Wider die Kulturzerstörer

 In Buchtipp, FEATURED, Kultur

„Kultur ist immer dort, wo sich Geist und Seele wohlfühlen, ohne dass vermeintlich Nicht-Zugehöriges abgewertet wird. Ein kulturloser Staat behindert eher, was durch Künstlerinnen und Künstler zur Welt kommen und sich entfalten will. Wünschenswert wäre vielmehr eine staatslose Kultur – eine, die sich in Freiheit entfalten kann und das Eigentümliche mit dem Gemeinschaftlichen verbindet.“ Vorwort Konstantin Weckers zu Jürgen Meiers Buch „Wider die Kulturzerstörer“, erschienen im Verlag Papy Rossa, erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop.

Kultur, wie ich sie verstehe, ist in unserem Land auf dem Rückzug. Neben der Seicht- und Verdummungskultur ist vor allem eine Wortkombination en vogue: die Leitkultur: die Vorstellung, dass eigentlich nur Deutsches und Deutsche zu Deutschland gehören – ergänzt noch durch schwammige Vorstellungen von einem „christlichen Abendland“, in dem Nächstenliebe mit xenophobem Hass auf das scheinbar Ferne verwechselt wird. In dieser Leitkulturdebatte schwingt, wie Jürgen Meier schlüssig darlegt, noch die Vorstellung der Nazis von einer „arischen Rasse“ mit, die allein Kulturträgerfunktion einnehmen könne.

Wie absurd erscheinen diese neuen Triumphe des Trennenden und Ausschließenden gerade einem Musiker, der erlebt hat welche Rolle Nation, Sprache, Geschlecht und Religion spielen, wenn man innig auf der Bühne zusammen musiziert – nämlich gar keine. Musik verbindet. Authentische Kunst verbindet. Miteinander wortlos im Augenblick zu verweilen, verbindet. Gedanken, wenn sie von einem falschen Geist vergiftet sind, trennen dagegen oft eher – z.B. jene äußerst destruktive Idee eines angeblichen „Kampfs der Kulturen“.

Jürgen Meiers Buch verdanken wir viele kluge Betrachtungen zu zeitgemäßer Kultur und Unkultur, die von Musik über Ethik und „Militärkultur“ bis hin zu Formen der Einmischung politischer und ökonomischer Kräfte reichen. Irritierenderweise schafft es der wache Geist des Autors, Nietzsche und Seehofer, Adorno und Albert Schweitzer in einem großen Gedankenbogen zu umfassen.

Kultur ist immer dort, wo sich Geist und Seele wohlfühlen, ohne dass vermeintlich Nicht-Zugehöriges abgewertet wird. Ein kulturloser Staat behindert eher, was durch Künstlerinnen und Künstler zur Welt kommen und sich entfalten will. Wünschenswert wäre vielmehr eine staatslose Kultur – eine, die sich in Freiheit entfalten kann und das Eigentümliche mit dem Gemeinschaftlichen verbindet. Mit einer solchen Kultur kann man vielleicht keinen „Staat machen“ – wohl aber dazu beitragen, dass eine menschlichere Gesellschaft entsteht.

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    heike
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    Kunst und Kultur drücken Träume, Wünsche, Ängste, Hoffnungen aus. Die Seele findet ein Ventil sich mitzuteilen, sich ihrer selbst bewusst zu werden. Betrachter, Leser, Hörer von Kunst haben Reflektionen dazu in ihrem eigenem Inneren, sie gewinnen dazu, entdecken Neues, fühlen sich verstanden. Kunst und Kultur braucht keine Manipulation und keine vorgeschriebene Ausrichtung.

    Ich entdecke gerade die Märchenbücher meiner Kindheit wieder. Eines davon waren die vom Kinderbuchverlag Berlin veröffentlichten Shakespeare-Märchen, die Franz Fühmann für Kinder neu erzählt hat.

