Romantischer Aufruf zur Revolution

 in Allgemein, Kultur, Roland Rottenfußer
Konstantin Wecker, Cynthia Nichschas. Bildquelle: Melodita

Konstantin Wecker, Cynthia Nichschas. Bildquelle: Melodita

Konstantin Wecker gibt adquate künstlerische und intellektuelle Antworten auf den gefährlichen organisierten Wahnsinn unserer Zeit, mag dieser von Alt-Neoliberalen oder von Neu-Volkstümlern kommen. So am Puls der Zeit zu sein, ist nicht einmal für die engagierte Liedermacherszene selbstverständlich. Daneben bleibt Wecker unverbesserlicher Anarchist, Romantiker, Klang-Lüstling und Träumer. So auch bei seiner neuen Tournee zur CD „Ohne Warum“, die das Leben ohne Zweck und Berechnung feiert. (Roland Rottenfußer)

„Beste Wecker-Tournee aller Zeiten“ schrieb ich nach dem Konzert in Erding an einen Freund – natürlich mit einem leichten Augenzwinkern, weil ich das schon mehrmals geschrieben hatte. Klar: Die „Wut und Zärtlichkeit“-Tour war sehr spannend, mit gutem neuem Songmaterial. Die Kirchschlager-Tour begrüßte ich mit viel Enthusiasmus wegen der Nähe zum klassischen Kunstlied und die „40-Jahre-Wahnsinn“-Tour wegen ihres Best-of-Charakters und der Rückkehr des Cellos in den Wecker-Klangkörper. Wir hatten und haben es mit einer ausgezeichneten Epoche in Weckers Schaffen zu tun, ergänzt noch durch gute Bücher wie „Mönch und Krieger“, ein gutes Musical („Oliver Twist“) und mannigfache politische Aktivitäten.

„Ohne Warum“ besticht vor allem durch die gleichzeitige Präsenz des Cellos von Fany Kamerlander und der Stimme von Cynthia Nickschas, die noch durchgehender zur Anwendung kommt als ich gedacht hatte und jedes Lied noch mal aufwertet. Ich liebe einfach die Zweistimmigkeit zwischen Mann und Frau. Es strahlt eine natürliche Erotik aus und macht den Klang voller, „kulinarischer“ für das Ohr. Mehr als ich mich jemals erinnern kann, war ich hier teiweise so vom Musikgenuss vereinnahmt, dass ich dem Text gar nicht mehr so stark folgte. Das mag als kontraproduktiv betrachtet werden, bei so guten und politisch wichtigen Texten, es zeigt aber, wie gut der Klang „gezaubert“ war. Die Texte habe ich ja zuhause zum Nachlesen. Konstantins und Cynthias Stimme – das ist einfach perfekt. Das Mädchen mit der Janis-Joplin-Stimme wurde nicht – wie seinerzeit Pippo Pollina – als exotischer „Einschub“ verwendet, sondern als Instrument, das bei fast jedem Lied zum Klangensemble beitrug. Im übrigen ist Cynthias Bühnenpräsenz und Ausstrahlung enorm und lässt auf eine große Zukunft hoffen („groß“ im Sinne von Qualität, nicht im Sinne von Kommerzverwurstelung). Ergänzt wurden das Sangesduo durch die Haindling-Leihgabe Wolfgang Gleixner und natürlich durch Jo „Er ist der Beste“ Barnikel. Bei diesen großartigen Musikern wäre es zeitsparender, aufzuzählen, welche Instrumente sie nicht beherrschen.

