«Tu doch, was dein Herz dir sagt» – die Flüchtlingskrise

 in FEATURED, Politik (Inland), Roland Rottenfußer

Völlig aus der Mode gekommen: der Teddybärwerfer. Heute wirft mal lieber geistige Brandbomben. Bildquelle: www.papiton.de

Flüchtlingsthemen, Pegida, brennende Asylbewerberheime – solche Themen beschäftigen uns heute etwas weniger als noch vor einigen Jahren. Aber wir sollten uns nicht täuschen: Eine relative Ruhe ist diesbezüglich eingekehrt, weil eine „harte Haltung“ gegen Flüchtlinge mittlerweile in den meisten Parteien Konsens geworden ist. Obergrenzen, schnelle Abschiebung, Null Toleranz – solche Ideen sind vom rechten Rand in die Mitte der Gesellschaft gerückt und werden kaum mehr hinterfragt. Staatsräson ist vor allem, die Herzen der abtrünnigen AfD-Wähler für die Altparteien zurückzugewinnen. Und dementsprechend sieht unsere Republik jetzt auch aus. Es tut gut, in diesem Zusammenhang an die konsequent menschliche Haltung zu erinnern, die Konstantin Wecker ab 2014 in seinen Liedern und Tagebucheintragungen in der Flüchtlingsfrage eingenommen hat. (Der Beitrag von Roland Rottenfußer ist ein Auszug aus der großen Biografie „Konstantin Wecker: Das ganze schrecklich schöne Leben“, erschienen im Gütersloher Verlag)

Manchmal überraschte Konstantin Wecker auch mich noch. Es war Sommer 2014, als sich im Mitarbeiterkreis das Gerücht verbreitete, Konstantin habe ein neues Lied geschrieben: „Ich habe einen Traum“. Meine Erwartungen waren hoch gesteckt, denn der Titel, angelehnt an die berühmte „I have a dream“-Rede Martin Luther Kings, versprach den großen Wurf. Als ich den Text dann erstmals las, wunderte ich mich ein wenig: nichts von den großen Utopien einer Welt ohne Krieg und Ausbeutung, kein „Imagine“. Das Lied hatte nur ein Thema: Flüchtlinge. Von denen hörte man zum damaligen Zeitpunkt nur dann etwas, wenn wieder einmal Dutzende an Europas Grenzen, im Mittelmeer, ertrunken waren.  Der Aufschrei war dann jeweils groß, jedoch kurzatmig. Das Schicksal dieser Menschen, eine Schande für das reiche Europa, blieb ein „B-Thema“, gemessen an den damals ganz großen Medienhypes: der Ukraine- und Griechenlandkrise, der gewonnenen Fußball-WM und dem Grand Prix-Sieg von Conchita Wurst. Die verzweifelten Boat People, die vor Lampedusa strandeten, waren dagegen  vielen wurst.

Ich hab einen Traum, wir öffnen die Grenzen
und lassen alle herein,
alle die fliehen vor Hunger und Mord,
und wir lassen keinen allein.

Wir nehmen sie auf in unserem Haus
und sie essen von unserem Brot,
und wir singen und sie erzählen von sich
und wir teilen gemeinsam die Not

Ja wir teilen, und geben vom Überfluss,
es geht uns doch viel zu gut,
und was wir bekommen, ist tausendmal mehr:
und es macht uns unendlich Mut.

Ihre Kinder werden unsere sein,
keine Hautfarbe und kein Zaun,
keine menschenverachtende Ideologie
trennt uns von diesem Traum.

Ja ich weiß, es ist eine kühne Idee
und viele werden jetzt hetzen:
ist ja ganz nett, doch viel zu naiv,
und letztlich nicht umzusetzen.

Doch ich bleibe dabei, denn wird ein Traum
geträumt von unzähligen Wesen,
dann wird an seiner zärtlichen Kraft
das Weltbild neu genesen.

