«Viele weinen bei der Ankunft»

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LesbosAnnik und Tamino Wecker haben sich als Flüchtlingshelfer auf Lesbos engagiert. Der körperliche Zustand, die Erschöpfung und das Elend der hier mit Booten ankommenden Flüchtlingen ist oft schwer zu verkraften – all dies im äußersten Süden Europas, in einem Land, das eigentlich nicht mehr allzuviel zu geben hätte, das selbst dringend Hilfe braucht. Es ist viel Mitgefühl und Nervenstärke nötig, um hier als Helfer durchzuhalten. Holdger Platta fasst die Erfahrungesberichte der Frau und des jüngeren Sohnes Konstantin Weckers für die „Initiative für eine humane Welt (IHW)“ zusammen.

Annik Wecker, 42 Jahre alt, die Ehefrau des Münchener Liedermachers Konstantin Wecker, und Tamino Wecker, der 16jährige Sohn der beiden, waren vor einigen Wochen als Flüchtlingshelfer auf Lesbos, im Auftrag der Göttinger Menschenrechtsorganisation „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“. Nun hat Tamino Wecker seinen Bericht über diese Hilfsaktion vorgelegt, einen außergewöhnlich eindrucksvollen Bericht.

Geholfen haben die beiden den ankommenden Flüchtlingen am Strandabschnitt bei Molivos, zehn bis zwanzig Boote kamen dort Tag für Tag an, fast die gesamte Zeit über hatte es dort heftig geregnet. Annik Wecker: „Ich habe einige Babys und Kinder umgezogen, die waren schon ganz blau vor Kälte.“ Und Tamino ergänzt: „Sie zitterten am ganzen Leib.“ Vier Menschen habe er während seines Aufenthaltes auf der Insel sterben sehen: „Es ist eine Insel voller Elend, und nur wenige fleißige freiwillige Helfer aus ganz Europa waren da, um den Menschen zu helfen. Diese werden von der griechischen Bevölkerung tatkräftig unterstützt.“ 30.000 Flüchtlinge seien zu ihrer Zeit auf Lesbos gewesen. Und Annik Wecker berichtet: „Viele weinen bei der Ankunft, vor Erschöpfung, vor Erleichterung.“

Um das Geld für diese Helferfahrt aufzubringen, hatten die beiden Spenden gesammelt, unterstützt von der Göttinger Menschenrechtsorganisation IHW, rund 2.000 Euro, gewohnt hatten sie während ihrer Helfertage auf der griechischen Insel in einem kleinen Hotel, deren Besitzerin ihnen einen erheblichen Preisnachlaß gewährte, aus Solidarität, wie sie sagte. Die Arbeit von Annik und Tamino Wecker bestand vor allem darin, die Menschen an Land zu holen, deren Erstversorgung mit Essen und Kleidern sicherzustellen, weiterzuhelfen bei deren Odyssee auf der Insel, um sie zur Krankenstation zu bringen, sie zu begleiten zu den spartanischen Camps und zu den Registrierungsstationen. Tamino: „Manchmal flossen auch bei mir die Tränen, wenn ich dieses Elend zu sehen bekam.“ Und der Sechzehnjährige fährt fort: „Dieses Elend, das so einfach verhindert werden könnte, wenn die Menschlichkeit einen höheren Stellenwerte hätte als der Profit.“ Was Annik Wecker unter anderem so konkretisiert: zwischen 1.000 bis 2.500 Euro pro Person müssten die Flüchtlinge aufbringen für die Überfahrt auf dem Schlauchboot von der Türkei auf die Insel: „Dabei kann man für zehn Euro von Lesbos einen Tagestrip in die Türkei buchen – das ist doch verrückt!“

Tamino, der jüngere der beiden Söhne von Annik und Konstantin Wecker, hat für seine Person das folgende Fazit gezogen aus seiner Hilfsreise nach Griechenland: „Es ist unbegreiflich, dass es hier in Deutschland Menschen gibt, die einfach wegschauen oder womöglich noch dagegen auf die Straße gehen, dass diesen Menschen geholfen wird. Ich rate jedem ‚besorgten Bürger’ oder ‚Asylkritiker’, umgehend hierher zu kommen und sich ein Bild zu machen, wie es heute in Griechenland und auf dem Balkan aussieht. Wenn sie auch nur einen Funken Anstand im Leib haben, dann bezweifle ich, dass sie sich dann noch montags an den abendlichen Hetzveranstaltungen beteiligen würden. Es ist nicht die Frage, ob Deutschland das ‚schaffen kann’, sondern ob die Regierenden dies wollen.“

Die Göttinger Menschenrechtsorganisation „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, die sich seit dem Juli des letzten Jahres bereits in der GriechInnenhilfe engagiert und für diesen Zweck bis zum Jahreswechsel über 100.000 Euro zu sammeln vermochte, beabsichtigt, auch die Hilfe für die Flüchtlingshelfer auf Lesbos fortzusetzen.

Sudershausen, den 25. Januar 2016 Holdger Platta
(IHW-Vorsitzender)

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