Uwes Tod

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire, Roland Rottenfußer

Uwe, der geistig behinderte junger Mann mit der wuchtigen Statur und dem sanften Gemüt, begegnete uns schon in einigen Geschichten. Diese leider traurige Episode schließt direkt an „Uwe und die junge Frau Maria“ , Teil 1, Teil 2 und Teil 3 an. Gebt diesem liebenswert-unbeholfenen Burschen mit mir zusammen das letzte Geleit! Ohne ihn wird was fehlen in dieser zunehmend in den Wahn und in die Unmenschlichkeit abdriftenden Welt der „Normalen“.  Roland Rottenfußer

Die Geschichte heißt „Uwes Tod“. Wovon wird sie also wohl handeln? Na, wovon handelt Schillers Stück „Wallensteins Tod“?  Und „Dantons Tod von Büchner? Und „Der Tod eines Handlungsreisenden“? Leider sind eure Vermutungen diesbezüglich richtig. Die Chancen, dass Uwe diese letzte Erzählung über ihn überleben wird, stehen schlecht. Macht euch auf etwas ziemlich Trauriges gefasst. Naja, Stimmungsaufheller sind meine bisherigen literarischen Erzeugnisse ja auch nicht gewesen.

Uwe also wurde eines Tages, besser: frühmorgens, als wir gerade beim Erdbeermarmeladen-Frühstück saßen, von einer bewaffneten Eingreiftruppe verhaftet. Sie brachen unsere Wohnungstür auf, Männer, die wie Robotersoldaten in „Die Rache der Klonkrieger“ aussahen, mit schweren Handfeuerwaffen, Schilden aus kugelsicherem Plastik, Helmen mit heruntergelassenem Visier. „Auf den Boden legen!“ riefen sie. Und als ich einzuwenden versuchte: „aber…“, brüllte mich einer an: „Sie reden nur, wenn Sie gefragt werden!“ Ich sagte trotzdem noch etwas: „Uwe, wehr dich nicht, sie sind stärker, sie erschießen sich einfach…“ Dann traf mich ein schwerer Schlag auf den Kopf.

Als ich aus meiner Bewusstlosigkeit erwachte, stand Uwe in Handschellen vor mir, sein Gesicht von hilfloser Wut verzerrt. Vier Männer konnten ihn mit Mühe daran hindern, zu mir herüberzukommen und mich zum Trost für das, was mir geschehen war, zu umarmen. „Blöde Männer!“, rief er entrüstet aus. „Uwe loslassen! Männer weggehen!“

„Was werfen Sie uns vor?“, konnte ich noch fragen, obwohl in meinem Kopf ein starker Schmerz hämmerte. „Es geht nicht um Sie. Aber den Idioten hier müssen wir mitnehmen.“

„Man sagt heute: Mitbürger mit mentaler Mobilitätseinschränkung“, korrigierte ihn ein Kollege.

„Also: den Mitbürger mit mentaler Mobilitätseinschränkung müssen wir mitnehmen“.

„Mit welcher Begründung?“

„Wenn Sie mit dem Beklagten weder verwandt noch verschwägert sind, dürfen wir hierüber keine Auskunft geben.“

Ich war überzeugt, dass wir den Besuch der Sicherheitskräfte Uwes Randale in der Kirche Mariä Heimsuchung zu verdanken hatten. Die Entweihung eines Gotteshauses verzieh der Staat notfalls noch, nicht aber den Bruch des Hausrechts auf privatem Grund und Boden des Struntz-Konzerns.

Ich spekulierte auch, ob wir diesen Auftritt nicht auch den wiederholten Anzeigen und Beschwerden unserer Vermieterin Frau Hingerl zu verdanken hatten. Der war es schon lange ein Dorn im Auge gewesen, dass wir zu zweit eine Wohnung abnutzten, die sie mir anfangs allein vermietet hatte. „I woaß ja ned, was Sie zwoa da herinnen mitnander machen“, hatte die stets eindringlich sprechende alte Dame gestichelt. „Aber in zwoa Wochen spätestens muaß der Herr da aus der Wohnung heraußen sei.“ Natürlich mussten wir diese Aufforderung ignorieren. Ich hätte ja nicht gewusst, wo ich mit Uwe sonst hätte hingehen sollen. Ich versuchte seinen Rauswurf aus unserer Wohnung mit allen Mitteln zu verzögern, immer aber hing Frau Hingerls Drohung wie ein Damoklesschwert über uns.

