„Stimmgewaltig und absolut unzweideutig“

 in DER BESONDERE HINWEIS

Foto: Prof. Dr. Martin Pütz

Konstantin Wecker wurde am 13.6.2018 in einem öffentlichen Festakt die Thomas-Nast-Gastprofessur der Universität Landau verliehen. HdS dankt Herrn Dekan Professor Dr. Lothar Bluhm herzlich für die exklusive Abdruckgenehmigung einiger Passagen aus der Einführung und der Laudatio, die vor allem auch ein Augenmerk auf den Lyriker Konstantin Wecker legen. Nach dem Textbeitrag findet sich ein Fernsehbeitrag zur Veranstaltung.

„Wecker zeigt sich mit seinen Liedern und seinem Handeln kämpferisch, wenn es darum geht, für die Menschlichkeit in unserer ökonomisierten Welt eine Lanze zu brechen. Poetisch, aber stets unnachgiebig, setzt er sich für die Schwachen und Entrechteten ein“, begründet Dekan Professor Dr. Lothar Bluhm bereits in der Veranstaltungsvorschau auf der Homepage des Instituts die Nominierung.

Foto: Prof. Dr. Martin Pütz

Die von der Dieter Kissel-Stiftung finanziell unterstützte Thomas-Nast-Gastprofessur wird, so erfährt man auf der Homepage der Universität weiter,  an herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Künstlerinnen und Künstler vergeben. Der Fachbereich für Kultur- und Sozialwissenschaften erhält damit die Erinnerung an den großen Landauer Künstler und Journalisten Thomas Nast, der zum Vorbild für fortschrittliches politisches Engagement und Zivilcourage wurde: Im amerikanischen Bürgerkrieg polemisierte er mit seinen Karikaturen gegen die Sklaverei und prangerte in den politischen Wirren der Zeit Korruption und Amtsmissbrauch an. Bisherige Gastprofessorinnen und Gastprofessoren waren 2013 die Mark-Twain-Forscherin Professorin Dr. Laura Trombley und 2015 der Grafikdesigner und Präsident der Akademie der Künste (Berlin), Professor Klaus Staeck.

Dekan Professor Dr. Lothar Bluhm charakterisierte Konstantin Wecker in seiner Einführung zur Ringvorlesung am Tag davor sowie in seiner Laudatio wie folgt (Auszüge; Abdruckrechte beim Autor):

„Es gibt, meine Damen und Herren, ein frühes Gedicht von Konstantin Wecker, ein ‚Kinderlied‘:

„Und das Wasser
hat einen Mann,
der treibt es.

Klein sitzt er
am Grund. Macht
Welle um Welle.“

Ein ‚Kinderlied‘, ja, aber sicherlich noch mehr, und auch nicht ohne ironische Untertöne. Wer wie die Dozentinnen und Dozenten des Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften dem Projekt der Menschenrechtsbildung verpflichtet ist, vermag sich sehr wohl darin wiederzufinden. Ob Mann oder Frau – klein sitzt man tief unten am Grund und regt sich, und manchmal treibt man sogar eine Welle. Meist verschwindend klein, oft kaum erkennbar. Aber vielleicht doch eine Bewegung, die dazu beiträgt, dass das Wasser der Geschichte insgesamt ein wenig schneller treibt – und vor allem in die richtige Richtung.

Ein sicherlich deutlich größerer Mann ist Konstantin Wecker. Die Wellen, die er seit Jahren und Jahrzehnten treibt, sind größer, sichtbarer, folgenreicher – außerdem kann man sie hören. Und sie hören sich toll an!

