Über die aktuelle Verlegenheit ein Mensch zu sein

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Konstantin Wecker und das HdS Team danken Achim Krausz, diesen Text zum Thema Menschlichkeit die auf der Strecke bleibt hier veröffentlichen zu dürfen. Achim Krausz moderierte ab 1975 zusammen mit Sammy Drechsel in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft die erste kabarettistische Talkshow „Sprechstunde“. Ab 1988 gestaltete er die SDR/ARD Sendung „Prominenz in Renitenz“. Heute lebt Achim Krausz als Autor und Kommunikationsberater in München. (Abdruckrechte „Über die aktuelle Verlegenheit ein Mensch zu sein“ © Achim Krausz)

Entkleidet man die tägliche Aufregung in den Medien um ihr Verkaufsförderungsgeschrei,
so bleibt eine traurige Erkenntnis. Nicht Reisefreiheit, Handel oder Jobs bleiben auf der Strecke
sondern die Menschlichkeit.
Petry, Pegida, Le Pen oder Trump – erstaunlicher Zufall, dass alle ein P wie Psychopath im Namen tragen –
als Populisten zu bezeichnen, ist eine gefährliche Untertreibung.
Wir sollen uns über das Vordergründige erregen, damit das Hintergründige unbemerkt wirken kann.

Nehmen wir zum Beispiel die USA.

Bei der amerikanischen Präsidentschaft handelt es sich um die größte Geiselnahme der Geschichte.
330 Millionen US-Bürger leben seit dem 20. Januar in der Scheinwelt eines Mannes ohne Realitätsbezug.
Er sieht Massen, wo keine sind. Er sieht Millionen Tote, die zur Wahl gehen. Er kennt Fakten, die eine Alternative haben.
Seine TV-Interviews mit David Muir (ABC) und David Brody (CBN) entlarven das präsidiale Desaster.
Trump wirkt wie ein kleiner Junge, dessen Märklin-Eisenbahn über Nacht gegen einen echten ICE ausgewechselt wurde. Und auf diesen modernen Zügen gibt es keinen Bremser.
Als mächtigster Vollwaise der USA lässt er uns besonders schmerzlich seine Erziehungsberechtigten vermissen.

Was kümmert mich der fern-verrückte Trump? So mögen viele denken.
Doch dieser Präsident ist das Menetekel an der Wand der Demokratie.

Wir stehen erneut vor der Eingangssituation, an deren Ausgang die selben Vielen sagen werden:
Das konnte man doch nicht ahnen.
Doch, wir können – Yes, we can.
Man muss dazu nur auf einen Indikator achten: Auf den Verlust an Menschlichkeit.

Uns sollten weniger die Filmstars, Sportler und Wissenschaftler kümmern, deren Einreise eingeschränkt wird.
Sie wissen sich schon zu helfen.
Es sind die hundertausende Namenloser, durch deren Familien nun ein eiserner Vorhang geht.
Im Interview mit David Brody teilt Trump mit, dass er im Oval Office die Anwesenheit Gottes verspüre.
Aber dass er nach einer Woche im Amt bereits glaubt, selbst Gott zu sein – das ist pathologisch.

In Deutschland und Frankreich stehen Wahlen an. Selbst wenn Petry und Le Pen nicht die Mehrheit erhalten,
so werden sie eine Unregierbarkeit erzeugen, als deren Lösungen sie sich dann positionieren werden.
Wir kennen diese Methode von einem Österreicher.
In Österreich treibt die (noch) kleine FPÖ die Regierung nach Beliebenvor sich her. In den Niederlanden
kämpft ein Albino naheliegender Weise für die Vorherrschaft der weißen Rasse.
In der Türkei wird vor den Augen aller Welt – inklusive der NATO – eine Diktatur errichtet.
Polen freut sich auf den nächsten Krieg. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass die Regierung darüber jubelt,
dass die USA (auf Beschluss von Obama!) in ihrem Land mit einer kompletten Panzer-Division die Russen provoziert.
Und Ungarn ist nur noch so lange in der EU, wie die Kasse geöffnet hat.

Trump und seine Kolleginnen mit P sagen, sie wollen das Land den Menschen zurückgeben.
Aber was sind das für Menschen? Die mit Wollust denunzieren, diffamieren, diskreditieren,
diskriminieren und desintegrieren. So schüren sie den Terror und schaffen damit das Perpetuum Mobile
der Rüstungsindustrie. Wer sich wundert, woher diese Parteien ihre Wahlkampf-Gelder beziehen,
der frage nach bei Lockheed Martin, Boeing, Airbus, Dassault, Rheinmetall…
Zufriedene Aktionäre sind dankbare Sponsoren. Man braucht Kohle, um die Öfen in Gang zu halten.

Es war noch nie einfach, ein Mensch zu sein.

Unablässig und gegen alle Vernunft bauen wir an einer Gesellschaft,
die den Egoismus zur Überlebensstrategie erklärt.
Schon vor 2.200 Jahren schrieb Plautus, dass der Mensch den Menschen ein Wolf sei.
Und ergänzte: (er sei) kein Mensch, wenn er den anderen nicht kennt.
Aus Unkenntnis der Anderen entsteht die Angst. International bekannt als „German Angst“.
Kein Volk ist so wunderbar mit dem Horror des Fremdartigen zu unterhalten wie das unsere –
obwohl wir doch als Reiseweltmeister weltmännisch sind.
Der Duft der großen weiten Welt war letztlich doch nur eine Zigaretten-Werbung.
Der Nahe Osten war uns nie nah. Die sitzen dort nur auf ‚unserem‘ Öl.
Und ihre regierenden Öl-Götzen haben wir zu unser aller Ergötzen weidlich ausgeweitet.
Und gibst dus nicht willig, so brauch ich Gewalt.
Und jetzt machen sie mit unseren Waffen Terror gegen uns?
Undankbares Pack!

Von vielen Älteren hört man das Resümee, sie seien froh, in dieser Welt
nicht wieder jung sein zu müssen.
Doch Zukunft ist das Produkt aus Vergangenheit und Gegenwart.

Ist es mildtätige Alters-Demenz zu vergessen, dass wir alle einst jung, leichtgläubig und dumm waren?
Wir haben gestern die Welt von heute verbaut.
Und die Jungen zahlen die Erbschaftssteuer.

31 01 2017
© Achim Krausz

Mit dieser Kolumne verabschiede ich mich von allen Leserinnen und Lesern
und danke fürs Lesen oder Wegklicken – whatever came first.

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