Verbunden bleiben

 In Buchtipp, FEATURED, Konstantin Wecker, Spiritualität

Zwischen 1985 und 2015 erschien das eigenwillige spirituelle Printmagazin „connection“, bei dem auch Roland Rottenfußer erste Sporen als Redakteur verdiente und als Satiriker wütete. „connection“ heißt Verbindung. Verbunden wurden durch das Magazin die Menschen mit ihrem Urgrund (wie auch immer man den benennen mag); verbunden wurden Politik und Spiritualität, Humor und Ernst, Erotik und Intellekt, Osten und Westen. Leider gibt es mit dem Verkauf des kultigen connection-Hauses in Niedertaufkirchen (Ostbayern) jetzt auch keine Möglichkeit mehr, dort erleuchtungsbeschleunigende Texte und Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Dafür erschien eine überaus lesenswerte Textesammlung, die man quasi als „Best of connection“ aus 30 Jahren betrachten kann. „Hinter den Schlagzeilen“ veröffentlicht in den nächsten Wochen 8 zeitlose Texte daraus (Start der Serie: morgen). Hier auch Konstantin Weckers liebevolles Porträt des Medienunternehmens.

Hellsichtige Spinner, intelligente Brahmanen (von Konstantin Wecker)

Im jüdischen Restaurant am Münchener Jakobsplatz hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Man muss kein Jude sein, um hier zu essen, aber man muss einen guten Appetit mitbringen“. Ein bisschen ähnlich ist es mit der connection. Man muss kein Sannyasin sein, um die connection zu lesen oder eines der wunderbar herzlichen und fantasievollen connection-Feste zu besuchen; aber man muss Appetit mitbringen: Hunger nach Erkenntnis, mystische Glut und eine Portion Lebenslust, was keineswegs mit etwas Banalem und Unmystischen verwechselt werden darf.

Die Zeitschrift wie ihr Gründer Wolf Schneider entstammen ja der Osho-Bewegung. Ich habe vieles von Osho gelesen, was mich sehr angesprochen hat; aber jede noch so schöne und vitale Bewegung wird unerträglich, wenn sie ins Dogmatische und Starre umkippt. Die connection hat sich eine Freiheit und Weite des Geistes bewahrt, die nicht nur gegen die Geistesfesseln fremder Mächte aus Kirche und Staat, sondern auch gegen die Begrenztheit der eigenen „Szene“ immer wieder lustvoll rebelliert. Nur so bleibt das durch seichte oder gar rechtslastige Esoterik mehr als einmal geschändete, etwas schwammige Terrain der Spiritualität nicht nur erträglich, sondern anziehend und inspirierend. Mystik ist, richtig verstanden, Rebellion; und Rebellion erhält durch Mystik eine Tiefe, die sie vor ideologischer Verhärtung schützt.

Ich selbst werde als Liedermacher und Mensch ja nicht zu Unrecht immer wieder mit drei „Eckdaten“ in Verbindung gebracht: einer überbordenden, gänzlich ungenügsamen Lebenslust, dem Aufbegehren gegen politisches Unrecht und einer mystischen Innerlichkeit, die mir in den letzten Jahren zunehmend wichtig geworden ist und die zu den anderen beiden in scheinbarem Widerspruch steht. Es gibt nur ganz wenige, die zu allen drei Facetten meines Wesens in Resonanz gehen können. Wolf Schneider und die connection gehören dazu.

Wenn man in die Welt der connection eintauchte, was ich als Interviewpartner, Leser und Gast über Jahre immer wieder tat, spürte man gleich, dass da Leute am Werk waren, denen dürre Spekulation nicht genug war. Da war ein Medienunternehmen, waren Menschen mit Fleisch und Saft, eine Zeitschrift, die eigentlich nicht nur eine Zeitschrift war, sondern eine Form der Lebenskunst. Der „Heilige Tanz“, in einem meiner jüngsten Lieder beschworen, hier wurde er getanzt – mit ebensoviel Herz wie kritischem Verstand.

„Was für eine Nacht, nur Spinner und Brahmanen“ habe ich in einer oft missverstandenen Zeile meines Lieds „Questa nuova realtà“ geschrieben. Ich musste manchmal daran denken, wenn ich hierher kam. Allerdings ist das aus meinem Munde ein Kompliment. Es waren hellsichtige „Spinner“ und intelligente „Brahmanen“, die ich hier traf, und in einem anderen Lied sang ich nicht ohne Grund: „Wir brauchen Spinner und Verrückte, es muss etwas passieren. Man sieht ja wohin es führt, wenn die Normalen regieren.“ Und auch die „nuova realtà“, die neue Realität der liebevollen Gemeinschaft in Freiheit von Wahn und Zwang – hier konnte man ihren Atem schon ein bisschen spüren.

Das Ende der connection wird auch das Ende einer zwar vom „Mainstream“ ignorierten, aber nichtsdestotrotz wichtigen Epoche im geistigen Leben unserer Kultur sein. Viele – so auch ich – werden diesen menschlich und ökonomisch nachvollziehbaren Abgang mit Trauer begleiten, weil ihnen vielleicht jetzt erst bewusst wird, was sie lange Zeit „hatten“. Die Spiritualität aber kennt etwas wie die Unsterblichkeit des Geistes. Die Form „connection“ ist vergangen, was sie repräsentierte, wird nun freigesetzt, um in neue Formen zu fließen. Wer mit der der connection intensiver in Berührung kam, in dessen Geist und Herzen hat sie Spuren hinterlassen. Dieser Same wird anderswo neue Blüten treiben. „Sterben und Wiederauferstehen ist das Wesen der Welt“.

 

Buchtipp: Reihe Neues Wir, adecis Verlag, Herausgeber: Wolf S. Schneider.

Band 1: Politik + Spiritualität, 11 Euro, als E-Book 6,99 Euro

Band 2: Spiritualität: Die offene Weite, 12,80 Euro, als E-Book 7,99 Euro

Band 3: Wege der Liebe, Wege der Freiheit, 12,80 Euro, als E-Book 7,99 Euro

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