Wer sich fügt, der lügt

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Konstantin Wecker, München 2019

„Ich neigte schon damals dazu, mich lieber nonkonform zu verhalten als konform zu einer noch so rebellischen Weltanschauung.“ Konstantin Wecker wollte sich nie festlegen lassen. Nicht einmal auf ein Image, das er selbst mit seinen Liedern zu schaffen half. Entgegen dem Klischee war er nie ein „typischer 68er“, jedenfalls nicht im Sinne einer klar konturierten linken Ideologie. Bewusste politische Einflussnahme hat er eher in den späteren Jahren praktiziert, als rechte Übergriffe auf Asylunterkünfte jeden human Denkenden zum Handeln aufriefen. In den Anfangsjahren allerdings sah er sich oft dazu provoziert, „gegen mein Rebellenimage zu rebellieren“. In diesem Auszug aus dem Buch „Mönch und Krieger“ berichtet Konstantin Wecker u.a. darüber, wie er zur Anarchie kam und wie sein berühmtes Lied „Willy“ entstand.

Wenn man meine politische Sozialisation betrachtet, so habe ich mit zwölf, dreizehn Jahren als Anarchist angefangen, um den Grad meiner Unangepasstheit danach schrittweise zu steigern. Ich hatte die Anarchie ganz instinktiv als mir zugehörig ergriffen, ohne damals überhaupt genau zu wissen, worum es dabei ging. Als ich anfing, politisch zu denken, gab es die Studentenbewegung noch nicht, auch die politischen Demonstrationen in den Schulen begannen erst Jahre später. Wichtig waren im Nachhinein betrachtet nicht so sehr die Inhalte meiner anarchistischen Überzeugungen (die waren damals noch sehr unausgereift) als meine Entschlossenheit, die Außenseiterrolle zu ergreifen. Mit meinen politischen Ansichten eckte ich nämlich nicht nur bei den Lehrern, sondern auch bei vielen Mitschülern an. Später, als ich schon über zwanzig war, befasste ich mich dann auch mit marxistischer Theorie, ging auch auf ein paar Demos, jedoch nie besonders eifrig und schon gar nicht in dem Ausmaß wie es ideologisch geschulte Studenten damals taten.

Einer meiner ersten politischen Lehrer war Erich Fromm, den ich sehr geliebt habe. Auch David Cooper und dessen Buch „Der Tod der Familie“ fand ich sehr spannend, es war charakteristisch für die Tabufreiheit jener Zeit. Aber eigentlich habe ich recht unsystematisch in allerlei Lektüre hineingeschnuppert, die man damals in den Studentenkreisen so las und weiterreichte – neben meiner Belletristik und Poesie natürlich. Schon wegen meiner „schöngeistigen“, bourgeoisen Interessen war ich nicht der typische linke Student, wie manche wegen meines späteren politischen Engagements vielleicht meinen könnten. Ich neigte schon damals dazu, mich lieber nonkonform zu verhalten als konform zu einer noch so rebellischen Weltanschauung.

Meine frühen politischen Lieder haben das öffentliche Bild von mir ja stärker geprägt als fast alles, was danach kam: „Frieden im Land“, „Der alte Kaiser“, „Hexeneinmaleins“ und vor allem „Willy“. Alle diese Lieder waren aber nicht die Frucht einer allzu großen politischen Informiertheit, sie entsprangen eher einem Gespür für Gerechtigkeit. Ausschlaggebend war auch hierfür mein antifaschistisches Elternhaus, das mich ermutigte, gegen jede Art von Unterdrückung und Unrecht in Opposition zu gehen. Das Image, das mir aufgrund von nur relativ wenigen Liedern verpasst wurde, engte mich dermaßen ein, dass ich mich genötigt sah, gegen mein Rebellenimage zu rebellieren. Ich hatte in den 70ern ein Programm, das mit dem Satz begann: „Ich bin’s nicht“ Gemeint war: Ich bin keinesfalls der, den ihr erwartet. Ich kann all das, was ihr in mir seht, keinesfalls erfüllen. Lasst mich doch bitte frei bleiben, immer im Fluss, immer anders. Erlaubt mir, mich immer neu zu erfinden. Es ist schrecklich, immer irgendwer Bestimmter sein zu müssen.

