Professor Unvernunft

 In DER BESONDERE HINWEIS

Foto: Annik Wecker

„Wecker stellt den vernünftigen Fragen der Studierenden die pure Unvernunft gegenüber. Und was sei schon vernünftig? Glaube man dem Staat und der Industrie, so sei es doch vernünftig, Hilfesuchende abzuweisen und unsere Flüsse und Luft zum Wohle des Fortschritts zu verpesten.“ Studierende erklären Konstantin Wecker, was seine Texte ihnen heute noch sagen. Von Helen Roth. Erstveröffentlichung dieses Artikels im Neuen Deutschland (ND), https://www.neues-deutschland.de/

Eigentümliche Szenen spielen sich am Campus Landau der Universität Koblenz-Landau ab, seitdem die Buschtrommeln verkündet haben, dass der Liedermacher Konstantin Wecker für zwei Tage kommen soll. Egal, ob man in der Mensa die Studierenden dabei beobachtet, wie sie mehr oder minder lustvoll in Gemüselasagnen stochern oder ihnen dabei zusieht, wie sie die Sonnenstrahlen auf den Campusbänken genießen, immer wieder trifft man auf junge Akademiker, die sich über die Lieder des Alt-Achtundsechzigers austauschen. Nicht immer sind sie dabei sattelfest. »Hey kennst du das Lied ›Heute hier morgen dort‹ – klasse Song, oder!?« sagt einer, der wohl Wecker mit Hannes Wader verwechselt hat. Immerhin, das Zeitgefühl stimmt. In der Luft liegt ein Hauch von Freiheit, Revolution wäre zu viel gesagt, an der eher kontemplativen Lehramtsuni. Das beschauliche Städtchen Landau zählt ohnehin zu den verschlafeneren Fleckchen dieser Erde. Das bringt zwar eine gewisse Ruhe, aber auch einen Hang zur Konservativität. Und so gehört das fortwährende Summen von Weckers Protestsongs dann doch nicht zum üblichen Soundteppich der Stadt.

Weckers Besuch kommt in gewisser Weise einem Weckruf gleich. »In jedem Fall ist die Begegnung mit ihm ein Anstoß«, sagt der Lehramtsstudent Daniel und sein Kommilitone Christoph ergänzt: »Wenn ich mir die ganzen rechtspopulistischen Strömungen angucke, auch bei den Landtagswahlen, oder wenn ich manchmal sehe, was Freunde von mir auf Facebook teilen, ohne sich im Klaren darüber zu sein, welchen rechtspopulistischen Hintergrund die Bilder und Meldungen haben, dann ist klar, dass Weckers Themen brandaktuell sind.«

Seit über 40 Jahren engagiert sich der Autor, Schauspieler und Komponist politisch. Für dieses fortwährende Streben ehrt ihn die Hochschule mit der renommierten Thomas-Nast-Gastprofessur. In diesem Zusammenhang finden über das Semester verteilt Schreibwerkstätten für die Studierenden statt. Trotz des formell-institutionellen Rahmens bleibt der 71-jährige seinem Revoluzzertum treu: »Meine Studentenzeit war eine Zeit der Abbrüche. Ob klassischer Gesang, ein Dirigentenstudium, Musikwissenschaft, Psychologie, Philosophie oder Germanistik – alles abgebrochen. Dass nun gerade mir eine solch akademischen Ehre zuteil wird, ist schon ein wenig ironisch«, sagt Wecker. »Besonders wenn man bedenkt, dass ich in meinem Leben doch sehr viel dafür getan habe, heute nicht mehr vor euch zu stehen.«

Gerade diese Nonchalance ist es wohl, die die Studierenden in Weckers Bann zieht. Hier steht einer vor ihnen, der unbekümmert ist, der nichts mehr zu verlieren hat, weil er schon mehr als einmal beinahe alles verloren hat und trotzdem immer wieder aufgestanden ist. Aus seinem Drogenabsturz, dem Knastaufenthalt und seinem Bankrott macht Wecker keinen Hehl, erst recht nicht in diesem akademischen Rahmen. Im Gegenteil, Scheitern als Chance lautet die Devise. Er habe stets etwas übrig gehabt für Träumer und Versager, weil sie wahrhaftiger lebten als jene, bei denen immer alles glatt liefe. »Wecker ist einfach authentisch und seit ich ihn kennengelernt habe, ist für mich klar, dass er wirklich zu 100 Prozent hinter den Aussagen seiner Lieder steht – das motiviert und ist einfach cool«, sagt Bachelor-Studentin Marie.

