Mut und Zärtlichkeit

 in Buchtipp

Besprechung des Buchs „Das ganze schrecklich schöne Leben“ (Konstantin Wecker) von Eugen-Arno Atticus, erschienen bei Amazon.de

 

 

 

„Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welches Glück!“

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

 

Was für ein wunderbares Buch! Wer den ganzen Konstantin Wecker kennenlernen will – der, wie er selber schonungslos schreibt, oft auch ein zerrissener Konstantin Wecker war -, der greife zu dieser Biografie. Ich bin sicher, daß er sehr vieles über den Künstler erfahren wird, nicht zuletzt, daß sehr vieles diesen Künstler ausmacht. Und: er wird dies auf eine Weise erfahren, die weit entfernt ist von jeglicher Selbstbeweihräucherung, weit entfernt auch von einem Bloßstellen anderer Menschen, das meistens dann zu beobachten ist, wenn ein „Promi“ – natürlich ist Wecker ein „Promi“ – glaubt, aufs Niveau sogenannter „home-stories“ herabsinken zu müssen, und deswegen meint, angeblich alles über alle preisgeben zu dürfen. – Weder erzählt der Autobiograf Konstantin Wecker über eine „aktuelle Beziehung, die er eigentlich nicht öffentlich machen will, dann aber doch in diesem Buch erzählt“ – das will uns hier ein Vor-Kritiker weismachen und ist Erfindung, sonst nichts. Noch „ertränkt“ uns Wecker mit „zu viel Narzissmus“, was immer das heißen mag (und im übrigen – neben all der projektiven Unterstellung, die eine solche Fern-Diagnose enthält -, Menschenkritik darstellt, nicht aber Buchkritik). Wecker wird von vielen „geliebt“, das ist wohl war. Vor allem aber ist er ein „Liebender“, und selten habe ich eine Autobiografie gelesen, die derart enthusiastisch und häufig andere Menschen preist!

 

Zweifelsfrei zählt Konstantin Wecker zu den beeindruckendsten Multi-Talenten im bundesdeutschen Kulturbetrieb (dessen Gehorsamsswünschen er sich allerdings konsequent zu verweigern weiß!). Er ist, natürlich, ein hochbegabter Sänger und Komponist – aber er verschweigt nicht, dieser angebliche „Narziß“, daß er seinen langjährigen Freund und musikalischen Weggefährten Jo Barnikel für den besseren Klavierspieler hält. Er ist Entertainer und Autor, Schauspieler und Kabarettist und Rezitator (von oft diffizilen Gedichten) – und selbstverständlich muß ein derart vielseitig aktiver Künstler auch davon erzählen, wenn seine Autobiografie einigermaßen komplett über die eigene Arbeit berichten soll. Doch noch in jedem dieser Tätigkeitsbereiche weiß Wecker andere, bessere Künstler zu nennen. Natürlich ist Selbstwertschätzung diesem Künstler nicht fremd – wieso sollte es das auch?! -, aber Weckers Begeisterungsfähigkeit für andere Künstler übertrifft diesen angeblichen „Narzißmus“ bei weitem. Nicht zuletzt jedoch, und auch dieses weist uns dieses Buch aufs präziseste nach, ist Konstantin Wecker ein Mensch, der sich auch für die Welt ringsum interessiert, keinesfalls nur für den eigenen Bauchnabel. Wecker, das ist wahrlich auch der kritische und unerschrockene Zeitgenosse, der sensibel-wache Liedsänger und Textautor, der das offene Wort nicht scheut, wenn es um verheerende Fehlentwicklungen ‚draußen’ geht, um menschenfeindliche Prozesse und Vorfälle in Gesellschaft und Politik. Auf eine Formel gebracht: jawohl, Konstantin Wecker ist erklärtermaßen Antifaschist und Radikaldemokrat, ein Mann, der sich mit Demokratie-Simulationen nicht abspeisen läßt,  er ist Pazifist, der uns die Plausibilität auch dieser Grundeinstellung gut zu vermitteln versteht, er ist, nicht zuletzt, ein Kapitalismuskritiker, der zwar nicht das marxistische Grundvokabular herunterbetet, aber bei seinen vielfachen Kommentaren zu Wirtschaftspolitik und Sozialstaatzerstörung seine dementsprechende Mitmenschlichkeit und Menschenrechtsorientierung deutlich zu machen vermag, und zwar auf eindringlich-überzeugende Weise zugleich. Noch kürzer also: Konstantin Wecker, das ist ein klug denkender und empathisch fühlender Mensch, an dessen – auch im eigenen Alltag – gelebter Humanität kein Zweifel besteht, weit über alles Künstlerische hinaus. Mein Wunschtraum mithin: ach, hätten wir doch mehr Mitmenschen von diesem geistig-künstlerischen Rang und von dieser stets menschenfreundlichen – niemals verbissenen – Konsequenz bei Engagement und Widerstand!

 

Dabei sollte auch dieses, zum Abschluß, nicht verschwiegen werden: keinesfalls hat sich Konstantin Wecker in dieser Biografie darauf beschränkt, sich selber mit Leben und Werk vorzustellen, auf eine Erforderlichkeit also, die noch stets mit der Aufgabe eine Autobiografie verbunden ist. Das zu kritisieren – der Autobiograf schreibe über sich selbst -, dieser Vorwurf der übersteigerten Selbstverliebtheit käme dem Unfug gleich, einem Historiker, der über den Ersten Weltkrieg schreibt, vorzuwerfen, er habe über die Jahre 1914 bis 1918 berichtet. Nein, Konstantin Wecker ist dieser Selbstanpreisungsdichter wahrlich nicht. Und er hat in diesem Buch auch zwei Weggefährten zu Wort kommen lassen, sehr ausführlich sogar, Mitautoren, die keinesfalls immer seiner Meinung sind: zum einen Günter Bauch, den „Willy“ seines gleichnamigen Liedes aus dem Jahre 1976, und Roland Rottenfußer, den Chefredakteur der von Wecker im Jahre 2003 ins Leben gerufenen politisch-kulturellen Website www.hinter-den-schlagzeilen.de. Günter Bauch überrascht dabei immer wieder mit Witz und enormer Faktenkenntnis, oft bis in kleinste Details hinein – glänzend geschrieben auch dessen Texte! Und Roland Rottenfußer, der gut um eine Generation jüngere Buchautor und Wissenschaftsjournalist (Jahrgang 1963), legt in diesem Buch eindrucksvoll kluge und differenzierte Analysen zu Weckers Liedtexten und geistig-seelischer Entwicklung vor, hervorragend geschrieben auch diese Buchpartien  und weit übers Oberflächlich-Biografische hinaus! Wo fände man das anderswo, die Tatsache nämlich, daß gleich drei verschiedene Menschen das Leben und Werk eines Künstlers derart präzise darzustellen, vielseitig zu beleuchten und zu analysieren vermögen. Mir ist ein solches Beispiel nicht bekannt. Kurz also:

 

Wer etwas über den Musiker und den Poeten, über den Schauspieler und den Zeitkritiker Konstantin Wecker erfahren will, wird in diesem Buch – ergänzend ausgestattet mit vielen Fotografien und einer viele Seiten umfassenden Werkliste des vielseitigen Künstlers – aufs reichhaltigste fündig. Und es ist, nicht zuletzt, diese enorme Mehrdimensionalität einer Biografie, die mich zu Beginn dieses Textes den emphatischen Satz niederschreiben ließ: was für ein wunderbares Buch!

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