Ich will in diesem Zusammenhang auch einmal von der Entstehung meines berühmten „Willy“ erzählen, auch deshalb, weil ich sehr oft danach gefragt werde. Das Lied ist während einer Probe entstanden. Im Nebenraum stand ein Klavier, und ich bin in der Pause rübergegangen, um ein bisschen zu improvisieren. Mir war schon ein halbes Jahr lang diese Zeile im Kopf rumgegangen: „Gestern ham’s an Willy derschlag’n“. Ich wusste überhaupt noch nicht, was für eine Art von Lied daraus werden sollte. Es hätte durchaus auch ein lustiges werden können, eine Kabarettnummer. Ich habe mich also hingesetzt, und nach einer Viertelstunde war das Lied fertig. Ich habe es dann meinen Musikern vorgespielt und (es)zunächst noch gar nicht so ernst genommen. Ich habe noch abgewiegelt: „Es ist eigentlich noch gar nicht fertig, die Klavierbegleitung ist improvisiert und auch am Text müsste man noch viel arbeiten“.

Beim Spiel merkte ich aber, wie die Musiker immer stummer wurden. Aber genauso wie ich das Lied beim ersten Mal vorgetragen habe, ist es dann geblieben. Erst durch die Erschütterung der anderen bin ich überhaupt auf die Idee gekommen, dass mir da ein ganz tolles Lied gelungen sein könnte. Lange wollte ich es nicht einmal auf meiner LP „Genug ist nicht genug“ veröffentlichen. Ich sagte zu meinem Produzenten: „Wen interessiert denn so was? Es ist doch nur eine private Geschichte von mir und einem Freund.“ Der Produzent und meine Kollegen mussten mich quasi dazu zwingen, es auf Platte einzuspielen.

Ich empfand mich ja damals in keiner Weise als „Missionar“ oder politischer Prediger. Meine Haltung war sogar: Erwartet bitte nicht von mir, dass ich Verantwortung dafür übernehme, was meine Lieder auslösen. Ich setze sie in die Welt, ich singe sie, aber was Ihr daraus macht, ist Eure Sache. Heute sehe ich das ein bisschen anders. Ich habe schon das Gefühl, dass ich meinem Publikum gegenüber eine Verantwortung trage. Viele der Zuhörer und Konzertbesucher lieben meine Werke ja schon sehr lange und sind geneigt, viel von mir anzunehmen – auch weltanschaulich. Wozu ich aber nicht bereit bin, ist der Mehrheit quasi nach dem Mund zu singen – nicht mal der Mehrheit meiner Fans. In diesem Sinn gilt immer die Zeile: „Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil es euch gefällt.“

Ich wurde ja schon sehr früh aus den eigenen Reihen angefeindet, weil ich mich weigerte, mich zu wiederholen, also Erwartungen zu erfüllen, die ich teilweise selbst mit meinen Lieder geweckt hatte. Insbesondere galt das für den Willy. Bald darauf habe ich die LP „Liebesflug“ produziert, sehr poetische Lieder, bei denen Politik nur am Rande vorkam. Gerade die linken Kritiker, von denen man ja annehmen müsste, dass sie mir sehr nahe standen, haben mich dafür in der Luft zerrissen. Man warf mir „Innerlichkeit“ vor, so als sei es ein Qualitätsmerkmal, äußerliche Lieder zu schreiben. Ich reagierte darauf mit einem gesunden Trotz. „Ihr könnt mich gern haben, vielleicht bin ich für euch der Sänger des ‚Willy’, aber jetzt bin ich eben der Sänger von ‚Liebesflug’“. Ich habe mich stilistisch und inhaltlich sehr oft umorientiert, ganz bewusst, denn ich wollte nicht für immer nur der Sänger des „Willy“ bleiben. Schon mein Lied „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ erregte – man möchte es ja heute kaum mehr glauben – in den stark politisierten 70ern erbitterten Widerstand. „Hör auf mit dem Kitsch!“, rief mir jemand aus dem Publikum zu, und ich musste mich schon fast für dieses schöne Lied entschuldigen – nach dem Motto: „Lass es mal über dich ergehen, der ‚Willy’ kommt schon noch!“ Als ob der Sommer, die Lust und die Sonne Werkzeuge der Konterrevolution wären!