Dennoch vermutete ich, dass der Auftritt Uwes in Mariä Heimsuchung den Ausschlag gab. Ich muss natürlich noch erzählen, was dort genau geschehen war. Die Geschichte in der Kirche ging nämlich noch weiter, nachdem uns der seltsame Philosoph, unsere dunkle, intellektuell überaus überlegene Zufallsbekanntschaft, in der Krypta allein stehen gelassen hatte.

Es war jetzt vollkommen dunkel. Auch das Teelicht vor der Statue der Maria war erloschen. „Dun-Klll, hab Annngs!“, sagte Uwe, der Höhlen und Kellergewölbe gar nicht mochte und klammerte sich – der große, kräftige Kerl – an mich vergleichsweise schmächtigen Mann. Zum Glück sah man von dort wo die Treppe in die Hauptkirche hinaufführte, einen hellen Schimmer herkommen, auf den wir zugingen.

Ich war in grüblerischer Stimmung und durch die vorangegangenen Ereignisse ein bisschen verstört. Angst machte mir vor allem der Nachzahlautomat am Eingang. Wie lange waren wir in der Kirche gewesen? Hatten wir die erlaubte halbe Stunde überschritten? Wahrscheinlich ja, denn der Gottesdienst war inzwischen zu Ende. Wie viel Geld hatte ich notfalls noch in der Tasche? Mir fiel jetzt erst auf, dass wir die Krypta ohne Extrazahlung hatten betreten dürfen – ungewöhnlich für eine Kirche, in der sonst von der Beleuchtung der Seitenaltäre bis hin zur Turmbesteigung alles zahlungspflichtig war. Auch hieran zeigte sich der geringe Stellenwert, den das Church-Management Maria inzwischen zugestanden. Ich hatte nachgerechnet, dass uns für den Nachzahlautomaten noch 2 Euro 50 fehlten. Anderenfalls würden wir nicht durch die elektronische Schranke am Ausgang kommen.

Wie gerufen, trat ein Kreditberater von einem der Seitenaltäre auf uns zu und unterbreitete uns mit geschmeidiger Stimme ein besonders attraktives Angebot. Natürlich war die Mindestkreditsumme, obwohl wir nur 2 Euro 50 brauchten, 100 Euro, die Mindestlaufzeit für den Kredit betrug ein Jahr, so dass wir nach Ablauf dieser Frist gegenüber dem Verleiher mit 166,98 Euro in der Kreide stehen würden.

Leider nervte mich gerade in diesem Moment Uwe mit Nachfragen, was es denn mit dem komischen Mann auf sich habe und warum wir stehenblieben. Ich erzählte ihm, dass der liebe Kreditberater Menschen, die kein Geld hatten, zum Beispiel mit einem Euro aushelfe. Und dass die Leute, die sich das Geld geliehen hatten, darüber so dankbar waren, dass sie ihm später zwei Euro dafür zurückgäben. „Blöder Ditberater!“ rief Uwe entrüstet aus, und ich musste dem Berater erklären, dass von einem behinderten Menschen natürlich keine korrekte Einschätzung seines ehrbaren Berufsstandes zu erwarten sei.

„Ein Eich-Hörn-Chn!“, rief Uwe plötzlich begeistert, womit er mich und den Geldverleiher abrupt aus unserem Gespräch riss. Am Nebenaltar hatte der Sülze-Verkäufer ein neues, etwa handtuchgroßes Plakat aufgehängt, das vor unserem Abstieg in die Krypta noch nicht dagewesen war. Darauf die stilisierte Cartoon-Version eines Eichhörnchens und die Aufschrift: „Jetzt im Angebot: Glibby Squirrel – mit extra viel Eichhörnchenfleisch“. Das Plakat war so aufgemacht, dass die Sympathie vieler Menschen für die putzigen Nager unmittelbar in einen Kaufimpuls umgelenkt wurde – wobei ausgeblendet blieb, in welchem irritierenden Zusammenhang Tier und Lifestyle-Produkt zueinander standen. Beherzt griff Uwe nach einem der joghurtbechergroßen Sülze-Behälter, auf denen ebenfalls ein Bild des Cartoon-Eichhörnchens prangte.

