Neu gelesen und gehört: Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts

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Esther Bejarano. Foto: Sven Teschke

Sie ist eine außergewöhnliche Frau. Jede Begegnung mit Esther Bejarano ist eine menschliche, musikalische und politische Bereicherung, ein großartiges Erlebnis, das prägt: Ob im persönlichen Gespräch, bei einer politischen Aktion oder in einem Konzert. Beeindruckend sind ihre Vitalität und Energie, ihre Offenheit und Kontinuität, ihre Lebensbejahung und ihre Lust, sich immer wieder auf Neues einzulassen. Ob in Schulen oder auf der Straße: Unermüdlich engagiert sich Esther Bejarano seit Jahrzehnten gegen alte und neue Nazis, gegen Rassismus, Antisemitismus und Krieg. Wer ihr Buch „Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts“ und die CD-DVD-Box „Ama La Vita“ zum zehnjährigen Jubiläum von „Bejarano & Microphone Mafia“ noch nicht gelesen und gehört hat, kann sich und seinen Freund*innen ein ganz besonderes Geschenk machen. Am Sonntag, 15. Dezember 2019, wird Esther Bejarano 95 Jahre. Sie ist ein ganz großes Glück für alle, die auf der Suche nach einer gerechteren Welt sind! Michael Backmund

Esther Bejarano traf am 20. April 1943 mit einem Transport des Reichssicherheitshauptamtes gemeinsam mit rund 1000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern am Bahnhof des Konzentrationslagers Auschwitz ein: 543 Deportierte wurden unmittelbar nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet. „Nach der Selektion werden 299 Männer (…) sowie 158 Frauen, die die Nummern 41870 bis 42027 erhalten, als Häftlinge in das Lager eingewiesen.“ So steht es im Kalendarium der „Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945“, herausgegeben 1989 von der polnischen Historikerin und Soziologin Danuta Czech, deren Vater selbst nach Auschwitz verschleppt wurde.

„Ich weiß noch, dass ich gedacht habe, nachdem ich die Nummer eintätowiert bekam: ,41947 Menschen waren also schon vor mir hier. Wo sind die bloß alle?‘“ Dabei wusste Esther zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Nazis Frauen und Männer nach Geschlecht getrennt Nummern tätowierten und zu diesem Zeitpunkt die SS neben den Nummern der Frauen bereits auch 116754 männlichen Häftlingen Nummern eintätowieren haben lassen.

„Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass sich ein ganzes Volk gegen die Juden gestellt hat“, sagte Esther Bejarano in einem Interview, das ich mit ihr in ihrer Hamburger Wohnung führen durfte: „Das war einfach Wahnsinn, diese ganzen Gesetze, die sie herausgebracht haben. Man durfte ja gar nichts mehr. Ich durfte als Kind, ich war ja damals noch ein Kind, nicht mehr Fahrrad fahren. Man hat mir das Fahrrad weggenommen. Wir durften kein Radio mehr hören, nicht mehr Auto fahren, wir durften nicht mehr Straßenbahn fahren, nicht Zug fahren und an den ganzen Geschäften stand geschrieben: ,Juden ist der Zutritt verboten.‘ Die Leute fanden das vollkommen okay.“

Am 15. Dezember 1924 wurde Esther Bejarano im saarländischen Saarlouis als Esther Loewy geboren. Ihr Vater arbeitete als Oberkantor in verschiedenen jüdischen Gemeinden. Als 16-Jährige wurde Esther 1941 in das Zwangsarbeitslager Neuendorf bei Fürstenwalde an der Spree interniert und am 20. April 1943 mit allen anderen Insassen des Arbeitslagers und weiteren jüdischen Menschen nach Auschwitz deportiert. Ihre wunderbare Stimme rettete ihr das Leben: Bereits die Blockältesten erkannten ihr Talent und ließen sie Werke von Schubert, Bach. Mozart und anderen Komponisten singen. Dafür erhielt sie mal ein Stück Brot oder Wurst extra.

Als die Dirigentin Tschaikowska auf Befehl der SS nach Musikerinnen für das sogenannte „Mädchenorchester“ suchte, schlugen die Blockältesten auch Esther vor. So überlebte sie Auschwitz als Musikerin im weiblichen Häftlingsorchester, dem sogenannten ‚Mädchenorchester von Auschwitz‘. Ein halbes Jahr später ließ die SS bei einem Morgenappell bekannt geben, dass alle, in deren Adern „arisches Blut“ fließen würde, nach gründlicher Prüfung in ein anderes Lager kommen könnten. Esther war hin- und hergerissen: Durch meine Großmutter väterlicherseits war ich ein Viertel ,arisch‘. Was sollte ich also machen? (…) Meine Freundinnen meinten, ich hätte geradezu die Pflicht zu versuchen aus Auschwitz raus zu kommen, damit ich den Menschen außerhalb erzählen könne, was für schreckliche Verbrechen dort an uns begangen wurden.“ Von Auschwitz wurde Esther Bejarano einige Wochen später ins KZ-Ravensbrück deportiert und musste dort schwerste Zwangsarbeit für die Firma Siemens leisten. Als das Lager von der SS evakuiert wurde, gelang ihr auf einem der folgenden Todesmärsche die Flucht.

Cover des Buches „Erinnerungen“ von Esther Bejarano.

„Ich habe viel Glück in meinem Leben gehabt, ein ganz großes Glück, ein unheimliches Glück.“ Auch das erzählt Esther Bejarano, deren Eltern und Schwester von den Nationalsozialisten umgebracht wurden, in ihrem Buch „Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts.“ Erstmals wurden in diesem Buch alle ihre Erinnerungen versammelt: Esther erzählt darin über ihre Erfahrungen in den  Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück, von ihrer Zeit als Akkordeonistin im Mädchen-Orchester von Auschwitz. Sie berichtet aber auch von der Befreiung, von ihrer Auswanderung, ihrem ganz persönlichen Neuanfang in Israel, wo sie ihren Mann kennengelernt hat, eine Familie gründete, unter schwierigen Bedingungen eine Ausbildung als Sängerin machte und als Musiklehrerin arbeitete.

