Schlaflos in Athen

 In FEATURED, GRIECHENLAND

Foto der Familie von Panagiota aus dem Jahr 2016

Panagiota und ihre Töchter hat Holdger Platta in seinen vielen Griechenland-Hilfsberichten häufig erwähnt. Wir mussten die Hilfsaktion jetzt leider wegen mangelndem Spendenvolumen einstellen. Bettina Beckröge besuchte die Familie 2016, gleich zu Beginn der Hilfsleistungen. Sie machte auch ein Foto, das Ihr oben sehen könnte. Natürlich ist es jetzt schon etwas älter. Sie können sich aber gut ein Bild von der Situation der Familie machen, für die Hilfe wirklich dringend war und sicherlich auch noch ist. Bettina Beckröge wird versuchen, die Aktion “Patenschaft für Panagiota” auf eigen Faust weiter zu führen. Hier erzählt sie selbst von ihrer Begegnung. Unten ist ihre Kontonummer angegeben. Bettina Beckröge.

 

Eine siebenköpfige Familie, fünf Mädchen im Alter von drei bis achtzehn Jahren, die Mutter und die Großmutter erwachen am frühen Morgen aus unruhigem Schlaf. Sie teilen sich ein Doppelbett und eine angrenzende kleine Schlafcouch in einem beengten Wohn-Schlafraum. Nebenan die fensterlose Küchenzeile, ein alter Herd, eine Spüle, ein Kühlschrank. In der Ecke steht ein alter, verrosteter Metallofen, der, bestückt mit gefundenen Holzresten, das Haus notdürftig erwärmt.

Die Familie hatte Glück in dieser Nacht. Es hatte nicht geregnet, das Haus war also trocken geblieben, und die sommerliche Nacht hat die Räume warm gehalten. Der Herbst mit seinen kühlen, durch die Fensterspalten dringenden Winden lässt noch auf sich warten.

Die Gedanken der Familie kreisen im erwachenden Morgengrauen. Was wird der Tag bringen, was wird auf dem Frühstückstisch stehen, reicht das Geld für die Busfahrt zur Schule, werden die Schuhe und die Kleidung ausreichend wärmen für den Tag? Existentielle Fragen, die sie alle in dieser Restfamilie täglich umtreiben, die Mädchen, die Mutter und die Großmutter.

Draußen immer noch Ruhe, immer noch nächtliches Dunkel. Aus der Ferne ist noch ein Nachtkauz zu hören, unterbrochen vom leisen Knattern eines Mopeds – vermutlich ein Frühaufsteher, der morgendlich zur Arbeit fährt. Der Wasserhahn in der benachbarten Küche tropft, es lässt sich nicht abstellen. Er tropft schon seit Tagen im Takt der Zeit: tock, tock, tock. Die ersten Sonnenstrahlen dringen unter den Türspalt und durch die Fensterritzen, die wärmende griechische Sonne, ein Lebenselixier der Familie.

Langsam erwacht das Leben im Haus. Die Mädchen müssen früh aufstehen, denn der Weg zur Schule ist weit. Das Haus steht einsam am Rande einer kleinen Vorstadt von Athen, inmitten eines Pinienhains. Der Weg zum Schulbus ist weit. Ein kurzer Blick auf die Uhr, es ist spät, wir müssen jetzt aufstehen! Wer darf heute Morgen als erster duschen? Wie die Tage zuvor, wird auch heute das Duschen kurz ausfallen, denn das Wasser bleibt kalt. Der kleine, rostige Warmwasserboiler auf dem Flachdach hat endgültig seinen Geist aufgegeben. Schnell erledigt sich die Morgentoilette, Waschen, Zähne putzen, Haare kämmen… Die Schulbücher werden eiligst in die Tasche gepackt, noch ein kurzer Biss ins Marmeladenbrot, und schon geht es eilenden Schrittes los über unbeleuchtete Straßen zur entfernten Haltestelle des Schulbusses. Hoffentlich lachen die anderen in der Klasse  heute nicht über die ausgetretenen Schuhe.

Drei Mädchen dieser Familie stecken mitten in der Pubertät. Wie alle Mädchen in diesem Alter haben sie Träume, große Träume vom Glück, vom Leben, vom Ausgehen, vom Tanzen und von der großen Liebe. Ihre Teenager-Träume bleiben unerfüllt. Sie können sich weder Kino noch einen kleinen Kaffee mit Gleichaltrigen leisten. Die bittere Armut grenzt sie aus, seit ihr Vater sie und mit ihnen die ganze Familie im letzten Jahr ohne jeden Abschied verlassen hat.

Die sechzehnjährige Tochter erzählt mir von ihren Träumen. „Wenn ich mit der Schule fertig bin, möchte ich Köchin werden“. Sie schaut mich mit ihrem leicht spitzbübischen Blick an, eine bildhübsche, heranwachsende junge Frau, mit dunklen, langen wallenden Haaren, feinen Gesichtszügen und dunkel schimmernden, mandelförmigen Augen. „Warum Köchin?“, frage ich erstaunt zurück.