Ich war ungeduldig geworden und hatte keine Lust mehr darauf, Uwe alles – wie ich es gewohnt war – beschönigend zu erklären. Schluss mit dem Heile-Welt-Gerede. Geld für das Glibby-Produkt, das Uwe ohnehin wieder auf den Wohnzimmerboden erbrechen würde, hatte ich schon gar nicht. Deshalb sagte ich etwas, was im Nachhinein betrachtet wohl ein Fehler war: „Komm wir gehen, Uwe, das ist nichts für Dich. Die Händler haben die Eichhörnchen getötet, sie in Stücke geschnitten und die Stücke in diese Sülze getan. Jetzt verkaufen sie sie, damit die Menschen sie essen können…“

Auf Uwes Gesicht stand fassungsloses Entsetzen. Er war für ein paar Sekunden wie starr, als sei er zu einer der steinernen Heiligenfiguren geworden, die den Kirchenraum überall schmückten. Man sah förmlich, wie es in seinem nicht sehr leistungsfähigen Gehirn arbeitete. Schließlich hatte er verstanden. Zuerst kamen die Tränen, ein bitterliches Schluchzen, das in Schüben aus ihm brach wie bei jemandem, der verzweifelt nach Luft ringt: „Arme, arme Eich-Hörnch-Chn!“ Dann, als das Weinen abgeebbt war, ein zutiefst erbitterter Ausdruck, wie ich ihn auf seinem meist freundlichen, teigigen Gesicht noch nie zuvor gesehen hatte: „Blöde Hänndla!“ Mit diesen Worten rannte Uwe schnaubend auf den Sülze-Stand zu und fegte mit einem einzigen Wischer seiner großen, schaufelförmigen Hand die gesamte Auslage vom Tisch: dutzende von Sülzebechern, die sich umherrollend auf dem Kirchenboden verteilten.

Mein Freund stieß nun den Verkaufstisch mit einem Fußtritt um, so dass auch die Kasse klingelnd zu Boden fiel und riss das Eichhörnchen-Plakat wütend von seiner Aufhängung. Der Verkäufer war beim Versuch, Uwe auszuweichen, gestürzt und duckte sich angstbebend an eine Säule. Die wenigen Kirchenbesucher, die nah genug bei uns standen, um das Ereignis mit anzusehen, wichen zurück und hasteten verstört in Richtung Ausgang.

Uwe atmete schwer von der körperlichen und auch emotionalen Anstrengung, die hinter ihm lag. Dann fiel sein Blick auf den Stand des Kreditverleihers. „Blöder Ditberater!“ rief er und setzte sein Zerstörungswerk an dessen mobilem Bankschalter mit unverminderter Wucht fort. Der Mann brachte sich eilig in Sicherheit…

Als die Ordner kamen, war es zu spät: ein Bild der Verwüstung. Wohl weil sie Zweifel hatten, ob sie den kräftigen Uwe würden überwältigen können, hielten sie sich zunächst im Hintergrund und wiesen uns per Megaphon an, die Kirche nach dem Aufnehmen unserer Personalien zwecks späterer Schadensersatzforderungen unverzüglich zu verlassen. Einer kam auf mich zu, in mir wohl zu Recht das leichtere Opfer witternd, und forderte mich zur Herausgabe meines Personalausweises auf.

Ich hatte keine Ahnung, wie wir den hier angerichteten Schaden jemals würden begleichen können. Denn der Gesetzgeber hatte mit Blick auf die sich häufenden Gewalttaten randalierender freilaufender Behinderter unlängst ein Begleiter-Haftungs-Gesetz verabschiedet. Danach mussten Personen, die sich mit einem Behinderten zusammen öffentlich zeigten, finanziell für diesen aufkommen wie für ihr eigenes Kind. Früher waren wir mit „so etwas“ noch teilweise ungeschoren davongekommen. Uwe konnte sich auf Unzurechnungsfähigkeit und ich darauf herausreden, dass ich den Schaden ja nicht selbst angerichtet hatte.