Und sie schreibt über die Rückkehr nach Deutschland und darüber, wie sie sehr langsam doch ankommt im Land der Täter. Einem Land, in der ihre Tochter Edna Bejarano eine Karriere als Sängerin in der legendären Hamburger Band „Rattles“ machte, während Esther noch viele Jahre schwieg: „Die Politik war völlig an uns vorbei gegangen“, wird Esther über diese Zeit schreiben. Doch das sollte sich 1978 von einem Tag auf den anderen ändern: Vor ihrer Boutique im Herzen von Eimsbüttel, so beobachtete Esther, wurde ein Infostand aufgebaut. Zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass es Faschisten von der NPD waren, gegen die eine Gruppe von Antifaschist*nnen mit Transparenten demonstrierte. Sie verließ ihren Laden und stellte sich auf die Seite der Gegendemonstranten, die bereits von der Polizei „drangsaliert“ wurden. Esther packte einen Polizisten am Revier und schrie ihn an: „Wissen Sie überhaupt, was Sie da tun? Wissen Sie, wer diese Leute sind?“ Am nächsten Tag trat Esther Bejarano der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN/BDA) bei und gründete wenige Jahre später mit weiteren Überlebenden das Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland, deren Vorsitzende sie bis heute ist.

Die bewegenden Aufzeichnungen von Esther Bejarano werden ergänzt durch ein Gespräch mit der italienischen Journalistin Antonella Romeo, die das Buch auch herausgegeben hat. Die beigefügte DVD zeigt ein weiteres Interview mit Esther Bejarano und Ausschnitte eines gemeinsamen Konzerts mit der Rap-Gruppe Microphone Mafia (Regie: Elena Valsania).

Hier kann man das Buch direkt bestellen (ca. 3 Tage Lieferzeit):
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Singen und rappen gegen Rassismus und Krieg

Cover der Jubiläums-Box (v.l): Kutlu Yurtseven, Rossi Pennino, Joram und Esther Bejarano.

Ein echter Glücksfall ist neben ihrem politischen auch ihr musikalisches Engagement in den letzten zehn Jahren. Alles begann mit einem einfachen Telefonat. Je nach Perspektive begann die Zusammenarbeit mit einer kurzen Empörung bzw. einem Schmunzeln. Heute lachen beide über die Geschichte: „Hallo hier ist der Kutlu von der Microphone Mafia“, sagte der Kölner Rapper Kutlu Yurtseven am anderen Ende der Leitung und Esther Bejarano erboste Antwort folgte prompt: „Warum ruft die Mafia bei mir an? Mit der Mafia will ich nichts zu tun haben!“ Nachdem das Missverständnis ausgeräumt war, folgte ein kongeniales musikalisches Projekt: Am 8. März 2008 trafen sich Esther Bejarano und Kutlu von der Microphone Mafia in Hamburg das erste Mal persönlich und am 1. September 2008 begann ihre gemeinsame Reise, die bis heute andauert. Treffend schreiben die Herausgeber der Jubiläums-Box: „Niemand, vor allem nicht Esther und Joram Bejarano sowie Kutlu und Rossi von der Mic Mafia selber, hätte gedacht, dass aus 6 Liedern, zwei Alben (2009 Per La Vita – 2013 La Vita Continua) und aus einigen geplanten Konzerten in den letzten zehn Jahren, über 600 Konzerte wurden. Aus dem Projekt wurde eine kleine Familie. Hier hat sich musikalisch, politisch aber vor allem menschlich eine Einheit entwickelt, die das gemeinsame Leben schätzt, schützt und liebt. Diese Liebe zu dem Leben und den Einsatz für ein solidarisches und respektvolles Zusammenleben, vermitteln die vier in ihrer Musik und vor allem im Umgang auf und neben der Bühne. Alle musikalischen, kulturellen und persönlichen Unterschiede bilden den Fundus für ihren künstlerischen und menschlichen Reichtum und Mix.“

Die Jubiläumsbox besteht aus den Alben „Per La Vita“ und „La Vita Continua“, erweitert um vier neu aufgenommene Songs. Zudem enthält die Box zwei DVDs mit den Filmen „Per La Vita“ und dem Film zur Kubareise „Da wo der Himmel aufgeht“. Abschließend dann noch eine CD mit allen Songtexten, Konzertmitschnitten und diversen Bildern. In der Ankündigung heißt es völlig zu Recht: „Diese Box ist ein Monument der letzten zehn gemeinsamen Jahre und auch Antrieb noch lange gemeinsam weiter zu wirken!“

Cover des Buches „Eine ehrenwerte Gesellschaft: Die Microphone Mafia – Mehr als nur Musik“.

„Das Esther in Schulen geht, diskutiert, liest, singt und tanzt, das ist ihre späte Rache an den Nazis – da bleibt es uns als Microphone Mafia zu sagen, es ist uns eine Ehre ein Teil ihrer Rache Sein zu dürfen!“, so die beiden Musiker Rossi Pennino und Kutlu Yurtseven.

Dem bleibt nur hinzuzufügen: Bücher, Musik, Film und der Besuch eines Konzerts sind alle zusammen ein großes Glück für alle, die sich darauf einlassen!

Die gesamte Box und das Buch über die Geschichte die Microphone Mafia und ihre Zusammenarbeit mit den Bejaranos kann hier direkt bestellt werden:
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