Marokko – Verborgene Wunderwelt zwischen Wüste und Prunk

 in FEATURED, Kultur

„In seinen besten Momenten ist der Fotograf – wie der Sänger – eben doch vor allem ein Liebender, und man kann nur eine Schönheit erkennen, die man in sich trägt.“ Konstantin Wecker schrieb für den wunderbaren Marokko-Bildband von Steffen Burger das Vorwort. Das Buch ist nicht nur ein sinnliches Erlebnis, sondern führt auch auf unaufdringliche Weise jede Fremdenfeindlichkeit ad absurdum. (Konstantin Wecker)

Auf den ersten Blick scheint es merkwürdig, dass Steffen Burger in seinem Buch angibt, meine Lieder seien der „Soundtrack“ seiner Reise nach Marokko gewesen. Ich freue mich darüber, gewiss, aber es hat mich doch überrascht. Scheint die Kunst eines Liedermachers von der eines Fotografen doch sehr verschiedenen zu sein. Der Komponist und Texter lauscht ja vor allem nach innen, wo er in gesegneten Momenten gleichsam herausgreifen kann, was zu ihm kommen will. Der Fotograf dagegen scheint mit seinem ganzen Wesen nach außen gewandt. Dort, in der umgebenden „äußeren“ Welt hat er seine Inspiration, seine Freude und sein Brot. Und doch fühle ich die wechselseitige Verbundenheit ebenso wie Steffen, weiß mich ihm nah in seiner Entdeckerfreude, der Gier nach Neuem, die dann doch immer wieder auf den Neugierigen zurückverweist, ihn ermutigt im „Anderen“ sich selbst aufzuspüren.

Der liebenswerte, schwer beladene Esel in einer Altstadtgasse. Der dampfende Teller Couscous, dessen feinen Gewürzduft man einzuatmen meint. Das majestätische Atlas-Gebirge, von einem Flusslauf durchschlängelt. Die Berberin, offenen Blicks und gehüllt in leuchtend bunte Tücher. Das Dorf mit seinen kargen Häuser-Quadern in hellgelbes Licht getaucht, inmitten einer ungeheuer blauen Nacht… Man schaut, genießt und taucht ein. Vor allem findet man in Steffen Burgers Marokko eines nicht: sandfarbene Langeweile. Ungeheuer die Vielfalt der Farben und Formen, mit denen dieses Buch prunkt. Steffen Burger sieht sein Reiseziel ganz offenkundig mit dem Herzen und versteht so unwiderstehlich zum Herzen seiner Betrachter zu sprechen.

In seinen besten Momenten ist der Fotograf – wie der Sänger – eben doch vor allem ein Liebender, und man kann nur eine Schönheit erkennen, die man in sich trägt. Und lassen wir die unselige Trennung zwischen ästhetischen Bildern auf der einen und realistischen Bildern auf der anderen Seite hier einmal beiseite. Wer das Wunderbare nicht überall, auch an scheinbar unspektakulären Orten erkennen kann, ist kein Realist. Steffen Burgers Bilder sind vollkommen poetisch und sie sind vollkommen wahr. Sie verzichten auf Inszenierung und symbolische Überfrachtung, ohne auf eine allzu teilnahmslose Weise zufällig zu sein.

„Aber die Menschen werden niemals vergessen, wie sie sich in deiner Gegenwart gefühlt haben“ – so zitiert Steffen am Anfang seines Buches die Dichterin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou. Wie fühlte ich mich während der Lektüre dieses Bildbandes? Heiter, erfüllt und quasi gesättigt von Farben und Formen dieses wunderbaren Bilderkosmos. Vor allem kam ein Gefühl nicht auf: Fremdheit: Die Gesichter dieser freundlichen Menschen – das faltendurchfurchte der Greisin wie das ungetrübt weltbejahende eines Buben – sie sind uns nah und sie gehen uns nahe. Hinschauen, wirklich mit dem Herzen hinschauen, ist auch das untrügliche Gegenmittel gegen jede Fremdenfeindlichkeit. Dieser Blick in die „arabische Welt“ straft die von Hass verzerrte Wahrnehmung der Rechten Lüge, die in Ländern wie diesem – meist ohne sie zu kennen – geradezu ein Reich des Bösen wahrzunehmen meinen. Wir erkennen: diese Menschen dort, das sind ja wir – nur durch den Zufall der Geburt in eine andere Kultur, eine andere Landschaft getaucht, aber wie wir nach Freude, nach Gemeinschaft und Lebensvollzug verlangend.

So ist Steffen Burgers Bildband weit mehr als nur ein Appetithäppchen für künftige Marokko-Reisende. Er ist eine Brücke über das trübe Wasser des Unverständnisses, in dem derzeit so viel menschliches Leben ertrinkt. Er ruft nicht zur gnädigen Hilfe für die „armen Menschen dort drüben“ auf, vielmehr hilft er uns oft so verschlossenen Menschen des Nordens, uns aufzumachen. Zermürbt von zu viel „Eigenem“ gesunden wir vielleicht nur durch die Begegnung mit dem vermeintlich Fremden.

 

 

 

Link zu Steffen Burgers Projektseite:

https://www.startnext.com/marokko-bildband

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search