Was Konstantin Wecker am 11. Sept. 2001 in sein Tagebuch schrieb

 In Konstantin Wecker

Der 11. September 2001 ist das Urbild aller modernen Attentate. Das Ereignis lief – ähnlich der Wiedervereinigung vor 12 Jahren – eigentlich der Weckerschen Mentalität zuwider. Es begünstige scheinbar rechts-autoritäre „Tugenden“ wie Kriegsbereitschaft, Fremdenhass und Heimattümelei, die Gleichschaltung der öffentlichen Meinung und sozialvergessenes „In-Zeiten-der-Not-gibt-es-nur-noch-Amerikaner“-Pathos. Wie hat der Liedermacher darauf reagiert? Hatte er überhaupt eine Antwort auf das Grauen und seine absehbar noch verheerenderen geopolitischen Folgen? Tatsächlich schrieb er noch am selben Tag eine Notiz in sein Tagebuch – und setzte die Auseinandersetzung mit diesem Thema in den Folgemonaten fort. Er mahnte zu Besonnenheit und Selbtkritik des Westens. Besonnenheit-  ein Wort, das heute bei CSU-Chef Seehofer nicht in hohem Ansehen steht. Von Weckers Betrachtungen damals können wir aber auch in den aktuellen Krisen noch lernen.

Ist es nicht entsetzlich, was Nationalismus und Fanatismus anrichten? Wie verblendet und von Hass verbrannt muss man sein, um sich zum Massenmord berechtigt zu fühlen? Zum heiligen Krieg? Mein ganzes Mitgefühl gilt natürlich den Amerikanern: den Verletzten, den Verwandten und Freunden der Toten, den Kindern und Müttern und Vätern, all denen, denen der heutige Tag das Leben zerstört hat. Wie viele Kinder warten heute vergebens auf ihre Mütter und Väter? Uns erschüttern diese Bilder auch deshalb so , weil es ein Anschlag auf unsere „zivilisierte“, westliche Wohlstandsgesellschaft ist.

Aber ich denke, gerade in solchen tragischen Momenten, sollten wir auch der 80 000 Menschen gedenken , die täglich verhungern. In Gegenden die weit weg sind. Am Rande sich rasant ausbreitender Wüsten. Denen keine Sondersendungen gewidmet werden. Viele Kinder, Mütter, Väter, Freunde, Verwandte… Anstatt jetzt nach Rache zu schreien und mit Hass zu reagieren, sollte uns diese Schreckenstat daran gemahnen, endlich etwas abzugeben von dem Zuviel, das wir besitzen.

Als ich vor vielen Jahren in Lima für das Goetheinstitut gastierte, wohnte ich bei dem Leiter des Instituts in einem von einer Privatarmee bewachten Wohnblock. Die Wohnung war nochmals abgesichert mit Panzertüren, und im Schlafzimmer lagen zwei geladene Maschinenpistolen. Der Hausmeister raunte mir zu, wenn die herrschenden Familien nur ein paar Prozent abgeben würden von ihrem Reichtum, dann wären sie immer noch reich genug, aber sie müssten nicht mehr so panische Angst haben vor den Armen und Hungernden. Steuern wir nicht weltweit genau auf diese Situation zu?

Ich hoffe, dass man jetzt nicht wieder einzig die „harte Mann“ Reaktion als Antwort hat. Das würde die Spirale der Gewalt nur weiter drehen. Solch eine Zeit der Trauer sollte auch eine Zeit der Besinnung sein.
Für uns alle.

Nachtrag (23:43 Uhr): Gerade habe ich in einem ausgezeichneten Kommentar des Kölner Stadtanzeiger von der Notwendigkeit gelesen, die Prinzipien der Menschlichkeit auch dann nicht aufzugeben, wenn sie mit Füßen getreten werden. Was monatelang in Ruanda und Burundi geschah, ist nicht minder schändlich für die Menschheit, nur ist es weiter entfernt von unserem Lebensnerv, der gestern haargenau getroffen wurde. In der Tat ist im Chaos der nur zu verständlichen Emotionen von Bush nun ein fast übermenschliches Maß an Beherrschung verlangt. Sonst könnte die Apokalypse von New York und Washington zu einem Inferno für die Welt werden.

Fortsetzung, Mittwoch, 19. September 2001: Meines Erachtens war der das kein Anschlag auf Amerika, sondern ein entsetzliches Verbrechen gegen 5000 Menschen aus über 60 Nationen. Meine uneingeschränkte Solidarität gilt diesen Menschen, ihren Freunden und Verwandten. Nicht einer Nation. Denn wir alle sind aufgefordert umzudenken, nicht nur die Amerikaner. Unsere westliche Lebensweise des Überflusses, der Verschwendung, der Gedanken- und Geistlosigkeit zu überdenken. Unseren Hochmut und unsere Ignoranz. Das große Leid rechtfertigt nicht die ewig alten Fehler.

Nationalismus ist und bleibt ein Grundübel. Terrorismus muss mit rechtlichen, nicht mit militärischen Mitteln bekämpft werden. Also muss man die ganze Welt einbeziehen im Kampf gegen die unmenschlichen Verbrecher. Nicht nur die sogenannte zivilisierte Welt. Dies ist kein Krieg.

Noch nicht.