Offenbar zeigten die überlieferten Gebräuche in Gotteshäusern wenigstens noch insofern Wirksamkeit, als die Männer keine Schusswaffen bei sich trugen. Darüber war ich mehr als froh, denn gerade in diesem Moment bewegte sich Uwe langsam, aber bedrohlich auf den am Boden kauernden Eichhörnchen-Sülze-Verkäufer zu. Obwohl ich Uwes sanften Charakter kannte, befürchtete ich das Schlimmste. Uwe aber ergriff die schwitzende, schmale Hand des Mannes mit seiner großen und kräftigen und zog ihn mit einem einzigen Ruck zu sich hoch. „Weh getan?“, fragte er in aller Unschuld. Der Verkäufer lächelte unsicher und schüttelte den Kopf. „Lieber Mann!“, stieß Uwe plötzlich aus und drückte den Sülze-Händler an seine mächtige Brust. Der, zitternd und sichtlich irritiert, konnte sich dem Klammergriff des Riesen selbst beim besten Willen nicht entwinden.

Bis dieser von selbst losließ und sein Opfer mit einem kräftigen Prankenhieb auf die Schulter entließ. „Wieder gut!?“ Der Mann sackte keuchend ein Stück in sich zusammen. „Lieber Mann! Aber blöde Sülze!“, rundete Uwe seine kleine Predigt ab. „Nich mehr Eich-Hörn-Chn kochn!“ Mit einem ängstlichen Kopfschütteln deutete der Gepeinigte seine Zustimmung an – eher wohl aus Angst vor weiteren Attacken als aus echter Überzeugung.

„Schafft’s doch mal diesen Idioten hier raus!“, rief die Dame, die uns vorhin über Adelgunde Struntz belehrt hatte, aus sicherem Abstand. „Was macht der überhaupt hier? Das ist ein christliches Haus! Wie sollen wir zugewanderten Mitbürgerinnen und Mitbürgern denn unsere Leitkultur nahebringen, wenn wir sie nicht einmal selbst respektieren?“ Dabei deutete sie auf die am Boden verstreuten Kreditverträge und Sülze-Behälter.

Vier Sicherheitskräfte waren nun auf Uwe zugestürzt und hatten ihn, während er noch mit dem Verkäufer zugange war, an Armen und Schultern gepackt. Im Klammergriff, noch friedlich, aber mit sich schon merklich anspannenden Muskeln, schaute mein Freund fragend zu mir herüber. Ich nickte ihm beschwichtigend zu: „Komm Uwe, tu den Männern nichts. Wir gehen nach Hause…“

Ein paar Tage waren dann vergangen, in denen nichts geschehen war – Tage des trügerischen Friedens. Jetzt hatte es uns erwischt: Uwe in Handschallen, bereit abgeführt zu werden; ich am Boden, in Schach gehalten von bewaffneten Männern. Jetzt drängten sie ihn in Richtung Tür. „Uwe hierbleibn!“, rief mein Freund verzweifelt. „Wo bringen Sie ihn hin?“, fragte ich noch: „Ich muss doch wissen, wo er ist, ich bin doch für ihn verantwortlich.“

„Das dürfen wir nicht sagen“.

Uwe brüllte jetzt hundserbärmlich, als sie ihn in Richtung Türspalt stießen. Ich richtete mich  mit einiger Mühe noch mal auf, schaffte es, einen der Polizisten mit nur sehr vorsichtigem Griff am Arm zu berühren und sagte: „Tun Sie’s nicht!“ „Hände weg, oder wollen Sie wegen versuchter Gefangenenbefreiung belangt werden?“, brüllte der Polizist. Dann wieder ein Schlag auf den Kopf – Dunkelheit. An mehr erinnere ich mich nicht mehr.

Ich rief ein paar Mal im Revier an, ohne dass man mir Auskunft gegeben hätte. In meinem Kopf ging ich verschiedenen Szenarios durch. Man konnte Uwe wegen offensichtlicher Unzurechnungsfähigkeit nicht für seine Taten belangen. Eine Einweisung in ein städtisches Behindertenheim kam nicht in Frage, da ein solches nach der Schließung aller derartigen Einrichtungen im Land nicht mehr existierte. Zu mir zurückbringen würden sie Uwe auch nicht – das würde meine ohnehin schwer verstörte Vermieterin niemals zulassen. Nicht einmal in die Nähe meiner Wohnung würde Uwe gelangen, und ob er überhaupt allein den Weg in unsere Straße finden würde, war höchst zweifelhaft.