Schon vor dem Vortragsbeginn schart sich eine Traube von Studierenden um den breitschultrigen, gut gebräunten und noch besser gelaunten Liedermacher. Wecker hat die Texte gelesen, die in den Schreibwerkstätten entstanden sind, nun drängen einige Jungautoren darauf, sich mit dem Querdenker auszutauschen. In ihren Arbeiten haben sie Weckers Konzept übernommen, Texte von großen Poeten wie Novalis, Rilke oder Kästner weiterzuschreiben. Dabei unterscheiden sich die Ansätze des Fortschreibens von Weckers Liedern deutlich und zeigen, dass das meist politisch motivierte Werk Weckers auch nach Jahrzehnten noch auf die angehenden Pädagogen wirkt. Der Protestsong »Sage nein« ist zum Beispiel in einem Comic fortgeführt worden, in dem es darum geht, sich gegen rechtes Gedankengut aufzulehnen. Der Ansatz ist konsequent – in unserer digitalisierten Welt wird das Medium Bild immer wichtiger zur Erklärung von Sachverhalten. Da ergibt es Sinn, beispielsweise Grundschülern den Mut zum Protest auf diese Weise zu vermitteln.

Der Videoclip zu dem Lied »Gib Parolen keine Chance« geht einen anderen Weg. Hier lösen harte Hip-Hop-Beats und Rap Weckers Gesang und Klavierspiel ab. Im Gespräch mit Urheber Don Chrizzo, der eigentlich Christoph heißt, wird deutlich, wie Rap und die Protestsongs von Wecker ein fruchtbare Symbiose eingehen können. »Gerade weil ich mich mit meiner Musik auch politisch engagiere, sind mir Weckers Forderungen sehr nahe. Und so stand das Grundgerüst zum Text eigentlich recht schnell, denn die Menschenwürde zu verteidigen, ist auch mein Anliegen«, sagt der 24-jährige Rapper.

Tanja, die sich besonders mit dem künstlerischen Anspruchs des Liedermachers beschäftigt hat, verspürt ebenfalls eine geistige Nähe zu Weckers Texten. »Gerade Rilke und Benn haben mich auch schon immer interessiert. Da war es für mich klar, dass ich an dem Lied ›Entzündet vom Weltenbrand‹ weiterschreiben will, bei dem er ganz klar von Rilke inspiriert wurde.«

Musikalisch wird es bei Weckers »Die Gedanken sind frei«. Im Seminar fügten die Studierenden weitere Strophen an das Lied des Gastdozenten. Einen Teil davon performen sie dabei als Chor beim Festakt zu Weckers Berufung live auf der Bühne. Poetisch wird es dann beim Song »Novalis«. Das Lied ist eine Hommage an den großen Dichter der Frühromantik und zugleich eine Adaptation von Novalis Gedicht »Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren«. Auch ihre lyrischen Werke bringen die Studierenden beim Festakt zu Gehör. Wecker ist von all der Kreativität sichtlich gerührt. Beflügelt ruft er in den voll besetzten Saal: »Was wäre es doch schön, wenn es uns wirklich gelänge, die Welt zu poetisieren – eine Welt ohne Gauland und Seehofer, das wär’s!« Der enthusiastische Applaus im Audimax der Universität ist ihm danach sicher, die Brücke zu den jungen Leuten, die im Schnitt rund 50 Jahre jünger sind als er, ist vollends geschlagen.

