Militärkultur oder „postmoderne Konkurrenz“

 in FEATURED, Politik (Inland)

Überall gern gesehen, auch auf Kirchhöfen: die Militärkapelle.

„Militärkultur“ – das erinnert stark an Oberst Hathis Elefantenparade im Disney-Film „Das Dschungelbuch“. Leider nehmen unsere Politiker militärisches Getue bitter ernst. Orden, Aufmärsche, Uniformen, Gelöbnisse, Gleichschritt… Das alles nimmt im öffentlichen Raum wieder deutlich mehr Platz ein. Offiziere werben in deutschen Schulen für’s Sterben. Die Labilität entwurzelter junger Männer wird ausgenutzt, um diese zu Werkzeugen in imperialistischen Kriegen zurechtzuschleifen. An der Heimatfront soll das Volk seine Helden bejubeln. Ein Wertewandel soll die Remilitarisierung Deutschlands stützen, eine PR-Kampagne dient der „Wiederbelebung kampf- und kriegsorientierter Denkmuster“. Auszug aus „Wider die Kulturzerstörer“ von Jürgen Meier, erschienen im Verlag Papy Rossa, erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop.

Im Grundgesetz heißt es in der Präambel, das »Deutsche Volk« habe »dem Frieden der Welt zu dienen«. Seit dem Balkankrieg wächst die Zahl der Bundeswehr-Soldaten, die sich im Ausland an Kriegshandlungen beteiligen, ständig an. Dementsprechend muss, im Sinne einer »Organisationskultur« eine neue »Militärkultur« her, die den Soldaten und das deutsche Volk davon überzeugt, dass es sich nicht um Kriegseinsätze handelt, sondern um »militärische Handlungen« (Merkel) oder im Syrienkrieg um »Solidarität mit Frankreich«. Mit sprachlicher Verschleierung der Wirklichkeit sollen die Menschen an den Krieg gewöhnt werden. Die Wirklichkeit zeigt alles andere als »Militärkultur«, die, wenn man diesen Begriff überhaupt ernst nehmen will, nur Abrüstung, Vernichtung der Atomwaffen und Auflösung der NATO bedeuten könnte. Die Wirklichkeit der »Militärkultur« der Bundeswehr ist aber Kulturzerstörung auf ganzer Linie. Der Kampf um Rohstoffe, Absatzmärkte, Militärstützpunkte führt zu Kriegen. Die Offiziere der Armeen wissen das. »Künftige Kriege und Konflikte«, so der Oberstleutnant i. G. Reinhard Herden Mitte der 1990er Jahre, »werden in dem Unvermögen vieler Staaten zur gerechten Verteilung ihrer Ressourcen wurzeln, in der Unfähigkeit ganzer Völker, die Anforderungen der Postmoderne in Konkurrenz mit anderen bewältigen zu können … Im nächsten Jahrhundert werden die jetzt in Frieden miteinander lebenden wohlhabenden Staaten gegen die Völker der armen Staaten und Regionen ihren Wohlstand verteidigen müssen … Für die brutalen Kriege gegen die kleinen bösen Männer«[1] müssten die Soldaten ausgebildet werden. Der erste Schritt des »Wertewandels« von der Verteidigungs- zur Angriffsarmee war der Wandel der Bundeswehr von der allgemeinen Wehrpflicht zur Berufsarmee.

Der »Wertewandel« muss aber auch ideologisch vorgenommen werden. Dies geschieht durch die »Wiederbelebung kampf- und kriegsorientierter Denkmuster« (W. Wette, 1994) Die Soldaten müssen für diesen Zweck neben der körperlichen Fitness vor allem ihre »psychologische Durchhaltefähigkeit« (Bundeswehr aktuell, 1996) in extremen Stresssituationen trainieren. Die Soldaten werden heute klar und deutlich für ihre eigentliche Bestimmung, den imperialistischen Krieg, ausgebildet. Da durfte die Einführung von »Ehrenzeichen der Bundeswehr« nicht fehlen. Mit der Neufassung des Stiftungserlasses vom 13. August 2008 wurden die Ehrenzeichen der Bundeswehr neben der Tapferkeitsauszeichnung um zwei Sonderformen erweitert: das Ehrenkreuz in Silber mit rotem Rand und das Ehrenkreuz in Gold mit rotem Rand. (1. April 2011) Mit dem Polenfeldzug 1939 wurde, auf Anordnung von Adolf Hitler, das »Eiserne Kreuz« »ausschließlich für besondere Tapferkeit vor dem Feind und für hervorragende Verdienste in der Truppenführung verliehen«. Die Kontinuität von der Reichswehr zur Bundeswehr ist sicher gewollt und sie ist auch Tatsache, wenn man bedenkt, dass Ende der 60er Jahre keiner der Generale und Admirale der Bundeswehr in der Nazi-Wehrmacht einen niedrigeren Dienstgrad als den eines Obersten innehatte. Nur sieben Generale waren als Kriegsverbrecher verurteilt worden. Die Kontinuität von Reichswehr zur Bundeswehr ist aktueller denn je. Sie ist Bestandteil der »Militärkultur«, zu der die vielen Nazigruppen gehören, die sich als Vorreiter und Aktivisten dieser Kontinuität feiern dürfen. Die Proteste der 70er Jahre gegen den Militarismus und die alten Nazis in den Parteien, Gerichten und der Bundeswehr führten zu einem moderateren Ton in der Bundeswehr. Immer mehr junge Männer hatten sich entschlossen den Wehrdienst zu verweigern. »Make love! Not war!« war ihre Devise. Dementsprechend wurde die Kontinuität zur Reichswehr »relativiert«. Trotzdem, so Politiker und Militärs, dürfe Deutschland nicht länger im »Büßergewand« auftreten. Man dürfe auf sein »Vaterland« stolz sein.