Ich ging also von der Hypothese aus, dass die Polizei Uwe nach kurzem, höchst unergiebigem Verhör, nach Ausbruchsversuchen, Schreikrämpfen und einigen Rangeleien, in einen Gefangenentransporter verfrachtet und einfach in irgendeiner gottverlassenen Gegend an der Straßenecke aus dem Auto geworfen hatte. Er musste also jetzt, ganz sich selbst überlassen, irgendwo umherirren. Ich konnte nicht sicher sein, dass dem so war, aber die Hypothese erschien plausibel, also beschloss ich, ihr nachzugehen. Eine andere Chance, Uwe noch lebend zu finden, hatte ich nicht.

Ich durchstreifte die Freewalks bei den wabenartigen Wohnblöcken, die mich spätabends wie schwarze Monster mit dutzenden noch beleuchteten Fenstern anstarrten. Meine Füße strichen über Gras, das durch Fugen drang, stießen sich an achtlos hingeworfenen Haushaltsmaschinen und rostigen Fahrradteilen, kickten ab und zu eine Softdrink-Dose mit schimmelndem Restinhalt beiseite. Ein paar Abende lang ging ich täglich eine andere Runde durchs Viertel – auf der Suche nach Uwe.

Dann sah ich ihn auf einer verwilderten Brachlandwiese zwischen blassgelben, bröckelnden Plattenbauten. Ich erkannte ihn selbst im Liegen an seiner wuchtigen Statur und an seinem Körpergeruch, der mir vertraut war und jetzt nur aufgrund der langen Verwahrlosung schärfer in meine Nase drang. Ich musste einen Würgreflex unterdrücken, als ich mich über ihn beugte und sein von Blutstriemen und eingetrockneten Schlammstreifen besudeltes Gesicht zu mir drehte.

Uwe war tot. Er lag vielleicht schon einen Tag hier oder länger, eingewickelt noch immer in den leidlich warmen Second-Hand-Mantel, den ich ihm gekauft hatte und dessen Kapuze er selbst bei mildem Wetter oft über den Kopf gestülpt hatte. Vielleicht um sich vor einer mehr gefühlten als realen Kälte zu schützen. Einen halben Meter von seiner Hand entfernt, in einer Schlammpfütze, die das kalte Licht eines am Rand schon angefressenen Mondes spiegelte, lag Uwes Stoffeichhörnchen. Das schöne weiche Fell des Schwanzes war zu schmierigen Strähnen verklumpt, während die Knopfaugen seines kleinen Köpfchens vorwurfsvoll zu mir heraufschauten. Ich wischte das Eichhörnchen mit einem Papiertaschentuch ab, drückte es für meinen Moment an meine Brust, wie es Uwe getan hätte, und steckte es in meine Jackentasche.

Ich weinte nicht. Ich überlegte mit einer fast kalten Präzision, was ich tun konnte. Langsam, weniger durch Intuition als durch Ausschluss all dessen, was nicht möglich war, kam ich zu einem Ergebnis. Ich nahm mein Handy aus der Tasche und rief die Nummer der Menschenkörperverwertungsstelle an.

Ich will mein Verhalten hier nicht idealisieren. Es war eine Entscheidung, die nicht heldenhaft oder auch nur im Mindesten menschlich war. Gleich als ich kam, hatte ich das Einschussloch im Mantel entdeckt, ungefähr im Bauchbereich musste Uwe der Schuss getroffen haben. Da der Mantel dick und verrutscht war, war wenig Blut nach außen gedrungen. Aber was ich sah und mit den Fingern erspüren konnte, genügte, um zu wissen: Uwe war von einer inoffiziellen Ordnungseinheit, einer Art autonomer Bürgerwehr, abgeschossen worden wie ein streunender Hund. Es war die Art und Weise wie zunehmend mit „Failed Individuals“ umgegangen wurde, die nicht mehr selbständig leben konnten und niemanden hatten, der sie beschützte.

