Politik, Gottsuche und Nachfolge Christi

 In FEATURED, Konstantin Wecker, Politik, Spiritualität

„Für mich verlief die Suche nach Gott über all diese Irr- und Umwege, die von einer höheren Warte aus hoffentlich »richtige falsche Wege« waren. Umwege, die wie jener des »Verlorenen Sohnes« aus dem Evangeliums letztlich notwendig waren, um auf einer höheren Stufe von Bewusstheit heimkehren zu können zu dem, dessen liebevolle und geduldige Präsenz man eigentlich von Anfang an geahnt hat.“ Konstantin Wecker beschreibt sich als „Wanderer zwischen den Welten“ Politik und Spiritualität und begründet, warum er auf keines von beiden verzichten möchte. (Konstantin Wecker)

 

Als geübter Wanderer zwischen den Welten wird mir gerade in jüngster Zeit immer wieder deutlich vor Augen geführt, wie scheinbar unüberwindbar der Graben zwischen dem »politischen« und dem »spirituellen« Lager ist. Ich las darüber unter anderem in einem hinreißenden Essay Eugen Drewermanns über Hermann Hesse, in dem der bekannte Theologe schreibt: »…« Auch in persönlichen Kontakten erlebe ich immer wieder, dass gerade die so genannte linke Szene, die ich ja nicht ohne Grund noch am ehesten als meine politische Heimat betrachte, vollkommen »zu« ist gegenüber allem Spirituellen. Viele, die meine politischen Lieder wie »Willi« oder »Sage nein!« mögen, meditieren nicht, sprechen nicht von Gott und empfinden meine in Interviews in letzter Zeit verstärkt auftretenden Bekenntnisse zur Spiritualität geradezu als Verrat an angeblich von mir selbst propagierten Idealen. Unter esoterischen Überfliegern, andererseits, ist jedes politische Engagement verpönt; es gilt als »unbewusst«, Veränderungen irgendwo anders als in der sorgsam kultivierten Innenwelt anzustreben. Einzig in der Friedensbewegung finden sich Verbindungen zwischen beiden Welten, ansonsten ist die Debatte von Häme einerseits und borniertem Desinteresse andererseits geprägt.

Vor allem den Marxisten scheint jeder Zugang zur geistigen, inneren Welt verschlossen, auch wenn sich, wie ich es oft persönlich erlebt habe, ihre Sehnsucht dagegen auflehnt, dass einzig das Sein das Bewusstsein bestimmen soll. Ihnen war auch die Psychoanalyse stets ein Dorn im Auge, umso mehr die Entdeckung der eigenen Seele als sinnstiftendes Element der Menschwerdung. Seit Ernst Bloch die Jungsche Psychologie als reaktionär, also antirevolutionär, weil irrational denunzierte, begann eine bis heute anhaltende Verweigerungshaltung gegenüber dem Kampf um die persönliche Identität, gegenüber dem nicht verzweckbaren Weg nach Innen – eine Verweigerungshaltung, die sich bis heute in den Köpfen der gesellschaftlich und politisch Engagierten als Brandmauer gegen jeden Ansatz von Spiritualität festgesetzt hat.

Etwas anders verhält es sich bei unserer spätbürgerlichen, spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft. Geübt darin Waren herzustellen um sie darauf wieder zu vernichten, bekämpft sie dieses verständliche Verlangen nach religio natürlich nicht, sondern vermarktet sofort jedes Aufkeimen spirituellen Begehrens, um es dadurch gleich darauf der Beliebigkeit anheim fallen zu lassen, ins Gewöhnliche zu zerren, als käuflich zu korrumpieren. Gleichzeitig misstraut sie natürlich jedem, der sich dieser Vermarktbarkeit verweigert und sich dem Gebrüll der marktschreierischen Welt durch Innenschau in der Stille entzieht. Diese im wahren Sinn des Wortes authentischen Menschen, Individualisten, die sich der Normierung und dem Massengeschmack verweigern, werden gerne der Lächerlichkeit preisgegeben und als Sonderlinge an den Pranger gestellt.