Die Liedauswahl stützt sich zunächst auf das ausgezeichnete „Ohne Warum“-Material. Nach wie vor halte ich es sogar noch für etwas besser als die „Wut und Zärtlichkeit“-Lieder, jedenfalls für mich als spirituellen, an Romantik, Kunstlied und Literatur interessierten Menschen. Auf diese Weise hat man niemals das Gefühl eines Qualitätsabfalls des aktuellen Wecker gegenüber dem „klassischen“. Überhaupt ist das auffälligste Merkmal der „Ohne Warum“-Tour das fast völlige Fehlen von alten Hits. Diese Entscheidung ist für Viel-Konzert-Besucher wie mich durchaus akzeptabel, da dem Bedürfnis nach Klassikern ja in der zurückliegenden „40-Jahre“-Tour schon weitgehend gestillt worden war. Hier steht wirklich ganz der „neue“ Wecker im Mittelpunkt, der gelegentlich noch auf Material seiner mittleren Schaffensperiode („Uferlos“, „Vaterland“) zurückgreift. Selbst der Verzicht auf die Impro-Version von „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ und die Smoke on the Water-Version von „Genug ist nicht genug“ schmerzt hier nicht. Vielleicht kann Konstantin die Lieder bei der nächsten Tour wiederentdecken. Vorerst aber tut das Selbstbewusstsein eines Künstlers gut, dessen Gegenwart sich selbst vor einer großen Vergangenheit nicht verstecken muss. Er muss nicht in der Endlosschleife sein „Satisfaction“ spielen, eher verzichtet er mal souverän auf seine Superhits, wie es auch Reinhard Mey tut, dessen „Über den Wolken“ ja auch nicht immer erklingt.

Als ältestes Lied schlug „Es ist schon in Ordnung“ – weitgehend in Originalversion aufgeführt – voll ein. Der heimliche Wunsch eines Altfans wurde erfüllt, der leider eben auch nicht alt genug ist, um noch die Team-Musikon-Zeit live erlebt zu haben. Ein Altanarchist in meiner Nachbarschaft war über diesen brillanten Protest gegen unser aller repressive Sozialisation spürbar freudig erregt. Des weiteren war die Wiederaufführung des Lieds „Vaterland“ von 2001 sehr gut gewählt mit Blick auf die momentanen Pegida- und AfD-Aktivitäten. Sehr beeindruckend auch „Ich habe Angst“ von 1993, das die damaligen Angriffe auf Asylbewerberheime im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung widerspiegelte. Neben den Neonazis bekam natürlich auch das neoliberale System sein Fett weg, wurde mit „Empört euch“ angeschossen und mit dem von Konstantin und Cynthia fulminant vorgetragenen „Revolution“ endgültig auf den Müllhaufen der Geschichte entsorgt. Da reckten sich wenigstens einige geballte Fäuste aufgewiegelt Richtung Zimmerdecke.

Dennoch war das Konzert im ganzen lebensfroher als ich angesichts der sehr ernsten, oft düsteren CD „Ohne Warum“ angenommen hatte. Teils wirkte es auf mediterrane Weise glücksgesättigt, wenn etwas die „Unerhörten Klänge“ und (wie immer) „Questa nuova realtà“ mitrissen oder das abschließende „Buona notte“ wohlige Italien-Melancholie verbreitete. Es wurden natürlich auch ein paar „Runterzieher“ weggelassen, vor allem „Kunduz“ und „Dass alles so vergänglich ist“. Dafür überzeugten die neuen Coverversionen „Mauthausen-Kantate“ (Komponist: Mikis Theodorakis) und „Gracias al la vida“ (Mercedes Sosa) vollständig und wurden zu bewegenden Höhepunkten. Der Brückenschlag Auschwitz-Neonazis gelang großartig, und die Klangschönheit des Sosa-Hits, gesungen von den zwei Mädels, ließ Lücken im Textverständnis unerheblich erscheinen.

Auch die „kabarettistische“ Conference zwischen die Liedern war launig-ernst wie immer, ergänzt durch zwei Kurztexte, die HdS-Fans schon erfreut hatten: „Mit dem Herzen denken“ und „Ja, ich bin ein Gutmensch“. Der Themenkomplex „Flüchtlinge/Rechtsradikale“ dominierte hier die politischen Seitenhiebe und fand sogar Eingang in einen neu gedichteten Vers von „Absurdistan“. Ein rundum beglückendes und überzeugendes Konzert, ohne die Ermüdungserscheinungen und den Inspirationsabfall, der teilweise für „Alterswerke“ typisch sind.

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