Spiri-Phobie – die große Kluft

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Unsere Gesellschaft ist tief gespalten. Zwischen arm und reich, das schon lange, und diese Kluft driftet immer weiter auseinander. Auch zwischen rechts und links ist die Gesellschaft gespalten, seit immerhin gut 200 Jahren. Nun gibt es eine dritte, die ebenso tief zu sein scheint: die zwischen vermeintlich Aufgeklärten einerseits und »spirituell musikalischen« andererseits. Wolf Schneider fragte Konstantin Wecker, warum so viel Menschen »spiri-phob« (oder spirito-phob) sind – und woran das liegen könnte. (Erstveröffentlichung in »connectin Spirit 7-8/2005«, www.connection.de)

Hallo, Konstantin, kürzlich las ich im Newsletter von »Spektrum der Wissenschaft«, dem führenden Wissenschafts-Newsletter auf Deutsch, im Editorial: »Der Begriff ›Achtsamkeit‹ klingt bereits ziemlich schlimm nach Wellness und Küchenesoterik. Dabei belegen aktuelle psychotherapeutische Studien, dass die meditationsähnlichen Techniken keineswegs Schnickschnack sind.« Selbst dann, wenn wissenschaftliche Studien bestätigen, dass Meditation und Achtsamkeit hilfreich sind, vermutet der typische deutsche Mainstream-Journalist auch heute noch, dass es sich dort »schlimm« um Wellness und Küchenesoterik handeln müsse und verwahrt sich dagegen. Gibt es sowas wie Spirito-Phobie?

Ich würde es ja Spiri-Phobie nennen, und … ja, ich kenne das sehr gut. Nur macht es mich nicht mehr wirklich wütend, weil ich die Angst dieser Menschen spüre. Es ist die Angst etwas zuzulassen, was neu ist, undeutbar. Ein neues Ufer, das sich nicht in Gewohntes einordnen lässt.

Vor ein paar Tagen stieß ich in einer Talkshow auf eine junge Frau, eine glühende Atheistin. Sie war zwar nicht beleidigend, aber bei ihr spürte man, dass sie nichts an sich ranließ, was mit etwas Tieferem, nicht sofort rational Erfassbarem zu tun hatte. Sie ist sehr jung, und weil sie eben auch sehr empathisch und klug ist, bin ich mir sicher, dass in ihrem Leben noch einiges passieren wird, das sie vielleicht in andere Universen des Geistes führen wird.

Andererseits gibt es auch Menschen, die sich so zumauern, dass sie sich jeden Weg nach innen verbauen. Für immer. Die sind dann meist besonders gehässig auf andere Weltsichten, denn alles außerhalb ihrer fertigen und für immer gültigen Welt erscheint ihnen als Bedrohung.

Und ich glaube auch, dass es – woher und warum auch immer – Begabung gibt für Spiritualität.

Es gibt junge Menschen, die sich dem Mönchischen, der Meditation, dem Weg nach innen, der Stille verschreiben. Da fragt man sich in dieser lauten, narzisstischen Welt, wie das überhaupt noch möglich ist. Was für ein Wunder ist das?!

Gottfried Benn sagte einmal, sinngemäß, es würde später nur noch zwei Arten von Menschen geben: die Seichten und die Tiefen. Spannender als Gesprächspartner sind die Tiefen allemal.

Deine Aussage, dass es eine Begabung für Spiritualität gibt, erinnert mich an die Antwort, die ich von meinem Namensvetter Wolf Schneider bekam, dem »deutschen Sprachpapst« und Begründer der Henri-Nannen-Schule, nachdem ich ihm mein Buch »Auf der Suche nach dem Wesentlichen« zugeschickt hatte. Er schrieb mir: »Ich bin religiös unmusikalisch.« Gibt es sowas, eine spirituelle oder religiöse Unempfänglichkeit für Erfahrungen wie Allverbundenheit oder grenzenloses Mitgefühl? Ich vermutete damals, dass er, wie so viele in seiner Generation, nach der Hitler-Erfahrung jeglicher Metaphysik abschwor – er war bei der deutschen Kapitulation im Mai 1945 Soldat und gerade 20 Jahre alt. Auch das könnte eine Rolle gespielt haben für die Spiri-Phobie dieser Jahrgänge.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie in meiner Studienzeit alles Metaphysische geächtet wurde, weil die Nazis das Mystisch-Mythische und die Spiritualität so missbraucht hatten.

Dorothee Sölle schrieb einmal, sinngemäß, dass das Gemeinschaftserleben auf Parteitagen der Naziverbrecher durchaus etwas mystisch Erbauendes hatte. Entrückung, Ekstase, Hingabe an die eine gemeinsame Idee, aber – es ist nicht wirklich ein mystisches Erleben. Es ist eine falsche Mystik. Eine Scheinmystik, weil sie andere ausschließt, ausgrenzt, zu Untermenschen erklärt.