So sehr mir das irdische Dasein und die Befreiung der Sinnlichkeit von moralischen Zwängen und religiösen Fundamentalismen auch am Herzen liegt, so sehr ich die Notwendigkeit, sich gerade jetzt in politisch verhängnisvolle Mechanismen einzumischen propagiere – so sehr plädiere ich dafür, das eigene Selbst nicht zu verleugnen. Ich möchte dazu ermutigen, Selbstbestimmung der Fremdbestimmung entgegenzusetzen und sich dem zu öffnen, was jenseits des diskursiven Verstandes in uns wohnt, dem Mysterium durch stille Einkehr zu begegnen, Spiritualität – frei von esoterischen Vermarktungsmechanismen und Elfenbeinturmelei – zuzulassen, sie wieder zu entdecken und ins Diesseits zu befördern.

Nicht selten muss ich über meine Sehnsucht nach Heiligung lächeln, meine Versuche, Weltabgewandtheit den sinnlichen Genüssen vorzuziehen und mönchisches Leben zu verklären, Versuche wohlgemerkt, aber wohl auch ernst zu nehmende Symptome einer Seite meines Wesens. Dieses nicht zu bändigende Verlangen den Urgrund des Seins auszuloten, das Wunderbare wieder und wieder zu entdecken, dem Numinosen auf die Spur zu kommen, treibt mich um, seit ich mein Wesen wahrzunehmen begann und zwang mich fast mein ganzes Leben, alle Seiten des Daseins bis zur Neige auszukosten.

Unlängst wurde ich gebeten, ein Vorwort zur Neuauflage des Buches »Die Nachfolge Christi« von Thomas a Kempen zu schreiben, einem Klassiker der christlichen Erbauungsliteratur aus dem 15. Jahrhundert. Ich nahm den Auftrag gern an, zumal ich gleichzeitig verwundert und geschmeichelt darüber war, dass man gerade mich dazu ausersehen hatte. Noch vor 10 Jahren hätte ich mir kaum vorstellen können, für ein Buch zu werben, in dem Sätze wie diese geschrieben stehen: »Oft ist es für den Menschen nützlicher, wenn er nicht zuviel Freuden in diesem Leben hat«. Oder: »Das Glück des Menschen beruht nicht darauf, Zeitliches im Überfluss zu besitzen, sondern darauf, mit wenigem zufrieden zu sein.« War ich nicht immer der Prototyp des Unersättlichen gewesen, des Ungenügsam – und dies beileibe nicht nur in den einschlägigen Textzeilen meiner Lieder? Und nun stellt sich dieser Mönch, Thomas aus Kempen am Niederrhein, hin und predigt von Genügsamkeit.

Wenn man aber begreifen will, warum das das kleine, in schlichter Sprache gehaltene Büchlein über mehr als fünf Jahrhunderte zu den meistgelesenen Werken der christlichen Literatur überhaupt avancierte, muss man tiefer in die Gedankenwelt des Mystikers aus Kempen eindringen. Im Kern geht es in der »Nachfolge Christi« nämlich darum, dass der Mensch »eins mit sich selbst« wird und »innerlich zur Ruhe kommt« – beides nicht als Selbstzweck, sondern in dem faustischen Streben, »tiefere Einsicht in das Wesen aller Dinge« zu gewinnen, um »das Licht der Erkenntnis von oben« zu empfangen.

Man muss es sich gerade angesichts der neuerdings wieder modischen pompösen Zurschaustellung päpstlicher Machtfülle deutlich vor Augen führen, wie revolutionär dieser scheinbar so einfache und selbstverständlich Gedanke speziell für einen Menschen des 15. Jahrhunderts war; wie revolutionär er auch heute noch ist, sofern wir bereit sind, ihn ernst zu nehmen: »eins mit sich selbst« soll der Gläubige werden. Nirgendwo bei Thomas ist von Übereinstimmung mit dem Dogma, der kirchlichen Lehre, ja selbst der Heiligen Schrift die Rede. Hier, in unserem Innersten, in der Stille, die auf dem Grund unseres Wesens immer auf uns wartet, finden wir das Eigentliche. »Hättest du die ganze Bibel und die Weisheitssprüche aller Philosophen im Gedächtnis, was würde dir dieses alles nützen, ohne die Liebe und Gnade Gottes«, sagt Thomas.