Mord ist immer noch verboten in unserem Land. Andererseits musste man die Chancen, dass die Verantwortlichen an Uwes Tod wirklich zur Rechenschaft gezogen werden könnten, realistisch sehen. Zunächst wäre es ein teurer Spaß geworden, auf dem Polizeirevier eine Anzeige gegen Unbekannt aufzugeben. Seit die Reviergebühr von 20 auf 40 Euro erhöht worden war, hatte sich die Hemmschwelle, die Aufmerksamkeit von Polizisten wegen einer Lappalie zu beanspruchen, gerade unter weniger betuchten Zeitgenossen drastisch erhöht.

Es klingt nicht viel: 40 Euro für ein Menschenleben – aber erstens muss man auch diese Summe erst einmal haben, zweitens geht die Aufklärungsquote bei Morden an Failed Individuals gegen Null. Es besteht einfach kein öffentliches Interesse daran. Was vorherrschte, war eine mit klammheimlicher Dankbarkeit vermischte schweigende Zustimmung zu dieser durchaus effektiven Methode der Bereinigung des öffentlichen Raums. Was hätte man auch sonst mit den armen Menschen machen sollen? Für manche ist der Tod doch eher eine Erlösung, raunten sich viele auf den Balkonen und Hinterhöfen der von Streunern besonders heimgesuchten Gebiete zu. Geradezu dankbar war man den inoffiziellen Schutzkommandos – so wie man dem Metzger oder Kammerjäger dafür dankbar war, dass er ein Geschäft für einen erledigte, dessen Notwendigkeit man zwar bejahte, das man selbst jedoch nur ungern auf sein Gewissen laden mochte.

Hätte ich die 40 Euro Reviergebühr also auf mich genommen – einmal angenommen, ich hätte mir das Geld besorgen können –, zuzüglich der Bürgersteigmaut, die für die Strecke bis zum Polizeirevier einen nicht unerheblichen Kostenfaktor darstellte, so hätte dies möglicherweise mein Gewissen beruhigt. Keinesfalls hätte es aber die Täter in Bedrängnis bringen können. Ganz davon abgesehen, dass ich Uwe, so sehr er auch die Mutter Maria geliebt und sich als ihr schutzbedürftiges Kind verstanden hatte, durch meinen aufklärerischen Aktivismus nicht hätte dazu bringen können, am dritten Tag von den Toten aufzuerstehen. Der Polizist hätte mich nach der Ausgabe der Quittung für die Gebühr und einer dreiminütigen auf Effizienz ausgerichteten Befragung nach Hause geschickt wie man einen Bürger abwimmelt, der den Diebstahl eines Fahrrads meldet. Ja, ja, wir haben alles notiert. Wir melden uns, sobald neue Erkenntnisse vorliegen.

Ich gestehe – und ich bin darauf weiß Gott nicht stolz –, dass sich irgendwo in einem sorgfältig vor mir selbst versteckten Winkel meines Bewusstseins etwas wie Zustimmung regte. Zustimmung zu dem, was geschehen war, weil es geschehen musste. Denn ich war Uwes letzte Zuflucht gewesen und ich bezweifle, ob ich die Kraft gehabt hätte, ihn unser ganzes Leben lang „durchzubringen“. Ich musste an den Roman „Von Mäusen und Menschen“ denken. Etwas in meinem Verhalten glich der resigniert-melancholischen Einwilligung von George in den Tod Lennies, eines Wesens, das offenbar nicht dafür geschaffen war, in dieser Welt seinen Platz zu finden. O.k., Uwe war nicht gemeingefährlich wie Lennie, und ich hatte die Tötung nicht selbst vollzogen, hätte sie auch gar nicht vollziehen können. Aber ich merkte an diesem Abend doch, wie uns die Steinbeck-Geschichte eingeholt hatte. Ein leidlich gesunder Mensch, durch Loyalität und Mitgefühl für immer gekettet an das Schicksal eines Kranken – es hätte auf die eine oder andere Weise nicht gut ausgehen können.