Und doch sind da auch Zweifel – wie soll denn nun Weckers Utopia aussehen? Diese Frage kommt bei der Beschäftigung mit seinen Texten in den Schreibwerkstätten immer wieder auf. Weckers Antwort darauf ist so pragmatisch wie simpel. Er habe keine Lösung, jeder müsse seinen eigenen Weg ins Paradies finden. Da ist er ganz Künstler: Er stelle Fragen, gebe keine Antworten. »Kunst ist im besten Fall eine Flamme, die Menschen entzündet und so wird das Licht immer weitergegeben.« Die Aussage erinnert ein bisschen an die naive Hippie-Vision, von der man schon in den 1970er Jahren träumte. Doch Wecker kümmert dieser Vorwurf reichlich wenig. »Naiv – na und«, lächelt er die Zweifel weg. »Was soll das für eine Welt sein, in der man nicht mal naiv sein darf? In einer solchen Welt will ich nicht leben.«

Wecker stellt den vernünftigen Fragen der Studierenden die pure Unvernunft gegenüber. Und was sei schon vernünftig? Glaube man dem Staat und der Industrie, so sei es doch vernünftig, Hilfesuchende abzuweisen und unsere Flüsse und Luft zum Wohle des Fortschritts zu verpesten. Das hat gesessen, die Augen der Studenten sind so groß, dass man dahinter beinahe die Zahnräder ihrer Denkmaschinen sehen kann. Hier zeigt sich, dass Wecker seine Gastprofessur in Landau bei aller Lässigkeit nicht auf die leichte Schulter nimmt: »Sie kann ein Bindebogen zu einer jungen Generation sein und ich hoffe, dass ich mit meinen Liedern etwas anstoßen kann, dass die jungen Menschen sich wieder einmal darauf besinnen, dass es eine Pflicht der Jugend ist, rebellisch zu sein und Widerstand zu leisten.«

Die Vorlesung ist vorbei und Dominik merkt an, dass Widerstand ja gut und schön sei. Die gelebte Anarchie, für die Wecker plädiert, ginge ihm dann aber doch einen Tick zu weit. Wecker grinst darauf: »Das kommt mit dem Alter!«

Die Studierenden bleiben weiter hartnäckig realistisch und stellen die Frage, was Wecker mit seiner Musik und seinen Protesten bisher erreicht habe. Einst ist er angetreten, mit seinen Liedern die Welt zu verändern. Seitdem hat sich einiges getan, doch wenig im Sinne Weckers. Ein deutlicher Rechtsruck zeigt sich nahezu auf dem ganzen Globus und inzwischen stehen sogar Menschen vor Gericht, die andere vor dem Ertrinken retten wollen.

Warum macht Wecker unermüdlich weiter und verzweifelt nicht an den Erwachsenen, wie es einst Erich Kästner getan hat? Auch diese Frage wird häufig von den Studierenden gestellt. Wecker erzählt darauf schmunzelnd eine Anekdote: »Es gab mal ein interessantes Gespräch mit Hannes Wader und mir. Dabei haben wir festgestellt, dass wir immer wieder den Vorwurf gemacht bekommen, dass wir seit geraumer Zeit für eine gerechtere Gesellschaft eintreten und doch letztlich bisher gar nichts erreicht hätten. Daraufhin sagte Hannes, dass das eine unfaire Frage sei, man müsse die Frage anders stellen. Wenn es die Mosaiksteinchen, zu denen wir gehören und alle anderen Menschen, die sich engagieren, nicht gegeben hätte und weiterhin nicht geben würde, dann sähe die Welt noch viel beschissener aus.«

Danach macht Wecker das, was er am besten kann: beherzt in die Tasten greifen. Aus vollem Halse schmettert er das Lied »Die Weise Rose«, das Sophie und Hans Scholl sowie all den anderen Widerstandskämpfern im Nationalsozialismus gewidmet ist. Der Refrain schließt mit den Worten »Es geht ums Tun und nicht ums Siegen.« Dieser Satz steht für Weckers Streben und er gilt, das ist aus den Reihen der Studierenden deutlich zu vernehmen, nun auch für die angehenden Lehrer. Wie lang sie den Satz mit sich tragen, ist ungewiss. Aber da ist ein Funken übergesprungen, der im besten Fall dafür sorgt, dass das Engagement gegen Faschismus, soziale Ungerechtigkeit und Krieg – und sei es nur im Kleinen – weitergetragen wird. Etwas Besseres kann einem Dozenten wohl kaum passieren.

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