Wahrhaftiges, zeitkritisches Theater muss leben können!

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Das Metropoltheater, München

Das renommierte Metropoltheater in München, das demnächst wieder eine ergreifende Produktion über Flüchtlingsschicksale auf die Bühne bringt, leidet an seiner knappen finanziellen Ausstattung. Ist solches Theater am Puls der Zeit den Stadt- und LandespolitikerInnen vielleicht zu unbequem? Konstantin Wecker und Roland Rottenfußer bitten um Unterstützung eines Appells des Metropol-Fördervereins.

Liebe Freunde,

das Metropoltheater ist ein Juwel innerhalb der nicht überall glänzenden Theaterwelt Münchens. Bestes Beispiel ist die Aufführung des Stücks „Die letzte Karawanserei“ von Ariane Mnouchkine (wieder auf dem Spielplan ab 27.10.17, Vorverkauf läuft). Darin wird eine Fülle von Flüchtlingsschicksalen szenisch auf die Bühne gebracht, basierend auf über 400 Interviews mit Geflüchteten und Asylsuchenden, die die Autorin Anfang der 2000er-Jahre geführt hat und die heute fast noch aktueller sind als damals. „Lieber ertrinke ich in diesem Wasser als in meinen Tränen“, heißt es in dem Stück.

Das ist genau die Art von Theater, die wir heute brauchen: nicht im raum- und zeitlosen Ungefähren verschwimmend, sondern realistisch, heutig und wenn nötig hart. Ein Theater, das sich nicht zu fein ist, den bewegenden politischen Themen der Zeit zu folgen. Und das dabei, anstatt abstrakt von „Flüchtlingszahlen“ zu schwafeln, immer nah am menschlichen Einzelschicksal dran bleibt. Denn wie human oder inhuman eine Gesellschaft ist, das bemisst sich nicht aufgrund von Gedankengebäuden und diversen „Ismen“, sondern danach, wie weit wir uns anrühren lassen von den Worten, dem Blick, dem Schicksal eines konkreten lebenden Wesens in Not. „Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen“, gab der unsägliche AfD-Politiker Alexander Gauland von sich. Doch, bitte: schaut in diese Augen! Schaut genau hin und lasst es euch wirklich nahe gehen; und dann entscheidet, ob Ihr weiter eine Weltanschauung pflegen wollt, die nichts anderes ist als der ideologische Überbau einer traurigen emotionalen Verhärtung.

Szenenfoto aus „Die letzte Karawanserei“

Das renommierte Metropoltheater ist jetzt zum 3. Mal hintereinander an die Spitze der besten Off-Theater im deutschsprachigen Raum gewählt worden und wird derzeit mit nur € 150.000,- im Jahr gefördert. Das reicht hinten und vorn nicht. Fast kann man sich des Verdachts nicht erwehren, derart hochwertige Kultur am Puls der Zeit, mit dem Mut, auch in die dunklen Ecken unserer Gesellschaft hineinzuleuchten, soll gar nicht gefördert werden, weil sie unbequem ist. Seichtkultur ist eingängig und drängt sich uns auf: ob das der das Schlager ist oder sein theatralisches Pendant: die Comedy oder Boulevardkomödie; wahrhaftige aufklärende und transformierende Kultur dagegen muss erarbeitet werden – und zwar sowohl von Künstlern wie dem wunderbaren Ensemble des Metropoltheaters als auch von den Zuschauern, denen solches Theater nicht glatt runter geht wie ein Smoothie, an dem sie vielmehr eine Weile zu kauen haben und das sie gerade deshalb bereichert nach Hause schickt.

Ja, ich weiß, es ist „kein Geld“ da. Für fast alles, was Menschen für ein Leben bräuchten, das mehr ist als bloße physische Existenz, fehlen die nötigen Mittel. Und das, obwohl die Steuereinnahmen sprudeln und deutsche Unternehmen Rekordgewinne einfahren, obwohl sich herzamputierte Börsianer und Spekulanten noch immer auf Kosten der Allgemeinheit Millionen erzocken. Nie hören wir: es fehlt an Geld für den nächsten Kriegseinsatz, für mehr Überwachungskameras, für die Zahlung überhöhter Zinsen an Banken, für martialisch geschützte, inhaltsleere Politikertreffen. Aber an authentischer Qualitätskultur, ja, da muss gespart werden. Ein solches Schattendasein auf der Prioritätenliste der Politik führen sonst allenfalls noch Pflegekräfte und Krankenhauspersonal.

Es ist eine Schande, und ich fordere die Verantwortlichen dringend auf, mutig zu sein und ihre Prioritäten zu überdenken. Liebe Freunde, Euch kann ich nur bitten: Unterstützt das Metropoltheater und den Appell seines Freundeskreises an die Stadt- und Landesväter und -mütter, die Fördersumme zu erhöhen.

Bitte unterschreibt für eine bessere Fördersituation auf
www.petitionen24.com/20_jahre_sind_genug

(Text: Konstantin Wecker und Roland Rottenfußer)

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