Der Lastwagen der Menschenkörperverwertungsstelle kam nach 10 Minuten, nicht viel Zeit, um Abschied von Uwe zu nehmen. Ich hatte seine Taschen nicht durchsucht, weil ich wusste, dass sie außer dem Stoffeichhörnchen nichts Bemerkenswertes hatten enthalten können. Ich erzählte dem Fahrer und dem zweiten Träger nicht, dass ich Uwe gekannt hatte und wer er war. Es wäre sinnlos gewesen. Zum Glück kostete der Service der Menschenkörperverwertungsstelle nichts. Hätte man von den Leichenfindern auch noch eine Gebühr verlangt, so wären die Körper wohl auf den Straßen liegen geblieben bis sie zum Himmel stanken. Pietät war ein Luxus, den sich in Zeiten knapper öffentlicher und privater Kassen nicht viele leisten konnten. Der zweite Träger, ein wortkarger, stämmiger Mann, nahm meine Aussagen knapp und lustlos zu Protokoll. Dann gab er dem Fahrer die Anweisung, den Kran in Bewegung zu setzen.

Die Zacken der beiden Baggerschaufeln schlossen sich um Uwes Körpers, verzahnten sich ineinander und hoben ihn langsam hoch, während Kopf und Beine des Toten noch eine Weile von ihrer eigenen Schwere an der Erde gehalten wurden. Dann lösten auch sie sich, und da mir Uwes Gesicht zugewandt war, konnte ich noch sehen, wie sein Mund sich zu einem scheinbaren Lächeln verzog – so wie er immer lächelte, wenn er mit seinem Esel vor dem Fernseher saß und mir zurief: „Und was wird dann aus mir?“ Sein Körper verschwand in einer Öffnung im Dach des Lastwagens. Man hörte nicht mal seinen Aufprall – wohl, weil er weich fiel, auf andere Leichen, die sich bis fast unter das Dach zu einem Haufen gestapelt hatten.

Es lagen viele Leichen von unklarer Herkunft auf den Straßen in diesen Tagen. Menschen, die ihrer Pflicht zur Eigenverantwortung nur unzureichend nachgekommen waren. Auf eine mehr kam es da nicht an. Zum Glück roch man nichts von dem, was sich im Inneren des Wagens befinden musste. Ich konnte nicht sehen, welchem Schandbild des Ekels und der Verwesung Uwes zerstörter Körper nun hinzugefügt wurde. Bilder von Leichenbergen kamen mir in den Sinn, die mich an eine ganz andere Epoche unserer Geschichte erinnerten, Gespenster aus einer Vergangenheit, die zugleich ein Vorgriff auf unsere Zukunft sein könnten.

Die roten Rücklichter des Lastwagens verschwammen im feuchten Abenddunst. Mit ein paar holpernden Geräuschen beim Passieren der Schlaglöcher bog er um die Ecke und mit ihm die letzte Spur von Uwes körperlicher Existenz. In meiner Jackentasche fühlte ich noch die weiche Feuchtigkeit des Stoffeichhörnchens. Ich ging in meine Wohnung zurück.

Seit Uwe tot ist, bemerke ich bei mir ein merkwürdiges Phänomen. Es scheint, als hätten sich einige seiner Eigenschaften in einem schleichenden Prozess auf mich übertragen. Als hätte ich ihn, da es mich zu traurig machte, ohne ihn zu leben, in mir selbst wiedererweckt. Ich darf es ja gar nicht laut sagen, aber wer in den letzten Wochen meine Wohnung überwacht hätte (was durchaus sein konnte in Zeiten der reformierten Sicherheitsgesetze), hätte mich in einer wahrlich peinlichen Situation vorfinden können: Uwes Esel auf dem Schoß und sein Eichhörnchen auf dem Bücherregal, mit einer Dose Pfirsichen vor dem Fernseher. Vielleicht schaute ich gerade einen Don Camillo-Film oder eine Tier-Dokumentation und in meinem Gesicht musste immer dieser staunende Ausdruck gestanden sein, als ob ich gleich weinen würde, es aber nicht konnte.

