Warum brauchen wir Spiritualität für das neue Jahrhundert?

 In FEATURED, Konstantin Wecker, Politik, Spiritualität

Foto: Thomas Karsten

So mancher wunderte sich – und wundert sich noch immer –, dass sich der scharfzüngige politische Künstler Konstantin Wecker als spiritueller Mensch versteht. „Neu“ ist diese Seite an ihm ohnehin nicht. In diesem Artikel berichtet er von einem Erlebnis des Erwachens im Gefängnis. Und er erklärt, wofür Spiritualität auch in einem weltlichen Kontext „nütze“ ist. Vor allem schafft sie ein Verbundenheitsbewusstsein, das es unmöglich macht, sich gegenüber vermeintlich Fremden abgrenzend und diskriminierend zu verhalten. Spiritualität erleichtert „Inklusion“, wo Politik oft ausschließt und Fronten bildet. Dies meint auch den Frieden mit den eigenen Schattenanteilen. Konstantin Wecker

Viele Menschen scheinen überrascht darüber zu sein, dass ich mich „plötzlich“ für Spiritualität interessiere. Gern wird in diesem Zusammenhang mein Lied „Genug ist nicht genug“ zitiert, in dem es u.a. heißt: „Nur die Götter gehen zugrunde, wenn wir endlich gottlos sind“. Ich stehe nach wie vor zu diesem Satz, weil ich glaube, dass die Zerschlagung der Götzen, die uns in den verschiedenen Religionen angeboten werden, nicht nur notwendig ist, sondern zugleich auch eine große Chance. Wir dürfen nur in der gegenwärtigen Situation nicht den Fehler machen, uns an Stelle der alten Götzen neue aufzubauen, wie zum Beispiel den Materialismus oder, im Moment, den Kapitalismus. Gott ist etwas, was ich im Laufe meines Lebens – als Wort und vor allem als Bild, das ich vielleicht auch schon als Jugendlicher von ihm hatte – mehrfach zertrümmern musste, um es jetzt wieder völlig ohne Probleme verwenden zu können.

Warum brauchen wir Spiritualität für das neue Jahrhundert? Ich glaube, dass unsere einzige Chance, Feindbilder und ideologische Weltbilder abzubauen, darin besteht, dass wir auch in uns selbst blicken. Es ist wichtig, sich immer wieder selbst zu hinterfragen, sich selbst zu entlarven und zu warnen. Ich habe einmal einen Text darüber geschrieben, wie ich meine eigene Ungereimtheit mit rebellischen Versen tarnte. „Zwar ich kleide meine Zweifel in Gedichte ab und zu. Das verschafft paar ruhige Stunden, eigentlich ist nichts geschehen. Ach, es gibt so viele Schliche, um sich selbst zu hintergehen!“ Und in einem anderen Lied: „Von allen meinen großen Lieben ist mir nur eine treu geblieben: der Selbstbetrug.“ Es schien fast, als wollte ich mich mit diesen Liedern selbst warnen und aufrütteln und als ob meine Texte schon immer viel weiter gewesen wären als ich selbst es war.

Natürlich könnte diese Form der Innenschau auch von der Psychologie und der Psychotherapie geleistet werden, doch meines Erachtens, greift psychologisierende Selbstbeschäftigung ohne eine spirituelle Komponente zu kurz. Sie steht unter dem begründeten Verdacht, sich einzig und allein für den eigenen Nabel zu interessieren – so als wären wir isolierte Wesen, die durch eine imaginäre Käseglocke vom Rest der Welt abgeschirmt wäre. Die Spiritualität geht tiefer und verbindet uns mit Allem und allem Sein.

Dazu muss ich etwas von meiner eigenen Lebensgeschichte erzählen: Ich habe vor jetzt fast 25 Jahren einen wirklich großen Zusammenbruch erlebt, der natürlich mein Leben sehr verändert hat. Vor diesem Zusammenbruch war ich nur noch eine Kopie meiner selbst. Das Image, das ich in jungen Jahren selbst aufgebaut hatte und all das, was meine Fans zusätzlich in mich hineininterpretiert hatten, habe ich versucht zu leben, obwohl ich es eigentlich schon gar nicht mehr war: Der ewig Starke, der ewig Powervolle, der ewig Leidenschaftliche, der Unzerstörbare, der Lebemann, der rebellische Lüstling aus „Genug ist nicht genug“ – all das war ich eigentlich gar nicht mehr. „Ich hab es satt, ein Abziehbild zu sein“, heißt es in dem Lied. Nun war ich doch eins geworden – ein Abziehbild meiner selbst.