Wirkliche Mystik grenzt nicht aus. Sie schließt ein, umfängt und umfasst die ganze Welt, alles, was lebt und existiert. Solche Mystik erspürt, dass alles miteinander unsichtbar verbunden ist.

Das Irrationale war verpönt, verständlicherweise, denn die mörderische Ideologie hatte dieser Irrationalität gehuldigt und sie zum Mythos verklärt.

Bei meinem Musikstudium wurde mir schnell bewusst, dass meine Liebe zur Melodie, zur Harmonie, zum Pathos nicht nur nicht gern gesehen wurde, sondern geradezu verdächtig war. Musik musste in diesen Jahren rational sein, gedeutet, konstruiert und dadurch eben auch entheiligt, verweltlicht. Deshalb wandte ich mich von der akademischen Musik ab und den Straßensängern zu, den Rinnsteinpoeten, den fahrenden Gesellen.

Wie gesagt, diese Angst vor dem Mystischen, Irrationalen ist auf Grund unserer Geschichte sehr verständlich, aber wir sollten uns von ihr nicht in Geiselhaft nehmen lassen. Denn Kunst ist erstmal eben nicht rational. Der Poesie gelingt es ja nur deshalb, die Ratio auszutricksen und unseren Geist mit Symbolen und Bildern zu bereichern, weil sie uns in unseren unausgeloteten Tiefen anspricht, weil sie verzaubert und vergeistigt.

Bei manchen Menschen ist es schwer, ihnen klar zu machen, dass Aussagen der Wissenschaft zu Dogmen werden können, deren Wahrheitsgehalt als in Stein gemeißelt und für alle Ewigkeit gültig erscheinen. Ob Priester oder Propheten, Diktatoren oder Volkstribunen, wer auch immer die endgültige Wahrheit für sich gefunden zu haben beansprucht, ist ein machtbesessener Lügner. Jeder, der uns erklärt, er wisse, was Gott wolle, wie Gott urteile, wen er strafe oder belohne, jeder dieser Fundamentalisten ist ein falscher Prophet.

Nicht nur die Profanen, die Angst haben vor dem Mystischen, weil es nicht fassbar ist, sondern auch diese Verkünder von Irrlehren aller Arten sind »religiös unmusikalisch«. Sie verwenden die Religion als Mittel zur Macht. Sie missbrauchen sie für ihre weltlichen Zwecke, aber sie sind nicht religiös. Religiös zu sein bedeutet, sich zurück zu sehnen in die geistige Heimat, ohne all die irrlichternden Bilderwelten unserer so genannten Realität. Sich zurückzusehnen aus der Realität, ja, aus den vielen Realitäten, die uns die Ratio in den verschiedensten Kulturkreisen geschaffen hat. Sich zurückzusehnen in die Wirklichkeit, die man nicht wissen, aber erahnen kann, manchmal in den wunderbaren Augenblicken der Inspiration, der Stille, des Gewahrseins, der Erleuchtung.

Religiös sein, spirituell sein, mystisch sein, das heißt doch auch zu zweifeln, unsicher zu sein, sich durch die dunkle Nacht des Johannes vom Kreuz zu quälen, zu erkennen, dass das Leben ein tragischer Entwurf ist, dem man nie entfliehen kann. Religiös sein heißt nie und nimmer unfehlbar zu sein und moralischer Zweifel, quälender Selbstzweifel enthoben.

Ich habe Gott angenommen, als Wort, als Symbol – aber ich werde doch nicht so vermessen sein ihn deuten zu wollen. Auch wenn Gott von uns erfunden ist, gibt es ihn. Auch das Wort Liebe ist von uns geschaffen, und wer möchte bezweifeln, dass es Liebe gibt? Tod und Niedergang, Verlust und Schmerz, all das, was ausgesprochen wird, ist auch existent. Es ist in der Welt und wird vermutlich von jedem Menschen anders gesehen, anders verstanden, anders interpretiert.

Ich habe das Wort »Gott« angenommen – wohlgemerkt nicht »das Wort Gottes« – und es ist tröstlich für mich, einen Gott zu wissen der – befreit von seinen Interpreten – nicht droht und nicht straft, niemanden in die ewige Verdammnis verbannt, sondern versteht und versöhnt und alles vergibt. Ja, der gar nicht vergeben muss, weil er nie jemanden beschuldigt hat. Dieser Gott ist mein Gott, unerforscht und unverstehbar, unerfassbar und ungreifbar, aber zu erahnen und zu spüren in den Momenten tiefsten Schmerzes und großer Freude, immer in mir und voller Güte.

Das kann es nicht sein, vor dem sich die Spiri-Phoben bedroht fühlen.