Die Welle, die Konstantin Wecker macht, ist voller Wut und Zärtlichkeit, wie der Titel eines seiner Gedichte und Lieder, einer Liedersammlung ist. „Kann man wütend sein und weise, / laut sein und im Lauten leise“, fragt er darin. Ja, man kann. Und dass man das kann, beweist er vielfältig. Und mehr noch: „Zwischen Zärtlichkeit und Wut / fasse ich zum Leben Mut.“

Am Anfang aber steht – frei nach Joh 1.1 – die Wut. Im Gedicht Der Krieg etwa, der Adaption eines Gedichts von Georg Heym, erinnert Wecker mit den Worten des Expressionisten an die Gewalt und Schrecken des immer wieder neu erwachenden Kriegs, der wie ein riesenhafter Schlachtergötze das Land zermalmt. Es sind Verse voller Wut – bei Heym wie bei Wecker:

„Über runder Mauern blauem Flammenschwall
steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall,
über Toren, wo die Wächter liegen quer,
über Brücken, die von Bergen Toter schwer.“

Ein apokalyptisches Bild von Krieg, Zerstörung und Tod – über 100 Jahre alt, aber dennoch auch heute noch so aktuell wie eh und je. Krieg, Zerstörung, Tod – ein Schicksal? So ist es eben? So war es und so bleibt es? Für Konstantin Wecker jedenfalls nicht! Seine Gedichtadaptation, sein Lied endet mit dem Aufruf auszubrechen aus diesem Kreislauf. Sich aufzulehnen dagegen – und zwar jetzt! „Wir müssen seh’n,“ so schließt er,

„wie wir den Gewalten widersteh’n.
Denn sonst heißt es wieder eines Tages dann:
Seht euch diese dumpfen Bürger an.
Zweimal kam der große Krieg mit aller Macht.
Und sie sind zum dritten Mal nicht aufgewacht.“

Das mag am Schluss eine Spur resignativ klingen, ist es aber nicht. Es ist eine Aufforderung – eine Aufforderung an uns alle, nicht zuletzt die Jungen unter uns: ‚Steht auf!‘ – ‚Entrüstet euch!‘ Setzt euch ein für den Frieden.

Doch steht am Ende bei Konstantin Wecker nicht die Wut! „Voller Wut und Zärtlichkeit“ ist nicht zufällig unser heutiger Abend betitelt. Ganz am Ende steht nämlich die Zärtlichkeit – sie ist Zielpunkt, Aufhebung und Garant von allem. Konstantin Wecker ist ein Dichter, ein Poet! Ganz am Ende steht das dichterische Wort, steht dessen Kraft, steht dessen Magie. Und so ist eines der – wie ich meine – schönsten Gedichte Konstantin Weckers auch wieder eine Adaptation. Es ist die Wiederaufnahme und dichterische Weiterführung eines romantischen Gedichts, nein, des romantischen Gedichts schlechthin. Konstantin Wecker nimmt in einer seiner letzten Sammlungen das wunderbare Programmgedicht des Novalis „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“ auf, um an diese Verse aus dem Jahr 1800 mit eigenen Versen anzuschließen. Sie seien hier – zum Schluss meiner kurzen Einführung – vollständig zitiert, denn sie sprechen aus – jedenfalls für mich –, wofür Konstantin Wecker in all seiner ‚Wut und Zärtlichkeit‘ steht:

„Erst wenn Gedichte und Geschichten
das Herz wieder gerade richten,
wenn wir den eignen Melodien
nicht mehr so hilflos taub entfliehen,
wenn nicht das Streben nach Gewinn
des Lebens kläglich karger Sinn
und wir an Zins und Dividenden
keinen Gedanken mehr verschwenden,
wenn die so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.“

In den Versen hören wir vom Wort und vom Sprechen, aber eben nicht nur! Ganz ausdrücklich ist – wie schon bei Novalis – auch und besonders vom ‚Singen‘ die Rede. Und wer könnte mit mehr Recht davon sprechen als Konstantin Wecker. Denn er ist nicht nur ein Dichter, ein wortgewaltiger Lyriker unserer Zeit, sondern eben auch und nicht zuletzt – und für viele bestimmt: vor allem – ein stimmgewaltiger Sänger. (…)

Mit der Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur an Konstantin Wecker wird vom Fachbereich einer der profiliertesten politischen Künstler der Bundesrepublik geehrt. Seit über 40 Jahren begleitet Konstantin Wecker künstlerisch kommentierend das politische Leben in Deutschland. Er tut dies stimmgewaltig und er tut dies absolut unzweideutig. Dabei ist er den meisten sicherlich als wortstarker Liedermacher und vielen dazu auch als Schauspieler in den verschiedensten Fernsehproduktionen mehr als vertraut – er ist ein Gesicht, er ist eine Stimme. Lieder wie der Willy aus Genug ist nicht genug von 1977 oder sein Sage nein! von 1993 sind heute noch so präsent wie damals – und sie stehen für ein Programm, auf das zu hören heute noch genauso not tut, wie es damals not tat. Ich fürchte, es ist heute sogar aktueller und nötiger denn je.