Konstantin Wecker hatte das Thema „gerochen“, nicht weil er präventiv auf mögliche Trendthemen aufspringen wollte, sondern weil Künstler vielleicht noch ein Stück sensibler sind als „wir Normalen“. Und weil sich Wecker früh berühren ließ von Schicksalen, die sich für die meisten nur ganz am Rand ihres Sichtfelds abspielten. Wo viele, beeindruckt von der „kippenden“ Volksstimmung, einknickten und ein lauwarmes „Ja, aber…“ formulierten, hielt Konstantin Wecker stand. Auf diesem Fels konnte man den Widerstand gegen den sich auf den Straßen, in den Medien und im Netz formierten neuen Abendland-Chauvinismus bauen. Wecker wetterte wie selten in seinem Leben gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und die Erosion der Mitmenschlichkeit angesichts täglich neuer Rekordzahlen über herein „flutende“ Geflüchtete. Aber er würdigte auch die Lichtblicke, die Willkommenskultur, die sich für viele überraschend auf den Bahnhöfen des Landes formierte. Er beschwor leidenschaftlich das „Other Germany“, das er bei einem Konzert für den Komponisten Mikis Theodorakis fast entschuldigend dem griechischen Publikum vor Augen gehalten hatte.  Ein Deutschland, das aus schmerzlicher, schuldhafter Geschichte eines gelernt hatte: Man darf nie wieder erlauben, dass pauschale Verachtung gegen eine ethnische oder religiöse Gruppe in einem Land Raum greift.

Im Dezember 2014 verstärkten sich die Aktivitäten der PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands). Die Gruppierung organisierte in Dresden mehrere Demonstrationen, die großen Zulauf fanden und wurde nach und nach in ganz Deutschland als rechtspopulistische Bewegung bekannt. Plakate wie „Multikulti stoppen. Meine Heimat bleibt deutsch“ und Fotos von Angela Merkel mit Kopftuch trugen zu einer zunehmend gereizten Atmosphäre bei. Anstatt sich klar gegen die neue Verrohung auf den Straßen zu positionieren, goss die CSU noch Öl ins Feuer. Anfang 2015 ließ ein CSU-Papier verlauten, Ausländer sollten dazu angehalten werden, in ihren Familien deutsch zu sprechen – zuhause! Konstantin Wecker erkannte die Gefährlichkeit dieser Gemengelage schon früh. „Pegida ist ein Bündnis frustrierter, von der Politik sträflich vernachlässigter und enttäuschter Menschen, die nun in die offenen Arme ewig gestriger, fanatisierter Rattenfänger laufen. Und sie alle eint eine der schlimmsten Plagen der Menschheitsgeschichte: der Rassismus. Der kommt immer ins Spiel, wenn jemand nicht bereit ist, weiter zu denken, sein Herz zu öffnen und vom hohen Ross seiner Selbstherrlichkeit herabzusteigen“.

Leider hat sich seit dem fulminanten antifaschistischen Lied „Sage nein“ von 1993 nicht viel verändert in der politischen Landschaft – es sei denn zum Schlechteren. Und was Angriffe auf Asylbewerberheime betrifft, deren Höhepunkt man seit den Jahren nach der Wende überwunden glaubte – sie flammten Mitte 2015 auf entsetzliche Weise wieder auf. Flankiert wurden diese nicht nur juristisch, sondern auch menschlich verwerflichen Taten durch eine Verschärfung des Asylrechts seitens der Bundesregierung. Das Recht des Staates, Schutzsuchende wie Verbrecher zu inhaftieren, wurde in einem Gesetz beträchtlich ausgeweitet. Auch hiergegen erhob Konstantin vehement Widerspruch: „Das ist die gängige Vorgehensweise: Im Windschatten anderer dramatischer Geschehnisse werden weiter die Daumenschraube angezogen, die man der Demokratie schon seit längerer Zeit angelegt hat. Öffentlich schimpft man auf Pegida, aber heimlich beugt sich die Regierung dem Druck der Xenophoben.“

Das Böse bekämpfen, indem man sich ihm immer ähnlicher macht – diese „Strategie“ hatte der von den USA geführte Westen nach dem 11. September 2001 angewandt – und  war kläglich gescheitert. Die furchtbaren Anschläge von Paris vom 13. November 2015 wären eine Gelegenheit gewesen, aus damaligen Fehlern zu lernen. Kaum waren die ersten Nachrichten über die Ereignisse über den Bildschirm geflimmert, bastelten interessierte Kreise jedoch am Mythos eines „europäischen 9/11″. Was das bedeutete, wurde schnell klar: Ausbau der Überwachung, Abbau von Bürgerrechten, Krieg im Nahen Osten, die Verführung der Bevölkerung zu einem Opfer der Freiheit um der Sicherheit willen. Wie schon anlässlich der Anschläge 2001 mahnte Wecker auch am 16. November 2015 zur Besonnenheit: „Lasst uns in unserer berechtigten Wut über diese barbarische, durch nichts zu entschuldigende Tat nicht die Ärmsten der Armen zu Sündenböcken machen. Die Unmenschlichkeit dieser Anschläge darf uns nicht unserer Menschlichkeit berauben.“