Und dann kam dieser Zusammenbruch. Und im Gefängnis hatte ich dann ein ganz entscheidendes Erlebnis. Dort habe ich in ein paar Stunden Teile meines Lebens aus der Sicht anderer gesehen. Ich habe gefühlt, wie mich Menschen empfunden haben, denen ich etwas angetan habe – im Streit z.B., wenn ich sie angeschrien habe, oder auch, indem ich selbstgerecht war. Ich konnte mich selbst tatsächlich von außen betrachten, und was ich da sah, war nicht unbedingt angenehm. Ich habe da einen Konstantin Wecker gesehen, von dem ich mir nicht eingestanden hatte, dass er so sein könnte.

Das war wirklich ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich begann zu meditieren und habe dann die ersten Jahre sehr intensiv und sehr demütig begonnen, mich wieder zu entdecken. Das Wort Demut hat für mich damals zum ersten Mal eine wirklich lebendige Bedeutung für mich gewonnen. Ich begann zu entdecken, was hinter diesem Ich, an das ich sowieso nicht mehr so recht glaubte, so alles wohnte und lauerte. Und das war ein Schritt in eine neue Welt, die nur deswegen nicht so ganz neu für mich war, weil ich sie als Jugendlicher ein paar Mal erlebt hatte.

Ich habe auch angefangen, das Gebet wieder zu entdecken. Ich weiß noch genau, wie ich mich vor mir selbst dafür geschämt habe, zu beten. Dann habe ich mir die Frage gestellt: Warum schäme ich mich eigentlich, zu Gott zu beten? Der Grund liegt in der weit verbreiteten gesellschaftlichen Ächtung der Spiritualität. Diese Scham musste ich zuerst überwinden.
Seit meinem Erlebnis im Gefängnis, durch das ich am eigenen Leib erfahren habe, wie mich andere Menschen erlebt haben, ist es mir nicht mehr möglich Spiritualität von Fragen der Ethik zu trennen, von dem ganz konkreten Versuch, meine Mitmenschen gut zu behandeln. Ich habe immer das Gefühl, dass es ja schön und gut ist, wenn sich jemand erleuchtet nennt, doch mich interessiert zuerst einmal die Güte; wo entdeckt man eine wirkliche, wie Albert Schweitzer es nennt: tätige Hingabe?

Eine Aussage von Ken Wilber hat mich in diesem Zusammenhang ausgesprochen beeindruckt: Er sagt, dass die Religion zwar für die meisten Menschen die Funktion hat eine gewisse Beruhigung, eine gewisse Sicherheit zu geben; dass aber Religion in ihrem tiefsten Sinne etwas ist, das zuerst einmal verunsichert, etwas, das einen auch in tiefste Nöte und Stürme stürzt. Es hat mich sehr beeindruckt, dass Glaube für Wilber nicht vordringlich diesem narzisstischen Zweck dient, sich ein noch angenehmeres Dasein zu verschaffen – was ich bei vielen so genannten Esoterikern spüre, und was auch zu einer unglaublichen Arroganz führen kann. Ich glaube, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, in der sich der nach Erleuchtung strebende einbringen muss in die Realität.

Eines der faszinierendsten Phänomene ist für mich noch immer das menschliche Gewissen. Ich möchte fast sagen, es ist ein Gottesbeweis. Natürlich kann man immer wieder feststellen, dass Gewissen auch von gesellschaftlichen Zuständen abhängig ist. Und trotzdem gibt es immer wieder, wie Gottfried Benn es nennt, „Blüten“ – zum Beispiel Menschen, die aus einem Elternhaus kommen, von dem man meinen könnte, dass daraus nur ein Nazi entstehen kann. Diese „Blüten“ widersprechen jeder wissenschatflichen Theorie über die menschliche Seelenentwicklung. Sie widerlegen die These, dass es allein auf die Erziehung oder auf die Genetik ankommt. Sie machen spürbar, dass es so etwas wie ein Gewissen gibt, das, wovon ich überzeugt bin, in jedem Menschen wohnt. Das ist der Antrieb für den einzelnen Menschen, aber auch der Antrieb für die ganze Menschheit sein, zu einer neuen Entwicklungsstufe zu kommen.