Thomas a Kempis verlangt nichts geringeres als die Seifenblase unseres kleinen »Ich« zerplatzen zu lassen, an das wir uns so verzweifelt krallen. Das Ego immer kleiner werden lassen, damit Platz geschaffen wird für die höhere Weisheit, für die Liebe und Barmherzigkeit eines Größeren, sich durchlässig machen für die Stimme Gottes, die gerade in der Stille, abseits des rastlosen Zivilisationsgetöses am vernehmlichsten zu uns spricht.

Ich habe lange gebraucht, um das Wort »Gott« wieder ohne Scheu und Vorbehalte in den Mund nehmen zu können. Und Fremden gegenüber bin ich mit der Verwendung dieses Wortes sehr vorsichtig. Jeder hat seine eigene Vorstellung, sein eigenes Bild von Gott, und oft schafft bereits die Erwähnung seines Namens Aggressionen. Der indische Philosoph Krishnamurti meint, zu sagen, man wäre Christ oder Moslem, Hindu oder Buddhist, sei schon eine Kriegserklärung.

Dabei ist es für mich im Nachhinein betrachtet unübersehbar, dass es keinen stärkeren Antrieb für mein Leben gegeben hat als die Suche nach Gott. Sie zeigte sich nur in den verschiedensten »Verkleidungen«. Suche, die sich an das beschränkte menschliche Abbild statt an das unbegrenzte göttliche Urbild festheftet, heißt Liebe; Suche, die Gott im Aspekt seiner Schöpferkraft ähnlich zu werden versucht, heißt Künstlertum; Suche, die bei den Surrogaten stehen bleibt und – in völliger Umkehrung der ersehnten grenzenlosen Lebensfülle – in einen Zustand der Starre und Abhängigkeit mündet, heißt Sucht.

Für mich verlief die Suche nach Gott über all diese Irr- und Umwege, die von einer höheren Warte aus hoffentlich »richtige falsche Wege« waren. Umwege, die wie jener des »Verlorenen Sohnes« aus dem Evangeliums letztlich notwendig waren, um auf einer höheren Stufe von Bewusstheit heimkehren zu können zu dem, dessen liebevolle und geduldige Präsenz man eigentlich von Anfang an geahnt hat. Meine Beziehung zu Gott war – wie bei vielen jungen Menschen – zunächst geprägt von Abgrenzung, Revolte und Provokation. Ich trennte nicht sauber zwischen Gott und jenen Göttern oder Götzen, von denen ich in einem Liedtext wünschte, sie mögen zugrunde gehen, wenn wie »endlich gottlos« würden.

Ich sah in Gott jemanden, der sich mit den väterlichen und päpstlichen Zeigefingern und den weltlichen Obrigkeiten in einer Art großangelegten himmlisch-irdischen Verschwörung verbündet hatte, um meinen unbändigen Freiheitsdrang zu knechten, um meine sprudelnde, nach grenzenlosem Sich-Verströmen strebende Lebenslust herunter zu dimmen auf ein sozialverträgliches Normalmaß. Ich machte Gott für Kriege, Erdbeben und Hunger, die Sexualmoral des Vatikan und die Politik der CSU verantwortlich – und für das schlimmste »Verbrechen« von allen: die Tatsache, dass es überhaupt so etwas wie Regeln und naturgegebene Grenzen gibt.

Aber von Anfang an sah ich Gott auch als denjenigen, der in mir sang, der in mir wunderschöne Melodien komponierte, Gedichte schrieb, atmete, lebte und liebte. Ich erlebte und erlebe das Numinose, wenn ich auf der Bühne stehe und »es« in mir spielt. »Es« schrieb, wenn ich in einer einzigen Nacht Verse von einer meiner Lebensführung weit vorauseilender Einsicht aufs Papier brachte.

