtung generalisierter Korruption.
    Wenn der Kapitalismus qua Definition ein Korruptionssystem ist, das
    gleichwohl wie in der Madevilleschen Fabel durch seine kooperative
    Cleverness zusammen gehalten wird und dessen Verfehlungen, wie all seine
    Ideologen auf der Rechten wie auf der Linken nicht müde werden zu be-
    haupten, durch seine fortschrittliche Funktion wieder aufgewogen werden,
    und wenn dann auch noch das Maß verloren geht und das fortschrittliche
    Telos zusammenbricht, dann bleibt vom Kapitalismus nur noch Korruption.
    Zum dritten zeigt sich Korruption in der Funktionsweise von Ideologie
    bzw. in der Pervertierung der sprachlichen Kommunikationssinne.
    Hier rührt Korruption an den Bereich der Biopolitik, indem sie dessen
    produktive Knotenpunkte angreift und deren generative Prozesse behindert.
    Dieser Angriff wird, viertens, deutlich, wenn die Terrordrohung in der
    imperialen Regierungspraxis zur Waffe wird, um begrenzte oder regionale
    Konflikte zu lösen, oder als Apparat imperialer Entwicklung eingesetzt
    wird.
    In diesem Fall verbirgt sich die imperiale Befehlsgewalt und erscheint
    wahlweise als Korruption oder als Zerstörung, gerade so, als wolle sie
    deutlich machen, wie sehr das eine das andere bedingt und nach sich zieht.
    Die beiden vollführen einen Tanz über dem Abgrund, über dem imperialen
    Mangel an Sein.
    Solche Beispiele für Korruption ließen sich endlos aufzählen, doch Grund-
    lage all dieser Korruptionsformen ist eine ontologische Ungültigkeits-
    erklärung, nämlich die Zerstörung des singulären Wesens der Menge.
    Die Menge muss entweder geeint oder in unterschiedliche Einheiten aufge-
    teilt werden: Genau so ist die Menge zu korrumpieren.
    Darin liegt auch der Grund, warum sich die antiken und modernen Korruptions-
    begriffe nicht unmittelbar auf den postmodernen Begriff übertragen lassen.
    Während Korruption in der Antike und in der Moderne im Verhältnis zu den
    Wertschemata und/oder Wertrelationen bestimmt wurde und als deren Falsi-
    fikation galt, so dass sie mitunter bei der Veränderung unter den Re-
    gierungsformen und der Wiederherstellung von Werten eine Rolle spielen
    konnte, kann Korruption heute bei der Transformation von Regierungsformen
    gar keine Rolle spielen, weil sie selbst ja Substanz und Totalität im
    Empire ist.
    Korruption ist die reine Ausübug des Kommandos ohne jeden verhältnis-
    mäßigen oder angemessenen Bezug zur Lebenswelt. Sie ist Befehlsgewalt,
    die darauf ausgerichtet ist, die Singularität der Menge zu zerstören,
    indem diese zwangsweise geeint und/oder brutal aufgeteilt wird.
    Und genau aus diesem Grund ist das Empire zwangsläufig schon in dem
    Moment im Niedergang begriffen, in dem es sich erhebt.
    Diese negative Figur des Kommandos über die produktive Biomacht wirkt
    noch paradoxer, wenn man sie aus der Perspektive der Körperlichkeit
    betrachtet. Die biopolitische Generation verwandelt die Körper der Menge
    in unmittelbarer Weise.
    Dabei handelt es sich, wie wir gesehen haben, um Körper, die mit in-
    tellektueller und kooperativer Macht versehen und bereits hybrid sind.
    Was uns die Generation in der Postmoderne liefert, sind somit Körper
    „jenseits allen Maßes“.
    In diesem Zusammenhang erscheint Korruption schlicht als Seuche,
    Frustration und Verstümmelung. Auf diese Weise ist die Macht schon immer
    gegen „angereicherte“ Körper vorgegangen. Korruption erscheint darüber
    hinaus als Psychose, als Rauschmittel, als Seelenqual und als Lange-
    weile, aber auch das war die ganze Moderne hindurch in den Disziplinar-
    gesellschaften der Fall.
    Die Besonderheit der heutigen Korruption liegt vielmehr darin, dass sie
    die Gemeinschaft der singulären Körper aufbricht und deren Handeln be-
    hindert – sie bricht die produktive biopolitische Gemeinschaft auf und
    behindert deren Leben.
    Wir haben es hier also mit einem Paradoxon zu tun.
    Das Empire erkennt die Tatsache und zieht daraus Profit, dass die Körper
    in Kooperation mehr produzieren und in der Gemeinschaft glücklicher sind,
    aber es muss gegen diese kooperative Autonomie vorgehen und sie kontrol-
    lieren, denn andernfalls wird das Empire von ihr zerstört.
    Korruption dient dazu, die Körper daran zu hindern, mittels dieser Ge-
    meinschaft „über das Maß“ hinauszugehen, diese singuläre Universalisierung
    der neuen Körper-Macht zu verhindern, die das Empire in seiner Existenz
    bedrohen.
    Das Paradoxon lässt sich nicht auflösen: Je reicher die Welt wird desto
    vehementer muss das Empire, das auf diesem Reichtum beruht, die Bedingungen
    der Wohlstandsproduktion negieren. Unsere Aufgabe ist es nunmehr zu fragen,
    wie die Korruption entgültig dazu gezwungen werden kann, ihre Kontroll-
    gewalt der Generation zu überlassen.
    Seite 396-399. – Korruption. – EMPIRE – DIE NEUE WELTORDNUNG
    Michael Hardt – Antonio Negri

    https://anarchypeaceangel.jimdofree.com/lesestoff-startseite/156-korruption-als-seuche/

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    Gerold Flock
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    Was hat mir der korrupte „Obergeldzähler“ der FIRMA geraten? – Suche Dir doch einen system-relevanten Nebenjob. – Vielleicht einen Job als Spargeltarzan? – Ich hab den studierten Vollpfosten, bloß gelangweilt freundlich angelächelt und irgendwas schrulliges von „PLAN B“  gefaselt. – Das ist übrigens die neueste system-relevante Millitanz. – Immer freundlich Lächeln zu jedem Scheiss! G.F.

    Sag nie, dass etwas unmöglich ist. Sondern in dem Augenblick, wo du das Unwahr-
    scheinliche denkst, hast du den Keim in die Welt gesetzt, der den Hintergrund
    verändert.
    Wenn du sagst, es kann nur das passieren, was du in der Vergangenheit erfahren
    hast, bist du selber derjenige, der eben die Vergangenheit in die Zukunft herein-
    schleppt. Das ist die Schwierigkeit, die wir heute haben:
    Unsere Realisten sind eigentlich diejenigen, die genau das eben negieren, was das
    Leben ausmacht, nämlich dass die Zukunft anders ist als die Vergangenheit.
    Hans-Peter Dürr

    https://geroldflock-photography.jimdofree.com/

     

     

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