Uwe war in mir, wie er vielleicht auch in vielen anderen Menschen ist – ungesehen, uneingestanden. Ein Wesen von schöner Einfachheit, manchmal grob nach außen und doch von erstaunlicher Seelenzartheit, jemand dem in unserer Gesellschaft einfach kein Recht zugestanden wurden, zu existieren. Uwe war so ziemlich der einzige Mensch, der mich nie verletzt hatte. Er hatte mir nie einen Vorwurf gemacht, mich nie kritisiert oder war nie mit selbstbewusster Kälte über meine Bedürfnisse hinweggegangen. Seine Existenzberechtigung erwuchs ganz aus ihm selbst heraus, aus dem liebenswert-unbeholfenen So-Sein seines Wesens. Uwes Dasein drängte in keiner Weise danach, zu wachsen, sich zu entwickeln oder einem Ziel zuzusteuern. Nichts wäre ihm fremder gewesen, als sich mit anderen messen zu wollen, sich mit Blick auf ein anvisiertes Soll selbst zu bekritteln oder anzutreiben. Vielleicht musste er auch deshalb sterben.

Niemand aber kann auf Dauer in solch unversöhnlichem Gegensatz mit der Welt überleben, die ihn umgibt. Selbst mein eigenes Überleben, meine gemessen an Uwe einigermaßen vernünftige und effiziente Existenzform, verdankt sich der Tatsache, dass ich „ihnen“ im Grunde immer noch ähnlicher bin als Uwe. Wahrscheinlich konnte nur ein „Verrückter“ so konsequent anders sein als man es von uns erwartete.

Ich gebe zu, dass ich manchmal in meinen Gedanken nach Wegen gesucht habe, wie ich Uwe auf humane Weise loswerden konnte. Ich gebe zu, dass ich manchmal geneigt war, denen zuzustimmen, die mich gegen ihn aufzubringen versuchten: „Warum tust du dir das an?“ Uwe hatte mir eine Menge Geld gekostet, auch Nerverei, Mühe und Verzicht. Dennoch denke ich in meinen sentimentalen Momenten: Selbst wenn ich viel länger mit Uwe zusammengelebt hätte, ich hätte ihm niemals so viel geben können, wie ich von ihm empfangen habe.

Natürlich hatte ich nicht immer solche sozialromantischen Anwandlungen. Das Leben musste weiter gehen, und manches war jetzt, ohne ihn, auch einfacher. Ich wünschte so sehr, dass ihn dort oben ein Empfangskomitee begrüßt hätte, bestehend aus Oma Martha und natürlich der heiligen Jungfrau höchstselbst. Dort könnte er jetzt selig und in Freuden leben, inmitten von Blumen seine Pfirsichdosen löffelnd, während Eichhörnchen über seinem Haupt in den Lindenbäumen turnten. Es wäre schön, aber seien wir mal ehrlich: sehr wahrscheinlich ist es nicht. Wahrscheinlich ist vielmehr, dass es nur diese eine Ebene der Existenz gibt und dass auf dieser Ebene die anderen gewonnen haben – definitiv und unumkehrbar.

Die anderen, damit meine ich den düsteren Krypta-Philosophen, den Kreditvermittler, den Eichhörnchen-Sülze-Verkäufer, die Frau, die die Bürgersteigmaut abkassierte, die Robocops, die Türen eintreten und Menschen misshandeln, die Leute, die die Überwachungskameras gebaut haben, die gestrenge Konzernchef-Mutter Adelgunde Struntz und wie sie nicht alle heißen. Die haben gewonnen, und wir haben verloren. Wir haben nicht aufgepasst, als es noch nicht zu spät war. Und selbst wenn wir aufgepasst haben, haben wir uns nicht getraut, etwas dagegen zu tun. Schade!

Ich zünde jetzt eine Kerze für Uwe an. In einer sehr alten, abbruchreifen, noch nicht vom Struntz-Konzern aufgekauften Kirche habe ich noch eine vergilbte Postkarte der Jungfrau Maria gefunden. Maria, an die ich ja eigentlich nicht glaube, aber weil Uwe sie liebte, doch ein bisschen. Sie lehnt jetzt auf meinem Schrankabsatz neben dem Fernseher an Uwes Stoffeichhörnchen. Davor die Kerze. Das Vergebliche hat manchmal seine eigene Würde – jedenfalls tut es gut, sich das einzubilden.

Wenn ihr mögt und wenn ihr Uwe auch ein bisschen mochtet, zündet auch eine Kerze an. Nicht, weil das noch irgendetwas an den Gegebenheiten ändern würde. Wir haben verloren. Aber solange wir überhaupt noch spüren können, was wir verloren haben, ist da noch ein Funken Leben.

 

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