Ich war wohl ein Mystiker aus Instinkt und Berufung, aber einer, der Gott scheinbar zunächst verfehlte, vielleicht auch weil er sich trotzig die antiklerikalen Reflexe seiner Generation zueigen machte und sie einfach auf Gott übertrug. Mystik aber bedeutet nichts anderes, als Gott im Inneren zu suchen. Und einzig in der Mystik überwinden wir die oft so fanatisch umkämpften Grenzen der Religionen.

»Wir knüppeln die Poesie der Religion, indem wir sie zum Dogma stilisieren«, schreibt Eugen Drewermann. Ein Gott der einem nicht durch Dogmen eingepeitscht wird, ein Gott der keine Gesetze erlässt, ein Gott der einzig im eigenen Inneren zu erfahren ist, ist immer ein Gott der Versöhnung und des Friedens. Und dieser Gott ist sicher einverstanden, wenn man ihn, wie Meister Eckhart, darum bittet, »uns seiner quitt zu machen«. Dieser Gott kann auf Autorität verzichten, ja am Ende sogar auf sich selbst!

Es gibt eine lange Tradition der meditativen Praxis der christlichen Mystik, die durchaus Ähnlichkeit mit dem Zen-Buddhismus hat. Das sind keine esoterischen Geheimrituale; jeder der in der Lage ist still zu sitzen und diese Phase der Stille auf 10, 20 oder 30 Minuten auszudehnen, kann diese Praxis erlernen. Ich eignete sie mir an, als ich nach meiner Verhaftung wegen Drogenbesitzes im Jahr 1995 erstmals für einige Wochen auf mich selbst zurückgeworfen war. Stille ist ja oft etwas lästiges, weil sie beim Verdrängen stören kann. Nicht umsonst bin ich mehr als 20 Jahre lang mehr oder weniger konsequent vor ihr geflohen. Aber gerade das, wovor man am verzweifeltsten flieht, holt einen am Ende wieder ein. Man begegnet sich nämlich mit großer Sicherheit immer wieder gerade auf den Schleichwegen, die man eingeschlagen hat, um vor sich davonzulaufen.

Thomas a Kempis beschreibt Mystik in seinem Buch sehr schön: »Alle scheinbaren Unterschiede in der Erscheinungswelt sind nur Strahlenbrechungen eines und desselben Lichtes. Die lebendige Erscheinungswelt ist ebenso eins mit ihrem Urgrunde, wie die bewegte Wellenmenge mit dem Meere, dem sie entspringt.« Diese mystische Botschaft ist indirekt zugleich eine soziale Botschaft. Sie zerstört die Illusion unserer Abgegrenztheit, die uns so oft zu dem Schluss verleitet, wir könnten andere Lebewesen schädigen, ohne dadurch zugleich uns selbst, unserer Seele und dem Ganzen Schaden zuzufügen. »Uns ist kein Einzelnes bestimmt«, habe ich in einem Gedicht aus dem Jahr 1980 geschrieben. »Ein jeder ist die Menschheit/ geht mit ihr unter/ oder wendet sie zum Guten hin.«

Dieses Bewusstsein der Verbundenheit (der Wellen mit dem Meer und der Wellen untereinander) schließt eigentlich eine Spiritualität der reinen Selbsterlösung aus. Nicht wenige spirituelle Lehrer verstehen sich heute eher als (Welt-)Fluchthelfer denn als Gestalter und Heiler unseres gemeinsamen Lebensraums. Anstatt die gewonnene spirituelle Erkenntnis dem Wohl aller Menschen zugute kommen zu lassen, entschwebt der Erleuchtung Suchende dem Dunstkreis des Allzumenschlichen mit einem überlegenem Lächeln auf den Lippen.

Der Gott Jesu und der Gott des Thomas a Kempis ist ein liebender, aber kein bequemer Gott. Er mahnt die Menschen, aufeinander acht zu geben, einander zu trösten und zu stützen und wirft den Einzelnen doch zugleich radikal auf sich selbst zurück – auf die Konfrontation mit der eigenen, durch keinerlei Projektion vertuschbaren Unzulänglichkeit. Zugleich billigt er uns eine einzigartige Würde zu, indem seine intime Zwiesprache mit uns keines Vermittlers, Textexegeten oder »Stellvertreters« bedarf. Kein Priester, kein Papst, kein Guru kann uns das Heil bringen, keiner kann uns aber auch von unserer Verantwortung entbinden, den Weg selbst zu suchen und zu finden.