Ich kann es natürlich nicht beweisen, aber ich glaube, dass ein Sinn in dieser ganzen Schöpfung liegt. Und das umfasst die ganze Schöpfung, man kann nichts davon ausnehmen, auch nicht den Schmerz. Ich habe festgestellt, dass man mit Menschen, die einmal einen großen Schmerz empfunden und, vor allem, angenommen haben auf eine ganz andere Weise sprechen kann, als mit denen, die diesen Schmerz entweder noch nicht gespürt haben oder ihn immer weg drücken. Im Buddhismus wird es ja auch beschrieben, in der Legende von Buddha, der in einem Palast aufwuchs, in dem es keine Sterblichkeit gab, kein Alter und keinen Hunger. Sein Leben und seine Erkenntnis begannen eigentlich erst in dem Moment, als er aus dem Palast herausging, als er merkte, dass es Alte gibt, Sterbende.

Wir alle in unserer Gesellschaft leben in diesem Palast. Vielleicht liegt ja in großen Katastrophen wie dem schreckliche Tsunami im Indischen Ozean oder dem Hurrican über New Orleans auch eine große Chance. Diese grauenvollen Erlebnisse sollte bei uns auch etwas Innerliches bewirken. Zum Beispiel beim Thema Fremdenfeindlichkeit, das bei uns in Deutschland jetzt wieder sehr aufkommt. Ich glaube, sehr viele Leute, die die Tsunami-Katastrophe überlebt haben, haben sich wirklich gewundert. Im Fernsehen sah man viele, die mit glühenden Augen von der aufopfernden Hilfsbereitschaft der Muslime, Buddhisten und Hindus erzählt haben, die manche hier so gerne aus dem Land jagen würden.

Anzeige von 3 kommentaren
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    Ruth
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    Lieber Konstantin,

    der Verlust eines geliebten Menschen machte mich demütig. Und ich musste mich auf einen bedrohlichen, kräftezehrenden Weg begeben!

    Wie immer man das „Göttliche“ definiert: Barmherzigkeit – wer benutzt dieses Wort noch – ist doch die Grundlage für ein friedliches Miteinander.

     

    GLAUBE  HOFFNUNG  LIEBE

     

    Eine Maxime für

    m e i n

    Leben!

     

    Viel Glück für Dein Leben!

     

     

     

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    Gaum
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    Lieber Konstantin Wecker,

    ich bin mir nicht sicher, ob Sie nicht Kommentare wie diese vielleicht schon zu Dutzenden erhalten haben, aber ich will es trotzdem versuchen: Ihre Ausführungen gefallen mir sehr, weil ich als Quäker genau diesen Zugang zum Glauben gefunden habe, nur über den „linken Flügel der Reformation“, zu dem die Quäker zählen – Sie nennen es Spiritualität. Vielleicht kann Ihnen deren Zugang, dass in allen Menschen „etwas von Gott“ steckt und es in jedem ein „inneres Licht“ gibt, ja etwas geben.

    Mit freundlichen Grüßen

    Wilfried Gaum

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    G.M. Hoess
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    Lieber Konstantin!

    Ein etwas anderer Kommentar!

    Ich besuchte vergangenen Sonntag das Konzert auf den Kasematten in Graz – herzliche Gratulation 🎉- mir wehte ein für mich „neuer Wecker“ entgegen – sehr in sich ruhend, fast über uns musikalisch schwebend in Sphären die für mich wundervoll zu beobachten waren. Man fühlte sich bei sich selbst angekommen beim Zuhören der zum Teil schon bekannten Melodien und Texte, zum Teil – für mich- auch neue Melodien, die so den Seelenanteil berührten- schöner kaum möglich. Auch Fanny Kammerlander: ein wahrlicher Augenschmaus als Frau -durchaus auch für Frauen-und als Cellistin sensationell- ganz zu schweigen von der musikalischen Glanzleistung bei der Interpretation (jo B.)gegen Ende des Konzertes, welches v i e l zu früh endete (😄)

    ich danke dem Trio für einen an musikalischem Hörgenuss kaum zu übertreffenden Graz-Abend🙏🏼

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