Wer lebendig ist, gehorcht nicht gern

 In Buchtipp, FEATURED

Bernd Drücke, Koordinationsredakteur der „Graswurzelrevolution“, hat eine lesenswerte Sammlung von Interviews mit Anarchist*innen herausgegeben. Anarchie ist die „vergessene“ Geistesströmung, die im Schatten von Sozial-, Öko-, Friedens- und Frauenbewegung kaum noch Beachtung findet. Diese Missachtung eines gerade in unseren sicherheitsverliebten Zeiten so wichtigen Freiheits-Impulses ist Teil des Spiels der Mächtigen, die wünschen, dass wir zwar bestimmte Formen der Herrschaft, niemals aber Herrschaft als solche in Frage stellen. Konstantin Wecker ruft in seinem Vorwort zu „Ja! Anarchismus“ zu einer Wiedererweckung der Anarchie auf.  Konstantin Wecker

Wenn sich das nicht völlig absurd anhören würde, könnte man sagen: Bernd Drücke ist eine Autorität auf dem Gebiet des Antiautoritären. Es gehört eine Menge Durchhaltevermögen dazu, in diesen Zeiten über viele Jahre ein anarchistisches Magazin wie die „Graswurzelrevolution“ zu betreiben. Denn wir haben ja nicht nur mit dem heute allgegenwärtigen Sicherheitswahn, der erschreckenden Wiederkehr des Staatsautoritarismus zu kämpfen; ich stelle es mir auch schwer vor, im eigenen beruflichen Umfeld täglich im Spannungsfeld von Ordnung und Freiheit seinen Weg zu finden. Ein libertäres, ein anarchisches Magazin muss ja offen bleiben, darf sich nicht im ummauerten Bezirk einer einmal gefundenen „Wahrheit“ einschließen. Ein anarchisches Magazin verträgt weder einen Journalistenschulen-Einheitsstil noch Zwänge und Hierarchien anderer Art und muss trotzdem, will es wirksam sein, Selbstdisziplin, wahren und auf ein Ziel hin gerichtet sein.

Welches Ziel? Ich habe das einmal eine „in Bewegung bleibende Empörung“ genannt. Denkt man an „Anarchie“ so kommen einem zuerst bärtige, glutäugige Herren in den Sinn. Vor allem aber Tote. Ein gegenwärtiger Anarchismus scheint fast ein Widerspruch in sich, so sehr wurde und wird dieses Geistesströmung unterdrückt – so sehr haben die meisten Menschen auch den Anarchisten in sich selbst – dieses ewig rumorende, gegen die Anmaßung der Macht aufbegehrende, nach Lust und Selbstausdruck verlangende Ich – zum Schweigen gebracht. Von den großen emanzipatorischen Bewegungen – soziale Bewegung, Frauenbewegung, Homosexuellen-Bewegung, Emanzipationsbewegungen der Farbigen und der unterdrückten Völker – scheint der Anarchismus als einzige völlig vom Lauf der Weltgeschichte aussortiert worden zu sein. Mögen diese anderen Strömungen auch Rückschläge erlitten haben – die Anarchie, so scheint es, hat nie richtig blühen können, so dass man schon bis zur Pariser Kommune oder zum spanischen Bürgerkrieg zurückgehen muss, um Beispiele zu finden, in denen libertäres Denken in größerem Umfang Tat geworden ist.

Das ist eine Tragödie, deren Auswirkungen uns jetzt auf das Schmerzlichste bewusst werden. Ich hatte ja schon in den 70ern ein anarchistisches Lied geschrieben, in dem es hieß: „Denn da ist immer wer, der bestimmt und regiert“. Als wären die Zustände vor 40 Jahren nicht schon freiheitsfeindlich genug gewesen, tummeln sich aber derzeit auf der politischen Bühne autoritäre Machos, deren Anzahl schon epidemische Ausmaße angenommen hat. Erdogan, Putin, Trump, Orban, Gauland oder Seehofer – überall diese präpotenten Männlein, die aufgrund einer vermutlich tiefen inneren Verunsicherung meinen, jetzt besonders breitbeinig auftreten und die Freiheit mit Füßen treten zu müssen. Leute, die als Exponenten einer neuen postdemokratischen, postfreiheitlichen, ja letztlich postmenschlichen Epoche Oberwasser gewinnen und von einer gehirngewaschenen Menschenmenge immer wieder in die höchsten Ämter gewählt werden, ohne dass sich seitens der noch Anständigen nennenswerter Widerstand regt.

Was ist das in uns Menschen, was sich immer wieder ducken, sich beugen und bei vermeintlich Starken unterkriechen möchte? Was hat es auf sich mit dieser verhängnisvollen „Furcht vor der Freiheit“, von der schon Erich Fromm schrieb? Dass die Mächtigen seit Jahrhunderten versuchte haben, „Anarchie“, „Verrat“ und „Befehlsverweigerung“ als geradezu teuflische Gegenmächte zu stigmatisieren, ist aus deren Perspektive vielleicht verständlich – was aber bewegt uns „Untertanen“ immer wieder, dem autoritären Irrsinn auf den Leim zu gehen? Waren wir, waren speziell auch wir Deutschen, nicht drastisch genug gewarnt worden? Es wäre zum Verzweifeln, gäbe es nicht Menschen wie die in diesem Buch versammelten, die sich zwar gegen die Übermacht der Macht-Apologeten nicht durchsetzen können, die deren Anmaßung aber den Nimbus der Alternativlosigkeit rauben, indem sie freiheitliche Denk- und Lebensalternativen aufzeigen.