Meister Eckhart, der einige der tiefsten spirituellen Schriften überhaupt verfasst hat, beschreibt den Glauben als »Bewegung der Seele, welche zur Losreißung von allem Kreatürlichen und zur Wiedervereinigung mit Gott führt.« Das zweite, die »Wiedervereinigung mit Gott«, ist vielleicht unser aller tiefste Sehnsucht (und wir möchten natürlich möglichst mühelos dort hin gelangen); das erste, die »Losreißung« vom Kreatürlichen erschreckt uns, weil wir uns noch längst nicht bereit fühlen, auf die gewohnten fleischliche Genüsse zu verzichten. Wir fühlen uns überfordert von der Radikalität dieser Forderung. Die Mystiker nannten diesen Prozess den »mystischen Tod« und schon Goethe dichtete: »Und so lang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde!/Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.« Es gibt eben kein Leben ohne Tod, kein Werden ohne Vergehen.

Ich möchte jetzt einmal, auch wenn viele dies aus meinem Munde überraschend mag, eine Lanze für das Zölibat brechen. Nicht als ein Muss für alle Menschen, nicht einmal für alle katholischen Priester, sondern als ein möglicher Weg, den wir, selbst wenn er uns auf den ersten Blick abwegig erscheint, zunächst einmal zu respektieren haben. Für eine Minderheit von Menschen, die ihn aus freien Stücken gewählt haben, mag die Keuschheit ein Weg hin zum Geistigen sein. Ich verteidige diesen Weg gegen unqualifizierten Spott – gerade auch in einer Zeit, in der uns der Sex in so übertriebener und kommerziell funktionalisierter Weise von überall her anschreit: von den Kinoleinwänden, Werbeplakaten und aus den Fernseh-Werbspots.

Ich bin gewiss kein Freund derer, die schon Gandhi sein wollen, kaum dass sie in der Pubertät die unerhörten Wunder ihrer erwachenden geschlechtlichen Möglichkeiten entdeckt haben. Aber ich respektiere spirituelle Strömungen, die uns vermitteln wollen, dass das Ausleben unserer Triebe, ja dass selbst die Liebe zu einem einzelnen Menschen nur eine Stufe sein kann und nicht das letzte Ziel. Vielleicht muss man leidenschaftlich leben, gerade um am Ende, nach einem wirklich gelebten Leben, besser loslassen zu können. Um nicht in ewig schwelendem Neid auf diejenigen mit dem Finger zu zeigen, die sich getraut haben, das zu leben, was man sich selbst immer versagt hat.

Der indische Mystiker Osho fragt schelmisch: »Gibt es ein Leben nach dem Sex?« und impliziert damit, dass es zuerst natürlich durchaus Sex geben soll. Vor allem vorehelichen, denn Sex vor der Ehe zu verbieten ist genauso dumm wie wenn man verbieten würde, vor dem 21sten Lebensjahr das Schwimmen zu lernen. An seinem 21. Geburtstag springt man dann ins Wasser und – ertrinkt!

Manchmal befällt mich die Angst, dass ich im Tod zwar noch voller weltlicher Sehnsüchte und Lüste sein könnte, aber ohne einen Körper, der mir erlauben würde, diese auszuagieren. Vielleicht war es mir instinktiv deshalb immer so wichtig darauf hinzuweisen, dass alles gelebt werden will, was in uns brennt.

Aber diese Freude darüber, sich selbst, das Leben und andere Körper zu spüren, soll uns doch bitte nicht dazu verleiten, zu glauben, dass diese Welt des Fleisches alles sei, was existiert. Es gibt, wie schon der Apostel Paulus in verschiedenen Variationen gesagt hat, Fleisch und Geist, ein Vergängliches und ein Immerwährendes. Das Vergängliche ist uns vertraut und dummerweise klammern wir uns übermäßig daran; das Immerwährende müssen wir erst suchen, obwohl es uns im Grunde näher ist als unsere eigene Nase. Es wohnt in uns, und nur dort können wir es auffinden.

