Retten wir die Solidarität!

 In DER BESONDERE HINWEIS

„Kein Land in Sicht“, herausgegeben von Michael Kleff und Hans-Eckhardt Wenzel, ist eine Sammlung von Interview mit DDR-Liedermacher*innen, die nach der Wende geführt wurden. Konstantin Wecker empfiehlt das Buch, erinnert sich an seine eigenen damaligen Ostkontakte und denkt über den Liedermacherberuf unter den Bedingungen zweier so verschiedener System nach. „Etwas von diesem Aufbruch wünsche ich mir in diesen bleiernen Zeiten manchmal zurück“, sagt er über die „Wende“, die sich in diesem Jahr zum 30. Mal jährt. Das Buch „Kein Land in Sicht“ ist im Sturm-und-Klang-Shop erhältlich.  Konstantin Wecker

„Aber diese Brüche sind es, in denen sich die Wahrheit versteckt“, schreibt mein Freund Hans-Eckhardt Wenzel in seinem Vorwort zu der von ihm und Michael Kleff herausgegebenen Interview-Sammlung „Kein Land in Sicht“. Dem kann ich nur zustimmen. Denn biografische Brüche waren es immer wieder, von denen ich mich unversehens ins Neue gestoßen sah, mit unsanfter Hand zum Lernen und Reifen angehalten. Bei meinen Liedermacherkollegen aus der ehemaligen DDR kam ein drastischer politischer Einbruch hinzu, wie wir ihn im Westen nie erlebt haben. Bei uns folgte vielleicht mal Kohl auf Schmidt, wobei uns der Name „Helmut“ erhalten blieb; die Künstler im Osten dagegen sahen sich 1989 quasi von einem Tag auf den anderen mit dem Zusammenbruch von fast allem konfrontiert, was ihr Leben bis dahin ausgemacht hatte.

In beiden Systemen gibt und gab es Beklagenswertes, wogegen sensible Liedermacher anschreiben und -singen müssen. In der DDR jedoch war die Versuchung bzw. der Druck, sich dem staatlicherseits Verordneten anzupassen, weitaus größer. Selbst der großartig geradlinige Gerhard Gundermann, dessen Lied „Gras“ ich einmal für eine Gedenk-CD singen durfte, hat sich dem Zugriff der Stasi nicht ganz entziehen können. Doch wer bin ich, wer sind wir im Westen, darüber zu urteilen? In Anlehnung an ein selbstkritisches Lied, das ich einmal schrieb, möchte ich sagen: „Hätt‘ ich in meines Bruders Land dasselbe Lied geschrieben? Manchmal beschleicht mich das Gefühl, ich wär sehr stumm geblieben.“ Diese Zerrissenheit, dieses Ringen spiegelt sich in vielen der Interviews wider, die Michael Kleff mit 27 DDR-Liedermacherinnen und -Liedermachern quasi aus der sicheren Perspektive der Nach-Wende-Zeit geführt hat. Es ist schön, dass wir dieses ambitionierte Buch jetzt in Händen halten dürfen.

Ich bin einige Male im Osten gewesen, seinerzeit, und hatte das Glück, einmal mit der großartigen Bettina Wegner auf der Bühne zu stehen, die nicht nur die Bewohner der DDR gemahnt hat: „Menschen ohne Rückgrat gibt es schon zu viel“. Ich konnte mich schon 1990 dem Triumph-Geheul der Kapitalismus-Optimisten nicht anschließen, habe gegen Neu-Patriotismus und die Vereinnahmung der wunderbaren Aufbruchstimmung damals durch Kommerzinteressen gestänkert. Etwas von diesem Aufbruch wünsche ich mir in diesen bleiernen Zeiten manchmal zurück – und die Fähigkeit, genauer hinzuschauen. Es wäre falsch, das was als „Sozialismus“, wenn auch in totalitärer Verdrehung, hochgehalten wurde, in Bausch und Bogen zu verurteilen. Retten wir das Wertvollste daran, die Solidarität, und realisieren wir sie gemeinsam: östlich wie westlich sozialisierte Menschen!

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