Was macht Konstantin Wecker zu dem bemerkenswerten Künstler, der er ist? Sicherlich schon einmal die außerordentliche Vielfalt: Das Werk Konstantin Weckers hat viele Facetten: Er ist Literat, insbesondere Lyriker, er ist Liedermacher, Schauspieler, Musiker und mehr. Das Verzeichnis seines Gesamtwerks ist mehr als beeindruckend! Wenn ich als Literaturwissenschaftler in der Folge vor allem auf die Literatur, vor allem auf die Lyrik schaue, bitte ich, mir das nachzusehen. Das Gesagte gilt aber in gleicher Weise für die anderen Facetten des Gesamtwerks.

Dass Konstantin Wecker so ein bemerkenswerter Künstler ist wie er ist, hängt im engeren Sinne nicht zuletzt wohl damit zusammen, dass er „zu den wenigen Menschen [gehört], denen die Lyrik sozusagen angeboren ist“. Das kommt nicht von mir, aber ich stimme dem zu. Die Beschreibung stammt von Herbert Rosendorfer – selbst ein begnadeter, ein namhafter Literat und Künstler, der – 2012 leider verstorben – mit seinem Ruinenbaumeister, mit Ein Liebhaber ungerader Zahlen, vor allem aber – und das werden viele von Ihnen kennen – mit seinem Kultbuch der 1980er Jahre Briefe in die chinesische Vergangenheit nicht nur ein großes Publikum erreichte, sondern einen unbestreitbaren Platz in der Literaturgeschichte gewonnen hat. Und Rosendorfer hat Recht mit seiner Hochschätzung des Lyrikers und Liedermachers, des Künstlers Wecker, nicht zuletzt, wenn er darauf hinweist, dass „Konstantin Weckers Lyrik […] keine elitäre, keine krampfhaft erarbeitete“ ist und dass Wecker keine „Kopfgeburten“ präsentiert, sondern „Herzblut“ und dass sein Werk eine „Symbiose von Herz und Verstand“ zeigt.

Dabei gehören Schreiben und Wut eng zusammen. „Schreiben ist Schreien –“, heißt es in einem Gedicht bei Wecker: „kein Flüstern mehr, Freunde. / Wer flüstert, ist schuldig, / bekennt.“ Der Bekenntnischarakter seiner Literatur und seiner Liedkunst ist authentisch – und manchmal geradezu überwältigend. ‚Schreiben und Schreien‘ laufen dann ineins: „Das Wort muss eine Faust sein,“ fasst Wecker in einem kurzen Gedicht zusammen: „kein Zeigefinger: / Zuschlagen. / Treffen.“ Das ist – verzeihen Sie mir – grandios: Sprachlich wie formal, und gedanklich allemal.

Neben dem „wütende[n] Schrei nach Gerechtigkeit“ steht bei Konstantin Wecker untrennbar der „hauchzarte[r] Liebesgesang“ – erneut ein Wort Herbert Rosendorfers. Wecker ist ein Poet, der „sich sehnt, der träumt, der trauert“, der sich von einer „Sehnsucht nach einer besseren Welt“ leiten lässt, der von „einer Welt der Gerechtigkeit“ und „des Friedens“, der „Humanität“, der „Menschlichkeit“ träumt.