Das Etikett „Krieg“ lenkt ab von der Fragwürdigkeit blinder Vergeltungsschläge. Für mich ist es so unendlich traurig, dass keine, aber auch gar keine Bereitschaft mehr besteht, darüber nachzudenken, ob Medikamente und Lebensmittel nicht besser wären als Bomben für Afghanistan. Wer von Versöhnung statt Vergeltung spricht, wird bestenfalls als mitleidsloser Narr abgetan. Unsere Gesellschaft, also wir alle, haben diese Welt so sozial ungerecht gestaltet, durch unsere materielle Gier und Ignoranz, dass wir jetzt die Chance ergreifen müssen, zur Besinnung zu kommen.

Albert Schweitzer hat uns schon vor Jahrzehnten gewarnt: „Was leide ich darunter, dass wir Menschen so viele Zeit des Zusammenseins unnütz miteinander verbringen, statt uns in ernster Weise über ernste Dinge zu besprechen und uns einander als strebende, leidende, hoffende und glaubende Menschen zu erkennen zu geben“

Den lautstarken Verteidigern und Verfechtern der Spaß- und Konsumgesellschaft und des hemmungslos freien Marktes seien diese weisen Worte auf dem leichtfertigen Weg mitgegeben.

Fortsetzung: 17. November 2001: „Zwar wird uns versichert, der vor uns liegende, „lang dauernde Krieg“ werde stets der politischen Hauptprämisse – Kampf dem internationalen Terrorismus – folgen und in politische, humanitäre und wirtschaftliche Maßnahmen eingebettet sein. Aber was heißt das? Wie weit genau und gegen welche Staaten wird das Anti-Terror-Netz ausgespannt werden?“

Das steht heute in der TAZ. Und genau hier liegt das Problem für alle, die jetzt glauben, Krieg hätte wieder mal eine Lösung gebracht.

Unabhängig davon, dass ich Jubelbildern, vor allem in Kriegszeiten, nicht mehr vertrauen kann – denn wie während des ganzen Krieges werden natürlich die erschütternden Bilder derer nicht gezeigt, die unter den Übergriffen der mörderischen Nordallianz und den weiteren Bombenangriffen zu leiden haben – ist dieser Krieg noch lange nicht zu Ende. Die Kluft zwischen West und Ost ist nach 5 Wochen Bombardement unüberbrückbar geworden, und dem ursprünglichen Ziel des Krieges, dem Kampf gegen den Terrorismus, ist man kein bisschen näher gekommen.

Noch niemals in der Geschichte der Menschheit hatte man ein Waffenarsenal zur Verfügung, das mit einem Schlag die Erde zu vernichten in der Lage ist. Wie kann man unter diesem Aspekt die Spirale der Gewalt immer weiterschrauben?

Nicht nur in der Hand Bin Ladens sind Atomwaffen gefährlich, wie die Geschichte zeigt. Der ehemalige Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten, Caspar Weinberger, sagte, dass die Ölfelder Zentralasiens zum vitalen Interesse der vereinigten Staaten gehören – wer will da noch an einen Krieg aus rein humanitären Gründen glauben?

Wenn wir weiterhin alles nur aus der Perspektive der Wirtschaft und der Politik betrachten und nicht endlich aus einer spirituellen, steuern wir unweigerlich dem Abgrund entgegen. Wir brauchen ein neues Bewusstsein und dieses Bewusstsein wird sich nicht aus der Sprache des Krieges erfahren lassen.

Wir haben den Kontakt zur Wirklichkeit verloren Wir können nicht mehr unterscheiden zwischen der Art, wie die Dinge sind, und zwischen der Art, wie sie beschrieben werden. Wir verwechseln den Finger, der auf den Mond zeigt, mit dem Mond.
Das Gedankengebilde mit der Welt. Das Teil mit dem Ganzen. Interessant ist die Projektion: Jeder wird als weltfremd und wirklichkeitsfremd beschimpft, der diesem Bild von der Wirklichkeit nicht entspricht. Aber die Wirklichkeit ist eben nicht das Fernsehbild oder das Gedankenmodell.

Es war immer schon leichter im Zorn mit der Faust dreinzuschlagen als seinen Geist anzustrengen, dem ersten Aufflammen der Wut zu widerstehen, sich von liebgewonnenen Denkmustern zu verabschieden.

Der Mensch schreitet in seiner normalen Entwicklung vom Ich zum Wir, von egozentrischen Gefühlen fort zu soziozentrischen. Hier dürfen wir aber nicht stehen bleiben, denn nun kommt das „weltzentrische“ Stadium, das der amerikanische Philosoph Ken Wilber wie folgt beschreibt: „Man interessiert sich nicht mehr nur für den eigenen Stamm, das eigene Volk, die eigene Gruppe, sondern vielmehr für alle Gruppen, alle Völker ohne Ansehen der Rasse, des Geschlechts oder des Glaubens. Und dies fühlt man; es ist keine bloße Abstraktion. Man verlangt schmerzlich nach der Welt, wie seltsam dies auch klingen mag.“

Wir müssen wieder zu sprechen bereit sein über die Untrennbarkeit des Menschen von der Welt. Über die Verbindung unserer biologischen Existenz mit dem Universum. Über unsere geistige Verbundenheit mit allem, was lebt. Wir müssen wieder zu sprechen beginnen von der Schönheit des Daseins, die nur im Herzen gefunden werden kann. So wenig wir die Erhabenheit des Daseins mit dem Denken erfassen können, so wenig lässt sich Frieden mit Krieg erkaufen.

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