Oft überschritten in jenen Monaten nur negative Nachrichten – Bilder von Hass, Rassismus, Gewalt und Brandschatzung – die Aufmerksamkeitsschwelle. Dabei gingen die „kleinen“ (in Wahrheit doch so großen) Gesten der vielen Menschen verloren, die es nicht nur gut meinten, sondern auch Gutes taten. Am Münchener Hauptbahnhof hatten kurz zuvor Einwohner die ankommenden Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Medikamenten und Plüschtieren für die Kinder empfangen. „Bei all dem entsetzlichen Leid, mit dem wir nun konfrontiert werden, keimt in mir aber auch Hoffnung. Wir alle wurden überrascht von dieser wunderschönen Woge der Hilfsbereitschaft an deutschen Bahnhöfen und auch anderswo. Sie ist die beste Antwort auf brennende Flüchtlingsunterkünfte und unbelehrbare, unbarmherzige Rassisten.“

Anfang 2016 komprimierte Konstantin seine Aufsätze zur Flüchtlingsfrage in einem Büchlein: „Dann denkt mit dem Herzen. Ein Aufschrei in der Debatte um Flüchtlinge“. Im Titelgedicht heißt es:

Und wenn sie euch sagen
das Boot ist voll
wir können keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen
dann antwortet ihnen:
denkt mit dem Herzen.
Über zwölf Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene
sowie fast zwölf Millionen ehemalige Zwangsarbeiter
und ausländische KZ-Insassen
mussten nach dem Ende des Krieges eine neue Heimat finden.
Wiederum erstaunte es mich in jenen Tagen, mit welcher Klarheit Konstantin Wecker nicht politische Analyse und Ratio, sondern ganz das Herz in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung stellt. „Tu doch, was dein Herz dir sagt“, dieser wunderschöne Song aus dem ungefähr zeitgleich entstanden Musical „Oliver Twist“ (Text: Christian Berg) schien als Motto auch für des Liedermachers Einmischung in die harte Tagespolitik zu taugen. Anlass war eine massive Propagandaoffensiver von „Vernünftigen“ gegen ein vermeintliches Übermaß an Mitgefühl auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsdebatte. „Herz ohne Vernunft ist gefährlich“ tönte es da in Varianten auf facebook oder in Talkshows. Wecker konterte, indem er sich die Vorwürfe seiner Gegner positiv aneignete: „Ja, ich bin ein ‚Gutmensch‘ .Gefällt euch Schlechtmensch besser? Warum habt ihr nur so viel Widerwillen gegen den Versuch, Güte und Mitgefühl in politisches Engagement einzubringen? ‚Wer zu viel Mitgefühl hat, hat keinen Verstand‘? Ich verzichte nur allzu gern auf euren vom Menschsein getrennten Verstand. Verstand ohne Mitgefühl führt zum Wahnsinn.“

Konstantin hatte, obwohl er in seinem Leben davor weder unauffällig noch stets konsensfähig agiert hatte, noch nie so viele „böse Briefe“ bekommen wie 2015. Der als „Asylskepsis“ getarnte Rassismus offenbarte sich nicht mehr verschämt und hinter vorgehaltener Hand, sondern unverhüllt und angriffslustig. Die Menschlichkeit geriet im öffentlichen Diskurs gegenüber der Unmenschlichkeit teilweise unter Rechtfertigungsdruck. Es kam sogar vor, dass Besucher seiner Konzerte zu Beginn des Lieds „Ich habe einen Traum“ demonstrativ den Saal verließen. Ungewöhnlich für Menschen, die ja eine Wecker-Karte gekauft hatten und hätten wissen müssen, wofür er stand. „Du Konstantin, ich habe dich als Künstler immer geschätzt, aber in der Flüchtlingsfrage, da kann ich dir nicht mehr folgen“ – so der Tenor vieler privater Briefe an den Künstler. Das rückte ihn beinahe in die ungewohnte Nähe zur von ihm mit einem Minnelied bedachten Angela Merkel, deren Beliebtheitswerte ebenfalls wegen Verdachts übermäßiger Menschlichkeit zu bröckeln begannen.

Die tiefe Spaltung der Gesellschaft in der „Flüchtlingsfrage“ wurde nun auch für Konstantin Wecker unübersehbar. Bei aller Angriffslust und Entschlossenheit, zu widerstehen, war aber auch das Bewusstsein erkennbar, sich vom Hass der Gegner nicht anstecken zu lassen. „Versöhnung heißt nicht, alles gut heißen. (…)  Erst wenn ich den Nächsten verstehe, kann ich mich begreifen. Hass ist immer aus Schmerz geboren. Aber Hass kann man verwandeln. Denn jedem Hass wohnt eine tiefe Sehnsucht nach Liebe inne.“

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