    Der Sturm

    In einer Hafenstadt tief im Süden der Erde lebte einmal eine alte Hexe namens Sykorax, die war so mächtig, daß sie mit Hilfe des Monds wilde Stürme erregen und das Meer fluten und ebben lassen konnte, so daß manche brave Flotte durch ihre böse Kunst unterging. Viele Jahre lang hielt sie die Seeleute rings in Angst und Schrecken, aber schließlich gelang es dem Volk doch, sie im Schlaf zu überwältigen und vor ein Gericht zu stellen. Sie wurde zum Tode verurteilt, doch weil sie unter ihrem ruchlosen Herzen ein Kind trug, das die Schuld der Mutter nicht büßen sollte, wurde sie auf eine öde Insel mitten im Meer verbannt und dort ausgesetzt. Wenige Wochen danach brachte sie ein schwarzbehaartes scheckiges Wesen mit einem schildkrötenhaften Rücken und langen, hängenden Armen zur Welt, dem sie den Namen Caliban gab.

    Die Insel war fast unzugänglich; schroffe,nur von Möwen bewohnte Klippen hoben sich über die sturmgepeitschte Küste, und öde Steinhalden, auf denen nicht Baum noch Strauch gedieh, wechselten mit schlammfeuchten Wäldern, in denen ungeschlachte Baumgänse hockten und flachstirnige Meerkatzen sich kreischend von Wipfel zu Wipfel schwangen.

    Lange streifte Sykorax mit ihrem Caliban umher, einen wohnlichen Platz zu finden. Schließlich gelang sie zu einem Haselbusch, aus dessen Grund eine Quelle sprang. Dort ließ sie sich nieder und knackte Nüsse. Da hörte sie plötzlich ein seltsames Geräusch.

    Die Insel war von Menschen unbewohnt, deshalb hatten sich hier Luftgeister niedergelassen, die so zart waren, daß ihnen der Lärm der Menschen blaue Flecken ins Fleisch stieß, und sie deshalb unter den Menschen nicht mehr leben wollten. Der König dieser Elfen hieß Ariel. Sie führten ein freies und glückliches Leben, strichen auf dem Rücken des Winds über Höhen und Halden, neckten die Häher in ihren Nestern und lachten mit den jungen Möwen am Felsen, sangen und machten mit vielen tausend hellen Instrumenten eine wundersam stille Musik. Das verdoß die mürrische Hexe, und sie verbot das Fröhlichsein. Die Geister lachten sie aus und scherten sich nicht um ihr Verbot.

    Da lud die Hexe den arglosen Ariel ein, sie zu besuchen. Er kam; sie packte ihn, spaltete mit einem Zauberwort eine Fichte, klemmte den vergebens um Mitleid flehenden Geist in den harzigen Spalt, hieß die Fichte sich wieder schließen und versiegelte sie mit ihrem furchtbarsten Fluch. Da dies die anderen Geister sahen, verstummten sie und verkrochen sich scheu. „Nun ist mein Wille geschehen, nun will ich hier Königin sein, und Furcht und Schrecken sollen mit mir regieren!“ sagte die Hexe. Bald danach starb sie, von Bosheit und Alter wie ein Reif zusammengekrümmt. „Nun bin ich der König!“ krächzte Caliban und schwenkte seine langen haarigen Arme. Die Insel schwieg. Nur das Stöhnen des armen Ariel brach so unablässig wie Mühlradgeklapper am Bach durch das bange Schweigen.

    Ein Dutzend Jahre waren vergangen, da sah Caliban eines Tages auf der See eine Nußschale schwimmen. Die Nußschale wurde größer und größer, und schließlich entpuppte sie sich als ein halbverfaultes Boot ohne Mast und ohne Segel, dessen Flanken wie Rippen aus dem morschen Rumpf ragten. In dem Boot saß, auf einem Ballen kostbarer Gewänder, ein hochgewachsener Mann, von dessen Schultern ein buntgewirkter, mit Sonnen, Monden, Sternen, Schlangen und seltsamen Zirkeln bestickter Mantel hing. In seiner Rechten hielt er einen schwarzen Stab, die Linke lag auf dem blonden Haar eines schlummernden Kinds. Der Name dieses Mannes war Prospero; seine Tochter hieß Miranda, die Wunderbare, und nun müssen wir wohl erzählen, wie die beiden hierher an die öde Insel gekommen sind. Es ist eine seltsame Geschichte, ein schlimmer Streich und Glück zugleich. Also hört zu.

