Poesie ist wie ein Liebeswort

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„In gewisser Weise bin ich ein Vermittler von etwas, das durch mich hindurchfliesst und oft schöner, bedeutender und ergreifender ist als das, was mich ausmacht. Der Weg nach innen führt über mich hinaus.“ Ein poetischer Essay über Poesie, eine sprachlich sehr dichte Betrachtung über Dichtung. Für den Schweizer Lyriker Peter Fahr bedeutet Schreiben nicht, sich vor dem Negativen wegzuducken, ihm vielmehr etwas Liebevolles und Aufrichtiges entgegenzusetzen, das den Geist der Leserinnen und Leser aufrichtet. „Doch was diese Zeit am dringendsten benötigt, um nicht in die technokratische Barbarei zu driften, sind gerade Gedichte.“ (Peter Fahr)

Der Weg

Als ich sechs war, schickten mich meine Eltern zu den Grosseltern väterlicherseits für drei Wochen in die Ferien. Der Grossvater war Westschweizer, die Grossmutter italienischer Abstammung und beide sprachen kein einziges Wort Deutsch. Ich hatte Mühe, mich zu verständigen. Schon bald befiel mich ein heftiges Heimweh, die Geschwister fehlten mir. Tagsüber wich die Einsamkeit nicht von meiner Seite, nachts kroch sie unter meine Bettdecke. Ich weinte im Dunkeln und schlafwandelte.

Es gibt mit Zeichnungen illustrierte Briefe, die sich erhalten haben. Von Lausanne aus beschwor ich die Eltern, mich heim nach Bern zu holen. Den Vater sprach ich mit Vornamen an, die Mutter nannte ich zärtlich Mami. Nichts half, die Eltern ließen sich nicht erweichen.

Mit neun machte ich monatelang keine Hausaufgaben, die Lehrerin informierte meine Eltern und ich musste wochenlang bis spät in die Nacht hinein nacharbeiten. Ich erinnere mich gut an einen dicken Geschichtsordner, der zur Gänze abgeschrieben und abgemalt werden musste. Erstaunlicherweise fand ich Gefallen an der Strafarbeit.

Mit elf schrieb ich mein erstes Gedicht. Es war reim- und titellos. Ich schrieb es mit Tusche auf ein pergamentartiges Papier und schenkte es den Eltern:

Volle Schaufenster.
Staunende Kinderaugen,
verarbeitete Mütter
ziehen weinende Kinder an
der Hand. Viele Lichter
brennen, keine Sonne scheint.

Mit zwölf wollte ich Priester werden. Ich verfasste Dankgebete und Lobgesänge in lyrischer Form. Mit gereimten Versen, die mehr oder weniger den Gesetzen der Metrik gehorchten. Dass die meisten dieser Gedichte verlorengegangen sind, ist kein Unglück.

Mit einundzwanzig schrieb ich das erste Gedicht, zu dem ich heute noch stehe.
Das Spiel
Dichtend erstrebe ich fünf Qualitäten: Menschliche Integrität, bürgerliche Zivilcourage, gedankliche Unbestechlichkeit, stilistische Archaik und künstlerische Konsequenz. Vieles wird mir erst klar, wenn ich es niederschreibe. Ich kann mich und die Welt nur schreibend begreifen. Das Dichten ist ein Vorgang, mich dem Unbekannten zu öffnen, es in mich aufzunehmen und komprimiert zu Papier zu bringen. In gewisser Weise bin ich ein Vermittler von etwas, das durch mich hindurchfliesst und oft schöner, bedeutender und ergreifender ist als das, was mich ausmacht. Der Weg nach innen führt über mich hinaus.

Dichtung muss einen überpersönlichen Sinn haben, sonst ist sie blosse Selbsttherapie. An diesen Sinn zu glauben, fällt heute schwer, da der Fortbestand der Menschheit ernsthaft gefährdet ist. Wie viele Andere habe ich Angst. Ich ringe mit einem grossen Unbehagen, das mir die Sprache verleiden will. Nur nicht schweigen, beschwöre ich mich. Das Schweigen der Lämmer lügt. Das Wort ist da, gehört zu werden.

Doch wie könnte ich die Wirkung des Dichters überschätzen! Sein Lebenswerk – nicht selten ein einziges Buch, das vor der Nachwelt besteht – ist wie ein sanfter Windstoss, der in die Wiese fährt und ihre Blumen und Gräser für einen kurzen Augenblick hin- und herwiegt, niederdrückt und wieder aufrichtet. Während ich meine Gedanken bändige, zaubert die Hand ein Gewebe von Worten aufs Papier. Ich bin nicht, ich entsinne mich. Ohne Gedächtnis kein Gewissen. Ohne Gewissen keine Wahl. Ohne Wahl kein seelisches Reifen. Ohne seelisches Reifen keine Erfahrung. Ohne Erfahrung keine Erkenntnis. Ich bin nicht, ich entsinne mich. Ich bleibe zurück, weil ich ausschreite. Hier und Jetzt: gleichgültig. Im Vergangenen bewältige ich das Kommende. Dichten heisst: sich häuten.