Das Revolutionäre und Spannende an dieser eigentlich uralten Philosophie liegt in der unbegrenzten Freiheit, die sie mit sich bringt. Die Freiheit, die darin besteht, sich nicht mehr vom Urteil anderer abhängig zu machen. Sich nicht mehr zu identifizieren mit Ruhm, Prominenz und Geld, nicht mehr mit seinem »Image« (was gerade für einen Künstler überlebenswichtig ist), nicht mehr mit seinem bodygebuildeten Körper und seinem vielleicht mindestens ebenso aufgeblähten intellektuellen Ego. Dort, im intimsten Raum unseres Zwiegesprächs mit dem Selbst, hilft uns kein Gegockel, kein Hinweis auf Hitparaden-Platzierungen, auf Dauerpräsenz in der Boulevardpresse und kein Verweis auf die Leporello-Listen unserer zahlreichen amourösen Eroberungen. Wir stehen nackt vor uns da und müssen entweder bestehen oder uns verwandeln.

Ich unterscheide schon lange zwischen Religion auf der einen und Spiritualität auf der anderen Seite. Religion ist etwas für Menschen, die Angst vor der Hölle haben; spirituell ist, wer durch die Hölle gegangen ist, sagte mir einmal ein Obdachloser. Religion begrenzt uns, Spiritualität dagegen befreit, weil sie uns an jenes innerste Selbst anbindet, das uns in dem Maße, wie wir es erschließen, von allen weltlichen Bindungen unabhängig macht. Weil sie uns mit unserem Schatten versöhnt, indem sie uns die Nachtseite unserer Persönlichkeit offenbart. Zuletzt macht uns Spiritualität sogar so frei, dass wir nicht einmal mehr an die Regeln des eigenen spirituellen Bekenntnisses gebunden sind. Wir tun unser Bestes, aber wir stellen uns nicht mehr als Wahrheitsbesitzer über die Wahrheitsleugner, als Regelbefolger über die Regelübertreter, als spirituell Korrekte über die Ketzer und Sünder. Und das unterscheidet die wirklich Suchenden so eklatant von den wortgetreu und blind allen Dogmen Folgenden, welcher Religion auch immer.

Das ist ein Punkt, an dem ich mich Jesus immer sehr nahe gefühlt habe: sein Gebot, nicht über andere zu richten. Ich hatte schon immer ein Unbehagen gegen alle Richter – gegen die vom Gericht bestellten wie auch gegen jene, die niemand bestellt hat und die sich selbst zum Laienrichter über ihre Mitmenschen ernennen. Ich hege ein tief verwurzeltes Misstrauen gegen das hohe Podest, die angemaßte Makellosigkeit und das hauptberufliche Im-Recht-Sein, das mit dem Richterberuf einhergeht. Schon immer hatte ich den Verdacht, dass diese Menschen als Schuld bei anderen verurteilen, was sie sich selbst nicht verzeihen können. Jesus wusste das – ohne psychoanalytisches Analyse-Instrumentarium. Bevor man den Splitter im Auge seines Nächsten sucht, solle man zuerst den Balken in seinem eigenen Auge entfernen. Jesus mahnt zur sorgfältigen Selbsterforschung und warnt vor dem verderblichen Einfluss der Feindbilder und Projektionen. Und Thomas a Kempis steht in diesem Punkt wirklich in der »Nachfolge Christi«. »Strebe besonders zu vermeiden und zu überwinden, was dir an anderen missfällt«, schreibt er.