Oder ist es so, dass die meisten die destruktive Spur der Verwüstung, die Macht und Hierarchie in der Geschichte der Menschheit gezogen haben, noch nicht mit der gebotenen Schärfe erkannt haben? Vielleicht auch weil die Macht in so vielen Masken und Farbschattierungen auftritt. Wer vermag schon zu abstrahieren, was die grausame Nazidiktatur mit dem Stalinismus oder mit seelenstrangulierenden „Gottesstaaten“ – was sie alle wiederum mit einen Neoliberalismus gemeinsam haben, der den Systemzwang geschickt durch vermeintlichen Liberalismus zu maskieren versteht? (Das Wort „liberal“ kann heute infolge seiner Lindnerisierung ohnehin niemand mehr ohne Grauen aussprechen). Sie alle haben gemeinsam, dass ihr Strukturprinzip die Macht, der Herrschaft des Menschen über den Menschen, ist. Ihnen allen ist die Angst vor dem lebendigen Impuls der Selbstbehauptung gemeinsam, der in jedem gesunden Menschen aufkeimt, sobald er sich bevormundet und in seiner Entfaltung behindert fühlt. Wer lebendig ist, gehorcht nicht gern – und umgekehrt ist eine zu devote Geisteshaltung ein Warnsignal, dass eine nach Freiheit und Selbstausdruck verlangende vitale Menschlichkeit in einen Sterbeprozess eingetreten ist.

Diesen Prozess können wir heute an allen Ecken und Ende beobachten. Das Problem ist, dass unsere Zeit eigentlich nach Freiheit schreit, dass aber alle wichtigen Entwicklungen in die Gegenrichtung gehen. Ich habe die „Anarchie“ einmal in einem Lied besungen als sei sie eine Geliebte, eine die mir und der auch ich über die Jahre erstaunlich treu war. Diese Geliebte hat auch den unschätzbaren Vorteil nicht eifersüchtig zu sein. Viele – ja potenziell jeder und jede – kann sich zu ihr ins Bett legen. Ihre Liebe und Kraft wird umso größer, je mehr sie sich verschwendet. Die meisten Zeitgenossen aber legen sich blind ins Bett der falschen Braut, der Sicherheit, die man uns heute überall aufschwatzen will. Sie begreifen nicht, welche Schönheit und Wonne ihnen entgeht, indem sie die Freiheit übersehen, die eben nicht wie im Märchen eine „rechte Braut“, sondern eher eine linke ist. Auch wenn manche Linke sie schmählich verraten haben zugunsten eines dogmatischen und totalitären Autoritarismus. Das Wichtige an Anarchie ist, sie quer durch die „Bekenntnisse“ eine Provokation und eine Herausforderung bleibt, eine die auch mal „nein“ sagt, wo der Chor der Ja-Sager jede wärmere und feinsinnigere Regung zu überschreien droht.

Es tut gut, die Interviews zu lesen, die Bernd Drücke mit freiheitsliebenden Menschen geführt hat, jungen wie alten und solche aus allen möglichen Berufen und Ländern (überprüfen). Hier zeigt sich in aller Breite und Deutlichkeit, was vergessen schien: die Anarchie schaut uns nicht nur aus den Schwarzweißfotos toter bärtiger Männer an. Nein, die Anarchie lebt, und oft verschmähte Freiheit hat durchaus auch heute noch ihre beredten Liebhaber. Man muss nur in unserer Zeit leider länger suchen und genauer hinschauen, um sie überhaupt aufzuspüren. Aus eigener Erfahrung weiß ich, ein wie einfühlsamer Interviewer Bernd Drücke ist – ein sanfter und beharrlicher Hervorkitzler interessanter Details, derer sich der Interviewte vielleicht bis dahin selbst nicht bewusst war. Sicher ist es den anderen Protagonisten in diesem lesenswerten Buch ähnlich ergangen.

Es bleibt mir nur, diesem Buch weite Verbreitung und eine vertiefte Rezeption durch seine Leser zu wünschen. Denn welche Lektüre wäre lohnender als jene, die den Lesenden zu seiner eigenen Freiheit hin verwandelt, die ihn hilft, die ganz eigene Melodie inmitten der Kakophonie der Manipulationen und autoritaristischen Misstöne zu finden? Keine Weltanschauung und mag sie im Prinzip auch noch so richtig und edel gemeint sein, hat das Recht, dieses ganz Eigene in uns selbst zu ersticken. Ja nicht einmal „Anarchismus“, wenn er entgegen dem Wesen der Freiheit zu einem System geistiger Zwänge entartet wäre.

 

Bernd Drücke (Hg.):

Ja! Anarchismus

Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert

 

Das Buch ist Wecker-Shop des Musikverlags Sturm und Klang erhältlich. Hier können Sie CDs und Bücher von Konstantin Wecker sowie Bücher anderer Autoren, die Konstantin empfiehlt, bestellen, ohne mit Ihrem Kauf zugleich die Macht großer online-Händler und Handelsketten zu stärken.

Hinterlasse einen Kommentar

Start typing and press Enter to search

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!