Also sind es wohl die Religionen und ihre Kirchen, die Gurus und Verführer, vor denen sie zu Recht Angst haben. Also sollten wir dafür sorgen, wo immer es möglich ist, klarzustellen, dass wir ebenso die Schnauze voll haben von falschen Versprechungen der Kirchen, Vertröstungen auf spätere Himmelreiche, die doch allzu oft den Zweck haben, dass wir nicht aufmucken, wenn wir zu sehr ausgebeutet werden. Wir sollten unseren Verstand und unsere Lebenserfahrung benutzen, um die falschen spirituellen Versprechungen und Drohungen zu entlarven und diesen Propheten untersagen, so zu tun, als wüssten sie mehr über Gott als andere.

Ja, genau!!! Das bringt so viele Themen in mir zum Klingen, dass ich erstmal gar nicht weiß, wo ich da anknüpfen soll mit meiner nächsten Frage. Ich pick mir jetzt erstmal nur dieses typische deutsche Thema raus: die deutsche Sehnsucht, Romantik und Metaphysik, an die eben auch die menschenverachtende Nazi-Philosophie angeknüpft hat, was für die Mehrheit der Deutschen nach 1945 zu einem Rückzug ins Profane führte. Alles Andersweltliche wurde nun von ihnen als sinnloses Geschwurbel oder Küchenesoterik verachtet oder der Nähe zur braunen Soße verdächtigt.

Mir hilft hierbei die Unterscheidung zwischen Mystik und Mystizismus. Mystik als echte, tiefe Erfahrung des Grenzenlosen, der es niemals möglich ist, einen anderen Menschen als weniger wert oder gar als Untermenschen zu bezeichnen; sogar Tiere und die ganze Natur werden von solcher mystischen Erfahrung umarmt und darin aufgenommen. Es gibt aber auch sowas wie Mystifizierung (von lat. mystica facere), das »mystisch Machen« von etwas. Das fügt dem Wahrgenommenen eine Absicht hinzu, meist eine Absicht der Vernebelung oder Verdrehung, oder auch, für die Realitätsflüchtigen, eine Art Weichzeichner über dem Wahrgenommenen. Das verfälscht. Während echte Mystik doch eher das Gegenteil davon ist: unverfälschte Wahrnehmung. Weil die mystische Erfahrung der Wirklichkeit eine außerbegriffliche ist, eine Wahrnehmung bevor noch irgendein Begriff das Wahrgenommene deutet oder einkastelt. Mystik ist urig, echt, tief und für keine Absicht benutzbar. Sie ist »Ohne Warum«, wie du in deiner neuen CD so schön sagst.

Dieses »Ohne Warum« begleitet mich schon lange. Ich hab es entdeckt als Jugendlicher in einem Gedicht des Barock-Dichters Angelus Silesius:

Die Rose ist ohne Warum.
Sie blühet, weil sie blühet.
Sie achtet nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Erst viele Jahre später habe ich erfahren, dass es auf Meister Eckhart zurückgeht. Vielleicht inspirierte es mich ja auch schon damals zu einem meiner ersten Lieder, das ich mit gut zwanzig Jahren schrieb:

Ich singe, weil ich ein Lied hab,
Nicht weil es euch gefällt…

Nun, fast 50 Jahre später schließt sich der Kreis mit »sunder warumbe«:

Ohne Berechnung, vielleicht ohne Sinn,
ohne Verdienst und ohne Gewinn
wie all die Klänge um uns herum:
Sunder warumbe – ohne warum

Unsere narzisstische Gesellschaft ist zwanghaft davon besessen, alles verwerten zu müssen. Dieser Versuch, aus allem einen materiellen Nutzen zu ziehen, raubt uns die Chance, uns am Nutzlosen zu erfreuen und die »Nützlichkeit des Unnützen« zu entdecken, wie das Nuccio Ordine in seinem lesenswerten Buch so treffend erläutert. Denn in einer Welt, die sich ausschließlich durch finanziellen Mehrwert definiert, ist jedes Wissen unnütz, dessen »wesentlicher Wert vollkommen losgelöst ist von jeder Zweckbestimmtheit« (Ordine).

Sänger, die singen, weil sie ein Lied haben, sind in einer Gesellschaft der Hit-Manufakturen rar geworden. Bei den meisten jungen Sängern scheint der Wunsch berühmt zu werden der größere Antrieb zu sein, als ein Lied in sich zu haben, das in die Herzen der Menschen will.

Um so stolzer war ich, als ich erfuhr, dass Cynthia Nickschas, eine junge Künstlerin meines Labels »Sturm und Klang«, freundlich, aber bestimmt, eine Einladung zu Dieter Bohlens DSDS-Show abgelehnt hat und dabei verschmitzt auf ihren Song »Niveau« verwies, das könne er sich doch mal anhören. Diese großartige Liedermacherin singt auch auf meiner neuen CD bei einigen Liedern mit und wird auf meiner neuen Tour als Musikerin und Sängerin mit dabei sein.

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