Mit der ernsten Miene eines frühreifen Kindes spiele ich das Spiel, das jede Dichtung sein sollte. Schreibend banne ich die Tragik des Wirklichen, schreibend beschwöre ich die Erhabenheit des Möglichen. Das Mögliche ist das Unmögliche, an das niemand glaubt.

Das Wesen

Dichtend entwerfe ich Wirklichkeiten und stelle sie dar. Ich überlebe nur darstellend: das Imaginäre ist die Luft, die ich atme. Dichten muss keinen Sinn haben; wer fragt sich beim Atmen, ob es sinnvoll sei? Wer nicht dichtet, um zu atmen, wird kein Werk schaffen, das die Menschen bewegt.

Das Wesen der Kunst ist die Kunst des Wesentlichen. Wer zu viel redet, sagt zu wenig. Ich schreibe wenig, um nicht zu schwätzen. Kunst ist das Gegenteil von Können. Der Dichter bleibt ewig ein Dilettant. Was er sich bei dem einen Gedicht aneignet, steht ihm beim nächsten im Weg. Die Vollendung einer Arbeit wirft ihn auf sich selbst zurück und macht ihn neuerdings zum Anfänger.

Die Königstugend des Dichters? Geduld. Wichtig sind das Erleben, die Liebe, der Gedanke, die Poesie – das Werk ist zweitrangig.

Jesus Christus hat nichts mit der katholischen Kirche zu schaffen, Günter Grass nichts mit dem Nobelpreis, John Lennon nichts mit der Beatlemania. Der Mensch neigt dazu, andere und anderes zu vereinnahmen. Ein jüdischer Rabbi wird zum Sohn Gottes stilisiert, ein Poet zum Dichterfürsten, ein Musiker zum Idol. Was Zeitgenossen und Nachkommende aus dir und deinem Werk machen, hat wenig mit dir und deinem Werk zu schaffen.

Die westliche Welt der Postmoderne – unsere globalisierte Gesellschaft – zerstört die Poesie. Es braucht eine ungeheure Anstrengung, sich den poetischen Blick zu bewahren. Es ist nicht die Zeit für Gedichte. Doch was diese Zeit am dringendsten benötigt, um nicht in die technokratische Barbarei zu driften, sind gerade Gedichte. Ihre Poesie widersetzt sich der wertfreien Rationalität des neoliberalen Menschen. Ihre Magie widerlegt eine irregeleitete Wissenschaft, die nicht Halt macht vor der Ausbeutung und Zerstörung von Mensch und Natur. Auch die Politik mit ihren Kriegen und humanitären Katastrophen braucht eine lyrische Gegenkraft. Nach Auschwitz, Korea, Vietnam, Ruanda, Bosnien, Afghanistan, Tschetschenien, dem Irak und Syrien keine Gedichte zu schreiben, wäre barbarisch.

Das Gebot der Stunde heisst Konzentration. Doch wie erreicht der Einzelne den Zustand der Konzentration? Durch Verweigerung, Verzicht, geistige Sammlung und Kontemplation. Wer seine Aufmerksamkeit schult, reduziert sein Leben unwillkürlich auf das Gehaltvolle, Wesentliche. Wer wesentlich wird, konzentriert sich – er findet zu seinem Mittelpunkt.

Wissen bedingt Gewissen. Im Zeitalter der Gigatechnik, der lärmenden Maschinen und schweigenden Menschen bewirkt ein literarisches Flüstern nichts. Ich glaube an die Moral der Dichtung – eine Kraft, die Menschen ergreifen und gesellschaftliche Prozesse auslösen kann.

Die Verwandlung

Mit Hermann Hesse frage ich: „Wo ist der Punkt, von welchem aus diese ganze Hölle von Krieg, Korruption, Entseelung zu überblicken und zu überwinden ist? Wo kann man anknüpfen, um auf Erden wieder etwas wie Geist, etwas wie Würde, etwas wie Sinn und Schönheit zu ermöglichen?“ Für den Dichter mag die Antwort im genauen Hinsehen, Erkennen und Benennen liegen. Der Blick sieht die Wirklichkeit und zeigt Gegenwärtiges, die Vision sieht die Möglichkeit und offenbart Künftiges.

Der Blick ist notwendig, die Vision Not wendend. Wo Lügen zu Wahrheiten verkommen, wiegt ein aufrichtiges Wort mehr als eine Handvoll Phrasen. Diese Zeit braucht Gedichte, die radikal menschlich sind. Die Menschlichkeit befreit das Wort. Und das Wort verwandelt die Welt. Dichter suchen Juwelen. Sie finden sie im Rohzustand, ihr Schliff lässt sie glitzern. Ein gelungenes Gedicht ist klar, dicht und licht. Es bewegt die Seele und schärft den Verstand. Ein gelungenes Gedicht schenkt Empfindung, Erfahrung und Erkenntnis. Es verpflichtet und befreit gleichermassen. Ein gelungenes Gedicht ist wahr, tief und gut wie ein Liebeswort.

Autor Peter Fahr mit Frau Gertrud und Konstantin

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