Vielleicht wird das nirgendwo deutlicher als in dem Gedicht Ich habe einen Traum, dessen Titel nicht zufällig an Martin Luther Kings große Rede Ende August 1963 anknüpft. Konstantin Weckers Gedicht ist ein Text, ein Lied, das er 2014 unter dem Eindruck jener Flüchtlingskatastrophe vom Oktober 2013 vor der Küste Europas geschrieben hat. Sie alle erinnern sich an die Bilder und Berichte vom großen Bootsunglück vor Lampedusa, bei dem so viele Menschen ertranken. Fast 400 Menschen fanden einen elenden Tod, über 700 sogar, meinen andere. Jeder einzelne auf jeden Fall einer zu viel! Das Bild eines ertrunkenen Kleinkinds, wie ein Stück Treibgut an den Strand gespült, ging um die Welt. Nach den ersten Erregungen und Mitleidsbewegungen hat sich nicht zuletzt bei uns die Stimmung gegenüber diesen wie auch anderen Opfern der Geschichte inzwischen längst gedreht und man erinnert sich heute allzu oft entweder gar nicht mehr oder – besonders schlimm – mit offener oder verdeckter Häme. So wie an Angela Merkels mutiges Wort „Wir schaffen das!“ vom 31. August 2015 heute meist nur noch die Falschen erinnern – und den humanen Impetus dabei diffamieren. So beschreibt Konstantin Weckers Gedicht, sein Lied von 2014 einen Traum, der auch heute noch geträumt werden muss:

„Ich hab‘ einen Traum, wir öffnen die Grenzen
und lassen alle herein,
alle die fliehen vor Hunger und Mord,
und wir lassen keinen allein.“

So die erste Strophe. Das Gedicht, das Lied schließt nicht minder eindrucksvoll und poetisch:

„Ja ich hab‘ einen Traum von einer Welt,
und ich träume ihn nicht mehr still:
Es ist eine grenzenlose Welt,
in der ich leben will.“

Die abschließende Strophe verweist schon auf den Stimmungsumschwung, der die letzten Jahre kennzeichnete und der die Veränderungen der politischen Landschaft und des gesellschaftlichen Klimas in Deutschland seitdem begleitet hat. Konstantin Wecker reagiert auch darauf mit Poesie und Wut. Er ist – noch einmal in den Worten Herbert Rosendorfers von 2012 – er ist „ein zorniger Prophet“ und erinnert dabei manchmal an die „kompromisslosen Rufer in der Wüste, von denen die Bibel spricht“.

In einem früheren Gedicht Über die Dichter erzählt eine Stimme, in der ich Konstantin Wecker höre, vom Vertrag der Dichter mit den Göttern. Sie

„sind nun mal ganz gut angesehen da oben,
haben Kredit,
führen andere Gespräche“.

So ganz gefahrlos ist das Gespräch mit den Göttern für die Dichter indes nicht, weiß das Gedicht – sie können stürzen, und sie „stürzen tiefer.“ Im Sehnsuchtsbild des lyrischen Ichs spazieren die den Göttern nahen Dichter „draußen in Wäldern rum und werfen / sich die Worte zu.“ Weckers Gedicht mündet in einem Wunsch, einem poetischen Wunsch, wie ihn nur ein Dichter haben kann:

„Irgendwann
werden sie mir schon auch ein paar
rüberschicken.“

Ich bin sicher, meine Damen und Herren, nein, ich weiß: die Dichter haben Konstantin Wecker schon so manches Wort rübergeschickt. Und ich bin froh, dass er dieses Geschenk dann nicht eifersüchtig für sich behalten, sondern es an uns, an das Publikum weitergegeben hat.

Über Konstantin Wecker könnte, ja müsste noch viel mehr gesagt werden. Über den Liedermacher, über den Schauspieler, über den Musiker, über den politisch engagierten Bürger.

Gestatten Sie mir stattdessen, dass ich mir zum Abschluss meiner Laudatio ein letztes Mal die Formulierungskunst des hochgeschätzten Herbert Rosendorfer ausleihe: „Konstantin Wecker ist ein Wacher“, schrieb er, er ist „ein Wächter, wir tun gut daran, auf ihn zu hören.“ Als Wacher und Wächter, als kompromissloser Streiter für Gerechtigkeit und Humanität, als wortmächtiger Künstler und als stimmgewaltiger Sänger wird ihm nun die Thomas-Nast-Gastprofessur des Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften der Universität Koblenz-Landau in Landau verliehen.“

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