Lautes Glück und feine Gesellschaft

 in FEATURED, Kultur

Aus Anlass des Todes von Wolfgang Dauner veröffentlichen wir hier die Schilderung eines Konzerts mit Dauner und Konstantin Wecker aus dem Jahr 1991, das viel über die Stimmung in solchen Konzerten, aber auch über die Zeitstimmung in jenen Jahren verrät, die durch postmoderne Ironie, ein schleichendes emotionales Erkalten und – speziell in München – das Wirken einer „schickeriakritischen Schickeria“ gekennzeichnet war. Der Textauszug ist dem Buch „Konstantin Wecker – Das ganze schrecklich schöne Leben entnommen“.  Roland Rottenfußer

Es war Sommer ’91. Die ersten frühabendlichen Schatten machten einen hitzegesättigten Tag erträglicher und kühlten den Schweiß auf unserem Rücken. Die Büsche und Teiche des Münchner Westparks waren in ein warmes Licht getaucht, und der buddhistische Tempel glänzte gold und orange in der späten Sonne. Grillen sirrten, und auf der spiegelnden Fläche hinter der Seebühne zogen ein paar Schwäne ihre Kreise. Eine eigenartig aufgewühlte Stimmung machte sich breit in der wartenden Menschenmenge, in die meine Freund Uli und ich uns gemischt hatten. Es herrschte Wecker-Feeling, Wecker-Wetter, und Konstantin Wecker hatte sein Kommen für diesen Abend angesagt. Nur: Wir hatten noch keine Konzertkarten, und die Abendkasse war mit Blick auf die lange Menschenschlange am Absperrgitter eine schwache Hoffnung. Plötzlich kam – wir hatten fast schon aufgegeben – von einem Ordner die Parole: Konstantin Wecker habe erlaubt, dass sich Besucher, die noch keine Karte hatten, auf dem Boden vor den Stufen der amphitheatralisch angeordneten Zuschauerränge niederlassen durften – unmittelbar vor der Bühne. Die Fans strömten wie entfesselt herein, wir ergatterten einen Platz in der ersten Reihe. Viele Wecker-Konzerte – z.B. im Münchener Circus Krone-Bau – verschwimmen in meinem Gedächtnis zu einem. Dieses werde ich nie vergessen.

Konstantin war mit Wolfgang Dauner gekommen, dem Weltklasse-Pianisten. Ein Duell zweier Klaviere, Vorspiel dessen, was sich in späteren Jahren zwischen Wecker und Jo Barnikel ereignen sollte. „Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich mit jemandem auftreten soll, der besser Klavier spielt als ich“, kokettierte der Liedermacher in der Anmoderation. „Mein künstlerisches Gewissen hat über meine Eitelkeit gesiegt.“ Ein begeisterter Rezensent schrieb später: „Wolfgang Dauner hat Wecker gewissermaßen musikalisch geadelt, ihn in den Olymp des zeitgenössischen Jazz aufgenommen.“ Dauners meisterhaftes Spiel erlaubte es seinem Partner, manchmal mit dem Mikrophon allein vor das Publikum zu treten. Man konnte, während man seinen Hals gefährlich überdehnte, Wecker quasi von unten dabei zuschauen, wie sein Mund Worte und Töne formte, während Schweißtropfen des verehrten Künstlers gefährlich nah neben einem auf das aufgeheizte Pflaster tropften.

Es war ein begeisterndes, nahezu unwirkliches und ganz und gar euphorisches Konzert. Das Programm „handelte“ von Sommerlust und Lebensgier, nur wenig beschattet durch milde Neckereien gegen Establishment und Schickeria. Der biophile Hedonismus, der Weckers Texte schon immer beseelte, schien aufs Schönste bestätigt durch die schwellenden Formen der Parklandschaft im Licht der untergehenden Sonne. „Uns hat die liebe Erde doch so viel mitgegeben. Dass diese Welt nie ende: nur dafür lasst uns leben“, sang er. Ein paar magische Stunden waren das, in denen Zeit, Ort, Künstler und Publikum zu einer großen Lebensfeier verschmolzen. Ein nimmermüder Wecker, dem der Schweiß in Bächen über den Körper lief, sang, schrie, schwärmte, agitierte, liebkoste und schlug sein geduldiges Klavier. Sein Blick funkelte glutäugig und herausfordernd in die Runde… der Wecker halt, wie man ihn kannte und liebte.