Auf der 6. Militärhistorischen Tagung der Luftwaffe im März 2018 stand der Begriff der »Tradition« im Vordergrund: Hat die Bundeswehr und damit jede ihrer Teilstreitkräfte, die Stunde »Null« je erlebt? Also eine Zeit frei von Einflüssen, die aus einer Epoche vor Gründung unseres »freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates« stammen. Wann beginnt die Tradition der Bundeswehr? Oder belebt sie sich ständig neu? Gegründet, so die Konferenz, sei sie als eine »Armee im Kalten Krieg«, gewachsen zu einer »Armee der Einheit« nach der deutschen Wiedervereinigung, spreche man heute von der Bundeswehr als einer »Einsatzarmee«. Historisch betrachtet, so die Mehrheit der Konferenz, gibt es die Stunde »Null« für die Bundeswehr nicht. Sönke Neitzel, Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam stellte in seinem Referat fest: »Militärkultur hat schon immer was Eigenes gehabt – auch wenn es aus der Politik entspringt.« Es gehe um Identität. »Die Bundeswehr hat die DNA der Wehrmacht – was gesellschaftlich akzeptiert war – bis 1989: Pflichtfreude, Siegen wollen. Doch es gab auch Neues.« Tradition sei nicht einfach so – Tradition sei immer ein Auseinandersetzungsprozess, der sich ändere. So hätten Traditionen immer was mit politischen Überzeugungen zu tun. Der Traditionserlass könne nur ein Rahmen sein. Entscheidend sei, was die Teilstreitkräfte daraus machen. Dabei sei die Ehrlichkeit der Politik wichtig. »Wofür wollt ihr die Bundeswehr haben?«[2] Das ist längst geklärt! Hat aber nichts mit Kultur zu tun, sondern mit Krieg!

Die Aufstockung der Bundeswehr um weitere bis zu 10.000 Soldaten lautete die Forderung des Bundeswehrverbandes, nachdem das Parlament Ende 2015 den Kriegseinsatz in Syrien beschlossen hatte. Also wird mit 30.000 Plakaten und fünf Millionen Postkarten geworben. Da heißt es z. B.: »›Mach, was wirklich zählt‹. Junge Menschen fragen heute immer mehr nach dem Sinn ihrer Arbeit und was ihnen diese neben einem Einkommen eigentlich bringt. Darauf haben wir in der Bundeswehr starke Antworten«. Auch das ist »Militärkultur«. Sie wird künftig die Gesellschaft immer mehr prägen. Widerstand dagegen ist nur möglich, wenn Kultur verteidigt wird. Wir müssen der »Militärkultur« widerstehen, was für viele Jugendliche sicher nicht einfach sein wird. Denn natürlich fragen viele nach dem Sinn ihrer Arbeit, ihrer Arbeitslosigkeit und ihres Lebens. Da sind die irrationalen Verlockungen groß, einmal ein Held für das Vaterland zu sein. In der Schule, auf der Straße, im Betrieb und mit den Künsten können wir den Werbungen für die Zerstörungen von Menschen und deren Kultur durch die »Militärkultur« widerstehen. Wann wir dies tun? »Irgendwann? Nein jetzt«, singt Konstantin Wecker in seinem Lied »Der Krieg«. »Wir müssen seh’n, wie wir den Gewalten widersteh’n. Denn sonst heißt es wieder eines Tages dann: Seht euch die dumpfen Bürger an. Zweimal kam der große Krieg mit aller Macht. Und sie sind zum dritten Mal nicht aufgewacht.«

[1]        In: »Truppenpraxis, Wehrausbildung: Zeitschrift für Führung, Ausbildung und Erziehung«, Nr.  2 und 3/1996

[2]        Redaktion Luftwaffe, 16.3.2018

 

 

Jürgen Meier:

Wider die Kulturzerstörer

Verlag PapyRossa

231 Seiten, 18,- €

 

 

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search