…was kann ein Einzelner schon tun?!

 in Kurzgeschichte/Satire

CynthiaNickschasKopfregalCynthia Nickschas, 26jährige Singer-Songwriterin aus Bonn, erfahrene Straßenmusikerin, veröffentlicht am 26.9.2014 ihre CD „Kopfregal“ auf Konstantin Weckers Label „Sturm & Klang“ – und fragt sich, was wir angesichts der Kluft zwischen den Klassen tun können. Sie hat uns freundlicherweise ihren Prosatext (sie nennt es „Gedankensalat“) zur Verfügung gestellt.

…was kann ein Einzelner schon tun?!
Dieser Satz geht mir so auf die Nerven… Und hier hab ich ihn in den letzten paar Wochen öfter gehört als in den letzten drei Jahren in Bonn.
Ich weiß warum ich diese Gegend verlassen habe: die Kluft zwischen den Klassen hier ist riesig. Fulda hat im Prokopfvergleich mehr Millionäre als Hamburg, dafür aber auch mehr Drogendelikte und insgesamt eine höhere Kriminalitätsrate als zb Städte wie Frankfurt am Main… Erst wenn man die Chance hatte mal beide Seiten kennenzulernen, versteht man glaube ich, was ich meine.. Ich kenne das Ghetto, bzw die Ghettos hier von innen. Sie sind überall in der Gegend, sichtbar und unsichtbar. Und sie sind riesig. Unglaublich viele fertige Menschen, Drogen – und Alkoholabhängige en mass, Leute die unter schweren Depressionen leiden, viel zu junge Mütter, unglaublich viele brutale, kalte Verbrecher, so viele Menschen die gelernt haben für ihren eigenen Vorteil wenn es sein muss über Leichen zu gehen, ihre Freunde auszurauben und zu verraten, ihre eigene Würde jeden Tag ein Stück mehr zu verlieren. Und dann sind wir beim Thema eigener Vorteil, und damit schon auf der anderen Seite der Medaille: den unglaublich vielen Menschen hier, die stur dieses „Schule, Ausbildung, Job, Stelle, Sicherheitsprinzip“ verfolgen, und um dieses Prinzip nicht aus den Augen zu verlieren, dieselben abwenden von dem Leid, welches um sie herum existiert…
Das Schlimmste an der Sache ist, dass keine der „beiden Seiten“, (ich sage übrigens nicht, dass hier keine Mittelschicht existiert, nur fällt diese äußerst gering ins Gewicht, da die meisten die die „mittlere Oberschicht“ vertreten, sich gedanklich an die „Reichen“ anpassen, und die „untere Mittelschicht“ sich an die „Armen“, die paar wirklich Coolen hier sind äußerst spärlich gesäht) irgendwie daran interessiert wäre miteinander zu kommunizieren. Hier wird großgeschrieben was der Nachbar denkt, fällt man aus der Reihe wird man gemieden und bekommt Schwierigkeiten „Gleichgesinnte“ zu treffen. Scheißegal ob arm oder reich, bist du anders und kommunizierst auch noch mit der Gegenseite, oder probierst es zumindest aus, gehörst du nirgendwo dazu. Ich war schon immer anders und habe viele Jahre meiner Kindheit hier verbracht. Ich dachte immer, das wäre überall so, ich wäre überall so „krass“ Außenseiter wie ich es hier war. Außenseiter war ich immer, nur ist es mir, egal in welchem Bundesland oder auch Land, nie so schwer gefallen Freunde zu finden oder generell Menschen zu finden die mein Anderssein akzeptieren, wie hier. In der Grundschule war es am schlimmsten. Eine Freundin hatte ich, die andere Außenseiterin der Klasse, und das auch erst seitdem sie im zweiten Schuljahr aus Merseburg in unser Dorf gezogen war. Die Eltern der anderen aus meiner Klasse waren „gut situiert“, und wer das nicht war, hatte zumindest ein – zwei Statussymbole damit es so aussah als hätte man Geld. Und sowieso gehört es sich ja nicht über Geld zu reden.. „Wieviel verdienst du?“ eine verbotene Frage, schon bei Taschengeld.
Als ich die Waldorfschule besuchen durfte, war das schon besser, da wurden aus der einen Freundin dann schon drei Gute und beim generellen „Gemeinschaftsgeplänkel“ war ich mit am Start. Aber auch dort war der Klassenkampf zu spüren, wer nix hat, ist nix und zeigen was man draufhat istgleich angeben, besser als die anderen sein wollen, rausstechen, Streber, Arschloch.. Wer da nicht drüberstehen kann, kackt entweder ab oder die Mühle erfasst ihn und er wird genauso.
Ich habe nachher noch in anderen Gegenden Deutschlands gewohnt, doch nie ist es mir so sehr aufgefallen wie hier, und wenn ich heute hier bin fällt es mir so schmerzlich auf wie nie. Vielleicht weil ich angefangen habe mich wirklich mit der Frage „was kann ein Einzelner schon tun“ zu beschäftigen. Vielleicht weil ich dieses fuldaer Land für mich als einen kleinen „Weltspiegel“ erkannt habe.
Meine Familie und ich waren oft in der Situation dass wir Hilfe hätten gebrauchen können, aber niemand war da. Wer so aufwächst, dass er nie wirklich Hilfe braucht, weiß auch nicht wie unangenehm es sein kann, nach Hilfe zu fragen. Und wer das nicht weiß, antwortet doch eher mit dem Satz: „Selber schuld, hättest du halt…(auf uns gehört, nicht versucht anders zu sein, dir einen besseren Job gesucht, in der Schule aufgepasst, blabla)“
Im Gegenzug dazu: wer aufwächst mit der ständigen Angst davor, nach Hilfe zu fragen, weil diese Antworten einem die Lust zu fragen versauen, der lernt, für sich alleine zu stehen, den eigen Vorteil zu verteidigen, notfalls über Leichen zu gehen. Wer diese Härte nicht besitzt, kackt ab. Oder lenkt sich ab, lässt sich ablenken von den mittlerweile unerschöpflichen Konsumquellen, Drogen, Klamotten, Statussymbolen, Medien. Welche wiederum genau doiesen Salat züchten wollen um uns zu beschäftigen und von den wahren Problemen dieser Welt gedanklich fernzuhalten… Wie doof sind wir eigentlich?
Da bin ich wieder bei dem Satz: was kann ein Einzelner schon tun?
Helft einander, redet miteinander, geht aufeinander zu, erzieht eure Kinder zum Lieben und Denken und fertigt sie nicht mit Geld ab (womit sie sich ihre fehlenden Endorphine kaufen können auf dem Schwarzmarkt) sondern habt Zeit für sie, auch wenn ihr dafür ein paar Schichten weniger schafft und der neue BMW halt noch warten muss.. Lasst die brutale Abstumpfung der Medien nicht auf sie (und euch) wirken und vielleicht das wichtigste: informiert die Menschen in eurem Umkreis über alles was passiert. Wer weiß, vielleicht hat der doofe Typ von nebenan über drei Ecken was mit der Gehaltserhöhung von letztem Monat zu tun?! Verdammt liebt euch. Kümmert euch um Bedürftige. Schreibt HELFEN groß. Nehmt einen Tramper mit (vielleicht ist er ein werdender Rockstar und hat als Dankeschön eine signierte CD für euch), helft der alten Dame über die Straße, lasst den komischen Punk, den eure Tochter auf der Straße eingesammelt hat GELIEBT ❤ WERDEN.
Oder zeigt mir Menschen die auf dem Sterbebett ihr Geld, und nicht ihre Freunde und Lieben zählen.

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