Nur wer genau hinschaute – oder das Geschehen mit dem Wissen späterer Jahre neu durchdachte –, konnte ahnen, dass sich längst ein Schatten über das Sonnenidyll gelegt hatte. Wecker stand schon seit einiger Zeit unter Drogen – Kokain. Sein Gesicht war leicht aufgeschwemmt, unter den Augen dunkle Ränder, die „Göttergestalt“ leicht aus der Form geraten, der Enthusiasmus – wenn man sensibel war – vielleicht ein Stück zu dick aufgetragen, zu „forciert“. Noch hatte er „es“ im Griff und entgleiste nicht wie später in manchen Konzerten der Jahre 1994 und 1995. „Da hätt’ ma no geh kenna“ – an diesen Satz aus dem „Willy“ muss ich unwillkürlich denken. Da hätte er noch aufhören können mit dem Koksen, entziehen, rechtzeitig anhalten vor der Wand, auf die sein Leben scheinbar unaufhaltsam zuraste. Wecker war noch Wecker, aber es kostete ihn mehr Mühe als früher und brauchte höherer Dosierungen der Droge, es zu sein: das Kraftpaket, das Energiebündel, das sein Publikum eher überwältige als es zart zu umwerben.

Der Süchtige machte keinen Hehl aus einer Sucht. „Ein paar Kilo Kokain – und der schnöden Welt entfliehen“, bekannte er frech in seinem Lied „Irgendwann“. Wir im Publikum lachten und klatschten. Er ist halt kein Kind von Traurigkeit, der Wecker. Er liebt es prall und ungebändigt und konsumiert von allem ein bisschen mehr. So kannten und liebten wir ihn. Und das mit den „paar Kilo“ hielten wir sowieso für eine ironische Übertreibung. Wir, das Publikum, selbst meist im „Ungefähren“ eines weitaus moderateren Lebensstils beheimatet. Wir Voyeure, die mit wohligem Gruseln in Abgründe aufschauten, die wir uns selbst nicht zu leben trauten. Wir anfeuernden, feixenden Komplizen einer unaufhaltsamen Selbstzerstörung.

Fast unmerklich, zugedeckt vom Wärmeschwall der großen Liederfeier, hatte sich eine Abkühlung in Konstantin Weckers Werk eingeschlichen. Die innigen, die pathosgetränkten, die aufwiegelnden und die poetisch-verrätselten Lieder – das waren alles die älteren. Das neue Songmaterial, entnommen der 1989er-LP „Stilles Glück und trautes Heim“ waren gut im Sinne gelungenen kabarettistischen Spotts; aber es wehte eine kühler Wind postmoderner Distanz und Selbstdistanz durch das Werk. „Die Platte beschäftigt sich sehr mit der bundesdeutschen Realität“, gab Konstantin in einem Interview jener Zeit zu Protokoll. Speziell war damit „eine wachsende Verspießerung“, „ein neues Biedermeiergefühl“ gemeint – die bleierne Kohl-Ära vor der Wiedervereinigung, die die kreativen und rebellischen Impulse der 68er mit Sattheitsversprechen eingeschläfert hatte. Eine Ära, in der brave Bürger sonntags „beim Kaffee voller Hass am Kanapee“ saßen, während draußen in der großen Politik Franz Schönhuber formulierte, was viele verstohlen dachten.

„Ironie ist immer irgendwie realitätsbezogen. Nur die Poesie kann völlig aus dem Bauch heraus irgendwohin entfliehen“, erklärte Konstantin. „Stilles Glück“, diese erstaunlich homogene Platte, hätte eigentlich eine poetische und innerliche werden sollen, Arbeitstitel: „Tropenträume“. (Das gleichnamige Lied wurde später auf die „Uferlos-CD“ verschoben). Die Zeitstimmung jedoch wiegelte den Künstler auf, etwas komplett Anderes zu wagen. Statt der gewohnten affirmativen Innigkeit gab es auf der neuen Platte Ironie, statt poetischer Mehrdeutigkeit politisch eindeutige Botschaften, statt des Pathos eine Pathos-Parodie – Gestalt geworden im „finalen“ Liebeslied  „Vom Herzen“. In dem heißt es: „Wer weiß, wenn du mir deines gibst, wie sehr du mich dann mit meinem liebst!“ Wie schon auf der „Wieder dahoam-Platte“, wo das Lied „San koane Geign da?“ in eine üppig opernhafte Passage mündete, verleugnet der Künstler in „Vom Herzen“, was ihn früher ausgemacht hatte: das von Verstandeskontrolle ungehemmte, seelenvolle Sich-Verströmen des Puccini-Jüngers.