Marx bezeichnete ja die ästhetische Kultur als „Blumen an der Kette“. Diese Ideologie mag meine Kritiker damals noch beeinflusst haben. Alles Schöne erschien demgemäß verdächtig, weil sein Genuss die revolutionäre Entschlossenheit des Proletariats zu untergraben drohte. Aufgrund meiner musikalischen Sozialisation – speziell mit klassischer Musik – ging ich mit völlig anderen Voraussetzungen in die Liedermacherkarriere hinein als die meisten meiner Kollegen. Mein sehr verehrter Freund und Mitstreiter Hannes Wader sagte mir, dass ihm bereits die sechs Saiten seiner Gitarre zu viel gewesen seien. Drei hätten auch genügt, um auszudrücken, was er auszudrücken hatte. Ein karger Minimalismus war bei jener Liedermacherschule angesagt, die vom amerikanischen Folk her kam und – das betraf vor allem Franz Josef Degenhardt – von Georges Brassens. Und dann kam ich daher: ein Bayer mit einem Cello und unglaublichem Pathos. Das hatte auch Hannes anfänglich mir gegenüber sehr misstrauisch gemacht. Er brauchte eine Weile, um etwas auftauen.

Auch meine körperliche Präsenz war etwas, an das die Szene damals nicht gewöhnt war. Ich habe ja damals Bodybuilding betrieben und sah aus wie ein Schrank. Der linke Liedermacher präsentierte sich aber korrekterweise ausgemergelt und verhärmt. In der 68er-Zeit hatte man ganz andere Sachen im Kopf als den eigenen Body zu builden, da wollte man nur diskutieren. Selbst ein Anflug von Kränklichkeit war en vogue, denn man bewies damit, wie sehr man an den gesellschaftlichen Verhältnissen litt. Es war beinahe das Gegenteil des heute ausufernden Gesundheits- und Selbstoptimierungs-Kults. Dieter Hildebrandt, mein leider inzwischen verstorbener Freund, sagte damals: „Wenn man den Konny anschaut, dann meint man, dass er nicht Klavier spielt, sondern Klaviere trägt.“

Im Grunde bin ich aber stolz darauf, dass es mir immer wieder gelungen ist, mein Publikum zu überraschen. Meine Produktionen in den letzten 40 Jahren waren ja extrem unterschiedlich, man würde – abgesehen von meiner Stimme, die überall die gleiche war – gar nicht annehmen, dass sie vom selben Künstler stammen. Und die meisten meiner Hörer sind mir, glaube ich, treu geblieben. Klar, einige sind abgesprungen, wenn ich etwas gemacht habe, das ihnen gar nicht gepasst hat. Aber die meisten haben gesagt: „Auch wenn es ungewohnt ist, hören wir es uns doch einfach mal an. Vielleicht hat es ja auch was für sich.“ In meinem Lied „Wut und Zärtlichkeit“ steht der Satz: „Menschen müssen sich verwandeln, um sich selber treu zu sein.“ Das ist wohl ein Lebensmotto von mir gewesen, das ich erst spät so klar formuliert habe.