Wer einmal öffentlich vor Gericht und vor einer geifernden Boulevardpresse auf dem Pranger stand – für das »Verbrechen«, sich selbst fahrlässig an den Rand der Selbstzerstörung gebracht zu haben –, der ist wohl reif dafür, die christliche Weisheit des Nicht-Urteilens für sich wieder zu entdecken. Aber das Bedürfnis der Menschen, schuldig zu sprechen, scheint auch nach 2000 Jahren Geschichte des Christentums fest verwurzelt zu sein. Selbst dein Hund ist in der Lage, dich ganz ohne Fragen und ohne Vorbehalte zu trösten, wenn du elend bist. Viele Menschen dagegen fragen erst: »Hat er sich das, was er erleidet, womöglich selbst zuzuschreiben? (dann verdient er meinen Trost nicht).« Da verwundert es nicht, dass ein Meister Eckhart sich des Vorwurfs der Ketzerei erwehren musste, jener Eckhart, der gesagt hat, Gott sehe »das Böse nicht als Sünde, sondern in der Form des ihm entgegen gesetzten Guten. Die Sünde hat vor ihm kein Wesen.«

In diesem Punkt bin ich immer – so fern mir die Kirche mit ihrem Prunk und ihrer Doppelmoral auch steht – Christ gewesen. Und noch etwas gefällt mir am Christentum: Jesus gibt eine Antwort auf die Frage nach dem Leid, das von den Schönrednern, den Positivdenkern und selbst von einer so fundierten Weltreligion wie dem Buddhismus in seiner Bedeutung oft nicht genug gewürdigt wird. Leid wird oft dargestellt als ein lästiger und peinlicher Unfall im menschlichen Leben – etwas, was eigentlich gar nicht sein dürfte. Es gibt in der Religionsgeschichte (wie auch im gesellschaftlichen Zusammenleben) eine »ehrwürdige« Tradition des Drückebergertums vor den Schattenseiten der menschlichen Existenz. Man verkauft uns gegen die Schmerzen Aspirin, gegen die Schwermut Psychopharmaka und gegen die hartnäckige Unkontrollierbarkeit des menschlichen Schicksals Versicherungen. Man hüllt uns in Watte und versucht uns gegen jeden Windhauch der Gefahr abzuschirmen wie die »letzten Menschen«, die Nietzsche in seinem Buch »Also sprach Zarathustra« beschreibt. Zum Dank für diese fürsorgliche Entmündigung sollen wir immer schön brav sein und in den vorgeschriebenen Gleisen funktionieren.

Manchmal möchte man direkt aufschreien: »Bitte lasst uns leiden, wir wollen keine Versicherungen mehr. Wir wollen keine Prediger, die uns davor bewahren, dass wir ja keine Fehler machen. Wir wollen auch keine Parteien, die uns versprechen, dass wir mit ihrem Programm für immer glücklich werden können.« Das funktioniert ja sowieso nicht, weil uns das Schicksal irgendwann immer einholt und uns eins auf den Deckel gibt. Da tut es gut, wenn Paulus schreibt: »… wir rühmen uns auch der Trübsal« und wenn der moderne Mystiker und Zen-Meister Willigis Jäger bekennt: »Das Leid ist ein Mysterium. Wer reifen will, kann ihm offensichtlich nicht entgehen.« Diese ganz einfache Weisheit ist uns in Zeiten des »Keep smiling« und der aufdringlich energetischen Erfolgscoaches offenbar abhanden gekommen.

Da bekommt auch die Aufforderung, Christus nachzufolgen, indem man das »Kreuz auf sich nimmt« eine ganz neue, einleuchtende Bedeutung. Darin liegt mehr als eine sauertöpfische Fixierung auf das Leid, mit dem uns Kirchen und Obrigkeiten über Jahrhunderte klein und gehorsam halten wollten (obwohl es diese Tendenz zweifellos gibt). Thomas a Kempis schreibt wunderbare Zeilen über den »Segen der Trübsal« und er bekennt: »Es ist für uns gut, wenn wir zuweilen in große Schwierigkeiten geraten; denn dadurch wird der Mensch wieder daran erinnert, dass er in der Fremde ist und seine Hoffnung auf nichts in der Welt setzen soll.« Wer aber der Welt gestorben ist, die wir wie Fremde forschend, tastend und manchmal taumelnd durchwandern, der ist – so die große Heilsbotschaft der Mystiker – schließlich reif geworden für die Heimkehr.

 

(Quelle: Vorwort zur Neuauflage von »die Nachfolge Christi« Thomas a Kempis)

 

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