„Jazz lässt keine Chance zur Larmoyanz“, sagte Konstantin 1990 anlässlich eines Gesprächs über die „Stilles-Glück“-Tournee. Es ist kein Fehler, wenn bei einem sehr vielseitigen Künstler der Tucholsky- über den Trakl-Aspekt vorübergehend obsiegt. Es ist jedoch bemerkenswert im Zusammenhang mit einer die Stimmung künstlich anheizenden, die Seele aber eher erkaltenden Drogensucht. Und es ist auffällig im Kontext einer Zeitstimmung der 80er und frühen 90er, in der sich viele dem Kühl-Abschätzigen und Locker-Spöttelnden verschrieben hatten – mutmaßlich auch, um die eigene Trauer über das Scheitern der großen, mit Herzblut verfolgten politischen Projekte nicht zu schmerzhaft spüren zu müssen. „Die schönen Leute“, „Die feine Gesellschaft am Rande des Abgrunds“ oder die Story vom „Weekend-Runner von München Ost“, der sich am Gardasee breit macht – das sind hinreißende, milde sozialkritische Spottlieder, die einem Rainhard Fendrich Ehre gemacht hätten; sie verabschieden sich aber auch vom radikalen Subjektivismus, vom Anspruch, die Tiefen des Menschlichen sprachschöpferisch auszuloten.

In vielen seiner Neuschöpfungen war Konstantin eher zu einem Helmut Dietl des Chanson geworden – jenem genialen Filmemacher, zu dessen „Kir Royal“ Konstantin eine hinreißend aufdringliche Titelmelodie geschrieben hatte. So waren eben die 80er (deren Nachklang die „Stilles-Glück“-LP noch war): Auf der Premierenfeier zur grandios ironischen Serie wurde Kir Royal getrunken. Die Schickeria gab sich schickeriakritisch und zerlegte ihre eigenen Macken lustvoll und selbstreflexiv. Konstantin Wecker sagte noch 1993 in einem Interview: „Wenn man in München lebt, hat man einfach den Wunsch, auch mal zu der Schickeria zu gehören, über die man in den Zeitungen ständig liest.“ Er fügte dann einschränkend hinzu: „Die Faszination lässt aber schnell nach. Irgendwann hat mich alles zu langweilen begonnen.“ B- und C-Prominente verloren sich in Liebeleien, deren vorhersehbares Ende nur sehr kurzfristig lebenserschütternd war, und ewige Stenze ließen ihrem „zweiten“ eben einen „dritten Frühling“ folgen. Leicht weinerlich suhlte man sich alkohol- und drogenumdämmert am Tresen in seinen schwankenden Befindlichkeiten und teilte sie – erwünscht oder unaufgefordert – seinen nächtlichen Zufallsfreunden mit, Suchenden, Verirrten und Versehrten wie man selbst es war. Ein wenig von dieser Stimmung gibt das melancholische Chanson „Wieder Sperrstund im Café“ wieder, mit dem die „Stilles Glück“-LP ausklingt.

Ma hoit si fest am letzten Bier,
da Wecker jammert am Klavier,
der kann hoit a scho nimmer steh,
wieder Sperrstund im Kaffee

Das ganze schrecklich schoene Leben von Konstantin Wecker

Das Lied gab die Atmosphäre im Etablissement des gescheiterten Kneipenwirts Konstantin Wecker, dem „Café Giesing“, getreulich wieder und krönte die vorübergehende Dietlisierung in seinem Schaffen. Konstantin tauchte in diese Milieus ein, aber er verlor sich nie ganz daran. Er hielt Distanz zu deren zynischer Distanziertheit und politisch standpunktloser Nabelschau. Das alte Brennen blitzte gelegentlich unter einem Mantel aus Kälte durch. Es mochte dem Künstler damals schwer fallen, der Menschheit ein neues „Genug ist nicht genug“ zu schenken. Wohl aber trug er den Träumen seiner Jugend Achtung – in der Liedauswahl bei seinen Konzerten vor allem. Ja, Konstantin ließ als Kontrastprogramm sogar das Pathos wieder aufleben – in Filmmusiken aus jener Zeit und in einer ganz besonderen CD-Produktion. In seinem Konzert „Classics“  im Münchner Gasteig ließ er u.a. das kammermusikalische Vorspiel zu „Ich liebe diese Hure“ mit großem Orchester wieder aufleben. Daraus entstand dann im Jahr der Dauner-Konzerte eine sehr hörenswerte Aufnahme.

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