„Ganz einfach“, entgegnet sie mir. „Wenn ich koche, dann haben meine Familie und ich immer genug zu essen“. Mir stockt vor Beschämung der Atem. Nie im Leben musste ich mir Gedanken um Essen machen, nie musste ich hungern, immer stand genügend zu essen im Kühlschrank oder auf dem Tisch. Nun die glasklare, nüchterne Aussage dieses Mädchens, inmitten seiner Pubertät, das sich so vieles verkneifen muss, was sich eine heranwachsende Frau in dem Alter erträumt.

Nach einem langen Nachmittag bei der Familie, gefüllt mit ernsten Gesprächen sowie herzhaftem Lachen, mit einem kurzen Ausflug in die Stadt und einem belohnenden Eis zum Abschluss verabschieden wir uns voneinander, mit verstohlenen Tränen in den Augen. Ich verspreche den Mädchen, dass ich fortan die griechische Sprache erlernen werde, sie versprechen mir im Gegenzug, weiterhin fleißig Englisch in der Schule zu lernen. So werden wir uns fortan schreiben können und in Kontakt bleiben. Die Mädchen versprechen es mir in die Hand. In Griechenland zählt der persönliche Handschlag mehr als irgendein unpersönliches Schriftstück. Ich hoffe, sie werden sich stets an ihr Versprechen erinnern. Eine gute Schulbildung könnte ihre einzige Chance sein, irgendwann aus der bitteren Armut auszubrechen.

Wir fahren los. Hinter uns schließt die Großmutter sorgfältig das quietschende Metalltor mit einer Kette. Die Angst vor dem letzten Einbruch in dem Haus steckt der Familie noch in den Knochen.

Erschöpft komme ich spätabends wieder nach Athen in mein hübsches, gewärmtes Appartement zurück. Müde falle ich ins Bett. Meine Gedanken kreisen um die Familie, um all das Erlebte und Erfahrene des Tages, um eine dunkle Nacht in einem einsamen Haus in einer Vorstadt von Athen, inmitten eines Pinienhains. Heute finde ich keinen Schlaf.

 

Liebe Freunde in Nah und Fern, diese Geschichte schrieb ich im Sommer 2016 nieder, als Kurzgeschichte einer real erlebten Situation bei einer siebenköpfigen verarmten Familie in Griechenland. Lange Zeit hatte ich die Patenschaft für diese Familie übernommen, bis mir selber das Geld aus widrigen Umständen ausging. Heute stehe ich wieder glücklich in Lohn und Brot. Ich werde zu Beginn 2024 einen Teil der Patenschaft wieder aufnehmen. Wenn Ihr mir bei der finanziellen Unterstützung dieser Familie helfen würdet, wäre ich Euch unendlich dankbar.

Sparkasse KölnBonn
IBAN: DE56 3705 0198 1900 7442 83
BIC: COLSDE33XXX

 

Postadresse:

Bettina Beckröge
Zülpicher Str. 19
53115 Bonn

Anzeigen von 2 Kommentaren
  • gesa
    Antworten
    Ja, das mache ich gerne weiter!

    Einige Zeit konnte ich auch einen guten Anteil übernehmen, bis ich wieder ärmer wurde und reduzieren musste. Seit 10 Jahren lebe ich nicht mehr so, wie die meisten sich das vorstellen, sondern in einer Gartenhütte nach Jahren der drohenden Obdachlosigkeit.

    Bei gerade minus sechs Grad nachts sind meine bange Gedanken bei all den Menschen, die eines sicheren Dachs (natürlich aus politischen Gründen, Kapitalismus, stupid!) beraubt sind! Ja, beraubt!

    Wohnen ist ein Grundrecht! Nicht zu glauben, oder? Vorallem wenig von zu sehen!

  • Ulrike Spurgat
    Antworten
    Liebe Bettina,

    es ist wirklich keine Ausrede Dir erst zum jetzigen Zeitpunkt einige Zeilen zu schreiben.

    Erst einmal bin ich erfreut zu Lesen, dass Du wieder so festen Boden unter Deinen Füßen hast, der sogar bedeutet, wieder den griechischen Mitmenschen zur Seite stehen zu können.

    Du übernimmst in Zeiten, wo die Not bei vielen Menschen groß ist diese ehrenvolle Aufgabe mit Hingabe, Kraft und Mut, da weiterzumachen um die menschliche Not zu lindern. Das ehrt Dich, liebe Bettina.

    Ich erinnere sehr gut, als mein Herz in zurückliegender Zeit schwerer wurde ….. und Du feinfühlig und punktgenau mir den Meister Cohen , den berauschenden Tango mit Al Pacino hast zukommen lassen, der mich betört hat auf eine ganz besondere Weise.  Dafür danke ich Dir !

    Momentan lässt meine Lebenssituation leider keine weitere konkrete Hilfsmöglichkeit zu. Wobei ich wirklich gerne wieder abgeben werde, wenn es irgendwie möglich ist.

    Liebe Bettina, alles braucht seine Zeit und Jeder Anfang ist schwer…….

    Das wird gut , denn nichts was den Menschen zum Menschen macht, Liebe und Anteilnahme geh in der Weltt verloren.

    Eine herzliche Umarmung und viele “Mäuse” für “Helfen wir den Menschen in Griechenland” , dieses und mehr wünsche ich Dir, Ulrike

     

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