Alles, selbst die schönste und wichtigste Weltanschauung, wird für mich schal und beengend, wenn sie zum „Muss“ wird. Das, was man früher gewesen ist und was die Öffentlichkeit daraus gemacht hat, formt gleichsam die Gitterstäbe des Gefängnisses, in dem man festsitzt. Und die zuvor frei und begeistert gewählte Weltanschauung droht zur Attitüde zu werden. Natürlich habe ich es in der Frühphase meiner Karriere auch ein bisschen damit übertrieben, genau das Gegenteil dessen zu tun, was von mir erwartet wurde. So trug ich den bereits erwähnten Nerzmantel in einer Zeit, in der eigentlich Patchwork-Hippie-Kleidung angesagt war. Ich wollte niemals ein Mitläufer sein – nicht einmal im selbstgewählten „Lager“.

Zu einem bewusst politischen Menschen, der nicht nur aus dem Bauch heraus handelte, sondern seine Haltung dann auch theoretisch zu begründen wusste, wurde ich erst viel später. Mit „Sage nein!“, einem antifaschistischen Lied aus dem Jahr 1993, habe ich zum ersten mal wirklich bewusst ein Lied zum Zweck der Agitation verfasst. Damals war ich sehr aufgewühlt von den Bildern brennender Asylbewerberheime in Ostdeutschland gleich nach dem Fall der Mauer.

 

Konstantin Wecker:

Mönch und Krieger.

Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt.

Gütersloher Verlagshaus,

288 Seiten, 19,99 €
Erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop

Showing 2 comments
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    Ulrike Spurgat
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    Interessant, Konstantin Wecker, was sie denken und schreiben, vor allem aber singen.  Ich schätze und höre die Texte, dem Klang der Stimme folgend immer wieder, neben „Väterchen“ Franz, Hannes Wader, Mikis Theodarikas, den vertonten, geschrieben von dem, von mir hoch geschätzen Pablo Neruda, „Canto Generale“ sehr gerne. All die Lieder und andere, wie auch Ton Steine Scherben begleiten mich seit vielen Jahren.

    Mir war ihre politische Haltung, Konstantin Wecker insofern immer egal, da sie konsequent gegen, sie sagen „Drittes Reich,“ ich sage Faschismus aufgestanden sind. Das ehrt sie sehr und von daher belassen wir es dabei, dennoch werde ich zu meiner tiefen Überzeugung stehen, denn selbst ein Kommunist hat das Recht sich auch hier klar zu positionieren, selbst dann, wenn die meisten hier ihr zartes und schöngeistiges Näschen rümpfen. Ehrlich gesagt, auch das geht mir an meinem linken, roten Arsch vorbei. Wo ich aufgewachsen bin hat es nach Klo und Kappes gestunken in einem Arbeiterviertel am Niederrhein und rote Arbeiterfamilien hatten es dort, im braune Sumpf der dort auch lebenden Nazis verdammt schwer.

    Es steht doch völlig außer Frage, dass in Zeiten der „Beliebigkeiten“, wo oftmals mehr Meinung als Ahnung im Vordergrund stehen es wichtig bleibt, dem zu folgen, was einen antreibt und bei mir ist es das, u.a:.

    „Setze den Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen.

    Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, d.h., wenn dein Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußerung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.“

    Quelle: Marx,( Ökonomisch-philosophische Manuskripte Pariser Briefe, 1844).

     

     

     

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      A.K.
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      Ich weiß manchmal nicht, wozu es nützt, sich in einer Ideologie oder Glauben ein- und unterzuordnen. Daher fühle ich mich schon in einer außergeöhnlichen Seelenverwandtschaft mit diesen Seiten und mit Konstantin Weckers Musik, und…auch dankbar, dass er selbst auch in Büchel vor Ort mehr Menschen an als sonst zusammengebracht hat.

      Muss ich mich als mich selbst politisch aktiver Mensch unbedingt in eine Schublade einorden und von da ab alles gut finden was unter der Etikette der Schublade geschieht?

      Leider gelingt mir das nicht. Und das ist vielleicht auch ein Grund, neben meinen Erfahrungen, mich nicht wirklich angekommen zu fühlen, in diesem meinem Leben.

       

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