    Prospero war König in einem Land, das nach dem Frühlingsmonat Mailand genannt wurde. Er war ein guter König und wollte, dass sein Volk glücklich sei. So begann er in Büchern zu studieren, um der Natur ihre segensreichen Kräfte abzulauschen und die Gesetze der Geisterwelt zu ergründen. Bald war er an Zauberkunst und Wissen allen Gelehrten seines Landes überlegen, und er wurde vom Glück des Forschens in den geheimsten Bereichen der Magie so hingerissen, daß er das Geschäft des Regierens und Hofhaltens seinem Bruder Antonio übertrug. Die Krone aber behielt er, denn er lernte und forschte ja nur, um sein Volk einst ins glückliche Leben zu führen. Antonio gewöhnte sich bald ans Herrschen; es gefiel ihm, Gesuche bald zu gewähren, bald abzuschlagen, Schmeichler zu erhöhen und ehrliche Ratgeber zu erniedrigen, und als er ein Gefolge willfähriger Dienstleute um sich gesammelt hatte, wurde der böse Trieb in ihm wach, Herrscher für alle Lebzeit zu sein und Prospero die Krone zu rauben.

    Das Volk von Mailand aber liebte Prospero, und im ganzen Reich hatte sich kein Soldat gefunden, der Hand an diesen guten König gelegt hätte. So mußte sich Antonio auf ein fremdes Heer stützen. Er verbündete sich mit einem Reich, das Neapel hieß und über das der König Alonso herrschte. Antonio schickte einen geheimen Boten zu Alonso und versprach, Neapel jährlich einen hohen Tribut zu entrichten, wenn ihm Alonso dafür helfe, Prospero gefangenzunehmen. Alonso stimmte willig zu und schickte ein Regiment Soldaten. Um Mitternacht öffnete der Verräter Antonio ihnen das Tor. Die fremden Soldaten drangen in die Burg und fanden Prospero in seinem Studierzimmer über ein Buch der Heilkunst gebeugt. Indes war die Kunde von dieser Untat ruchbar geworden, und das Volk strömte auf die Straßen. Zwar war es, weil waffenlos, zu schwach, den König zu schützen, doch Antonio wagte nun nicht mehr, seinen Bruder, wie er vorgehabt, zu töten. Er ließ ihn und dessen dreijähriges Töchterlein Miranda an einer entlegenen Stelle der Küste in ein Boot setzen, das so verottet war, daß sogar die Ratten es verlassen hatten. Einem der fremden Eindringle, einem alten ehrlichen Mann namens Gonzales, jammerte, als er dies sah, das Herz. Er brachte Prospero heimlich Kleidung und Nahrung, Werkzeug, Stoffe und vor allem Bücher mit Zaubersprüchen, die Prospero in dieser Not mehr wert waren als ein ganzes Königreich. Dann trieb der Wind das Schiff hinweg, das schließlich an Calibans wüster Insel landen sollte.

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    Ruth
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    Eine kulturlose Gesellschaft, eine gruselige Vorstellung!

    Im dem Wort Kultur steckt das Wort Kult.

    Schnell, zu schnell schleicht sich eine Verwässerung des Kulturbegriffes ein, zu sehen in der konsumierten Wegwerfkultur!

    Nach Duden: lateinisch „cultus“ unter anderem: pflegen!

    Und Kult: beinhaltet übertriebene, oberflächliche Betrachtung und Verehrung.; Schönheitskult, Produktanbetung, also Konsum!

    Gelenkte Kultur – staatlich, aus ideologischen Gründen oder „nur profitorientiert“, das beobachte ich!

    Die AFD versucht kontinuierlich und verharmlosend ihren so genannten „Kulturbegriff „salonfähig zu machen -populistisch und verdummend!

    Ein schleichender Kulturwandel mit unmissverständlichen Vorzeichen!

    Es zählt die Quote in den öffentlich- rechtlichen Sendern, Subventionen für Theater, Kunst, Musik und Literatur werden gekürzt oder gar gestrichen!

    Dieses Bild zeichnet sich mir.

    Es erinnert an ungute Zeiten mit beängstigenden absehbaren Folgen, die in eine verrohte Gesellschaft führen kann.

     

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